Selektive Funktion der Leistungsbeurteilung im Ländervergleich zwischen Deutschland und Finnland


Hausarbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Historische und theoretische Einordnung des Themas ... 5
2.1 Leistungsbeurteilung als gesellschaftliche Funktion der Schule ... 5
2.2 Probleme und Folgen der Leistungsbeurteilungen ... 6
3. Allgemeine Dimensionen des Bildungssystems ... 9
3.1 Die Universalisierung der modernen Schule... 9
3.2 Das deutsche und finnische Bildungssystem im Vergleich ... 10
3.3 Zur Selektionsfunktion ... 12
4. Zu möglichen Lösungsansätzen und Überlegungen ... 14
5. Fazit ... 16
6. Literaturverzeichnis ... 18
Abbildung 1 Grundstruktur des Bildungswesens in der Republik Deutschland ... 21
Abbildung 2 Struktur des finnischen Bildungssystems ... 22

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1. Einleitung
Nahezu jeder von uns hat bereits eigene Erfahrungen mit dem Begriff der
Leistungsbeurteilung während der Schulzeit gesammelt. Zensuren und Zeugnisse fallen jedem
sofort ein und sind heutzutage ein untrennbarer Teil des modernen Schulwesens, der aus der
Schule nicht mehr wegzudenken ist. Trotz der langen Tradition der Leistungsbeurteilung in
der Institution Schule und ihrer signifikanten Rolle in dem Bildungssystem werden die
Notenvergaben jedoch immer wieder wegen ihrer Fehleranfälligkeit massiv kritisiert (vgl.
Lübke 1996; Jachmann 2003).
Das Problem der Leistungsbeurteilung in der Schule scheint nicht neu zu sein. Nach der
Veröffentlichung der Ergebnisse der PISA-Studie zieht das deutsche Bildungssystem jedes
Mal viel Aufmerksamkeit von Wissenschaft, Politik sowie Öffentlichkeit auf sich. Dabei wird
besonders viel über die Mehrgliedrigkeit der Bildungsstruktur sowie frühzeitige
Durchführung der Selektionsmechanismen in deutschen Schulen diskutiert (vgl. Hepp 2011,
S. 214). Fakt ist, dass die Bildungsbiografien der Schülerinnen und Schüler von schulischen
Selektionsprozessen sehr stark geprägt sind: Die Bildungsübergänge von dem Kindergarten in
die Grundschule, von der Grundschule in die weiterführende Schulinstitution und
abschließend in die Hoch- oder Berufsschule. Der Schulwechsel im Bildungssystem ist nicht
nur für die Entwicklung des Individuums von großer Bedeutung. Vielmehr wird hierbei auch
über die Bildungskarriere der Schülerinnen und Schüler entschieden, die in einem engen
Zusammenhang mit ihrer späteren sozialen Position in der Gesellschaft steht (vgl. Jürgens
2000, S. 12).
Obwohl alle Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulen die gleichen Rechten bei der
Entscheidung des individuellen Bildungsweges sowie freier Nutzung der Lernchancen
bekommen, ist das Berechtigungswesen der Schulen in Deutschland allerdings häufig mit
zahlreichen Beeinträchtigungen verbunden. Auf die Untersuchungen und Studien zu sozialer
Chancengleichheit basierend lässt sich feststellen, dass die Entscheidungsunterschiede über
die weiteren Bildungszugängen nicht auf den erbrachten Leistungen der Schülerinnen und
Schüler basieren, sondern häufig auf ökonomische sowie sozio-kulturelle Lebensbedingungen
und daraus resultierende schichtspezifische Disparitäten zurückzuführen sind (vgl. van
Ackeren und Klemm 2011, S. 188).
In der vorliegenden Arbeit werden zwei grundsätzlich unterschiedliche Bildungssysteme
verglichen:
das
deutsche
Bildungssystem
mit
seinen
frühen
selektiven
Schullaufbahnentscheidungen und das Bildungssystem in Finnland mit seiner integrierten
gemeinsamen Bildungsstruktur. Daraus folgt, dass die schulischen Selektionsmechanismen

