Theorien von Ilse Arlt und Alice Salomon in Bezug auf die Adressatinnen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Kriterien einer kritisch reflexiven Theorie:

3. Adressatin- Situationsbeispiel

4. Begründung der Theorie von Ilse Arlt und Alice Salomon

5. Theorie von Ilse Arlt (1876- 1960)
5.1 Biographische Daten und historischer Kontext:
5.2 Theorie und Forschungsinteresse:
5.3 Bezug der Theorie von Ilse Arlt auf das Adressatin-Beispiel:

6. Theorie von Alice Salomon(1872- 1948)
6.1 Biographie und historische Gegebenheiten:
6.2 Theorie und Forschungsgegenstand:
6.3 Bezug der Theorie von Alice Salomon auf das Adressatin- Beispiel:

7. Forschungsstudie anhand des Adressatin- Beispiel

8. Fazit

9. Abkürzungen

10. Literaturverzeichnis:

11. Anhang/ Anlage

1. Einleitung

Ich möchte die Theorien von Ilse Arlt und Alice Salomon näher vorstellen. Beide Theorien sind überwiegend in der gleichen Zeit entstanden und haben auch einige Überschneidungen in historischer Sicht aber auch anhand der Ansichten der beiden Frauen. In der Zeit des 19. Jahrhundert, hatten die meisten Frauen keine Möglichkeit auf ein Studium, ihnen wurde die Rolle als Hausfrau und Mutter zugeteilt. Dabei hatten sie keinen Anspruch und waren gegenüber Männern nicht gelichberechtigt. Auch Kinder in sozial schwachen Schichten wurden häufig sogar als Faule oder Menschen mit Charakterschwäche bezeichnet.

Mein Anliegen ist es vor allem die Aktualität der Theorien und auch die Wichtigkeit für die Soziale Arbeit zu erkennen und auf ein Adressatenbeispiel zu übertragen. In den Theorien von Ilse Arlt und Alice Salomon werden nur die elementaren Aussagen beschrieben, da dies sonst den Rahmen der Hausarbeit sprengen würde. Auch die Entwicklungen der Frauenschule oder die Ausbildung der Wohlfahrtspflegerin werden nur kurz erwähnt. Die Theorien von Frau Arlt und Frau Salomon wurden weiterentwickelt und waren Anstoß für weitere Entwicklungen in der Sozialen Arbeit. Fortschritte gab es vor allem seitens der Methoden und der Profession der Sozialen Arbeit. Die soziale Arbeit als Handlungswissenschaft und die soziale Diagnose sind nur einige wenige Entwicklungen. Die Entstehung und Ausweitung des Ausbildungssystems der sozialen Berufe sind eine der wichtigen Verdienste von Frau Salomon. Kritisch dabei ist zu sehen, dass sich Frauenberufe nicht innerhalb von männlich dominierten Universitäten entwickelten, sondern immer abseits. Auch die nationalistische Einstellung während des Weltkrieges, steht im Widerspruch zu ihrer biographischen Geschichte. Die Theorie von Ilse Arlt zur Armutsforschung war im ersten Drittel des 20. Jahrhundert weitverbreitet, jedoch nahm dies nach dem zweiten Weltkrieg sehr stark ab. Arlts Anhänger sehen die Aufarbeitung als besonderes relevant an, da sie für die Lösung von nationalen und internationalen sozialen Problemen beitragen könnte. Die recherchierte Literatur war häufig, zu der Biographie und der Entstehung der Frauenschulen oder die Wichtigkeit der Ausbildung, die Theorie als solches herauszuarbeiten war nicht immer einfach.

2. Kriterien einer kritisch reflexiven Theorie:

Die Theorie der Sozialen Arbeit umfasst verschiedenste theoretische Ansätze und Methoden, die wissenschaftlich fundiert wurden und werden. Einige eigene Gedanken möchte ich im folgenden Abschnitt darstellen. Die soziale Arbeit bewegt sich in ständig veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen, bei denen sich die Theorie und die Forschung anpassen müssen. Diese Verhältnisse sind abhängig vom gesellschaftlichen Wandel aber auch politischen Gegebenheiten. Eine Theorie sollte die momentane gesellschaftliche Lage wahrnehmen. D.h. wie die Gesellschaft ist und nicht wie sie sein sollte.

