Die Fragen, was Wissen ist, wie es klassifiziert werden kann und vor allem auch was Wissen nicht ist, sind viel diskutiert und sehr aktuell. Nicht für umsonst wird die moderne, westliche Gesellschaft auch mit dem Begriff „Wissensgesellschaft“ umschrieben. Dieser Terminus der Wissensgesellschaft – also der wissenden Gesellschaft – ist dabei inhaltlich ähnlich schwer zu fassen, wie der Logos „wissen“ selbst. Diese Problematik, die sich um das Wissen aufbaut, beschäftigt die Menschen schon seit jeher. Platons Dialog Theätet befasst sich eingehend mit jener Problematik und versucht eine adäquate Definition für Wissen zu erzielen. Dieser Dialog, der zum Spätwerk Platons zählt, lässt sich in sechs thematische Abschnitte teilen, wobei die ersten beiden Teile eine einleitende Funktion erfüllen.
Diese Arbeit widmet sich der ersten Definition „Wissen als Wahrnehmung“, welche in etwa die erste Hälfte des gesamten Dialogs ausmacht. Es wird dabei vorrangig versucht, den Gedanken zu dieser Definition nachzuspüren, sie zu verstehen und sie schlüssig wiederzugeben. Abschließend wird sich mit der Frage beschäftigt, welche rhetorische Aufgabe der lange gefasste erste Teil des Gesprächs erfüllt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Darlegung der ersten Definition von Wissen ist Wahrnehmung (151d-160e)
2.1. Der „Homo-Mensura“-Satz des Protagoras und die Flusstheorie des Heraklit (151e-155e)
2.2. Der Wahrnehmungsakt als interaktiv gedachtes Modell (156a-160e)
3. Die Widerlegung der ersten Definition (161a-186e)
3.1. Die erste Kritik an der protagoreischen Lehre und der ersten Definition (161a-165e)
3.2. Die Verteidigungsrede des Protagoras durch Sokrates (165e-168e)
3.3. Das theoretische Argument der Selbstwiderlegung und Zweifel an diesem (169a-172b)
3.4. Endgültige Widerlegung der Flusstheorie des Heraklit (177c-183b)
3.5. Die abschließende Falsifikation der ersten Definition (183c-187a)
4. Die Funktion der minuziösen Diskussion der ersten Definition
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Platons Dialog „Theätet“ mit dem primären Ziel, die erste Wissensdefinition „Wissen ist Wahrnehmung“ nachzuvollziehen, kritisch zu beleuchten und ihren Stellenwert innerhalb des Dialogs zu bestimmen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden philosophischen Konzepten der Protagoreischen Lehre sowie der Flussontologie des Heraklit.
- Analyse der Definition „Wissen ist Wahrnehmung“ (151d-186e)
- Untersuchung des Homo-Mensura-Satzes des Protagoras
- Kritische Würdigung der Flussontologie des Heraklit
- Diskussion der Widerlegungsargumente und der Rolle der Seele bei der Wahrnehmung
Auszug aus dem Buch
2.1. Der „Homo-Mensura“-Satz des Protagoras und die Flusstheorie des Heraklit (151e-155e)
Wie konnte Sokrates eine Verbindung zwischen der ersten Definition und dem Homo-Mensura-Satz, welcher eine These des Protagoras ist, erkennen, sagt letztere doch weder etwas über das Wissen aus, noch über die Wahrnehmung? Der Homo-Mensura-Satz besagt „nämlich, der Mensch sei ‚das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, der nichtseienden, daß sie nicht sind‘“ (152a). Darin ist weder eine Aussage über das Wissen, noch eine über die Wahrnehmung auffindbar. Das wirft die Frage auf, wie die These des Protagoras nun dasselbe ausdrücken kann wie Theaitetos‘ Definition von Wissen als Wahrnehmung. Die Antwort liegt hierbei in der Interpretation des Homo-Mensura-Satzes, die Sokrates vornimmt: „[W]ie ein jedes Ding mir erscheint, ein solches ist es auch mir, und wie es dir erscheint ein solches ist es wiederum dir“ (152a). Das Schlüsselwort ist dabei der Begriff „erscheinen“, da das Erscheinende, auch wahrgenommen werden kann. Hierüber schlägt Sokrates unter der Zustimmung des Theaitetos die Brücke zur ersten Definition und stellt dabei fest, dass alle Dinge so geartet sind, wie sie der jeweiligen Person in Erscheinung treten, dieser sie also wahrnimmt, denn „Erscheinung also und Wahrnehmung ist dasselbe“ (152c). Das Beispiel des Windes verdeutlicht den Zusammenhang zwischen der ersten Definition und dem Homo-Mensura-Satz.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Wissensdefinition ein und verortet Platons „Theätet“ als Dialog, der die Definition „Wissen als Wahrnehmung“ kritisch untersucht.
