Welche Auswirkungen hat das Rentensystem auf das Leben im Alter? Zwischen Armut, Ausgrenzung und wohlverdientem Ruhestand


Fachbuch, 2018
54 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition
2.1 Armut
2.2 Von Kinder- zur Altersarmut
2.3 Soziale Ungleichheit

3 Lebenswelten im Alter
3.1 Lebensweltorientierung
3.2 Ab wann ist man alt?
3.3 Lebenswelten im Alter
3.4 Zusammenfassung der Lebenswelten im Alter

4 Das System der Deutschen Rentenversicherung
4.1 Geschichtliche Entwicklungen des Rentenversicherungssystems
4.2 Grundlagen der Altersvorsorge in der gesetzlichen Rentenversicherung heute
4.3 Grundlagen der Altersvorsorge in der Beamtenversorgung

5 Demographischer Wandel
5.1 Entwicklungen der Bevölkerung
5.2 Die Bedeutung der demographischen Entwicklung für das Rentensystem

6 Soziale Ausgrenzung als Konsequenz des Rentensystems
6.1 Alleinerziehende
6.2 Menschen mit Migrationshintergrund
6.3 Zusammenfassung

7 Altenhilfe als Feld der Sozialen Arbeit
7.1 Entwicklung der Profession Soziale Arbeit im Kontext zur Sozial- und Altenpolitik
7.2 Felder der Sozialen Arbeit mit älteren Menschen

8 Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die drei Säulen der Alterssicherung in Deutschland

Abbildung 2: Die Komponenten des demographischen Wandels - Ursachen und Wechsel-wirkungen

Abbildung 3: Geschätzte Entwicklung der Bevölkerung bis 2030

Abbildung 4: Zusammengefasste Geburtenziffer in Deutschland

Abbildung 5: Fertilitätsrate im internationalen Vergleich

Abbildung 6: Lebenserwartung Neugeborener in der Prognose

Abbildung 7: Restlebenserwartung 65-Jähriger in der Prognose

Abbildung 8: Zu- und Fortzüge über die Grenzen Deutschlands von 2007 bis 2015

Abbildung 9: Armutsgefährdungsquote in Prozent, von 2014

Abbildung 10: Anzahl der Alleinerziehenden in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren 2000 bis 2015

1 Einleitung

Im Rahmen der vorliegenden Bachelorarbeit soll herausgefunden werden, welche Auswirkungen das deutsche Rentensystem auf individuelle Altersverläufe hat. Diese Auswirkungen sollen vor dem Hintergrund des aktuellen politischen Diskurses der älter werdenden Gesellschaft in Deutschland und den damit verbundenen Rentenreformen, was in Kombination einen sozialen Ausschluss einzelner Individuen herbeiführen kann, in der kommenden Arbeit genauer beleuchtet werden.

Um soziale Ausgrenzungen beziehungsweise den Ausschluss von bestimmten Ressourcen und Angeboten im Alter zu untersuchen, sind Definitionen von Armutsbegriffen und sozialer Ungleichheit sowie Kenntnisse der gesamten Lebensverläufe betroffener Menschen erforderlich. Menschen, die zum Beispiel aufgrund langfristiger Arbeitslosigkeit, eines Migrationshintergrunds oder geringer Qualifikation sozialen Ausschluss erleben, werden es auch im Alter schwer haben, sich aus ihrer prekären Lebenslage zu befreien. Um dies verstehen zu können, soll im Nachgang die Lebenswelt der älteren Menschen beschrieben werden. In diesem Kapitel soll darauf eingegangen werden, wie sich die Lebensphase ‚Alter‘ von den vorherigen Lebensphasen unterscheidet und welche Auswirkungen dies auf die individuellen Menschen haben kann. Anschließend wird erläutert, wie das System der Deutschen Rentenversicherung entstanden und aufgebaut ist. Darauf aufbauend befasse ich mich mit dem demographischen Wandel, der die Rentenversicherung aufgrund mehrerer Faktoren beeinflusst.

Zum Abschluss der Arbeit werden exemplarisch zwei armutsgefährdete Gruppen dargestellt und dahingehend untersucht, warum und wodurch sie ein erhöhtes Armutsrisiko aufweisen. Des Weiteren wird geprüft, ob die Soziale Arbeit für die armutsgefährdeten Gruppen von Nutzen sein kann. Wenn dies der Fall ist, soll untersucht werden, in welcher Form die Soziale Arbeit ihre Profession ausüben kann.

2 Definition

Im folgenden Kapitel nehme ich Bezug zu den verschiedenen Definitionen von Armut. Daraufhin befasse ich mich mit sozialer Ungleichheit und gehe abschließend auf die Historie der Armut in Deutschland ein.

2.1 Armut

Da „keine Armutsdefinition für alle Länder und alle Zeiten gleichermaßen Gültigkeit“ (Butterwegge 2009, S. 11) haben kann, ist es schwer, Armut allgemein zu beschreiben. Dennoch ist es wichtig, zu wissen, welche Definitionen es von Armut gibt, warum es zwischen diesen unterschiedliche Auffassungen gibt und wie man mit dem Thema in Zukunft umgehen kann.

