Kein anderer Bilanzposten unterliegt einer größeren Unsicherheit und daraus resultierenden bilanzpolitischen Spielräumen mehr als der Posten der Rückstellungen. Trotz der hohen Unsicherheit kommt den Rückstellungen bei deutschen Unternehmen eine hohe Bedeutung zu. Der Anteil der Rückstellungen an der Bilanzsumme, welcher im Jahr 2010 nach Auswertung der Deutschen Bundesbank bei durchschnittlich 19,5 % lag, ist ein Indikator für die hohe Bedeutung. Ein weiteres Anzeichen ist die Vielzahl der BFH Urteile und anderen Rechtsprechungen, welche versuchen bilanzpolitische Gestaltungsmöglichkeiten genauer zu kodifizieren.
Aufgrund der hohen Relevanz für Unternehmen beschäftigt sich diese Arbeit mit dem Thema des Ansatzes und der Auswirkung von Rückstellungen. Dafür wird zunächst der Begriff von den Verbindlichkeiten abgegrenzt und im Kontext von Handels- und Steuerrecht genauer erläutert. Diese zwingend notwendige Unterscheidung wird anschließend vertieft, indem Ansatz und Bewertung von Rückstellungen detailliert dargestellt werden. Die so herausgearbeiteten Unterschiede führen im aktuellen Niedrigzinsumfeld zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Steuer- und Handelsbilanz. Diese Abweichung birgt verfassungsrechtliche Problemstellungen worauf in Kapitel 5 eingegangen wird. Aufgrund des zu großen Umfanges wird im letzten Kapitel nicht näher auf die komplexen Ansatzkriterien der Pensionsrückstellungen eingegangen, es erfolgt in diesem lediglich eine Auseinandersetzung mit dem Abzinsungszinssatz dieser Rückstellungen.
Ziel der Arbeit ist die Schaffung eines grundlegenden Verständnisses des Themengebietes mit Blick auf den Unterschied zwischen Handels- und Steuerbilanz und Einblicke in die aktuellen rechtlichen Entwicklungen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriff der Rückstellung
2.1 Zweck
2.2 Abgrenzung zu Verbindlichkeiten
2.3 Rückstellungen nach Handelsrecht
2.4 Rückstellungen nach Steuerrecht
3 Rückstellungen in der Handelsbilanz
3.1 Ansatzkriterien
3.1.1 Ungewisse Verbindlichkeiten
3.1.2 Drohende Verluste aus schwebenden Geschäften
3.1.3 Aufwandsrückstellungen
3.2 Bewertung
3.2.1 Begriff des Erfüllungsbetrages
3.2.2 Abzinsungsgebot
3.2.2.1 Zinssatz
3.2.2.2 Verbindlichkeitsrückstellung
3.2.3 Auswirkung
4 Rückstellungen in der Steuerbilanz
4.1 Steuerliche Sondervorschriften
4.2 Bewertung
4.2.1 Abzinsungsgebot
4.2.1.1 Zinssatz
4.2.1.2 Verbindlichkeitsrückstellung
4.2.2 Auswirkung
4.2.2.1 Unterschied zu der Handelsbilanz
4.2.2.2 Latente Steuern
5 Verfassungsmäßigkeit des steuerlichen Zinssatzes
5.1 Argumente für Zinssatzkorrektur
5.1.1 Gleichheitssatzwidrige Typisierung des Zinssatzes nach § 6a Abs. 3 Satz 3 EStG
5.1.2 Ungleiche Steuerbelastung als Folge einer nicht realitätsnahen Typisierung
5.1.3 Verfassungsmäßigkeit des Abzinsungszinssatzes nach § 6 Abs. 1 Nr. 3a Buchst. e) EStG
5.2 Beibehaltung des Zinssatzes
5.2.1 Steuerstundungseffekt
5.2.2 Verfassungsrechtliche Beurteilung nach Prof. Doralt
5.2.3 Kritische Würdigung der Ansicht Doralts
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bilanzierung von Rückstellungen im Handels- und Steuerrecht, mit einem besonderen Fokus auf die Diskrepanzen bei der Bewertung und Abzinsung. Das primäre Ziel ist es, ein grundlegendes Verständnis für die unterschiedliche Behandlung dieser Passivposten zu schaffen und die verfassungsrechtlichen Implikationen der steuerlichen Zinssätze im aktuellen Niedrigzinsumfeld zu analysieren.
- Abgrenzung und Definition von Rückstellungen gegenüber Verbindlichkeiten
- Ansatz- und Bewertungskriterien in der Handelsbilanz
- Sonderregelungen in der Steuerbilanz gemäß Einkommensteuergesetz
- Die Problematik der Typisierung steuerlicher Zinssätze im Lichte der Verfassungsmäßigkeit
- Analyse des Steuerstundungseffekts und seiner Relevanz für die Bilanzpolitik
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Ungewisse Verbindlichkeiten
Wesentliches Ansatzkriterium einer Rückstellung für ungewisse Verbindlichkeiten ist eine Verpflichtung gegenüber Dritten (s. Kapitel 2). Unterschieden wird hierbei zwischen faktischen Verpflichtungen, welchen sich der Kaufmann aus moralischen, tatsächlichen oder wirtschaftlichen Gründen nicht entziehen kann, zivilrechtliche Verpflichtungen, welche aus Vertragsverhältnissen heraus entstehen und öffentlich-rechtlichen Verpflichtungen, welche gesetzlich begründet sind.