Für mich steht die Person, der Klient im Mittelpunkt der Sozialen Arbeit. Die Lebenswelt und das soziale Umfeld der Menschen sollten betrachtet werden. Die Menschen sollen sich selbstbestimmt entfalten und ihr Leben frei gestalten können. Die Haltung des Sozialarbeiters ist besonders wichtig, da dieser auch die Ressourcen des Klienten fördern kann und erkennen kann. Die soziale Arbeit hat auch die Pflicht, sich an die Grundrechte und an die Menschenrechte zu halten und für die Menschen ein lebenswertes Leben zu schaffen. Eine weitere wichtige Frage ist die Verknüpfung von Theorie und Praxis in der sozialen Arbeit. Welche Theorien können in die Praxis umgesetzt werden und welche Methoden und Ansätze aus der Praxis sind für die Wissenschaft relevant? Bildung und Erziehung werden immer wichtigere Aspekte in der aktuellen Gesellschaft.

Prüf – und Kritikkriterien können durch Weiterentwicklung (Forschung) von Theorien und Überprüfung bereits vorhanden geschaffen werden. Eine Verpflichtung für einheitliche Qualitätsstandards, jedoch für Spielräume für die Sozialarbeiter sind relevant. Dies sollte überprüfbar sein und Schwächen im System werden erkennbar und können verändert und umgesetzt werden. Diese brauchen auch eine empirische Nachweisbarkeit.

Folgende Elemente der Theorie bzw. Aussagenbereiche sind von Bedeutung. Die Theorie sollte die Möglichkeit haben in die Praxis umgesetzt zu werden. Die Begrifflichkeiten der Theorie müssen klar definiert werden, sodass Sozialarbeiter mit diesen in der Praxis umgehen und kommunizieren können. Einheitliche Standards und die Vereinbarung von Theorie und Praxis sind dabei gewichtig. Diese Elemente können als Hilfe und Unterstützung für die praktische Umsetzung von Nutzen sein.

3. Adressatin- Situationsbeispiel

Mandy 20 Jahre alt, wohnt momentan zusammen mit ihrer 5 jährigen Tochter in einer Mutter- Kind Einrichtung in Berlin. Sie versorgt ihr Kind eigenständig und erhält seitens des Heimes Unterstützung im Alltag und bei der Arbeitssuche. Sie wünscht sich eine eigene Wohnung mit ihre Tochter und ihrem neuen Freund. Natürlich auch einen Ausbildungsplatz und eine Übernahme.

Mandy wird als 4. Tochter in Berlin geboren. Seit Beginn ist sie immer wieder bei Pflegeeltern und bei der Mutter untergebracht, da ihr Vater sie vor ihre Geburt verlassen hat und die Mutter immer wieder in Kliniken für eine Zeit unterkommt (psychische Erkrankung). Die Mutter arbeitet in Bars mit eventuellen Verbindungen ins Prositutionsmilieu. Jedoch hat die Mutter wenig Geld und die Familie lebt am Existenzminimum. Nach einigen Jahren findet die Mutter einen neuen Partner und Mandy bekommt einen Halbbruder. In dieser Zeit bekommt Mandy nur geringe Hilfe ihre Mutter bei schulischen Aufgaben und trifft sich nur sehr selten mit Freunden, da sie auf ihren Bruder aufpassen muss. Einmal die Woche erhält die Mutter eine Familienpflegerin. Sie leben mit ihrer Mutter, dem Freund der Mutter und ihrem Halbbruder in einer kleinen Wohnung eines Mehrfamilienhauses am Rande der Stadt. Die Mutter ist arbeitslos und hält sich wieder häufiger bei Therapien auf. Als Mandy 13 Jahre ist flüchtet die Mutter mit ihren Kindern ins Frauenhaus, da es zu sexuellem Missbrauch an den Kindern gekommen ist. Die Mutter trennt sich von den Kindern und geht zurück zu ihrem Freund. Zuerst werden die Kinder von Jugendamt in einem Heim aufgenommen und danach getrennt einige Monate später in eine Pflegefamilie. Mit den Pflegeltern hat Mandy eine gute Beziehung, zieht sich aber immer mehr zurück, spricht nicht über ihre Sorgen und trifft sich mit ihren neuen Freunden. Sie trinkt häufig Alkohol und ist oft bis sehr spät in die Nacht mit älteren Jugendlichen auf der Straße unterwegs. Die Freundschaften halten häufig nicht lange, da Mandy häufig Gesprächen und engeren Beziehungen aus dem Weg geht. Sie schafft einen guten Hauptschulabschluss, wird aber kurze Zeit später schwanger und von ihrem momentanen Freund verlassen. Mandy wird noch vor der Geburt ihrer Tochter im Mutter Kindheim aufgenommen. Sie fühlt sich wohl und möchte ihr Kind auch behalten. Sie bleibt weiterhin im Kontakt mit ihren Pflegeeltern. Sie wohnt für die nächsten 3 Jahre weiterhin im Mutter Kind –Heim. Sie zeigt zu Beginn anfängliche Schwierigkeiten mit ihrer Tochter, kann sich aber auf die Unterstützung der Mitarbeiter einlassen. Sie findet Freundinnen in der Einrichtung, mit denen sie eine langjährige Freundschaft verbindet und eingehen kann und lernt vor 2 Jahren ihren neunen Partner kennen mit dem sie eine harmonische Beziehung führt. Seit einigen Wochen hat sie den Wunsch nach einer eigenen Wohnung und mehr Freiräumen.