Armut hängt von den jeweiligen gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie herrscht, ab und ist daher schwer zu verallgemeinern (vgl. ebd. S. 12). „Es gibt keine allgemeingültige Definition von Armut, sondern nur eine jeweils zu einem gewissen Zeitpunkt in einer gegebenen Gesellschaft herrschende Definition. Sie prägt die Politik gegenüber den Armen, entscheidet darüber, ob sie das Etikett Armut erhalten, die zur Unterstützung berechtigt oder ob sie anders etikettiert werden“ (Wagner 1982, S. 31). Armut wird auch „je nach sozialer Stellung, Weltanschauung und Religion“ (Butterwegge 2009, S. 13) unterschiedlich wahrgenommen und wird deswegen individuell behandelt. Zugleich ist Armut auch ein relationaler Begriff, „der nur im Verhältnis zu jener Gesellschaft einen Sinn ergibt, in der ein davon Betroffener lebt“ (ebd.). Demnach kann man die Armut in der sogenannten Dritten Welt nicht mit der Armut in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland vergleichen, sondern muss eine Bedeutung der Definition der verschiedenen Gesellschaften finden und bearbeiten. Ebenso wie ihr Gegenstück, der Reichtum, sind die beiden Phänomene schwer abzugrenzen und zahlenmäßig nicht genau zu erfassen, wie Leopold von Wiese um die Mitte der 1950er Jahre in der Kölner Zeitschrift für Soziologie bemerkte: „Wo Reichtum beginnt, wo Armut aufhört, kann niemand sagen. Zieht man den Begriff des Existenzminimums zur Klärung heran, so ist die Beweislast nur verschoben; denn dieses Minimum ist rechnerisch ebenso schwer erfassbar“ (Leopold v. Wiese in KZfS in Butterwegge 2009, S.13).

Neben der Frage der genauen Definition stellt sich auch die Frage, wie man arm wird. Denn man ist nicht von Natur aus arm und es ist auch keine göttliche Fügung. Arm wird man vielmehr durch die Gesellschaft beziehungsweise durch sozioökonomische Entscheidungen. „Armut ist selten selbst verschuldet. Armut wird erzeugt, entweder durch die Mechanismen des ökomischen Systems oder durch konkrete politische Handlungen beziehungsweise Unterlassungen“ (Roth 1997, S. 110).

„Der ‚klassische‘ Armutsbegriff, welcher von der Antike über das christliche Mittelalter bis zur Neuzeit im Gebrauch war, bezog sich auf die Frage, ob jemand mehr besaß, als er zum Überleben und bloßem Dahinvegetieren benötigte“ (Butterwegge 2009, S. 15). Ein moderner Armutsbegriff muss viel differenzierter sein und muss berücksichtigen, in welcher Gesellschaft ein Mensch lebt beziehungsweise wie groß der ihn umgebende Wohlstand ist. Der US-amerikanische Historiker Gabriel Kolko benennt Armut folgender-maßen: „Armut ist die wirtschaftliche Unfähigkeit, ein Minimum an ärztlicher Betreuung, Ernährung, Schutz und Sicherheit aufrechtzuerhalten“ (Kolko 1967, S. 77). Wolfgang Glatzer und Werner Hübinger verstehen unter Armut „inferiore Lebenslagen, die hinsichtlich ihrer materiellen und immateriellen Dimensionen unterhalb von Minimalstandards zu finden sind; diese Minimalstandards sind in Relation zu den durchschnittlichen Versorgungsniveaus in der Gesellschaft zu bestimmen und zu begründen“ (Wolfgang Glatzer/Werner Hübinger 1990, S. 44). Olaf Groh-Samberg definiert: „Eine Person gilt in dem Maße von Armut betroffen, wie sie sich im Hinblick auf ihre ökonomischen Ressourcen und die mit ihnen in unmittelbarerer Wechselwirkung stehenden Lebenslagen dauerhaft unterhalb des gesellschaftlichen Wohlstandsniveaus bewegt“ (Groh-Samberg 2009, S. 118).

Armut ist viel mehr als nur durch materielle Güter zu definieren. Armut ist ein „mehrdimensionales Phänomen“ (Butterwegge 2009, S. 18), welches sich auch auf andere Dinge fokussiert. Betroffenen fehlt es neben Geld oftmals auch an „Artikulations-, Politik- und Konfliktfähigkeit, das heißt die Möglichkeit, sich in gesellschaftliche Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse einzumischen“ (ebd.).

Die Armutsforschung unterscheidet zwei Typen von Armut: Absolute und relative Armut.

In der absoluten Armut besteht ein Mangel an der Versorgung mit Gütern wie Nahrung, Bekleidung, Behausung, Leistungen der Gesundheitsvorsorge und pflege, familialen und sozialen Kontakten und weiteren Bereichen. Durch eine Mangelversorgung ist das Existenzminimum gefährdet. Die United Nations haben absolute Armut folgendermaßen definiert: „Eine Person ist absolut arm, wenn sie weniger als einen US-Dollar pro Tag zum (Über-)Leben zur Verfügung hat. Die Welthungerhilfe setzt 1,25 Dollar pro Tag als absolute Armutsgrenze an. Beide Größen sind relativ willkürlich, weil sie die konkreten Lebensbedingungen, die Kaufkraft des Geldes, den Umfang der Eigenproduktion etc. in den unterschiedlichsten Regionen nicht berücksichtigen (können)“ (Willke 2011, S. 30).

