Der Ursprung der Welt. Eine kunsthistorische Analyse von Gustav Courbet


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

27 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 HISTORISCHER KONTEXT DES WERKES DER URSPRUNG DER WELT VON GUSTAV COURBET

3 DER MALER/BETRACHTER UND SEINE BEZIEHUNG ZU UND MIT DEM BILD
3.1 H ENRI L OYRETTES REKONSTRUKTIONEN VON COURBETS KÜNSTLERISCHEN VORSTELLUNGEN
3.2 DIE KOMMERZIELLEN MOTIVE COURBETS NACH P ETRA TEN -D OESSCHATE C HU
3.3 PORNOGRAPHISCHE ANALOGIEN NACH G Ü NTER M ETKEN
3.4 MICHAEL FRIEDS THEORETISCHE ÜBERLEGUNGEN ZU DER BEZIEHUNG ZWISCHEN BILD UND BETRACHTER/MALER

4 FEMINISTISCHE PERSPEKTIVEN AUF DAS WERK UND
SEINEN KÜNSTLER
4.1 PORNOTOPIEN UND SEXUALISIERTES SEHEN NACH L INDA H ENTSCHEL
4.2 MÄNNLICHES VERLANGEN ALS URSPRUNG DER KUNST NACH L INDA N OCHLIN

5 ZUSAMMENFASSUNG DER VERSCHIEDENEN ANALYSEANSÄTZE

6 LITERATURNACHWEISE

7 ABBILDUNGSVERZEICHNIS

1 Einleitung

Der Ursprung der Welt - ein Bild, das vermutlich bei den Betrachtern zwei Reaktionen hervorruft: Scham und Neugier. Vermutlich geht es vielen Betrachtern, wie es mir erging. Zuerst empfand ich ein spontanes Verlangen das Bild näher anzuschauen, um herauszufinden, ob es sich nun wirklich um ein malerisches Werk handelt. Es scheint nahezu die Detailliertheit einer Fotographie zu besitzen. Doch einhergehend mit diesem spontanen Reflex, setzt das Bewusstsein für den Bildinhalt ein und den persönlichen voyeuristischen Akt in diesem Moment. Man geht auf Distanz.

Das relativ schmächtige Gemälde mit einer Größe von 46x55cm, das von Gustav Courbet 1866 fertiggestellt wurde, befindet sich aktuell im Musèe d’Orsay in Paris. Das Bild zeigt eine nackte Frau von ihren Oberschenkeln herauf bis zu ihren Brüsten. Ihre gespreizten Beine und die Positionierung direkt im Bildzentrum geben einen direkten Blick auf ihre Vagina frei. Ein weißes Tuch, auf dem die Frau liegt, verdeckt einen Teil der Brust bis hinauf zum Hals. Das Bild fokussiert somit einen Ausschnitt, durch den fehlenden Hintergrund und den fehlenden Kopf wird eine nähere Identifikation von Person und Situation unmöglich.

Ganz im Sinne eines hermeneutischen Zirkels machte ich mir zuerst ohne Vorkenntnisse durch jegliche Forschungsliteratur zu dem Bild Gedanken. Auffallend ist, wie oben schon geschildert, die Wirkung des Bildes auf den Betrachter. Courbet macht den Betrachter zum ungewollten Voyeur, indem er ihn vermutlich in die gleiche Position versetzt, in der Courbet die Dame malte. Aber diese Perspektive bleibt nicht nur einem Voyeur vorenthalten, sondern auch einer Person, die aktiv in einen geschlechtlichen Akt mit der Dame verwickelt ist. Dies können damit zwei verschiedene Bedeutungsszenarien sein: Zum einen eine Frau, die passiv als Betrachtungs- und Lustobjekt fungiert, oder zum anderen eine Frau, die sich in voller Erwartung auf das bevorstehende erregende Erlebnis gänzlich hingibt. Daraus erschließen sich mir spontan verschiedene Interpretationen des Sujets. Es kann sich im Rahmen einer emanzipierten Perspektive um eine Reduktion der Frau auf ihre erotischen Körperteile handeln. Denn durch das fehlende Gesicht und die Positionierung des Körpers entsteht eine Auslieferung der Frau gegenüber dem Rezipienten. Damit wird es zu einem Bild der Unterwerfung der Frau durch das Patriarchat. Andererseits kann es sich aber auch um einen Befreiungsakt der weiblichen Sexualität und Bedürfnisse handeln. Der Akt zeigt selbstverständlich ihre Vagina, das Zentrum ihrer Lust, und befreit sich damit von den Konventionen der Männer. Es wird transportiert, dass Frauen auch sexuelle Begierde verspüren. Soweit zu meinen persönlichen Vorgedanken zu dem Gemälde.

