Die kulturelle Reproduktion nach Pierre Bourdieu

Inwiefern beeinflusst die soziale Herkunft den Bildungserfolg?


Hausarbeit, 2015

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Table of Contents

1 Einleitung

2 Die Theorie der kulturellen Reproduktion nach Pierre Bourdieu
2.1 Habitus
2.2 Soziale Klasse
2.3 Soziale Felder
2.4 Kapital und Kapitalarten
2.5 Zusammenfassung der kulturellen Reproduktion

3. Die Bildungsexpansion und deren Folgen

4. Die Verbindung von der kulturellen Reproduktion mit der Chancenverteilung im Bildungssystem

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Chancengleichheit für alle- Das Ziel der Bildungsexpansion war unter anderem die Verbesserung der Bildungschancen aller sozialen Klassen und Schichten. Durch die Bildungsrevolte in den 1960er und 1970er Jahren, sowie dem anschließenden Ausbau und der breiten Öffnung des Bildungssystems wurde der Zugang zu höherer Bildung jeder Person unabhängig von deren sozialer, ökonomischer und kultureller Herkunft ermöglicht. Aus persönlichem wissenschaftlichem Interesse soll diese Arbeit untersuchen ob sich diese Chancengleichheit auf Bildung tatsächlich für alle Schichten verwirklichte oder ob sich diese Idee eher zu einer Illusion der Chancengleichheit im Bildungssystem entwickelte und welche Rolle die soziale Herkunft für den Bildungserfolg hierbei spielt. Bereits vor über 40 Jahren beschäftigte sich der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) mit der Frage nach der Bildungsgerechtigkeit. Er untersuchte den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen in Frankreich. Schon damals stellte er fest, dass die Chancengleichheit im Bildungssystem eine Illusion ist. Er lieferte mit seiner Theorie der kulturellen Reproduktion eine Erklärung, die begründen soll, wie das Schulsystem die sozialen Ungleichheiten erhält. Die soziale Selektivität und Chancenungleichheit des Bildungssystems ist auch in Deutschland vielfach beschrieben und belegt. Entgegen aller Reformbemühungen der vergangenen Jahrzehnte ist die Chance, einen qualifizierten Bildungsabschluss zu erlangen, nach wie vor in hohem Maße abhängig von der sozialen Herkunft (vgl. Dravenau, Groh- Samberg 2005, S.103). Die folgende Arbeit geht der Frage nach, inwiefern die soziale Herkunft den Bildungserfolg beeinflusst und welche Rolle diese dabei spielt. Das Ziel dieser Arbeit ist, die aufgestellten Thesen Bourdieus zum Thema soziale Ungleichheiten im französischen Bildungswesen darzustellen und die Theorie der kulturellen Reproduktion ausführlich zu betrachten, um diese in einem nächsten Schritt auf das gegenwärtige Bildungssystem in Deutschland zu beziehen. Hierbei soll die Bildungsexpansion und deren Folgen näher beleuchtet werden und die Relation der Reproduktion und der Chancenverteilung im Bildungssystem aufgezeigt werden. Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die Frage ob inwiefern die soziale Herkunft den Bildungserfolg/ bzw. Bildungsabschluss beeinflusst und ob sich die soziale Selektivität des Bildungssystems mithilfe der Terminologie Bourdieus im Einzelnen beschreiben und belegen lässt. Ausschließlich zur besseren Lesbarkeit werden in dieser Arbeit personenbezogene Bezeichnungen, die sich zugleich auf Frauen und Männer beziehen, generell nur in der männlichen Form angeführt. Dies soll jedoch keinesfalls eine Geschlechterdiskriminierung oder eine Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes zum Ausdruck bringen.