In der relativen Armut spielt das finanzielle Einkommen gemessen am Durchschnittseinkommen der jeweiligen Gesellschaft eine Rolle. Der Fokus setzt sich hier auf die soziokulturelle Ungleichheit der jeweiligen Gesellschaft. Die physische Existenz wird durch Sozialhilfen oder andere Leistungen gesichert, ein Mangel an kultureller Teilhabe bleibt jedoch bestehen. Die United Nations haben auch für die relative Armut eine Definition festgelegt: „Relative Armut liegt vor, wenn eine Person oder ein Haushalt über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügt“ (ebd.).

Neben der absoluten und relativen Armut gibt es unter anderem die verdeckte Armut, die im gesellschaftlichen und politischen Diskurs oft zu Wort kommt.

Unter verdeckter Armut versteht man Personen, die einen Anspruch auf Sozialhilfe haben, diesen jedoch nicht beantragen und somit keine staatliche Unterstützung beziehen. Gründe für eine sogenannte verdeckte Armut sind unterschiedlich. Viele der Menschen wissen nicht, dass ihnen Leistungen zustehen, und/oder denken, dass ihnen vorerst Angehörige Unterhalt zahlen müssten, bevor der Staat einspringt. Anderen Menschen fällt es aufgrund der Scham schwer, soziale Unterstützung zu beantragen. Die Angst, von anderen Menschen als Sozialhilfeempfänger/in[1] abgestempelt zu werden, ist größer als der eigentliche Bedarf an sozialer Unterstützung (vgl. www.caritas.de).

2.2 Von Kinder- zur Altersarmut

Kinderarmut ist zurzeit wohl die verbreiteteste Armutsform in Deutschland. Im März 2007 lebten „fast 1,929 Millionen Kinder unter 15 Jahren (von ca. 11,44 Millionen dieser Altersgruppe insgesamt) in SGB-II-Bedarfsgemeinschaften“ (Butterwege 2009, S. 91). Zählt man Kinder aus Sozialhilfehaushalten, Flüchtlingsfamilien und die sogenannte Dunkelziffer hinzu, „lebten etwa 2,8 Millionen Kinder, das heißt mindestens jedes fünfte Kind dieses Alter, auf oder unter dem Sozialhilfeniveau“ (ebd.).

Um Kinderarmut zu bestimmen, erfasst man die Lage der Eltern, welche überwiegend aus dem Einkommen hergeleitet wird. Neben dem Einkommen spielen Lebensbereiche wie Arbeit, Bildung, Wohnen, Gesundheit, Freizeit und soziale Netzwerke in der Armutserscheinung eine Rolle (vgl. Butterwege 2005, S. 102). Fällt das niedrige Einkommen mit weiteren der genannten Bereiche zusammen, „lassen sich Gruppen herauskristallisieren, die von Armut in einem umfassenderen Sinn betroffen sind“ (ebd.).

Aufgrund von mangelnden finanziellen Ressourcen werden Ausgaben für die schulische Bildung der Kinder oftmals reduziert, um mit dem Geld die Ausgaben für Ernährung und Wohnung zu verringern (vgl. Butterwege 2002, S. 158). Die langfristige Konsequenz wird für die meisten Kinder und Jugendlichen eine Einschränkung im Bereich der Bildungschancen und deren Teilhabe sein. „Besonders der Übergang von der Grundschule in den Sekundarbereich I ist hierfür entscheidend“ (ebd. S. 160). Dieser Übergang kann für die meisten Kinder den biografischen Verlauf beeinflussen. Kinder aus sozial schwachen Familien werden demnach keine oder nur niedrige schulische Bildungsabschlüsse erwerben (vgl. ebd.), und somit kaum Chancen auf dem späteren Arbeitsmarkt bekommen. Arbeitslosigkeit oder Tätigkeiten im Niedriglohnsektor wären die Konsequenz. Je nach Lebenslauf der Menschen, die als Kinder von oder unter dem Sozialhilfeniveau gelebt haben, besitzen ein erhöhtes Risiko, auch während ihrer Erwerbszeit und besonders zum Eintritt in ihre Rente von Armut betroffen zu sein.

Im Jahr 2014 galt jede sechste Person in Deutschland als armutsgefährdet: 16,7 Prozent der Bevölkerung bezog ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Gäbe es keine Sozialleistungen in Deutschland, wäre jede vierte Person in Deutschland armutsgefährdet. Dieser Personenkreis wird im Laufe seines Lebens eine gesetzliche Rente erhalten, welche aufgrund der geringen Einzahlungen der Grundsicherung ähneln wird. Ein kurzer oder langer Zeitraum in bestimmten Lebensphasen dieser Menschen wird von sozialer Ungleichheit und teilweise sozialer Ausgrenzung geprägt. Was diese Begriffe bedeuten, wird im Folgenden beschrieben.

