Das Naturschöne. Ästhetische Unmittelbarkeit als dialektische Kategorie


Examensarbeit, 1980
102 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Vorsicht, Dialektik! (Über diese Arbeit)
Diese Arbeit beginnt ­ ganz einfach ­ mit der unmittelbaren sinnlichen
Erfahrung des Naturschönen und seiner Unbestimmtheit (Abschnitte
1 und 3).
Nacheinander lässt sie dann die vielfältigen Momente und Bestimmungen
des Naturschönen sich entfalten und sich auseinander und gegeneinander
entwickeln.
Dieses ,,Sich-auseinander-entwickeln-Lassen" ist bekanntlich nichts ande-
res als die dialektische Methode. Sie ist ­ nach Hegel ­ ,,von ihrem Gegen-
stande und Inhalte nichts Unterschiedenes (...); ­ denn es ist der Inhalt in
sich, die Dialektik, die er an ihm selbst hat, welche ihn fortbewegt." Der
Gang der dialektischen Methode ist daher ,,der Gang der Sache selbst".
(Hegel, Einleitung zur Wissenschaft der Logik I)
Für das philosophische Denken hat das die erstaunliche Folge, dass es ,,in-
sofern ganz passiv" sein kann, als es ,,seinen Gegenstand, die Idee, nur auf-
nimmt, dieselbe gewähren läßt und der Bewegung und Entwicklung dersel-
ben gleichsam nur zusieht." (Hegel, Enzyklopädie der philosophischen
Wissenschaften im Grundrisse, § 238)
Dieses ,,passive Zusehen" ist aber keineswegs mit Untätigkeit gleichzuset-
zen. Es ist im Gegenteil gerade die ,,Anstrengung des Begriffs", die An-
strengung, den Inhalt des Denkens ,,durch seine eigne Natur (...) sich bewe-
gen zu lassen und diese Bewegung zu betrachten. Sich des eignen Einfallens
in den immanenten Rhythmus der Begriffe entschlagen, in ihn nicht durch
die Willkür und sonst erworbene Weisheit eingreifen, diese Enthaltsamkeit
ist selbst ein wesentliches Moment der Aufmerksamkeit auf den Begriff."
(Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geistes)
Daraus ergibt und erklärt sich für die vorliegende Untersuchung die Art
der Darstellung: Denn es geht darum, die Selbstbewegung der Sache selbst
in ihrem ,,unaufhaltsamem, reinem, von außen nichts hereinnehmendem
Gange" (Hegel, Einleitung zur Wissenschaft der Logik I) gewissenhaft und
behutsam zu beobachten und sorgfältig nachzuzeichnen.
(geschrieben zur Veröffentlichung 2018, B. K.)

Inhaltsverzeichnis
Vorsicht, Dialektik! (Über diese Arbeit) ... 2
1. Einleitung ... 5
2. Tradition ... 9
3. Aporie ... 28
4. Unmittelbarkeit... 30
5. Objektivität ... 33
6. Schein ... 36
7. Bildlichkeit ... 37
8. Ursprünglichkeit ... 39
9. Naturgefühl ... 42
10. Landschaft ... 45
Exkurs: Petrarca ... 47
11. Kulturlandschaft ... 52
12. Erhabene Natur ... 54
13. Resultat der geschichtlichen Bewegung ... 58
14. Chiffreschrift ... 61
15. n ... 65
16. Ferne ... 69
17. Vorrang des Objekts ... 71
18. Selbständigkeit ... 74
19. Versöhnung ... 76
20. Unwahrheit des Naturschönen ... 78
21. Herr und Knecht ... 82
22. Aufhebung ... 90
Literaturverzeichnis ... 93

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,,Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein
Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt; noch das unschul-
dige wie schön wird zur Ausrede für die Schmach des Daseins, das anders
ist, und es ist keine Schönheit und kein Trost mehr außer in dem Blick,
der aufs Grauen geht, ihm standhält und im ungemilderten Bewußtsein
der Negativität die Möglichkeit des Besseren festhält."
Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Frankfurt/Main 1979. S. 21

­ 5 ­
1. Einleitung
Die Theorie des Naturschönen ist ein Fluss während des Sommers ,,im
Medium begrifflicher Reflexion."
1
Aber auch der Himmel vor dem Regen,
das Abendrot im Frühjahr, die Schwalben am Nachmittag: die Theorie des
Naturschönen kapituliert vorweg vorm Anspruch rechter Wissenschaft
clare et distincte anzugeben, was eigentlich ihr Gegenstand sei.
Ihr Gegenstand ist unbestimmt, was Hegel dem Naturschönen umstands-
los als Mangel ankreidete.
2
Leistet dagegen Theorie darauf Verzicht, ihrem
Gegenstand seine Beschaffenheit zum Vorwurf zu machen, muss sie diese
Unbestimmtheit ebensowohl bestehenlassen, als erklären. Sie fasst daher
die Unbestimmtheit des Naturschönen als Unbestimmbarkeit
3
, seine
Schrift als eine von Chiffren.
4
Nicht ist aber zuvor verbürgt, dass es solche
von Sinn sind.
Schwierig genug schon über Unbestimmbares triftig zu handeln, macht
sich beim Naturschönen besonders schmerzlich geltend, dass Philosophie
nicht ,,die Einzeldinge in die Texte kleben"
5
kann, ihrem Begriff nach
schon des deiktischen ,,Dieses"
6
entsagen muss.
Die Emphase der unmittelbaren ,,sinnlichen Gewissheit",
7
die die ,,reichste"
und ,,wahrhafteste" Erkenntnis ist, weil sie ,,von dem Gegenstande noch
nichts weggelassen, sondern ihn in seiner ganzen Vollständigkeit vor
sich"
8
hat, ist die Trauer der Philosophie. Namentlich in der Ästhetik, die
von der sinnlichen Erkenntnis handeln soll, macht sich der Mangel alles
Begrifflichen bis hin zur gänzlichen Unangemessenheit seiner Veranstal-
tungen geltend. Während aber die Ästhetik der Kunst wenigstens noch die
1
Theodor W. Adorno: Negative Dialektik. Frankfurt/Main 1975. S.25
2
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Hrsg.von Hermann Glockner.
Zweiter Band der Jubiläumsausgabe. Stuttgart 1951. S. 81
3
Theodor W. Adorno: Ästhetische Theorie. Hrsg.von Gretel Adorno und Rolf Tiedemann.
Frankfurt/Main 1970. S. 113
4
Vgl. Immanuel Kant: Kritik der Urtheilskraft. Akademieausgabe Band V. Berlin 1968 (= un-
veränderter photomechanischer Abdruck der Akademieausgabe). Zitiert wird nach der Pagi-
nierung der 2. Auflage der ,,Kritik der Urtheilskraft" (B). S. B 170
5
Adorno: Negative Dialektik. S. 23
6
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Phänomenologie des Geistes. Hrsg.von Hermann Glockner.
Zweiter Band der Jubiläumsausgabe. Stuttgart 1951. S. 81
7
Hegel: Phänomenologie des Geistes. S. 81
8
Hegel: Phänomenologie des Geistes. S. 81