2. Die Darlegung der ersten Definition von Wissen ist Wahrnehmung (151d-160e): Dieses Kapitel erläutert, wie Theaitetos seine Wissensdefinition formuliert und wie Sokrates diese durch den Homo-Mensura-Satz des Protagoras in einen breiteren philosophischen Kontext einbettet.
3. Die Widerlegung der ersten Definition (161a-186e): Hier erfolgt die detaillierte Prüfung und schrittweise Widerlegung der Definition durch verschiedene Argumente, darunter die Selbstwiderlegungsthese und die Falsifikation der Flussontologie.
4. Die Funktion der minuziösen Diskussion der ersten Definition: Dieses Kapitel analysiert, warum die ausführliche Diskussion geführt wurde, auch wenn die Definition als unzureichend verworfen wird, und welche rhetorische Bedeutung sie für den weiteren Dialog hat.
5. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und betont, dass die Diskussion der ersten Definition die notwendige Grundlage für die weitere Suche nach einer tragfähigen Wissensdefinition bildet.
Schlüsselwörter
Platon, Theätet, Wissen, Wahrnehmung, Protagoras, Homo-Mensura-Satz, Heraklit, Flussontologie, Erkenntnistheorie, Selbstwiderlegung, Philosophie, Wissensdefinition, Seele, Wahrheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der ersten Hälfte des platonischen Dialogs „Theätet“, in der das Konzept „Wissen ist Wahrnehmung“ untersucht und letztlich widerlegt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind die sensualistische Wahrnehmungstheorie, der Homo-Mensura-Satz des Protagoras und die Flussontologie des Heraklit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Gedankengang von Theaitetos und Sokrates zur ersten Definition von Wissen nachzuvollziehen und die argumentative Struktur ihrer Widerlegung offenzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Textanalyse, um die Argumentationslogik des Dialogs zu erschließen und die interpretatorischen Bezüge zur Fachliteratur herzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darlegung der Definition, die schrittweise Kritik durch Sokrates, die Rolle von Protagoras und Heraklit sowie die abschließende Unterscheidung von Wahrnehmung und Wissen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wissensdefinition, Wahrnehmungsmodell, Flussontologie, Wahrheit, Sein und die Rolle der Seele im Erkenntnisprozess.
Warum wird im Dialog von einem „interaktiv gedachten Modell“ der Wahrnehmung gesprochen?
Dies bezieht sich auf die Vorstellung, dass Wahrnehmung nicht als Eigenschaft eines Dings oder einer Person existiert, sondern als ein temporäres Ereignis, das aus der Wechselwirkung zwischen Objekt und Wahrnehmendem entsteht.
Wie begründet Sokrates im Dialog die Notwendigkeit der Seele für das Wissen?
Sokrates argumentiert, dass die Sinnesorgane zwar Eindrücke aufnehmen, aber eine übergeordnete Instanz (die Seele) notwendig ist, um diese Eindrücke zu vergleichen, zu synthetisieren und das „Sein“ einer Sache zu beurteilen.
- Arbeit zitieren
- Dorothee Stauche (Autor:in), 2017, Wissen als Wahrnehmung im Dialog "Theätet" von Platon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388550