2.3 Soziale Ungleichheit

Formen der sozialen Ungleichheit finden in allen Gesellschaftsformen statt, da es immer einen Besseren und einen Schlechteren, einen Mächtigeren und einen Unterdrückten und/oder einen Wohlhabenden und einen Ärmeren in der Gesellschaft gibt. In einer Gesellschaft, wie es die Bundesrepublik Deutschland ist, haben es zum Beispiel Geringqualifizierte schwerer, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, als Gut- bis Hochqualifizierte. „Soziale Ungleichheiten betreffen auf der einen Seite die alltäglichen Lebenschancen und Erfahrungen der Einzelnen. Andererseits schaffen soziale Ungleichheiten aber auch gesellschaftliche Probleme und politische Auseinandersetzung, die über die Lebenswelt der einzelnen Menschen hinausreichen“ (www.bpb.de).

Zu einer der schlimmsten „Formen sozialer Ungleichheit gehört die Unterscheidung von Zugehörigkeit (Teilhabe) und Ausschluss (oder Ausgrenzung)“ (Anhorn 2005, S. 64). Ausgrenzungen finden in kleinen homogenen und/oder heterogenen Gruppen, in der Wirtschaft, in der Kultur, in der Politik und allen Gesellschaften statt. Obwohl diese „dem demokratischen Selbstverständnis und den normativen Grundlagen allgemeiner Menschen- und Staatsbürgerrechte (Gleichheit, Freiheit, Partizipation) widersprechen“ (ebd.). Das Phänomen der sozialen Ausgrenzung bzw. Ausschließung ist aufgrund der entstehenden Armut, „der Chancenlosigkeit für viele Menschen“ (ebd.) ein Problem in der Gesellschaft geworden, was zu „Spaltungen der modernen Gesellschaft in ein Drinnen und Draußen“ (ebd.) geführt hat. Die soziale Ausgrenzung ist die schlimmste Form der sozialen Ungleichheit, welche dem Individuum die Rolle des Nutzlosen in der Gesellschaft widerspiegelt. Die Person findet wenig Zugehörigkeit in Gruppen und bekommt wenig soziale Anerkennung, was den gesellschaftlichen Funktionsbereich stark minimiert (vgl. ebd. S. 67).

Im Jahr 2014 galt jede sechste Person in Deutschland als armutsgefährdet: 16,7 Prozent der Bevölkerung bezog ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Gäbe es keine Sozialleistungen in Deutschland, wäre jede vierte Person in Deutschland armutsgefährdet. Dieser Personenkreis wird im Laufe seines Lebens eine gesetzliche Rente erhalten, welche aufgrund der geringen Einzahlungen der Grundsicherung ähneln wird. Um über die Auswirkungen des Rentensystems auf individuelle Alter(n)sverläufe sprechen zu können, muss erörtert werden, wie die Lebenswelten bei der älteren Bevölkerung gelebt werden.

3 Lebenswelten im Alter

3.1 Lebensweltorientierung

Das Konzept der Lebensweltorientierung ist eine Theorie der Sozialen Arbeit, welche in der Praxis der Sozialen Arbeit dem/der professionellen Sozialarbeiter/in eine Orientierung geben soll. „Das Konzept verknüpft eine spezifische Sicht der Bestimmungsmerkmale heutiger Lebensverhältnisse mit darauf sich ergebenden Konstruktionsprinzipien der Sozialen Arbeit“ (Grundwald, Thiersch 2004, S. 13).

Soziale Arbeit konzentriert sich heutzutage nicht mehr nur auf die traditionellen Bereiche der Armut und Menschen in Not. Die Gesellschaft ist von zunehmender sozialer Ungleichheit geprägt, welche einen „wachsenden allgemeinen Bedarf an Hilfe bei der alltäglichen Bewältigung“ (ebd. S. 16) benötigt. Soziale Arbeit sieht ihre Aufgabe also darin, ihre Hilfsangebote für alle anzubieten. Somit rückt die „Soziale Arbeit in die Mitte der Gesellschaft“ (ebd.). Hierbei wird das Konzept der Lebensweltorientierung benötigt. Lebensweltorientierung bedeutet, den Alltag der individuellen Person zunächst zu kennen und das darauf aufbauende Handeln der Person zu verstehen. Lebenswirklichkeit und Handlungsmuster werden unter dem Aspekt der Alltäglichkeit rekonstruiert (vgl. ebd. S. 18). „Die alltägliche Lebenswelt ist strukturiert durch die erlebte Zeit, den erlebten Raum und die erlebten sozialen Bezüge, in ihr wird pragmatisch Relevantes von Nicht-Relevantem unterschieden; Interpretationen und Handlungen gerinnen zu Alltagswissen und Routinen“ (ebd.). Der/die Klient/innen ist immer der/die wichtigste Expert/in für die Wahrnehmung der eigenen Lebenswelt. Die erfahrene Wirklichkeit der Lebenswelt unterscheidet sich von vielen verschiedenen Lebensräumen oder Lebensfeldern. Diese können die Familie, die Arbeit, verschiedene Gruppen (wie Vereine), aber auch die Öffentlichkeit sein. „Indem Menschen im Lebenslauf durch verschiedene dieser Lebensfelder hindurchgehen, bewegen sie sich im Neben- und Nacheinander unterschiedlich profilierter lebensweltlicher Erfahrungen“ (ebd. S. 20). Die verschiedenen Lebensfelder erweitern sich mit zunehmendem Alter und werden als positive oder negative Erfahrungen im Kopf abgespeichert, welche das Bewusstsein und das Handeln des Einzelnen bestimmen können.