­ 6 ­
Werke beim Namen nennen, sie herbei- oder ­ in der Literatur ­ sogar zi-
tieren kann, entbehrt die Ästhetik des Naturschönen noch dieses letzten
Auskunftsmittels. Nicht einmal ist die Landschaft, die mir jetzt vor-
schwebt, mit der identisch, die ich sah, geschweige denn ist sie mitteilbar.
Exempel sind als Abbreviaturen verdächtig, da dem Begriff sich notwendig
entzieht, was bei ihnen assoziiert wird.
Die Theorie muss daher dies, wovon sie nicht weiß, was es ist, selbst Spra-
che finden lassen. Das qualifiziert sie als dialektische.
Sie könnte daher auch erst von ihrem Ende her geschrieben werden, aber
dazu muss sie ­ angefangen haben. Womit also der ,,Anfang der Wissen-
schaft gemacht werden
9
" muss, wird ihr fraglich. Sie fängt an, indem sie
auf ihren Anfang reflektiert (Abschnitt 3). Dies ist ihr wirklicher Anfang.
Im Unterschied zu einer Einleitung, die, post festum geschrieben, weiß,
wozu sie einleitet, weiß dies der wirkliche Anfang nicht.
Er geht, vom Ende her betrachtet, also fehl. Indem er aber als bestimmter
Anfang ebenso bestimmt fehl geht, stellt das Resultat nur seine bestimmte
Negation dar oder ist negativ mit ihm identisch. Was daher am Anfang
das Fehlen des Gegenstandes der Theorie, ist am Ende die emphatische
Forderung nach dessen Aufhebung ­ die freilich außer die Theorie fallen
muss.
Sie selbst fällt innerhalb des so beschriebenen Kreises
10
oder ist dieser
Kreis. Sie ist aber nur dieser ganze Kreis, unwahr noch an jedem Punkt ih-
rer Darstellung vor ihrem Ende. Sie kann daher aufs Resümee ihrer frühe-
ren Stufen nicht verzichten, muss den Faden immer wieder von neuem
aufnehmen, die Momente stets wieder unter anderem Aspekt beleuchten,
die Begriffe sich aneinander abarbeiten lassen.
Damit ist bereits die Methode der Darstellung angedeutet. Aufgefasst
werden soll das Naturschöne in der schrittweisen Entfaltung eines Begrif-
fes (Abschnitt 4 - 8).
9
Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Wissenschaft der Logik. Erster Teil. Die objektive Logik.
Hrsg.von Hermann Glockner. Vierter Band der Jubiläumsausgabe. Stuttgart Bad Cannstatt 1965
(= Faksimile der Originalausgabe). S. 69
10
Vgl. Hegel: Wissenschaft der Logik. S. 75

­ 7 ­
Es ist immer dieser Begriff, der teils unter anderem Namen firmiert, teils
gar in sein Gegenteil übergeht. Dass dies der Begriff der Unmittelbarkeit
ist, ist zum wenigsten beliebig, kann aber außerhalb der Darstellung, die
den Begriff zu entwickeln hat, nur vorläufig begründet werden. Wenn das
Naturschöne als unmittelbar gefasst wird, scheint damit sogleich seine
Unbestimmtheit, Unbestimmbarkeit widerrufen. Aber jedes Bestimmen
vermittelt auch einen Begriff durch und gegen andere Begriffe.
Insofern also das Naturschöne unmittelbar ist, ist dies bloß die Erschei-
nungsweise seiner Unbestimmtheit oder als Un-bestimmtes kann es nicht
anders als un-mittelbar erscheinen.
Ob sich der Begriff der Unmittelbarkeit zur Bestimmung der Unbestimm-
barkeit am Naturschönen qualifiziert, muss die Darstellung selbst erwei-
sen.
Fürs erste ist damit lediglich die Bedingung der Möglichkeit offengehal-
ten, dass der Gegenstand selbst rede.
Eine eigene Schwierigkeit bot die Einbeziehung des historischen Aspekts
der Unmittelbarkeit des Naturschönen (Abschnitt 9 - 13). Es konnte und
sollte natürlich keine Geschichte des Naturgefühls gegeben werden. Da
sich aber, was sich wirklich, nicht bloß als Begriff, vermittelt, geschichtlich
vermittelt, konnte auf die Darstellung einiger Grundzüge des Naturgefühls
nicht verzichtet werden. Was sich so ­ stark stilisiert ­ ergeben hat, würde
die Geschichtswissenschaft, die im positiven Sinn pedantisch ist, nicht be-
friedigen können, ist aber doch durch die einschlägige Literatur genügend
abgesichert, um nicht dem Verdikt blindwütiger philosophischer Spekula-
tion, der die wirkliche Beschaffenheit der Tatsachen bloß als deren Man-
gel gilt, zu verfallen.
Die geschichtliche Entwicklung des Naturgefühls ist auf der Seite des Na-
turschönen selbst die Entfaltung und Bereicherung seiner Momente. So
bildet erst das Gesamt der historischen Erfahrung jenen Begriff von
Schönheit in der Natur, wie er heutigem Empfinden entspricht.
11
11
Wobei übrigens das Wort ,,Naturschönheit" ­ um das es natürlich nicht zu tun ist ­ in den
neueren Auflagen der allgemeinen Enzyklopädien nicht mehr auftaucht.