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eine zentrale Rolle für die Berücksichtigung des Aspekts der Homogenität im Bildungssystem
spielen. Dabei wird zunächst der Begriff der Leistungsbeurteilung aus historischer Sicht
summarisch thematisiert. Hierzu wird eine aktuelle Definition des Begriffes dargestellt, um
ihm zu verorten. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit folgt eine Erläuterung über mögliche
Probleme und Folgen des Prozesses der Leistungsbeurteilung. Zusätzlich wird der
ambivalente Charakter der Funktion der Leistungsbeurteilung im 2. Kapitel präsentiert.
Darauf aufbauend, werden im dritten Teil dieser Arbeit eine kurze Definition der modernen
Schule sowie die Vorstellung von ihrer Universalisierung in der modernen Gesellschaft
gegeben. Es ist dabei sinnvoll, wesentliche Rahmenbedingungen des Systems zu erläutern,
um die allgemeine Definition des Phänomens der modernen Schule zu entziehen.
Anschließend wird der bionationale Vergleich einen tiefen Einblick auf die beiden
Bildungssystemen unter Berücksichtigung der Aspekte der Integration und Segregation
gezeigt, da diese in einem engen Zusammenhang mit den schulischen Selektionsprozessen
stehen. Dazu werden die grundlegenden Strategien in beiden Bildungssystemen in Bezug auf
den Umgang mit der Heterogenität im Bildungswesen dargestellt. In dem darauffolgenden
Kapitel wird eine Beschreibung der Selektionsfunktion sowie der damit einhergehenden
Problemen und Folgen geliefert. Der letzte Abschnitt dieser Arbeit befasst sich mit möglichen
Lösungsansätzen sowie Überlegungen zu dem Thema Selektion in beiden Schulsystemen.
Abschließend werden die Ergebnisse des Vergleiches im Fazit zusammengefasst.

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2. Historische und theoretische Einordnung des Themas
Die individuellen Leistungen prägen die Bildungsbiografien der Lernenden und bestimmen
die Übergänge in die weiterführenden Schulinstitutionen. Je besser die Noten der
Schülerinnen und Schüler, desto höher stehen ihre Chancen, um eine erfolgreiche
Bildungskarriere zu starten. Deutschland zeigt im Gegensatz zu den anderen Ländern und
insbesondere zu Finnland sehr große Differenzen in den schulischen Leistungen (vgl. Pfeifer
2006, S. 14). Es scheint, dass das finnische Bildungssystem eine Erfolgsformel kennt, die den
Schülerinnen und Schüler in diesem Land zu Höchstleistungen in vielen Fächern verhilft.
Zum besseren Verständnis dieses Phänomens soll zunächst ein kurzer historischer Überblick
sowie eine aktuelle Definition des Begriffes der Leistungsbeurteilung gegeben werden (2.1).
Darauf aufbauend wird auch das Spannungsfeld dargestellt, in dem sich der Mechanismus der
schulischen Leistungsbeurteilung bewegt (2.2).
2.1 Leistungsbeurteilung als gesellschaftliche Funktion der Schule
Bereits seit vielen Jahren werden die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in den
Bildungsinstitutionen bewertet, dabei erfüllen sie aber die ganze Zeit unterschiedliche
Funktionen. Die ersten Zeugnisse stammen aus dem 16. Jahrhundert und tragen den Namen
Benefizienzeugnisse (vgl. Sacher 2009, S. 20). Im Grunde galten sie damals als eine Art
Empfehlungsschreiben, um den bedürftigen Schülerinnen und Schüler mit einer finanziellen
Unterstützung für das Studium zu verhelfen. Dabei wurde einerseits der Schwerpunkt bei der
Beurteilung vornehmlich auf drei wichtige Merkmale wie das Verhalten, den Fleiß und die
tatsächlichen Leistungen der Schülerinnen und Schüler gesetzt. Andererseits wurde den
Kindern aus reichen Familien eine völlige Befreiung von schulischen Selektionsmaßnahmen
zuteil (vgl. Sacher 2009, S. 20). Demzufolge scheint durch das Leistungsprinzip der Zugang
zur Bildung für alle sozialen Schichten möglich. Unterstellt ist, dass differente
sozioökonomische Bedingungen die Tendenz zur Ungleichheit der Bildungschancen verstärkt
haben. Hier wird deutlich, dass die Mechanismen der Leistungsbeurteilung bereits seit dem
16. Jahrhundert einen überwiegend verwaltungsmäßigen sowie schichtspezifischen Charakter
tragen, der auch heutzutage in dem Bildungssystem noch vorzufinden ist.
In der nachfolgenden Zeit richtet sich die Rolle der Leistungsbewertung überwiegend auf ihre
Allokationsfunktion, die aufgrund der Prüfungen, welche wiederum in Form von Zertifikaten
und Abschlüssen vergeben werden, gesellschaftliche Positionen verteilt. Dies wird deutlich