„Der Mensch wird nicht abstrakt als Individuum verstanden, sondern in der Erfahrung einer Wirklichkeit, in der er sich immer schon vorfindet“ (ebd. S. 20). Die Erfahrungen der Wirklichkeit sind in vier Dimensionen eingeteilt: die Dimension der (erfahrenen) Zeit, die Dimension des Raumes, die Dimension der sozialen Bezüge und die Dimension der aktuellen Bewältigungsarbeit.

Lebensweltorientierte soziale Arbeit organsiert sich in Strukturmaximen: Prävention, Regionalisierung, Alltagsorientierung, Integration und Partizipation. Die Aufgabe der Prävention ist es nicht, erst im Notfall zu helfen, sondern schon vorher zu agieren und Bedarfe zu erkennen, um Personen vor einer Krise zu schützen. Regionalisierung beziehungsweise Dezentralisierung sollen vor Ort die Hilfsangebote stärken und einen leichteren Zugang für Klient/innen eröffnen. Die Alltagsnähe meint „die Präsenz von Hilfen in der Lebenswelt“ der Klient/innen, also dass diese erreichbar sind und niederschwellige Angebote angeboten werden, um eine breite Masse ansprechen zu können (vgl. ebd. S. 26). Die Integration möchte die Gleichheit des Individuums stärken und somit eine Ausgrenzung verhindern. Partizipation hat die Aufgabe, den Klient/innen soziale Teilhabe und Mitbestimmungen an Prozessen und Planungen zu ermöglichen

3.2 Ab wann ist man alt?

Mit dem Einstieg in das Rentenalter erleben Rentenbezieher/innen eine neue Phase ihres Lebens. Die Phase wird mit dem Altwerden charakterisiert und ist in der Gesellschaft oftmals negativ belastet. Einen alten Menschen stellt man sich meist arm, einsam und häufig krank oder pflegebedürftig vor. Die Frage ist daher: Ab wann ist man alt? Und wie leben alte Menschen? Wer als „alt zu verstehen ist, ist nicht objektiv und allgemein gültig bestimmbar“ (Thieme 2008, S. 29). Zunächst wird Alter meist am Lebensalter gemessen, also der „[…] Differenz der Jahre zwischen Geburt und Gegenwart“ (ebd.). Hinzu kommt die gesellschaftliche Betrachtung, ab wann man als alt gilt sowie die individuelle Einschätzung einer jeweiligen Person (vgl. ebd.). Um zu definieren, wann Menschen alt sind, ist es daher eher hilfreich, von einem gesellschaftlichen Altersstatus zu sprechen, welcher für die breite Gruppe statt für jeden Einzelnen gilt.

„Die Rede vom Altersstatus schließt ein, dass dieser ein spezieller Status ist“ (ebd.). Um diesen Status zu erlangen, musste ein vorheriger abgegeben werden. In dem Fall wäre es der Berufsstatus. Somit tritt die Person vom Berufsstatus in das rentenfähige Alter, den sogenannten Altersstatus ein. Altwerden wäre in dem Fall also mit einem tatsächlichen Datum verbunden und „von der Sonderheit des Individuums unabhängig zu machen“ (ebd. S. 33).

Zu Beginn des Renteneintritts sind viele Rentenbezieher/innen sozial und finanziell gut in die Gesellschaft beziehungsweise in ihr soziales Umfeld integriert. Man kann daher „von einer eigenständigen Lebensphase (Bäcker, Naegele, Bispnick, Hofemann, Neubauer 2010, S. 353) sprechen, da die Zeit während der Rentenphase „nicht selten 30 Jahre und mehr beträgt“ (ebd.). Lebensphasen beginnen aufbauend in der Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter bis hin zum Alter. „Während diesen Phasen sind jeweils prägnante Unterschiede hinsichtlich der organischen und psychischen Reife beziehungsweise deren Wachsen oder deren Reduktion festzustellen“ (Thieme 2008, S. 34). Zugleich verändern sich „Stellung in der Gesellschaft“ (ebd.) sowie „die Position, die Partizipationsmöglichkeiten, die Zugangsmöglichkeiten zu Macht und Einfluss“ (ebd.).

Wo nun der Beginn der Lebensphase Alter anfängt, kann man der Fachliteratur nicht entnehmen, da diese variiert. Das Beispiel, dass das Alter nach dem Renteneintritt zu bestimmen ist, ist aufgrund der vielen Frührentner/innen problematisch. Hinzu kommt, dass „obwohl die gesetzliche Festlegung des Rentenalters nicht beliebig ist, sondern den allgemeinen Altersabbau und die Lebenserwartung reflektiert, ist sie letztlich willkürlich gesetzt“ (ebd. S. 35).