­ 8 ­
Erst dieser, seine historischen Vermittlungen und Momente bereits in sich
enthaltende Begriff ist dann der eigentliche der Theorie. Diese entwickelt
ihn zunächst nach der Seite seiner Wahrheit hin (Abschnitt 14 - 19). Diese
Wahrheit ist aber noch nicht das Wahre der Theorie, da sie noch einseitig
ist und sogleich in ihr Gegenteil umschlägt; dialektisch trägt das Natur-
schöne zugleich das Stigma des Unwahren, Falschen (Abschnitt 20).
Bei dieser nur neuen Einseitigkeit kann es aber gleichfalls sein Bewenden
nicht haben; als bloße Momente sind weder die Wahrheit noch die Un-
wahrheit des Naturschönen absolut zu setzen.
Nachzuweisen, wodurch sich beide zur konkreten Lebendigkeit des Natur-
schönen vermitteln, ist das Herzstück der Theorie: es ist das Verhältnis
von Arbeit und Herrschaft (Abschnitt 21).
In diesem Verhältnis sind mit allen Momenten zugleich diejenigen der
Aufhebung des Naturschönen ­ das mit der Philosophie gemein hat, sich
nur durch seine Aufhebung wahrhaft verwirklichen und nur durch seine
Verwirklichung wahrhaft aufheben zu können ­
12
enthalten; ,,sie müßten
nur, um ein Geringes versetzt, in neue Konstellation treten, um ihre rechte
Stelle zu finden."
13
Der Abschnitt ,,Tradition", der vor die Theorie gerückt ist, versucht sich
der Geschichte des philosophischen Denkens über das Naturschöne seit
Kant zu versichern.
12
Vgl. Karl Marx: Frühe Schriften. Erster Band. Hrsg.von Hans-Joachim Lieber und Peter Furth.
Stuttgart 1962. S. 495
13
Adorno: Ästhetische Theorie. S. 199

­ 9 ­
2. Tradition
Das Verhältnis philosophischer Reflexion zur Tradition ist seit jeher prob-
lematisch. Schon allein durch ,,die Bestimmung des Verhältnisses, das ein
philosophisches Werk zu anderen Bestrebungen über den Gegenstand zu
haben glaubt, (wird) ein fremdartiges Interesse hereingezogen, und das,
worauf es bei der Erkenntniß der Wahrheit ankommt, verdunkelt."
14
Bei den aufeinanderfolgenden Theorien über das Naturschöne - die weit
davon entfernt sind, ,,die fortschreitende Entwickelung der Wahrheit"
15
darzustellen - kann es sich nur dadurch trotz des Hegelschen Diktums
rechtfertigen, das Verhältnis zu ihnen zu bestimmen, dass dem Gedanken
wieder Raum geschafft werde. Gegen den größeren Teil der Tradition
muss das Denken den Standpunkt Jarnos einnehmen: ,,Die Natur hat nur
eine Schrift, und ich brauche mich nicht mit so vielen Kritzeleien herum-
zuschleppen."
16
Als schon entziffert gilt diese Schrift den obscuri viri theologischer Speku-
lation. Ihnen wird ,,im Genuss der Naturschönheit ... unsere Naturbetrach-
tung Gottesdienst"
17
, im Naturschönen entdecken sie ohne weiteres ,,note-
worthy rational implications favorable to theism"
18
und es gilt ihnen als
ausgemacht, dass eine ,,Naturliebe, welche in der Natur nicht einen per-
sönlichen Gott erkennt, an innerem Zwiespalte und Ungenügen krankt,
indem sie uns den ganz widernatürlichen Zwang auferlegt, Unpersönliches
in einer Weise zu lieben, wie wir nur Personen lieben können."
19
Solchen theoretischen ,,Anstrengungen", bei denen alles und jedes schon
im Vorhinein klar ist, hat das Denken freilich nichts entgegenzusetzen: es
lässt sie daher ruhig auf sich beruhen.
Seit dem großen Idealismus vom philosophischen Geist verlassen, ver-
kommt, was Theorie sein sollte, vollends zur kleinbürgerlichen Erbau-
14
Hegel: Phänomenologie des Geistes. S.12
15
Hegel: Phänomenologie des Geistes. S. 12
16
Johann Wolfgang von Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre. Hrsg.von Erich Trunz. Band
VIII der Hamburger Ausgabe. München
9
1977. S. 34
17
Moriz Carriere: Ästhetik. Die Idee des Schönen und ihre Verwirklichung durch Natur,Geist
und Kunst. Leipzig
2
1873. S. 278
18
Harold DeWolf: Natural Beauty and Theism. In: The Personalist. 20 (1939). p.63-73. p.63
19
Carl Berthold: Das Naturschöne. Freiburg i. B. 1875. S. 21

­ 10 ­
ungsliteratur: ein widerliches Surrogat aus heilloser Naturschwärmerei,
dem Abhub von Religion und philosophischem Idealismus, Anweisungen
mit Rezeptcharakter für die ,,wandernde Jugend"
20
, exaltierten Meditatio-
nen und bereits offen faschistischen Ideologemen, das überhaupt nur des-
halb Erwähnung verdient, weil es die Unwahrheit des Naturschönen auf
der Seite der Rezeption repräsentiert.
21
Selbst Philosophie entgeht in ihren Reflexionen übers Naturschöne nicht
der Lächerlichkeit. So muss sich Croce bereits auf den Kopf stellen (,,eine
Landschaft, die wir mit dem Kopf zwischen den Beinen anschauen,
wodurch uns die gewöhnliche Beziehung zu ihr genommen wird, er-
scheint uns wie ein phantastisches Schauspiel"
22
, Lukács denkt nach über
das ,,Suchen von Beeren und Pilzen, von Käfern, Schmetterlingen, interes-
santen Steinen"
23
, Herder kapriziert sich wie der Dialektiker von Herr-
schaft und Knechtschaft auf die Hässlichkeit des Faultieres
24
, Vischer sieht
den Hund als ,,Feind des Unfugs und polizeilich ... , freilich auch schmut-
zig und schamlos"
25
und E. v. Hartmann klärt uns folgendermaßen auf:
,,Ein gemalter Berg ist in Wirklichkeit eine Schicht Farbstoffe, ein natürli-
cher Berg ist wirklich ein Berg".
26
20
Paul Schultze-Naumburg: Vom Verstehen und Geniessen der Landschaft. Rudolstadt 1924.
S. 6
21
Es genügt,hier einige Titel anzuführen:
Ernst Hallier: Aesthetik der Natur. Für Künstler, Naturkundige, Lehrer, Gärtner, Land-und
Forstwirthe, Reisende, Geistliche, sowie für Freunde der Natur überhaupt. Stuttgart 1890
Ludwig Klein: Ästhetik der Baumgestalt. Rektoratsinaugurationsrede. Karlsruhe 1914
Rudolf G. Binding: Größe der Natur. Frankfurt/Main 1933
Else Hasse: Sehne dich und wandere! Seelenerlebnisse in der Natur. Freiburg i. B. 1935
Hedwig Schulte: Das naturästhetische Erleben, eine Quelle wertvoller erzieherischer Funktio-
nen. Tatsachen - Folgerungen. Diss.phil. Bonn 1935. Textprobe: ,,Über das gesamte naturästhe-
tische Erleben wölbt sich neuerdings das anheimelnde Gefühl der Einheit von Blut und Boden
und die Freude an dem schönen deutschen Vaterlande."(S. 19)
22
Benedetto Croce: Ästhetik. Übersetzt von Feist und Peters. Tübingen 1930. S. 114
23
Georg Lukács: Ästhetik. Teil I, 2. Halbband (= Werke Band 12). Neuwied 1963. S. 649
24
Johann Gottfried Herder: Kalligone. Hrsg. von Bernhard Suphan. (Sämtliche Werke Band
XXII). Hildesheim 1967 (= Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Berlin 1800). S. 8 und He-
gel: Aesthetik. S.185
25
Friedrich Theodor Vischer: Aesthetik oder Wissenschaft des Schönen. Zum Gebrauche für
Vorlesungen. Zweiter Theil. Erste Abtheilung. Die Lehre vom Naturschönen. Reutlingen und
Leipzig 1847. S. 153
26
Eduard von Hartmann: Aesthetik. Zweiter systematischer Theil: Philosophie des Schönen (=
Eduard von Hartmann's Ausgewählte Werke. Zweite wohlfeile Ausgabe, Band IV). Leipzig o.J.
(1888). S. 14