4. Begründung der Theorie von Ilse Arlt und Alice Salomon

Für die Theorien von Ilse Arlt und Alice Salomon habe ich entschieden, da ihre Theorien noch immer sehr zeitgemäß sind. Frau Arlt prägte die planmäßige Armuts- und Gedeihens Forschung und dies ist ein elementarer Schritt in der sozialen Arbeit. Frau Arlt setzte sich meiner Ansicht nach, schon sehr früh für die Bedürfnisse der Frau ein und entwickelte die erste Frauenschule für die Wohlfahrtspflege. Das Thema Armut interessierte sie schon seit früher Kindheit, daraus wollte sie Wege finden, diese Armut zu erkennen und auch zu beseitigen. Sie sah den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Armut als Negation des Gedeihens an. Beides steht nach ihrer Theorie im Verhältnis zueinander. Besonders spannend, ist wie sie Armut anhand der Bedürfnisse festlegt, da man Armut in der heutigen Gesellschaft nur schwer greifen und festmachen kann. Auch die Auswirkungen einer anhaltenden Über – Unterbefriedigung sei für die heutige Gesellschaft besonders relevant und lassen sich meiner Ansicht nach übertragen.

Frau Salomon verfolgte den Gerechtigkeitsgedanken und sah die individuellen Probleme auch immer als gesamtgesellschaftliche Problematik. Auch war sie stark in der Frauenbewegung verwurzelt und sah die besondere Rolle der Frau an. Nicht nur als benachteiligt sondern auch enorm für die übertreffenden Fähigkeiten und Kompetenzen der Frau und deren Folgen für die Gesellschaft.

Beide Frauen haben trotz ihrer Schwierigkeiten Bildung in Anspruch zu nehmen, da ihnen das Studium verwehr wurde, trotzdem Forschung und Wissenschaft betreiben können und sich für Bildung und Ausbildung von Frauen einsetzen können. Die Theorien sind beide überwiegend in der gleichen Zeit des 19. Jahrhunderts entstanden, zeigen aber noch Aktualität bis in die heutige Zeit. Frau Arlt beschreibt die Problematik der Armut anhand der Bedürfnisse, Frau Salomon betrachtet die Gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse, an denen sich die Menschen neu orientieren müssen. Die Theorien haben ähnliche Schwerpunkte, zeigen jedoch andere Folgen und Forderungen.