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durch die Einführung des Abiturzeugnisses in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das
Zeugnis diente als Zugangsberechtigung für ein Universitätsstudium und ermöglichte somit
Kindern aller Bevölkerungsschichten sich an den Hochschulen einzuschreiben und zu
beteiligen(vgl. Urabe 2009, S 38). Hieraus werden die ersten Bemühungen der Schule
sichtbar, alle Bevölkerungsschichten unabhängig von ihrem Sozialstatus in den
Bildungsprozess zu inkludieren. Die Einführung der verschiedenen Formen der
Leistungsbeurteilungen sowie ihre unterschiedliche zeitliche Einsetzung versprachen jedoch
immer noch keinen Erfolg bei der Chancengerechtigkeit in der Schule und zeigten immer
wieder zahlreiche Einflüsse von soziökonomischen Faktoren.
Heutzutage wird die Leistungsbeurteilung eingesetzt, um das Schulverhalten nach
vorgegebenen Maßgaben der gesetzten Kriterien einzuordnen und somit eine bestimmte
Reihenfolge zu schaffen (vgl. Lübke 1996, S. 47). In Form von Zensuren und Noten gelten sie
als legitime Grundlagen beim Übergang von der Grundschule in weiterführende
Bildungseinrichtungen, beim Erwerb von schulischen Abschlüssen und entscheiden so über
den Zugang zur Berufsausbildung oder Hochschule. Außerdem wird die Leistungsbeurteilung
als ,,eine Form pädagogischen Handels, die zwischen verschiedenen gesellschaftlichen
Erwartungen und Anforderungen steht" verstanden (Lübke 1996, S.15). Damit wurde bereits
der ambivalente Charakter der Leistungsbeurteilung angesprochen, der im hierauf folgenden
Kapitel noch präziser thematisiert wird.
2.2 Probleme und Folgen der Leistungsbeurteilungen
Bereits seit den Bildungsreformen der 60er und 70er Jahren stehen die Leistungsbeurteilung
und die Gerechtigkeit der Bildungschancen in den deutschen Schulen in der Kritik (vgl.
Lübke 1996, S. 11). Die mit diesem Begriff einhergehende Problematik weist heutzutage neue
mehrdimensionale Akzente auf: das Problem wird nicht nur mit Hilfe der Pädagogik gelöst,
sondern es ist notwendig, gesellschaftliche, ökonomische sowie politische Faktoren mit
einzubeziehen.
Die moderne Schule als gesellschaftliche Bildungsinstitution muss unterschiedlichen
gesellschaftlichen Erwartungen gerecht werden (vgl. Lübke 1996, S. 15). Laut Adick (1992,
S.23) ist die Schule ein Teilsystem der Gesellschaft mit gewissen Funktionen. Ihre
Funktionen lassen sich unter verschiedene Perspektiven betrachten. Aus soziologischer Sicht
wird die moderne Schule ,,mittels Qualifikations-, Selektions- und Legitimationsprozessen
[...] Lebenschancen individuell und ungleich zuteilt" (Adick 1992, S. 23). Andererseits soll