­ 11 ­
Man sieht: Philosophie quält sich sichtlich mit der Entzifferung der ,,Chiff-
reschrift"
27
des Naturschönen. Dabei stellt der Beginn seiner philosophi-
schen Erörterung zugleich deren ersten Höhepunkt dar: Die ,,Kritik der
Urteilskraft" bezieht sich in ihrem ästhetischen Teil wesentlich auf die
Schönheit der Natur
28
und die Werke der Kunst müssen nach ihr ,,als Na-
tur anzusehen sein, ob man sich ihrer zwar als Kunst bewusst ist."
29
Auf
wesentliche Bestimmungen Kants wird zu rekurrieren sein.
Schillers wenige Bemerkungen über das Thema in seiner Schrift ,,Über na-
ive und sentimentalische Dichtung" verdienen besondere Beachtung, weil
hier in einer Verquickung rousseauistischer und kantischer Gedanken
immerhin der gesellschaftliche Index, den das Naturschöne trägt, klar aus-
gesprochen ist: ,,Nicht unsere größere Naturmäßigkeit, ganz im Gegenteil
die Naturwidrigkeit unsrer Verhältnisse, Zustände und Sitten treibt uns
an, dem erwachenden Triebe nach Wahrheit und Simplizität, der, wie die
moralische Anlage, aus welcher er fließet, unbestechlich und unaustilgbar
in allen menschlichen Herzen liegt, in der physischen Welt eine Befriedi-
gung zu verschaffen, die in der moralischen nicht zu hoffen ist."
30
Schon Herders ,,Kalligone" fällt dann hinter den mit Kant erreichten Stand
der Theorie weit zurück, indem er die spezifisch ästhetische Auffassung
des Naturschönen immer mit dem ,,Wohlseyn"
31
der Lebewesen in ihrem
eigenen Lebenselement zusammenwirft.
Die folgende Periode ästhetischer Reflexion war mit ihrer Herabsetzung
der Naturschönheit gegen die Kunstschönheit einer eindringlichen Theo-
retisierung des Naturschönen ungünstig. Für Schelling scheint die Natur-
schönheit mit dem Hinweis auf ihre Zufälligkeit abgetan
32
, Solger fasst sie
völlig subjektivistisch als ,,Resultat des Selbstbewußtseins, als ein in die
27
Kant: Kritik der Urtheilskraft. S. B 170
28
Kants ,,Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen" von 1769 können auf
den Namen eines Höhepunktes in der Theorie des Naturschönen freilich noch keinen An-
spruch machen.
29
Kant: Kritik der Urtheilskraft. S. B 180
30
Friedrich Schiller: Über naive und sentimentalische Dichtung. Sämtliche Werke in 5 Bänden.
Verantwortlich für die Textredaktion: Jost Perfahl. Band V. München 1968. S. 999
31
Herder: Kalligone. S. 83 et passim
32
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: System des transcendentalen Idealismus. Leipzig 1924 (=
Faksimile-Neudruck der Ausgabe Tübingen 1800). S. 496

­ 12 ­
Materie hineingelegter Gedanke"
33
und für Schleiermacher entscheidet
sich die Inferiorität des Naturschönen aus seinem parti pris für eine Pro-
duktionsästhetik, die das rein aufnehmende ästhetische Verhalten, wie es
gegenüber der Naturschönheit statthat, herabsetzt: ,,Wird das Schöne
größtentheils durch menschliche Thätigkeit hervorgebracht, so ist auch
das Hervorbringen und Aufnehmen dasselbe. Man muss also die Beobach-
tung auf das lenken, was im Hervorbringenden vorgeht. Wenn das eine
nicht wäre, wäre das andere auch nicht."
34
Statt die Zufälligkeit, Subjektivi-
tät und den Modus bloßen Rezipierens des Naturschönen als Momente
des Begriffs zu begreifen und in die Theorie zu integrieren, werden sie in
ihrer Einseitigkeit festgehalten und absolut gesetzt, um Raum für die Be-
handlung des Kunstschönen zu gewinnen. Ehrlicher wäre die Ausschlie-
ßung des Naturschönen aus der Ästhetik durch die Richtung des theoreti-
schen Interesses der Autoren motiviert worden, statt durchaus das, was
eben nicht behandelt werden soll, mit wenigen Bemerkungen, deren Be-
rechtigung sich doch erst aus einer eindringlichen Beschäftigung mit dem
Gegenstand ergeben könnte, abzufertigen. Mit solchem Vorgehen entzie-
hen sich die genannten Ästhetiker der Möglichkeit einer ernsthaften Kri-
tik, was freilich nicht heißt, dass die von ihnen herausgearbeiteten Mo-
mente nicht in die Theorie selbst fallen würden.
Thematisiert wird dann das Naturschöne wieder durch die dialektischen
Bearbeitungen der Ästhetik durch Weisse, Hegel, Vischer und Bratranek.
Innerhalb der idealistischen Leidenschaft fürs Hierarchisieren bringt es
Weisse zu einer originellen Fassung des Verhältnisses von Natur- und
Kunstschönheit: ,,In der gesammten wissenschaftlichen Anordnung unsers
Systemes wird vielleicht kein anderer Umstand so paradox erscheinen, wie
die Stellung, welche hier die Naturschönheit erhält, als nicht vorangehend,
sondern nachfolgend auf die Kunstschönheit".
35
Die Bedeutung dieser An-
ordnung liegt nun nicht in dem von Weisse intendierten Sinn, insofern
schon die Frage nach dem Primat der beiden wesentlich gleichberechtig-
ten Gebiete ästhetischer Erfahrung ohne jedes sachliche Interesse ist, son-
dern darin, dass Weisse auf rein dialektisch-spekulativem Weg des wirkli-
33
Karl Wilhelm Ferdinand Solger: Vorlesungen über Ästhetik. Hrsg. von Karl Wilhelm Ludwig
Heyse. Darmstadt 1962 (= Fotomechanischer Nachdruck der 1. Auflage Leipzig 1829). S. 4
34
Friedrich Schleiermacher: Ästhetik. Hrsg.von Rudolf Odebrecht. Berlin und Leipzig 1931. S. 4
35
Christian Hermann Weisse: System der Ästhetik als Wissenschaft von der Idee der Schön-
heit. Hildesheim 1966 (= reprografischer Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1830). S. 419