5. Theorie von Ilse Arlt (1876- 1960)

5.1 Biographische Daten und historischer Kontext:

Ilse Arlt wird 1876 in Wien geboren. Ihr Vater ist Augenarzt, ihre Mutter ist Malerin. Sie besteht mit 20 Jahren die Lehramtsprüfung, kann aber aufgrund ihrer Erkrankung nicht als Erzieherin arbeiten und möchte studieren. Frauen sind zur dieser Zeit an Universitäten aber nicht zugelassen. Außerdem ist ihre Wissenschaft, die Erforschung der Armut noch an keiner Universität möglich. Sie beginnt ein Studium als Autodidaktin. Ilse Arlt besucht selbst Plätze der Armut, um sich ein eigenes Bild der Situation zu machen und dies zu erforschen. Ab 1910 verfolgt Frau Arlt den Gedanken, den Beruf der Wohlfahrtspflegerin zu schaffen. Dabei gründet sie dann 1912 die erste Fürsorgerinnenschule in Wien. (vgl. Engelke 2008 S.266-267) Durch die neue Ausbildung wollte sie alle sozialen Frauenberufe erfassen und der Zersplitterung durch die starke Spezialisierung entgegenwirken. Den Unterricht, wollte sie nach den jeweiligen Lebensnotwendigkeiten und nicht nach den momentanen Fürsorgereformen gestalten. D.h. sie sah schon recht früh, die Notwenigkeit die Arbeit an den Bedürfnissen und der momentanen Lebenssituation der Menschen festzumachen. (vgl. Maiss 2011, S. 37) In der Zeit des Nationalsozialismus wird die Schule von Ilse Arlt geschlossen und ihr wird das Publizieren verboten. Sie lebt in dieser Zeit in Armut und Angst, da sie keine finanziellen Rücklagen hat und ihre Großmutter Jüdin war. Nach dem Krieg eröffnet sie wieder ihre Schule. Sie wird 1955 mit dem Dr. Karl Renner- Preis ausgezeichnet. (vgl. Engelke 2008, S. 266-268)

„In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts streiten sich in der Österreichisch- Ungarischen Monarchie die unterschiedlichen Nationalitäten.“(Engelke 2008, S. 265) Durch den ersten Weltkrieg werden die Lebensmittelschwierigkeiten so groß, dass die Weltwirtschaftskrise dies zusätzlich noch verstärkt. Frauen sind meist zuhause und haben keine Chancen auf Bildung. Hauptmerkmal für sie, ist sich um das Familienleben und den Ehepartner zu kümmern. In dieser Zeit gewinnen die Nationalsozialisten immer mehr an Zustimmung, vor allem im Deutschen Reich. Auch im 2. Weltkrieg nimmt Österreich, als Teil vom deutschen Reich am Krieg teil. (vgl. Engelke 2008, S. 265) Wien ist zu dieser Zeit, eine der größten und ältesten Städte in Europa und ein Schauplatz verschiedenster Kulturen aber auch großer Armut. (vgl. Engelke 2008, S. 266)

5.2 Theorie und Forschungsinteresse:

Ilse Arlts Interesse liegt schon seit früher Kindheit, am menschlichen Leid und Armut. Da sie keine Antwort auf eine wirkliche Hilfe findet, beginnt sie zu forschen. Sie forscht zu Beginn im Bereich der deskriptiven Nationalökonomie. Sie wendet dies aber ab, da sich ihrer Meinung nach keine Gesetzmäßigkeit von Armut ergibt. Durch verschiedenste Untersuchungen erforscht sie den Ist und Soll- Zustand der menschlichen Entwicklung und deren Lebenslagen. Armut bezeichnet sie dabei als „Negation des Gedeihens“ (Engelke 2008, S. 268-269). Ilse Arlt unterscheidet zwischen „regelmäßigen Lebensbedürfnissen“, die jederzeit befriedigt werden müssen und „fallweisen sonstigen Bedürfnissen“. Ihrer Ansicht nach, gibt es aber nur zwei Wege diese Bedürfnisse zu bestreiten. Zum einen, man strebt nach Gewalt, Reichtum und Macht. Zum anderen, dass man seine Bedürfnisbefriedigung vereinfacht und seinen Bedarf reduziert. Das hat dazu geführt, dass Frau Arlt 13 Bedürfnisklassen unterscheidet, die befriedigt werden müssen. (vgl. Staub- Bernasconi 2007, S. 28-29)