2 Theorie der kulturellen Reproduktion nach Pierre Bourdieu

Bourdieu setzte sich zum Ziel die fortlaufende Ungleichheit aufgrund der sozialen Herkunft effektiv erklären zu können. Hierzu entwickelte er die Theorie der kulturellen Reproduktion. Bourdieu widerlegt, dass das Bildungssystem sich an einer weitest gehenden vollkommenen Selektion an Leistungskriterien für den folgenden Statuserwerb orientiert. Vielmehr weisen er und Passeron darauf hin, inwiefern formal gegebene Bildungschancen vom Einzelnen genutzt und Bildungszertifikate erfolgreich erworben werden können, mehr denn je von leistungsbezogenen Kriterien wie z.B. der sozialen Herkunft der Kinder und der sozialen Beziehungen der Eltern, abhängig ist (vgl. Fröhlich, Rehbein 2009, S.211). Somit besagt die zentrale Annahme Bourdieus, dass das Bildungssystem, „…gewollt oder nicht gewollt, die eigentliche Funktion der Stabilisierung des Systems der sozialen Ungleichheit [hat]“ und „selbst ein wichtiger Teil im Gesamtsystem der Reproduktion von Macht [ist]…“ (zit. Ditton 1992, S. 57). Bourdieu stellt fest, dass Kinder mit ungleichen sozialen und kulturellen Startkapitalien im Bildungssystem nach ihrer sozialen Herkunft sortiert werden. Somit sieht er die Funktion des Bildungssystems nicht darin, allen Kindern einen gleichen und gleichberechtigten Zugang zum Bildungssystem zu ermöglichen, sondern darin, die bestehende Sozialordnung bzw. Ungleichheitsordnung zu reproduzieren (vgl. Fuchs-Heinritz, König 2005, S.42). Ausschlaggebend sind hierbei die Kapitalformen des ökonomischen, des Bildungs- und des sozialen Kapitals, welche dem Einzelnen je nach Klassen bzw. Klassenfraktionen, in welche er hinein geboren wurde, unterschiedlich eigen sind. Demnach bieten sich dem Einzelnen unterschiedliche Möglichkeiten, seine Fähigkeiten zu nutzen, die ihm durch die Ursprungsfamilie gegeben sind. Entsprechend der eigenen Bezugsumgebung eignet sich der Mensch Habitusformen an, die als unbewusste Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster fungieren. Die Habitusformen unterscheiden sich in den einzelnen Klassen hinsichtlich der unterschiedlichen Situation, welche jeweils dort existieren. Aufgrund des Erlernens dieser Habitusformen durch die nachfolgende Generation und durch die vorhandenen klassenspezifischen Ressourcen dieser, werden sich dem Einzelnen nur wenige Entscheidungsmöglichkeiten als wichtig erschließen und es werden klassenspezifische Entscheidungen gefällt. Somit findet eine soziale und kulturelle Reproduktion der Ungleichheitsstruktur der Gesellschaft statt.

2.1 Habitus

Als Vermittlungskategorie zwischen Theorie und Praxis ist der Begriff des Habitus das Kernstück der Soziologie Bourdieus. Einer der grundlegendsten Inhalte der Habitustheorie ist die konstitutionstheoretische Problematik, wie soziale Praxis zustande kommt. Eng damit verbunden sind auch die erkenntnissoziologischen Implikationen der Habitustheorie, nämlich die Frage wie Akteure gesellschaftliche Praxis, in die sie involviert sind, wahrnehmen, erfahren und erkennen (vgl. Schwingel 2009, S.54). Hinsichtlich dieser Fragestellung fungiert die Habitustheorie als „…Theorie der praktischen Erkenntnis der sozialen Welt…“ (zit. Bourdieu 1976, S. 148). Bourdieu legt im Habituskonzept die grundlegenden, anthropologischen Annahmen über die soziologisch fundamentalen Eigentümlichkeiten sozialer Akteure dar (vgl. Schwingel 2009, S.55). Bourdieu definiert Habitusformen als

„…Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen…“ (zit. Bourdieu 1976, S. 165).