Man sollte den Fokus einer Definition des Alters daher nicht auf das kalendarische Alter legen, sondern auf das individuelle Alter eines Menschen. Grundsätzlich altert man mit Beginn der Geburt. Der Ablauf des Alterns ist nichtlinear und abhängig von verschiedenen Faktoren (vgl. ebd. S. 36). „Dazu gehören die erbliche Veranlagung, Umweltbedingungen, ausgeübter Beruf, erlittene Krankheiten und Unfälle, ‚Schicksalsschläge‘, die Art des persönlichen Umgangs damit und die ‚seelische Bewältigung‘“ (ebd.).

In der Fachliteratur wird häufig mit dem Vollenden des 65. Lebensjahr von alten Menschen gesprochen. „Gelegentlich werden bereits die ab 55jährigen, seltener die ab 50jährigen dazu gezählt“ (ebd.).

Die Lebensphase im Alter muss man aufgrund der körperlichen Befindlichkeiten sowie Möglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in verschiedene Altersgruppen der Lebensphase ‚Alter‘ unterteilen. In den jeweiligen Altersgruppen befinden sich die ‚jungen Alten‘ (von 60 bis 70), die ‚Alten‘ (70 bis 80 oder 85) sowie die ‚ganz Alten‘ oder ‚Hochbetagten‘ (von 80 bzw. 85) (vgl. Bundesministerium 2001, S. 46).

3.3 Lebenswelten im Alter

Klassische Altersprobleme während dieser Lebensphase sind unter anderem die Zeit, die durch den Erwerbsverlust entstanden ist, nützlich neu zu gestalten. Die Erwerbszeit war oder ist für viele Menschen „ein zentraler Lebensinhalt“ (Bäcker, Naegele, Bispnick, Hofemann, Neubauer 2010, S. 354), der mit dem Wegfall neu ersetzt werden muss. Bedingt durch das zunehmende Alter steigt jedoch das Risiko, „dass eine eigenständige und individuelle befriedigende Lebensgestaltung aus vielerlei Gründen nicht oder nur begrenzt möglich ist“ (ebd.). Dies stellt für viele Rentenbezieher/innen eine psychische Belastung dar, mit der man lernen muss, umzugehen. Um eine befriedigende Alltagsgestaltung vollziehen zu können, benötigt man im Alter ein ausreichendes Einkommen. Die Quellen der regelmäßigen finanziellen Einkommen können verschieden sein: „Erwerbstätigkeit, Vermögen, staatliche Transferleistungen, gesetzliche Rentenversicherung“ (Thieme 2008, S. 29). Es ist die fundamentale Voraussetzung dafür, „dass auch ältere Menschen aktiv und gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und teilhaben können“ (ebd. S. 354). Der Erwerbsverlust kann also nicht nur Schwierigkeiten und Probleme mit sich bringen, sondern kann dem/der Rentenbezieher/in zeitliche Freiräume schaffen, um sich individuell zu entfalten (vgl. ebd.).

Die Gruppe der Rentenbezieher/innen kann man aufgrund der verschiedenen Lebensverhältnisse nicht als eine homogene Gruppe deklarieren. Es gibt unterschiedlichste Lebenslagen im Alter, welche „von einer Vielzahl ineinander greifender und sich verstärkender sozialer, biologischer und psychologischer Einflussfaktoren“ (ebd. S. 366) abhängig sind. Ob man als Rentner/innen mit Einschränkungen oder mit vielen Freiheiten im Alter lebt, hängt von der sozialen und finanziellen Stellung während der Erwerbszeit ab. Wer demnach als Arbeitnehmer/in viel in die Rentenkassen einzahlen konnte und privat vorgesorgt hat, ist im Rentenalter besser gestellt als Menschen, die während ihres Erwerbslebens unsichere, abhängige und/oder befristete Arbeitsverhältnisse hatten (vgl. ebd. S. 355). Denn nicht nur materielle Güter sind von Geld geprägt, sondern auch „das Unterhalten sozialer Beziehungen, das Teilhaben an Konsum- und Kulturangeboten macht abhängig von Geld“ (Thieme 2008, S. 238). Daher ist die ‚Lebensphase Alter‘ durch soziale Ungleichheit geformt. Bei finanziellen Einschränkungen im Alter entstehen Konsequenzen wie „häufige Krankheit, Pflegebedürftigkeit und gesellschaftliche Desintegration“ (Bäcker, Naegele, Bispnick, Hofemann, Neubauer 2010, S. 355).

Zurzeit befindet sich nur eine Minderheit der Rentenbezieher/innen in einer sozial problematischen Lebenslage (vgl. ebd.). Zu der Minderheit gehören besonders „sehr alte Menschen, darunter viele allein stehende Frauen, [...] ältere Menschen mit niedrigem sozio-ökonomischen Herkunftsmilieu sowie zunehmend [...] solche mit Migrationshintergrund“ (ebd.). Außerdem ist zu beachten, dass es regionale Unterschiede gibt wie „z. B. in den Arbeitsmarkt- und Beschäftigungschancen oder Disparitäten in den Angebots- und übrigen Versorgungsstrukturen mit sozialen Diensten zu sozialen Ungleichheiten im Alter“ (ebd.).