Diese sind: „ Luft/Licht/Wasser/Wärme, Ernährung, Körperpflege, ärztliche Hilfe und Krankenpflege, Unfallverhütung und Erste Hilfe, Kleidung, Wohnung, Erholung, Familienleben, Erziehung, Rechtsschutz, Ausbildung und wirtschaftliche Tüchtigkeit, Geistespflege (Moral, Ethik, Religion)“ (Staub- Bernasconi 2007, S. 29). Sie hebt hervor, dass diese Bedürfnisse für alle Menschen als Grundbedürfnisse gelten, unabhängig ob arm oder reich, Alter, Schicht Religionszugehörigkeit, dass sie nur eine andere Ausprägung haben. Die Bedürfnisse stehen nicht hierarchisch zueinander, sie sind stark miteinander verbunden und haben ein „komplexes Ursache- Wirkungsverhältnis“ (Maiss, 2009 S.5). siehe Abbildung 2, welche die Bedürfnispyramide nach Maslow beschreibt, er stellt die Bedürfnisse hierarchisch auf. Die Bedürfnisse können seiner Ansicht nach, nacheinander befriedigt werden.

Eine Über- Unterbefriedigung der Bedürfnisse, kann Auswirkungen auf andere Bedürfnisse haben und weitere Folgen für den Menschen. (vgl. Maiss, 2009, S. 5) Siehe auch Abbildung 1, bei der Frau Arlt die Auswirkungen einer Über-Unterbefriedigung der Bedürfnisse aufzeigt. Des Weiteren hebt sie hervor, dass jedes Bedürfnis eine bestimmte Notschwelle hat. Dies ermöglicht das Bestimmen, wann die Not beginnt bzw. wer in Armut lebt. Weiter führt sie an, dass die Bedürfnisbefriedigung auch von der objektiven gesellschaftlichen Struktur abhängig ist, z.B. welche wirtschaftlichen Möglichkeiten (Besitz) jemand hat, welche Fähigkeiten und Kenntnisse die Person besitzt und wie über die eigene Zeit verfügt werden kann. (vgl. Staub- Bernasconi 2007 S. 29-30) Sie richtet ihre Armutsforschung aber nicht allein auf diese Bereiche, sondern auch auf das Verhältnis von Armut und Gedeihen, dies sieht sie im Zusammenhang. (vgl. Maiss 2009, S. 61) Sie betont, dass Armut keine feste Tatsache ist, eine verlaufsförmige Mangelbefindlichkeit, die oft sehr weit vom menschlichen Gedeihen und Wohlleben abweicht. (vgl. Maiss 2009, S. 62) Dabei stellt sie sich immer wieder die Frage, wie sich das Verhältnis von Armut und Gedeihen auf der Mikro- und Makroebene der Gesellschaft verhalten. Dabei prägt sie den Begriff des „schöpferischen Konsumieren Könnens“(Maiss 2009, S. 62). Die Regulierung und Befriedigung der Interessen und Bedürfnisse sieht sie in ständiger Gefahr von externen Störungen und Änderungen, einerseits der Gesellschaft und anderseits den persönlichen Anforderungen. Dieses Konsumieren betrachtet sie als eng verknüpft mit dem menschlichen Sein, dass zu seiner Entwicklung, Entfaltung aber auch mit dem Wollen und Verstehen des Menschen verbunden ist. Durch das politische und kommerzielle Konsumieren sieht sie eine Befriedigung der Bedürfnisse in Gefahr. Doch berichtet sie, dass diese Konsumieren fremdbestimmt in den neuen Gesellschaften passiere und „die Produktion den Markt beherrsche“ (Maiss 2009, S. 63). Nach ihrer Fürsorgetheorie, muss vom Menschen ausgegangen werden, von der Arbeit, seiner Umgebung und seinem Leben. „Volkspflege ist die Hilfsweise, die nach genauer Erfassung aller Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigung die Hilfe einleitet und dabei Volksbrauch und Volkssitte berücksichtigt.“(Maiss 2010, S.115) Ihre Theorie ist sehr individualbezogen aber auch nationalökonomisch und basiert auf ihrer Armuts- und Gedeihensforschung. Weiter beschäftigt sie sich mit den Arbeitsbedingungen von Frauen und die Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben. Dabei unterscheidet sie schon die unterschiedlichen Folgen von verheirateten und ledigen Frauen. Immer deutlicher wird in ihrer Theorie, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in einer Gesellschaft alle Individuen betreffen und dies auch wieder Auswirkungen auf die Allgemeinheit hat. Durch die Fürsorgeplanung soll den benachteiligten Menschen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Fähigkeiten wiederzuerlangen und ihr Leben selbstbestimmt zu leiten. Ilse Arlt nennt dies „Hilfe zur Selbsthilfe“ (vgl. Maiss 2009, S.13). Dies soll dem Menschen helfen im Hier und Jetzt ein erfülltes Leben zu leben. Diese bedeutet nach Frau Arlt, die Stärkung der Lebensfreude und der eigenen Kräfte, sich selbst zu bestimmen, sie sozialen Kontakte mit der Umwelt zu gestalten, gut für sich selbst zu sorgen und gedeihen zu können. Dies sollte nicht auf Kosten der Armut anderer geschehen. Aus dieser Selbsthilfe kann auch nach Ilse Arlt die Abhängigkeiten von dem Hilfesystem vermeiden werden. (vgl. Maiss 2009, S. 64)