Bourdieus anthropologische Prämisse liegt infolge dessen darin, dass soziale Akteure mit systematisch strukturierten Anlagen ausgestattet sind, welche für ihre Praxis- und ihr Denken über die Praxis grundlegend sind. Der gesellschaftlich geprägte Akteur steht im Mittelpunkt dessen, was man als soziologisches Menschenbild Bourdieus signifizieren könnte. Die Habitustheorie stellt den Sachverhalt ins Zentrum, dass jeder Akteur gesellschaftlich vorbestimmt ist und zwar so, dass diese Festlegung als bestimmender Faktor in seine gegenwärtigen und zukünftigen Handlungen einfließt. Präziser muss darauf hingewiesen werden, dass nicht der soziale Akteur an sich gesellschaftlich bedingt ist, sondern sein Habitus und dass der Habitus nicht das einzige Prinzip des Handelns ist (vgl. Schwingel 2009, S.55), sondern „…ein Produktionsprinzip von Praktikern unter anderen…“(Bourdieu 1989, S. 397). Ein Habitus ist demnach also gesellschaftlich und parallel auch historisch bedingt. Er ist also nicht angeboren, sondern basiert auf individuellen und kollektiven Erfahrungen. Vielmehr gewährleistet er „…die aktive Präsenz früherer Erfahrungen, die sich in jedem Organismus in Gestalt von Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata niederschlagen“ (zit. Bourdieu 1987, S. 109). Demnach ist der Habitus nahezu der unbewusste Sinn für angemessenes, sozial sinnvolles Handeln in Bezug auf das Umfeld. Fokussiert man Ungleichheit beinhaltet der Habitus für prinzipiell einen vorreflexiven Geschmackssinn in Form von Distinktionsstrategien, welche die Akteure von anderen abgrenzen. Die Inkorporierung von Geschichte und somit von Gesellschaft als Struktur bewirkt Soziabilität, d.h. an Strukturen erfolgreich gekoppelte Akteure. Jedoch sind die Strukturen von den Akteuren abhängig, um nicht im Nichts unterzugehen. Strukturen müssen demnach ständig reproduziert werden. Allerdings sind die Strukturen auf Akteure angewiesen, um nicht im Nichts zu verschwinden. Strukturen müssen fortlaufend reproduziert werden. Das konventionelle Kreislaufmodell schließt sich, wenn Akteure ihrerseits als Produzenten von Kulturpraxis auftreten, gleichzeitig aber deren Produkte sind. Als geordnete Struktur ist der Habitus zum Einen ein Produkt des Handelns, zum anderen ist er eine Art des Handelns, im Sinne einer strukturierenden Struktur - er vermittelt also zwischen Struktur und Handlung (vgl. Barlösius 2006, S.47). Dieses Modell steht somit der Idee gegenüber, dass Individuen freie Entscheidungen treffen können, da der Habitus gesellschaftliche Faktoren vorbestimmt, die unser Handeln vorbestimmen. Der Habitus generiert also bestimmte Handlungen und erzeugt eine Praxis. Er entwickelt sich durch Erfahrungen, die der Akteur macht, die dessen „…Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata…“ (zit. Bourdieu 1987, S.101) bestimmen. Hiermit legt der Habitus einen Großteil unserer Existenz fest. Bourdieu spricht überdies davon, dass die Anlagen des Habitus selbst die Sprache und Bewegungen des Individuums bestimmen. Dank des Habitus ist das Individuum vegetativ mit einem sozialen oder praktischen Sinn ausgestattet, welcher Orientierung für das Leben bietet (vgl. Bohn 1991, S.66).

2.2 Soziale Klasse

Für die Theorie der kulturellen Reproduktion ist die Verbindung des Habitus zur sozialen Klasse bedeutend, schließlich wird hier der entscheidende Zusammenhang zwischen dem Individuum und der Gesellschaft verdeutlicht. Der Habitus ist nicht eine individuelle, autonome Größe, sondern ist durch die gesellschaftliche Position des Akteurs bestimmt. Somit ist jede individuelle Habitusform soziologisch gesehen, stets durch klassenspezifische Faktoren bedingt (vgl. Schwingel, 2009, S.66). Die Bedingungen, sprich die Erfahrungen, unter welchen sich der Habitus formt, sind von der jeweiligen Klasse abhängig.