­ 13 ­
chen geschichtlichen Verhältnisses von Kunst und Naturschönheit inne-
geworden ist. Weisse sagt das Richtige, das er nicht weiß.
Hegel schließt zwar das Naturschöne schon zu Beginn aus der Ästhetik
aus
36
, lässt die Beschränkung der Wissenschaft aber nicht der ,,Willkür und
Beliebigkeit" anheimfallen, sondern verspricht die Begründung ,,innerhalb
unserer Wissenschaft selber".
37
Tatsächlich kommt der Behandlung des
Naturschönen eine weit größere Bedeutung als die einer bloßen Begrün-
dung seiner Ausschließung aus der Ästhetik zu, da sich die ,,Nothwendig-
keit des Kunstschönen" erst aus den ,,Mängeln der unmittelbaren Wirk-
lichkeit"
38
herleitet. Dialektisch kommt das Naturschöne noch zu einigem
Recht, wo es bereits aus der Ästhetik ausgeschlossen ist.
Gegen Hegel ist herauszuarbeiten, was das Naturschöne ist, wenn es nicht
bloß ,,für Anderes", negativer Grund der Kunst oder bloß ,,für das die
Schönheit auffassende Bewußtseyn"
39
ist.
Das erste Mal in monographischer Ausführlichkeit behandelt Vischer das
Naturschöne. Könnte man einem Autor die Geschichte seiner Rezeption
durch andere vorwerfen, so wäre allerdings zu wünschen, seine ,,Physiog-
nomik der Natur"
40
wäre nie erschienen. Vischer ist der Ahnherr einer Äs-
thetik, die eine Theorie des Naturschönen mit dem bloßen Räsonnement
über die Naturreiche, die fein säuberlich nach dem Vorgange der Natur-
wissenschaft gegliedert sind, verwechselt. Es leitet sich dies bei Vi-
scher - was die Epigonen dann schon nicht mehr wissen - aus der zunächst
angenommenen Objektivität des Schönen in der Natur her; unter ,,dem
Schirme dieses festgehaltenen Scheines"
41
war ,,der Raum für die anzie-
hende Wanderung durch die Reiche des Naturschönen"
42
gewonnen wor-
den. In seiner Selbstkritik will Vischer gerade diesen ersten Schein um-
standslos liquidieren, den Abschnitt über das Naturschöne aus der Ästhe-
tik entfernen.
43
Mit der Verwirklichung dieser Forderung wäre aber die di-
36
Vgl. Hegel: Aesthetik. S. 20
37
Hegel: Aesthetik. S. 21/22
38
Hegel: Aesthetik. S. 212
39
Hegel: Aesthetik. S. 176
40
Vischer: Aesthetik. Die Lehre vom Naturschönen. S. 12
41
Friedrich Theodor Vischer: Kritische Gänge. Hrsg. von Robert Vischer. Zweite,vermehrte
Auflage. München 1922. S. 222
42
Vischer: Kritische Gänge. S. 223
43
Vgl. Vischer: Kritische Gänge. S.224 und 227

­ 14 ­
aber die dialektische Darstellungsweise seiner Ästhetik aufgehoben. Zu
verteidigen ist der dialektische Vischer der ,,Aesthetik" gegen den undi-
alektischen der ,,Kritischen Gänge", indem das wahre Moment am Schein
der Objektivität bewahrt wird.
Bratranek, dem Croce bitter Unrecht tut, wenn er ihn, vermutlich nur we-
gen des Titels seines Buches
44
, geradezu als Exempel obskurer Ästhetik an-
führt, ist erwähnenswert, weil er eine Art Phänomenologie der ästheti-
schen Erfahrung, eingeteilt in ,,Ahnung", ,,Sehnsucht" und ,,Sinnigkeit"
gibt. Dialektisch verteilen sich Subjektivität und Objektivität so, dass die
Ahnung noch rein subjektiv ist, die Sehnsucht auf das Objektive geht und
die Sinnigkeit wieder ­ auf höherer Stufenleiter ­ subjektiv ist.
45
Kurz sollen noch einige nichtdialektische Ästhetiken des 19. Jahrhunderts
in ihrem Bezug auf unser Thema charakterisiert werden.
Warum von Kirchmann sein Buch ,,Aesthetik auf realistischer Grundlage"
nannte, bleibt mindestens in der Behandlung des Naturschönen unerfind-
lich. Er bringt es lediglich zu einem Anthropomorphismus, an dem psy-
chologisch etwas sein mag, der aber zu philosophischer Begründung zum
wenigsten taugt. An einem Beispiel, das von Kirchmann von Kant ab-
schreibt, mag dies illustriert werden: ,,Der Gesang der Vögel gilt allgemein
als schön, weil der Mensch ihn aus einer fröhlichen Stimmung derselben
ableitet; denn der Mensch singt nur, wenn er heiter ist, und so glaubt er,
auch der Vogel thut es nur dann."
46
Bei Kant heißt es: ,,Der Gesang der Vö-
gel verkündigt Fröhlichkeit und Zufriedenheit mit seiner (sic) Existenz.
Wenigstens so deuten wir die Natur aus, es mag dergleichen ihre Absicht
sein oder nicht."
47
Kant geht es aber dabei nicht um die Begründung sol-
cher Naturschönheit aus irgendeinem Anthropomorphismus, sondern er
leitet mit diesem Beispiel nur zu einer wichtigen Bestimmung über: ,,Aber
dieses Interesse, welches wir hier an Schönheit nehmen, bedarf durchaus,
daß es Schönheit der Natur sei; und es verschwindet ganz, sobald man
44
Croce: Ästhetik. S.356. Der Titel von Bratraneks Buch lautet: Beiträge zu einer Ästhetik der
Pflanzenwelt. Leipzig 1853
45
Vgl. Bratranek: Ästhetik der Pflanzenwelt. S. 35/36
46
J. H. von Kirchmann: Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1. Berlin 1868. S. 172
47
Kant: Kritik der Urtheilskraft. S. B 172