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Frau Ilse Arlt den Mensch in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte, sie sah diesen mit all seinen Bedürfnissen, seinen Leiden und seinen Ressourcen. Die Hilfe zur Selbsthilfe und Wiedereingliederung in das gesellschaftliche Leben waren besonders relevant für sie.

5.3 Bezug der Theorie von Ilse Arlt auf das Adressatin-Beispiel:

Unter absoluten Armut, wird Armut als Existenzminium definiert, das nur der Lebenserwartung dient, also dem physischen Existenzminium. Relative Armut definiert Armut im gesellschaftlichen Standard. z.B. durchschnittliches Einkommen. (vgl. Malyssek 2009, S. 55)

Die Theorie von Ilse Arlt lässt sich sehr gut auf das Beispiel von Mandy übertragen. Denn auch Mandy ist in Armut aufgewachsen und wird auch in Zukunft eher in ärmeren Verhältnissen leben. Der Bedarf ihrer Grundbedürfnisse wurde dauerhaft reduziert. Da ihre Mutter selbst häufig gesundheitlich angeschlagen war konnte sie Mandy kein Bewusstsein für ihre eigene Gesundheit schaffen. Sie wurde häufig in verschiedenen Bereichen z.B. Familienleben, Ernährung und Wohnung vernachlässigt. Eine feste Bindung oder ein Familienleben erlebe sie nur wenig. Aus diesem Mangel an bestimmten Bedürfnissen, die nicht befriedigt wurden, kam es zu Auswirkungen und Folgen für den gesamten Lebenslauf von Mandy. So bekam sie beispielsweise schon sehr früh ein Kind, da sie sich eine eigene Familie wünschte und sich dadurch Sicherheit und Zuneigung erhoffte. Auch das Bewusstsein auf sich selbst zu achten, ging in ihrem Lebenslauf unter. Ilse Arlt beschrieb schon sehr früh, dass eine nicht Befriedigung der Bedürfnisse, Auswirkungen auf das gesamte Leben einer Person haben kann. Die Notschwelle die Frau Arlt für die Allgemeinheit beschrieben hatte, find ich, wurde bei Mandy häufig unterschritten. Nicht nur, dass sie in wirtschaftlicher Armut lebte, sondern auch die Bedürfnisse und Wünsche nach Liebe, Zuneigung, Familienleben wurden ständig unterschritten. Armut setze Frau Ilse Arlt immer wiederum Zusammenhang mit Gedeihen der Person. Dies ist auch sehr deutlich im Fall von Mandy zu sehen, dass die Armut in der sie lebte auch ihr Gedeihen sehr einschränkte. Sie zeigt eine geringe Bildung, da ihr die grundlegende Bindung und Hilfe einer Bezugsperson fehlte. Dies kann auch abhängig von der wirtschaftlichen Lage der Mutter hervorgegangen sein. D.h. welche Möglichkeiten hätte die Mutter