Neben der Verpflichtung gegenüber Dritten ist die tatsächliche Inanspruchnahme der ungewissen Verbindlichkeit notwendig. Der Steuerpflichtige muss ohne Zweifel mit einer Inanspruchnahme rechnen. Wie bereits in der Begriffserklärung der Rückstellungen genannt, müssen laut BFH „mehr Gründe für als gegen das Entstehen der in Rede stehenden Verbindlichkeit und die künftige Inanspruchnahme des Steuerpflichtigen sprechen“, man spricht in diesem Zusammenhang von der 51 % Regel. Hierbei ist zwischen der Wahrscheinlichkeit des Be- oder Entstehens und der Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme der Rückstellung zu differenzieren, da es sich um zwei verschiedene Risiken handelt. Der BFH macht lediglich die Wahrscheinlichkeit der Inanspruchnahme zum entscheidenden Kriterium.
Abschließendes Ansatzkriterium ist die wirtschaftliche Verursachung. Nach dem BFH ist die Bildung von Verbindlichkeitsrückstellungen nur dann erlaubt, wenn sie rechtlich voll entstanden oder wirtschaftlich in der Zeit vor dem Bilanzstichtag verursacht worden sind. Rechtlich voll entstanden ist eine Verpflichtung, wenn die Auszahlung infolge vertraglicher oder gesetzlicher Regelungen verlangt wird. Mit der wirtschaftlichen Verursachung einer ungewissen Verbindlichkeit sind alle wesentlichen Tatbestandsmerkmale erfüllt. Gemeint ist, dass künftige Aufwendungen den bereits realisierten Erträgen nach dem Realisationsprinzip des § 252 Abs. 1 Nr. 4 HGB zuzuordnen sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Relevanz von Rückstellungen als Bilanzposten und Darstellung der Zielsetzung der Arbeit.
2 Begriff der Rückstellung: Definition der Rückstellungen sowie deren Abgrenzung zu Verbindlichkeiten unter Berücksichtigung verschiedener Bilanztheorien.
3 Rückstellungen in der Handelsbilanz: Detaillierte Darstellung der Ansatz- und Bewertungskriterien handelsrechtlicher Rückstellungen, inklusive der Auswirkungen von Abzinsungen.
4 Rückstellungen in der Steuerbilanz: Analyse der steuerlichen Sondervorschriften und der daraus resultierenden Abweichungen zur Handelsbilanz.
5 Verfassungsmäßigkeit des steuerlichen Zinssatzes: Diskussion über die Verfassungskonformität fester Zinssätze unter Berücksichtigung von Argumenten für und gegen eine Zinssatzanpassung.
6 Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Ausblick auf die Bedeutung der aktuellen Rechtsprechung.
Schlüsselwörter
Rückstellungen, Handelsbilanz, Steuerbilanz, Abzinsung, Verbindlichkeiten, Bilanzpolitik, Niedrigzinsphase, Maßgeblichkeitsprinzip, Pensionsrückstellungen, Steuerstundungseffekt, Leistungsfähigkeitsprinzip, Typisierung, Bilanzrecht, Realisationsprinzip, BFH-Rechtsprechung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Behandlung und Bewertung von Rückstellungen in der Handels- und Steuerbilanz deutscher Unternehmen sowie die damit verbundenen bilanzpolitischen Spielräume.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung von Rückstellungen und Verbindlichkeiten, die handelsrechtliche Bewertung, steuerliche Sonderregelungen sowie die verfassungsrechtliche Debatte um die steuerlichen Zinssätze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein Verständnis für die Unterschiede zwischen Handels- und Steuerbilanz bei Rückstellungen zu schaffen und aufzuzeigen, wie sich rechtliche Rahmenbedingungen auf den Unternehmenserfolg auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse, der Auswertung von BFH-Urteilen, Beschlüssen des Bundesverfassungsgerichts sowie der Analyse aktueller bilanzrechtlicher Entwicklungen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung der Ansatz- und Bewertungsregeln nach HGB und EStG sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Verfassungsmäßigkeit der steuerlichen Zinssätze.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Rückstellungen, Abzinsung, Maßgeblichkeitsprinzip, Steuerstundungseffekt, Handelsbilanz, Steuerbilanz und Niedrigzinsphase.
Warum sind die steuerlichen Zinssätze derzeit so umstritten?
Aufgrund der langjährigen Niedrigzinsphase führen die gesetzlich fixierten Zinssätze (z.B. 6% für Pensionsrückstellungen) zu einer erheblichen Diskrepanz zum Marktniveau, was laut Kritikern zu einer ungleichen Steuerbelastung führt.
Wie unterscheidet sich die Bewertung in der Handelsbilanz von der in der Steuerbilanz?
Während in der Handelsbilanz künftige Preis- und Kostensteigerungen berücksichtigt werden dürfen, sind diese in der Steuerbilanz explizit unzulässig, was häufig zu höheren Rückstellungswerten in der Handelsbilanz führt.
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- Anonym (Autor:in), 2018, Rückstellungen in Handels- und Steuerbilanz. Ansätze und Auswirkungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388824