Neben der finanziellen Ausgangslage im Alter sind soziale Netzwerke besonders wichtig in der Lebenswelt der Älteren. Das Familien- und Freundesumfeld spielt im Alter eine zentrale Rolle. Dieses bietet soziale Integration sowie emotionale und instrumentelle Unterstützung (vgl. ebd. S. 373). Aufgrund von Krankheiten, Umzug, Tod und/oder Einschränkungen im Aktionsradius der Kontaktpersonen werden soziale Kontakt mit zunehmen Alter weniger und vorhandene Kontakte immer wichtiger (vgl. Kleiner 2012 S. 30).

Eine weitere zentrale Rolle spielt die Form des Wohnens im Alter. Im Alter wird die meiste Zeit zu Hause verbracht (vgl. Bäcker, Naegele, Bispnick, Hofemann, Neubauer 2010, S. 374). Der Wunsch der meisten älteren Menschen ist es, eine selbstständige Lebensführung in ihren eigenen vier Wänden zu erhalten. Daher sind rund „40 % der Älteren“ in ihrem eigenen Wohneigentum (vgl. ebd.). Der eigene Haushalt stellt für ältere Menschen Selbstständigkeit, Eigenständigkeit und Selbstverantwortung dar und gibt den Menschen eine Art Sicherheit. Außerdem wird der eigene Haushalt ein zentraler Ort, wo soziale Kontakte gepflegt werden, welches daher eine bedeutende Rolle in der Lebenswelt für die Älteren darstellt.

Demgegenüber gewinnen auch andere Formen des sogenannten Gemeinschafts-, Generations- oder Servicewohnens an Bedeutung (vgl. ebd. S. 375). Diese Formen sollen die Selbstständigkeit der Mitbewohner/innen bis ins hohe Alter fördern und unterstützen. Die Unterstützungen variieren je nach Wohn- und Dienstangeboten. Oftmals sind diese Wohngemeinschaften, welche häufig auch generationsgemischt sind, mit Sozial- und Pflegediensten vernetzt, um eine bedarfsgerechte Unterstützung zu gewährleisten.

Neben der Wohnform spielen im Alter auch soziale Beziehungen eine wichtige Rolle. Soziale Beziehungen sind im Alter unter anderem von der Familienstruktur abhängig. Nach dem Auszug der Kinder aus dem Elternhaus, dem Eintritt ins Rentenalter sowie der möglichen Verwitwung können bedeutende Rollenverluste eintreten. Demgegenüber können eigene Kinder sowie deren Kinder bestimmte Rollen ersetzen oder kompensieren.

Zwar haben Familie und Verwandtschaft im Alter unter den sozialen Beziehungen Priorität, doch auch Freunde, Nachbarn und Bekannte spielen in sozialen Netzwerken eine wichtige Rolle (vgl. ebd. S. 72).

Die familiären Beziehungen sind im Alltag bedeutsam für die physische Unterstützung. Freundschaftsbeziehungen hingegen vermitteln soziale Anerkennung. Nachbarn können bei kleineren häuslichen Problemen aushelfen. Bekannte und Vereinskameraden sind dagegen als Funktion für soziale Kontakte da und können die Freizeit mitgestalten (vgl. ebd.).

Die Gesundheit und das damit einhergehende Wohlbefinden spielen im Alter eine besonders wichtige Rolle. Die Lebenslage der älteren Menschen wird nämlich vom jeweiligen Gesundheitsstand geprägt. Krankheiten gewinnen im zunehmenden Alter immer mehr an Bedeutung, da diese in unterschiedlichem Maße die Selbstständigkeit älterer Menschen beeinflussen können. Viele Krankheiten, die dem Alter zugeschrieben werden, sind Prozesse, die das Altern begleiten und eigentlich schon im jüngeren Alter vorhanden waren, sich während des Alterns jedoch akuter abzeichnen (vgl. Backes/Clemens 1998, S. 183). ‚Primäre Alterskrankheiten‘, die im Alter erstmals auftreten, sind unter anderem Altersdiabetes, Arteriosklerose und degenerative Veränderungen des Bewegungsapparats (vgl. ebd.). „Akute Erkrankungen haben im Alter oft einen schwereren Verlauf oder werden schwerer bewältigt, denn der Organismus braucht länger zur vollständigen Genesung“ (ebd.). Krankheiten können unabhängig voneinander und gleichzeitig auftreten, was als Multimorbidität[2] bezeichnet wird. Dies verdeutlicht die Problematik von Diagnosen und Therapie in der Geriatrie, da nicht immer festzustellen ist, welche Krankheiten welche Ursache haben. Durch Multi-morbidität können Abhängigkeiten entstehen, welche die Lebenslage und Lebenswelt beeinträchtigen und die Unterstützung von Angehörigen oder Pflegekräften benötigen (vgl. ebd.).

Die Lebenswelt wird unteranderem auch durch das Einkommen bestimmt, welches daher ebenso wichtig für Rentenbezieher/innen im Alter ist.