­ 15 ­
bemerkt, man sei getäuscht und es sei nur Kunst"
48
(Das Beispiel erfreut
sich übrigens noch bei Adorno einiger Beliebtheit.)
49
In Köstlins Ästhetik
50
abundiert dann die Vischersche ,,Wanderung durch
die Reiche des Naturschönen"
51
. Köstlin handelt das Naturschöne auf über
fünfhundert Seiten ab, ohne jedoch theoretisch markante Neubestim-
mungen zu geben.
Die Bedeutung der Ästhetik Eduard von Hartmanns scheint mir für das
Naturschöne vor allem in der dezidierten Herausarbeitung des Begriffes
des ästhetischen Scheins zu liegen.
52
Schasler wehrt sich zwar gegen eine ,,streng naturwissenschaftliche Sys-
tematisierung"
53
der Ästhetik des Naturschönen, führt dies aber nur inso-
weit durch, als er die Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde statt exakter na-
turwissenschaftlicher Begriffe in seine Gliederung aufnimmt. Daran
schließen dann in alter Manier wieder Mineralien, Pflanzen, Tiere,
menschliche Schönheit, kulturgeschichtliche Schönheit an.
Im 20. Jahrhundert verschwinden solche Einteilungen endlich aus der äs-
thetischen Reflexion übers Naturschöne.
Die Theorie sieht vor allem in der Landschaft das Paradigma schöner Na-
tur, die naturschönen Einzeldinge oder -wesen treten dementsprechend
zusammen mit dem Perfektionismus des Einteilens zurück. Thematisch
wird weiterhin, wovon die ältere Ästhetik außer Schiller und Bratranek,
der scharfe Kritik am Bestehenden übt
54
, nichts sich träumen ließ: der Zu-
sammenhang von Naturschönem und Gesellschaft.
Nicht als Gegenstand der Ästhetik anerkennen wollen Lalo, Croce und
Lukács das Naturschöne. Lalo konstatiert zunächst ,,un véritable dualisme
48
Kant: Kritik der Urtheilskraft. S. B 172
49
Vgl. Adorno: Ästhetische Theorie. S. 105
50
Karl Köstlin: Aesthetik. Tübingen 1869
51
Vischer: Kritische Gänge. S.223
52
Vgl. von Hartmann: Aesthetik. Philosophie des Schönen. S. 174 ­ 176; 476/477; 497 - 501
53
Max Schasler: Ästhetik. Grundzüge der Wissenschaft des Schönen und der Kunst. Erster Teil:
Die Welt des Schönen. Leipzig und Prag 1886. S. 126
54
Vgl. Bratranek:Ästhetik der Pflanzenwelt. S. 10/11

­ 16 ­
des deux sortes de beauté: celle de l'art, et celle de la nature"
55
. Beide Arten
der Schönheit ,,ne coïncident nullement dans les mêmes objets, et ne
reposent pas sur les mêmes principes".
56
Gegen die Tradition, die von ei-
nem einheitlichen Begriff von ,,Schönheit" ausging, die sich in Natur und
Kunst nur auf verschiedenen Stufen verwirkliche, scheint Lalos strikte
Trennung von Natur- und Kunstschönheit zunächst die Berechtigung ei-
ner gesonderten Bearbeitung beider Gebiete zu begründen und damit ge-
rade dem Naturschönen den Status eines selbständigen Gegenstandes der
Theorie zuzuerkennen. Hiervon geht die vorliegende Arbeit ohne weiteres
aus. Der Gegensatz der gemachten ästhetischen Objekte der Kunst zum
nichtgemachten Naturschönen ist markant genug, um seine eigenständige
Behandlung vorweg zu rechtfertigen. Lalo fasst den Gegensatz beider
Schönheiten aber ganz anders. Die Naturschönheit ,,c'est ce qui est normal
dans l'espéce d'objets ou d'êtres que l'on considère: ainsi la force, la santé,
l'agremént, tout ce qui est naturellement un objet de désir. C'est la
réalisation de la somme de vie la plus intense, c'est-à-dire du caractère
typique de l'espece."
57
Es überrascht bei solcher Definition nicht mehr,
dass das Naturschöne ,,revêt une beauté qu'on pourrait appeler ,pseudo-
esthétique`."
58
Das Vorbild solcher nicht-, vor- oder pseudoästhetischen
Schönheit findet Lalo in der präautonomen Kunst. Zu ihr sei das Natur-
schöne das moderne Analogon: ,,On comprend donc comment la confusi-
on des deux beautés est en partie la survivance des âges lointains où l'art,
n'étant pas encore lui-même, représentait avant tout des attributs de la
puissance religieuse, militaire ou politique, c'est-à-dire les objets d'une
admiration inesthétique, résumée ou remplacée aujourd'hui dans notre
pens
ée beauc0p plus laïque et plus individualiste, par l'idée de beauté na-
turelle."
59
In der Tat: Wo die Naturschönheit nach Lalos Definition ­ und
das heißt nichtästhetisch ­ rezipiert wird, kann ihr keine Macht der Welt
ihren ästhetischen Charakter wieder zurückerstatten. Damit bleibt auch
die richtige Erkenntnis der sozialen Bedingungen sowohl des Übergangs
von präautonomer zu autonomer Kunst
60
wie der Bedingungen des Natur-
55
Charles Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. ln: Revue philosophique de la France et
de l'etranger. 67 (1909). p.480-518 (=Nachdruck Liechtenstein 1967).p. 488
56
Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. p. 493
57
Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. p..514
58
Lalo: Beautée naturelle et beauté artistique. p. 507
59
Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. p. 500
60
Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. p. 500