„Die fundamentalen Gegensatzpaare der Struktur der Existenzbedingungen (oben/unten, reich/arm etc.) setzen sich tendenziell als grundlegende Strukturierungsprinzipien der Praxisformen wie deren Wahrnehmung durch“ (zit. Bourdieu 1982, S.279).

Das Handeln, die Wahrnehmung, der Geschmack, das Denken usw. werden durch die äußeren sozialen Strukturen verinnerlicht und bestimmt. Diese äußeren Strukturen werden als soziale Klassen bezeichnet. Die Einteilung der Gesellschaft in soziale Klassen beruht auf der Idee von sozialer Ungleichheit. Personen distinguieren sich hinsichtlich bestimmter Merkmale wie dem Habitus oder dem Besitz bestimmter Güter. In einer Klasse sind diejenigen aggregiert, welche sich in ihren Merkmalen gleichen, bzw. lassen diese sich anhand der Unterscheidungsprinzipien, wie die Art und die Zusammensetzung des Kapitals und die Höhe des verfügbaren Kapitals, in Positionen wie Oben oder Unten bestimmen (vgl. Kramer 2011, S.52f.).

„Die Individuen sind […] von Anfang an gesellschaftlich, das heißt, dass sie, indem sie auf gesellschaftliche Klassifizierungsprinzipien zurückgreifen, auch immer sozialen Klassen oder Milieus angehören“ (Bremer 2008, S.1532).

Personen verfügen also über spezielle und unterschiedliche Praktiken und über eine klassenspezifische Lebensführung, je nachdem welcher Klasse diese zugeordnet ist. Anhand der Habitustheorie lässt sich diese Verbindung erklären. Zum Einen definiert die Klassenlage den Habitus und legt das Individuum somit auf spezifische Praxisformen fest. Zum anderen ist der Lebensstil prägend für den Habitus, welcher wiederum die Mitgliedschaft in einer bestimmten Klasse bedeutet. Bourdieu definiert den Klassenhabitus als ein „… einheitsstiftendes Erzeugungsprinzip der Praxis…“ (Bourdieu 1982, S.175). Der von der Klasse definierte Habitus, bzw. die von ihm generierten Praktiken, finden allerdings nicht ungeordnet statt, sondern in einem bestimmten Rahmen. Die soziale Realität existiert gewissermaßen zweimal, in den Sachen und in den Köpfen, in den Feldern und in dem Habitus, innerhalb und außerhalb der Akteure (vgl. Bourdieu, Wasquant 1996, S.161).

2.3 Soziale Felder

Das soziale Feld stellt das Gegenstück zum Habitus dar. Es symbolisiert die verdinglichte Gesellschaft (Feld) gegenüber der leibgewordenen Gesellschaft (Habitus) (vgl. Fuchs- Heinritz, König 2005, S.139). Verdinglicht meint, dass objektive dingliche Strukturen das Feld definieren - Relationen, die zwischen den sozialen Positionen der Individuen bestehen (vgl. Steuerwald 2010, S.55). Jedem Feld entspricht eine bestimmte Praxis, daher sind den Handlungsmöglichkeiten innerhalb des sozialen Feldes Grenzen gesetzt. Zu den inneren Zwängen, die der Habitus herstellt, ergänzen sich also auch äußere Zwänge im sozialen Feld. Diese Zwänge lassen sich auch als „Spielregeln“ bezeichnen (vgl. Schwingel 2009, S.85). Politik, Wirtschaft oder Kultur sind solche sozialen Felder, auf denen bestimmte Spielregeln gelten. Bourdieu versteht unter einem sozialen Feld, ein Kräftefeld, das von der Konkurrenz unter den Akteuren geprägt ist.

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Details

Titel
Die kulturelle Reproduktion nach Pierre Bourdieu
Untertitel
Inwiefern beeinflusst die soziale Herkunft den Bildungserfolg?
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
22
Katalognummer
V388829
ISBN (eBook)
9783668633216
ISBN (Buch)
9783668633223
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
reproduktion, pierre, bourdieu, inwiefern, herkunft, bildungserfolg
Arbeit zitieren
Monika Jenke (Autor), 2015, Die kulturelle Reproduktion nach Pierre Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388829

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