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die
Schule
als
pädagogische
Bildungsinstitution
,,Lern-,
Erziehungs-
und
Sozialisationsprozesse unterstützend begleiten" (Bohl 2005, S. 9). Somit wird die Schule zu
einer komplexen sozialen Bildungsinstitution, die sich im Spannungsverhältnis einerseits
zwischen der Förderung des Individuums und andererseits der Erfüllung ihrer
gesellschaftlichen Erwartungen sowie Funktionen bewegt (vgl. Lübke 1996, S. 16). Das
bedeutet, dass neben der pädagogischen Aufgabe der Schule, in der auf die individuelle
Entwicklung der einzelnen Schülerinnen und Schüler abgezielt wird, auch die
gesellschaftliche Selektionsfunktion, beispielweise in Form von Empfehlungen weiterer
Schulübergänge aufgrund der erbrachten Leistungen der Lernenden, von große Bedeutung ist.
Ob die schulischen Beurteilungsmechanismen pädagogisch erfolgversprechend sind oder eher
zu negativen Konsequenzen führen, hängt von der Funktion der Leistungsbeurteilung
beziehungsweise von der Relevanz ihrer schulischen Bildungs- oder Erziehungsaufgaben ab
(vgl. Lübke 1996, S. 47). Hieraus resultiert, dass das Schulwesen seine Funktionen in einer
doppelsinnigen Abhängigkeit ausübt. Die beiden Aufgaben der Institution Schule
widersprechen sich deutlich und können zu negativen Konsequenzen für die Lehrkräfte,
Eltern sowie Schülerinnen und Schüler führen.
Außerdem bestätigen viele Schulleistungsvergleichsstudien, dass die Zuteilung von
Lebenschancen nicht nur auf Grundlage des Leistungsprinzips basiert (vgl. Sacher 2009, S.
15). Das bedeutet, dass die schulischen Positionen nicht nach Leistung, sondern nach
Herkunft, Bekanntschaft oder anderen Faktoren vergeben werden. So bestätigen verschiedene
Untersuchungen, dass je mehr Information die Lehrkräfte über die Schülerinnen oder Schüler
besitzen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit bei der Evaluation identischer Leistungen zu
verschiedenen Ergebnisse zu kommen. Ludwig nennt dieses Phänomen Pygmalioneffekt und
zieht somit die Berechtigung der Schule, die Leistungen der Lernenden zu beurteilen, in
Zweifel (vgl. Rühle 2015, S. 300).
Michael Pfeifer (2006, S. 14) beschäftigt sich in seinem Buch ,,Bildung auf Finnisch" mit der
Thematik der schulischen Leistungsbeurteilung und nennt den Aspekt des sozialen
Hintergrunds als dominanten Faktor bei Bildungsentscheidungen. IGLU zufolge werden die
schulischen Leistungen der Kinder aus sozial benachteiligten Familien meistens schlechter
evaluiert. Dies wird besonders deutlich, wenn man ihre reichen Mitschüler zum Vergleich
heranzieht. Der Autor kritisiert die Ungerechtigkeit des deutschen Bildungssystems und nennt
,,die subjektive Bewertung der Schüler durch die Lehrer" als häufigsten Auslöser des
Problems (Pfeifer 2006, S.14). Bei der Evaluation der Leistungen werden anstelle der
tatsächlichen Merkmalen andere Faktoren wie beispielweise sozialer Background des Kindes
Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Selektive Funktion der Leistungsbeurteilung im Ländervergleich zwischen Deutschland und Finnland
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V388183
ISBN (eBook)
9783668626812
ISBN (Buch)
9783668626829
Dateigröße
1198 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
selektive, funktion, leistungsbeurteilung, ländervergleich, deutschland, finnland
Arbeit zitieren
Viktoria Wagner (Autor), 2017, Selektive Funktion der Leistungsbeurteilung im Ländervergleich zwischen Deutschland und Finnland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388183

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