­ 17 ­
gefühls
61
, die Lalo anders über das Naturschöne hätten belehren können,
unfruchtbar für seine Konzeption.
Croce kombiniert neben einer - sehr berechtigten - polemischen Kritik an
der Behandlung des Themas in der älteren Ästhetik im Wesentlichen nur
die Positionen Schleiermachers und Solgers: ,,ohne das Dazukommen der
Phantasie ist kein Teil der Natur schön" - das ist Solger und: ,,das natürlich
Schöne (ist) ein einfaches Reizmittel der ästhetischen Reproduktion ...,
welches seinerseits die bereits geschehene Schöpfung (Produktion) voraus-
setzt"
62
­ das ist Schleiermacher.
Lukács bringt es immerhin zu einer abschließenden Kritik an der Einbe-
ziehung der menschlichen Schönheit in den Begriff des Naturschönen, im
übrigen aber glaubt er die Sache damit abgetan zu haben, den spezifisch
ästhetischen Charakter der Naturerfahrung zu leugnen und sie in den Be-
reich des bloß Angenehmen zu verweisen.
63
Den Grundakkord der theoretischen Beschäftigung mit dem Naturschö-
nen im 20. Jahrhundert schlägt - sehr pathetisch - Schultz in einem 1911 er-
schienenen Aufsatz an: ,,als Naturgenießende zürnen wir über die Beherr-
schung der Natur durch den Menschen; ertragen die Anlehnung des Men-
schen an die Natur; die, ach so vereinzelten, Siege der Natur über Men-
schenwerk dagegen bejubeln wir."
64
Schultz hat sogar schon eine Vision
der schlechten Aufhebung des Naturschönen: ,,die abstrakte Richtung des
Geistes wird dem Naturgenießen in dem Maße feindlich, wie sie das Da-
sein einer Gesellschaft mechanisiert ... Nach alledem ist möglich, daß er
(der Naturgenuss, B. K.) über kurz oder lang, wie andere Übergangsphä-
nomene, aus einer vernünftiger gewordenen Welt ganz verschwindet."
65
Nach der Dissertation Heinrich Springmeyers von 1929, die aber nur ,,Her-
ders Lehre vom Naturschönen"
66
untersucht, ist dann die Arbeit Bettel-
61
Lalo: Beauté naturelle et beauté artistique. p. 505
62
Croce: Ästhetik. S. 104
63
Vgl.etwa Lukács: Ästhetik. S. 648
64
Julius Schultz: Naturschönheit und Kunstschönheit. In: Zeitschrift für Ästhetik und allge-
meine Kunstwissenschaft. VI (1911). S. 211-248. S. 219
65
Schultz: Naturschönheit und Kunstschönheit. S. 222
66
Heinrich Springmeyer: Herders Lehre vom Naturschönen. Im Hinblick auf seinen Kampf ge-
gen die Ästhetik Kants. Diss.phil. Jena 1929

­ 18 ­
heims
67
meines Wissens die erste Doktorarbeit zum Thema. Bettelheim
gibt zunächst einen kurzen Überblick über die Geschichte des Naturge-
fühls, um zu einer näheren Bestimmung des Naturästhetischen zu gelan-
gen. Dessen Begriff schränkt er im Folgenden auf die Landschaft ein und
schlägt statt der traditionellen Zweiteilung des ästhetischen Gebietes in
Kunst-und Naturschönheit eine Gliederung in ,,Gebilde, die vom Men-
schen geschaffen wurden, in Landschaften und endlich in tierische und
menschliche Lebewesen"
68
vor. Im zweiten Teil der Arbeit wird belegt,
dass in der philosophischen Ästhetik seit der Jahrhundertwende dem Na-
turschönen, wo es überhaupt anerkannt wird, stets nur eine untergeord-
nete Rolle zugestanden wird. Bettelheim nimmt an (Teil III), dass histori-
sche Gründe - also das späte Aufkommen eines Naturgefühls - für diese
Einseitigkeit der philosophischen Ästhetik ebenso verantwortlich zu ma-
chen sind wie ,,die Schwierigkeit, den naturästhetischen Gegenstand ge-
nau zu erfassen ... , und die Unmöglichkeit, im Reich des Naturschönen
jene Ordnung nach Gattungen und Modifikationen durchzuführen, nach
welchen das Reich der Kunst schon seit jeher eingeteilt wurde."
69
In einem
kurzen vierten Teil der Arbeit versammelt Bettelheim unter dem Titel
,,Die allgemein-menschliche Bedeutsamkeit des Naturerlebens" allerlei
Platituden und empirische Beobachtungen, die die Sache um nichts berei-
chern, um endlich im fünften Teil die Frage, ob ,,das Landschaftserlebnis,
von dem hier gesprochen wird, wirklich und völlig ästhetisch"
70
ist, positiv
dahingehend zu entscheiden, dass das Landschaftserlebnis ,,den allge-
meinsten und darum umfassendsten (!) aesthetischen Gesetzen, wie dem
der Einheit in der Mannigfaltigkeit, dem des menschlich bedeutsamen In-
haltes und der Interesselosigkeit entspricht."
71
Positiv verdient der letzte Teil der Bettelheimschen Arbeit hervorgehoben
zu werden, in dem der Autor versucht, vom ungeschiedenen ästhetischen
,,Erlebnis selbst auszugehen und nicht dieses ursprüngliche Erlebnis erst
in der durch nachträgliche Reflexion aufgespaltenen Form zu betrachten,
67
Bruno Bettelheim: Das Problem des Naturschönen und die moderne Ästhetik. Diss.phil.
(masch.) Wien 1937
68
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 37
69
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 64/65
70
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 87
71
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 142

­ 19 ­
in der es bereits in Gegenstand, Betrachter und deren gegenseitige Bezie-
hung zerfallen ist."
72
Gerade in diesem Moment der Ungeschiedenheit entdeckt Bettelheim das
spezifisch Ästhetische als die Aufhebung des Subjekt-Objekt-Gegensatzes
73
im Medium des Scheins.
In diesem Verhältnis repräsentiere der jeweilige ästhetische Gegenstand
Außenwelt schlechthin. Da die Landschaft nicht nur Repräsentant der
Außenwelt, sondern zugleich das Gesamt der aktuell jeweils sinnlich
überhaupt zugänglichen Außenwelt sei, stehe das Landschaftserlebnis
dem ,,eigentlichen ästhetischen Erlebnis"
74
am nächsten.
Den Arbeiten Simmels und, fünfzig Jahre später, Ritters ist ausschließlich
die Landschaft thematisch, der Begriff des Naturschönen kommt nicht
mehr vor.
Simmel fasst die Landschaft wesentlich als ,,geistiges Gebilde"
75
, das ent-
stehe, indem ein ,,Ausschnitt aus der Natur nun seinerseits als Einheit"
76
betrachtet werde. Obgleich eine Landschaft also erst subjektiv konstituiert
werde ,,durch den teilenden und das Geteilte zu Sondereinheiten bilden-
den Blick des Menschen"
77
, komme ihr doch objektiv eine ,,Stimmung, die
uns aus ihr entgegenschlägt"
78
zu. Es ist eben die Objektivität eines geisti-
gen Gebildes, vergleichbar dem Gefühl, das ein Gedicht ­ objektiv ­ her-
vorruft. Ästhetische Konstituierung von Landschaft bedeutet demnach
zugleich, sie als bestimmt stimmungshafte zu konstituieren; Einheit der
Landschaft und ihre Stimmung sind ,,eines und dasselbe, nur von zwei Sei-
ten betrachtet"
79
. Simmel versucht mit dieser Konstruktion ein Grund-
problem der Ästhetik, das von Subjektivismus oder Objektivismus, für die
Landschaft durch eine identitätsphilosophische Versöhnung beider Seiten
zu lösen. Da Simmel sich aber bereits idealistisch vorentscheidet und
72
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S.110
73
Vgl. Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 113, 115, 116, 123, 143
74
Bettelheim: Das Problem des Naturschönen ... S. 136
75
Georg Simmel: Philosophie der Landschaft. ln: Die Güldenkammer.III (1913). S.635-644. S.
643
76
Simmel: Philosophie der Landschaft. S. 636
77
Simmel: Philosophie der Landschaft. S. 636
78
Simmel: Philosophie der Landschaft. S. 643
79
Simmel: Philosophie der Landschaft. S. 642