„Rund 2/3 der Alterseinkünfte sind Einkünfte aus der gesetzlichen Rentenversicherung“ (Aner, Karl 2010, S. 290). Betriebliche und private Altersvorsorge machen knapp 21 Prozent der Alterseinkünfte aus. Kapitalerträge wie zum Beispiel aus Geldanlagen und monatlichen Mieteinnahmen machen durchschnittlich sieben Prozent der Einkünfte aus (vgl. ebd.). „Einkommen aus Erwerbstätigkeit mit durchschnittlich vier Prozent und aus Sozialtransfers mit durchschnittlich einem Prozent spielen nur eine geringe Rolle“ (ebd.), was sich jedoch aufgrund der Rentenreform 2005 ändern kann.

3.4 Zusammenfassung der Lebenswelten im Alter

Zusammenfassend lässt sich sagen, „dass es keine festgelegten, standardisierten Lebensentwürfe und Lebenswege und auch keine verbindlichen Aufgaben oder Funktionen mehr für die Altersphase gibt. […] Gleichzeitig erhöhen sich die Vorgaben, Regelungen, Zwänge und Bestimmungen gesellschaftlicher Institutionen (wie zum Beispiel Rentenversicherung, Pflegeversicherung etc.) ohne jedoch gleichzeitig orientierende Leitbilder zu vermitteln“ (Zippel, Kraus 2009, S. 35). Das bedeutet also, dass die Altersphase individuell ausgelebt werden kann, gleichzeitig jedoch strikte Bedingungen nach sich zieht und vom vorherigen Erwerbsleben sowie der familiären Struktur abweichen kann.

4 Das System der Deutschen Rentenversicherung

4.1 Geschichtliche Entwicklungen des Rentenversicherungssystems

Durch die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts wurde die Klasse der „Arbeiter/innen“ geschaffen, welche keine sozialen Absicherungen besaßen. Arbeiter/innen, die Invalide oder aus Altersgründen nicht mehr arbeiten konnten, lebten unter prekären Lebenslagen.

Aufgrund des wachsenden Einflusses der Sozialdemokratie fühlte sich Kaiser Wilhelm I. auf Anraten von Reichskanzler Bismarck in der Verantwortung, ein Gesetz zum Schutz der Arbeiter/innen gegen Krankheit, Unfall, Invalidität und im Alter zu beschließen. Der Reichstag verabschiedete daraufhin 1883 das Krankenversicherungsgesetz, 1884 das Unfallversicherungsgesetz und 1889 das Invaliditäts- und Altersversicherungsgesetz, welches am 01.01.1891 in Kraft trat und als Start der gesetzlichen Rentenversicherung angesehen wird (vgl. Pfaffenbach 2009, S. 15).

Im Jahre 1890 wurden 31 Versicherungsanstalten als Träger der Invalidenversicherung errichtet. Sie zahlten ab 1891 Invalidenrenten an Versicherte, wenn diese "dauernd erwerbsunfähig" waren. Altersrenten wurden erst mit Vollendung des 70. Lebensjahres bewilligt und galten eher als „Ausgleich für geringere Verdienstmöglichkeit wegen nachlassenden körperlichen Möglichkeiten, jedoch nicht als Altersruhegeld wie wir es heute kennen“ (ebd.).

Eine Hinterbliebenenrente gab es in dieser Zeit noch nicht.

Die Renten wurden durch gleich hohe Beiträge der Versicherten und Arbeitgeber sowie durch einen Reichszuschuss – eine Regelung, die sich im Prinzip bis heute erhalten hat – finanziert.

Das Rentensystem gründet sich auf das Kapitaldeckungsprinzip. Demnach sollen die Leistungen durch das Ansparen jede/n einzelne/n Versicherte/n abdecken und ihnen im Rentenalter ausgezahlt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Reserven durch die Hyperinflation weitgehend entwertet. Das Vermögen der Deutschen Rentenbank ist auf 86 Prozent zusammengeschmolzen. Leistungskürzungen waren infolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 außerdem unvermeidlich. Dennoch blieb das Rentensystem, wie es war. Die Rente hatte in der Zeit eine weitgehende Unterstützungsfunktion im finanziellen Leben der Menschen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden mangels Rücklagen in der Rentenversicherung Beiträge vom Staat bezuschusst (vgl. http://www.deutscherentenversicherung.de).

[...]


[1] Im weiteren Verlauf der Arbeit wird die Geschlechtergerechte Schreibweise verwendet. Dies soll die Gleichstellung der verschiedenen Geschlechter verdeutlichen.

[2] gleichzeitiges Bestehen mehrerer Krankheiten bei einem Patienten (www.duden.de)

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Details

Titel
Welche Auswirkungen hat das Rentensystem auf das Leben im Alter? Zwischen Armut, Ausgrenzung und wohlverdientem Ruhestand
Jahr
2018
Seiten
54
Katalognummer
V388728
ISBN (eBook)
9783956874154
ISBN (Buch)
9783956874291
Dateigröße
12050 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Altersarmut, Rente, Armut, Lebenswet, Gesetzliche Rentenversicherung, Rentenreform, Altersvorsorge, Lebenserwartung, Altenhilfe, Soziale Arbeit, Altenarbeit
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Anonym, 2018, Welche Auswirkungen hat das Rentensystem auf das Leben im Alter? Zwischen Armut, Ausgrenzung und wohlverdientem Ruhestand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388728

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