­ 20 ­
überdies keine Momente der wirklichen Vermittlung zwischen der subjek-
tiv konstituierten Einheit der Landschaft und deren objektiver Stimmung
kennt, bleibt seine Lösung, beide als dasselbe zu nehmen, ein bloßes An-
sinnen.
Entschieden sucht dann Ritter das Moment der Gesellschaft in die Theorie
des Naturschönen zu integrieren, das in der früheren Ästhetik immer wie-
der sporadisch aufgetaucht war, bei Simmel oder bei Nicolai Hartmann
80
(um eine neuere Ästhetik zu erwähnen) aber wieder völlig zurückgedrängt
ist.
Zum Programm wird Ritter, ,,die Isolierung des Ästhetischen hinter sich
zu lassen und die Natur als Landschaft aus dem Verhältnis zu begreifen, in
dem sie zur Gesellschaft und ihrer durch die Wissenschaft vermittelten
,objektiven` Natur steht."
81
Damit ist für die Naturästhetik endlich erreicht, was für die Ästhetik der
Kunst lange bereits zur Selbstverständlichkeit wurde: die Fassung ihres
Gegenstandes als fait social.
82
Ritter geht aus von einer Deutung des wohl markantesten Einschnitts in
der Geschichte des Naturgefühls, Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux.
Diese stehe bei Petrarca zunächst ganz in der ,,Tradition der von Anbeginn
mit der Philosophie identischen ".
83
Notwendig aber ,,scheitert Petrarca mit dem Versuch, die Ersteigung des
Mont Ventoux in die Tradition der Theorie einzuordnen",
84
da es ,,auf dem
Boden der philosophischen Theorie ... keinen Grund für den Geist (gibt),
ein besonderes, von der begrifflichen Erkenntnis unterschiedenes Organ
für die Vergegenwärtigung und Anschauung der sichtbaren Natur ringsum
auszubilden."
85
80
Nicolai Hartmann: Ästhetik. Berlin 1953
81
Joachim Ritter: Landschaft. Zur Funktion des Ästhetischen in der modernen Gesellschaft.
Rektoratsinaugurationsrede. Münster Westf. 1963.S. 26
82
Lukács betont natürlich ebenfalls den gesellschaftlichen Charakter des Naturschönen, ver-
liert aber darüber, wie bereits erwähnt,dessen spezifisch ästhetische Qualitäten.
83
Ritter: Landschaft. S. 10
84
Ritter: Landschaft. S. 14
85
Ritter: Landschaft. S. 16

­ 21 ­
Petrarcas Widerspruch besteht darin, dieses Organ als spezifisch ästheti-
sches zwar schon auszubilden, es aber noch nicht als neues begreifen zu
können.
An der Zeit ist die ,,ästhetische Vergegenwärtigung"
86
der Natur, seit die
Naturwissenschaften mit ihrer ,,Verdinglichung und Objektivierung der
Natur"
87
ihre Ganzheit im Sinne jener nicht mehr erfas-
sen: ,,Das Ästhetische der Landschaft ist so in seinem Grunde das Scheinen
der an sich verlorenen ganzen Natur."
88
Damit stellt Ritter die freie ästhetische Zuwendung zur Natur in den Zu-
sammenhang gesellschaftlicher Naturbeherrschung. Ästhetische Naturbe-
trachtung findet erst ihre ,,geschichtliche Möglichkeit und Bedingung in
der durch Arbeit vermittelten Unterwerfung der Natur als Dasein von
Freiheit"
89
.
Eine zentrale Stellung nimmt das Naturschöne im Gesamtzusammenhang
des Denkens Adornos ein. Da in der vorliegenden Arbeit das Verhältnis
des Naturschönen zur Kunst völlig ausgeklammert bleibt, mithin auch
Adornos Fassung des ,,Übergang vom Natur- zum Kunstschönen"
90
eben-
sowenig thematisch werden kann wie die Rechtfertigung der Behandlung
des Naturschönen im engeren theoretischen Zusammenhang der ,,Ästheti-
schen Theorie", soll hier nur der systematische Ort des Naturschönen vom
Lichte, das von der ,,Dialektik der Aufklärung" und der ,,Negativen Dialek-
tik" her auf die Ästhetik fällt, skizziert werden.
,,Das Naturschöne ist die Spur des Nichtidentischen an den Dingen im
Bann universaler Identität."
91
Dieser Satz aus der ,,Ästhetischen Theorie"
verbindet das Naturschöne unmittelbar mit dem Programm der ,,Negati-
ven Dialektik", wonach diese ihr ,,Scharnier" daran hat, die ,,Richtung der
Begrifflichkeit zu ändern, sie dem Nichtidentischen zuzukehren"
92
. Indem,
was Nichtidentität meint, im Naturschönen als ,,Spur" gar noch sinnlich
86
Ritter: Landschaft. S. 21
87
Ritter: Landschaft. S. 23
88
Ritter: Landschaft. S. 47
89
Ritter: Landschaft. S. 52
90
Adorno: Ästhetische Theorie. S. 121
91
Adorno: Ästhetische Theorie. S. 114
92
Adorno: Ästhetische Theorie. S. 24
Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Das Naturschöne. Ästhetische Unmittelbarkeit als dialektische Kategorie
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Fachbereich Philosophie/Pädagogik)
Note
2+
Autor
Jahr
1980
Seiten
102
Katalognummer
V388464
ISBN (eBook)
9783668624610
ISBN (Buch)
9783668624627
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Dialektik, Ästhetik, Naturschönes, Adorno, Hegel
Arbeit zitieren
Bernd Klyne (Autor), 1980, Das Naturschöne. Ästhetische Unmittelbarkeit als dialektische Kategorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388464

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