Der Künstler Gustav Courbet ist ein heute immer noch sehr bekannter Maler, daher nur wenige Worte zu seiner Biographie. Courbet lebte von 1819 bis 1877, geboren wurde er in Ornans in Frankreich. Zu seinem künstlerischen Kanon zählen Portraits, Landschaftsgemälde und Genrebilder. Auf Grund seiner Auflehnung gegen die akademischen Normen besaßen seine Werke einen politischen und skandalösen Impetus. Besonders mit seinem „Pavillon des Realismus“, den er als Kontrast zur Weltausstellung 1855 errichtete, zeigte er seine revolutionäre Art und ordnete sich damit in eine realistische Kunstform ein. Nach meinem eigenen Verständnis soll in dieser Arbeit die Bezeichnung Realismus folgendermaßen behandelt werden: Realismus soll keine Mimesis der Wirklichkeit darstellen, sondern ist immer eine individuelle Konstruktion durch den Künstler. Dennoch besteht der Anspruch, ein Sujet zu wählen und technisch so abzubilden, dass es der Realität möglichst ähnelt. Damit sind realistische Werke auch politische und gesellschaftliche Quellen für die damalige Entstehungszeit, die aber immer unter dem Aspekt der Konstruktion durch ein Individuum beurteilt werden müssen. Nach Chu ist Der Ursprung der Welt in die zweite künstlerische Schaffensphase Courbets einzuordnen: „If the first fifteen years of his career had been devoted to creating a reputation and a public image for himself as an artist, the next fifteen years were a time during which the artist intended to cash in on his reputation.“2 Damit entstand das Bild in einer Lebensphase, in der Courbet sich schon einen Namen gemacht hatte und nun auch profitorientiert tätig sein konnte. Darauf werde ich in dem ersten Teil dieser Arbeit noch weiter eingehen. Dabei werde ich mich mit dem historischen Kontext des Bildes beschäftigen. Daraufhin soll die Beziehung zwischen dem Künstler Courbet und seinem Werk näher betrachtet werden an Hand theoretischer Überlegungen von Henri Loyrette, Petra ten-Doesschate Chu, Günter Metken und Michael Fried. Im letzten Teil werden dann besonders feministische Perspektiven betrachtet, da diese selbstverständlich von großer Bedeutung bei so einem erotisierten Sujet einer Frau sind. Hierbei werden besonders Linda Nochlin und Linda Hentschel herangezogen. Im Folgenden werde ich das Bild nicht isoliert betrachten, sondern versuchen, es im Kontext der anderen Frauendarstelllungen Courbets und im historischen Gefüge bezüglich der Rolle der Frau zu betrachten.

2 Historischer Kontext des Werkes Der Ursprung der Welt von

Gustav Courbet „ The Origin of the World …, a work which is known to us as a series of repeated description - an Origin, then, without an original.“3 Dies paraphrasiert Linda Nochlin im Zusammenhang einer Schilderung bezüglich der Suche nach dem originalen Werk im Rahmen einer Ausstellungsplanung. Da keine Auftragsdaten zu diesem Werk dokumentiert wurden und der Weg des Bildes durch die verschiedenen Hände von Besitzern lückenhaft ist, ist eine Rekonstruktion der Geschichte des Bildes schwierig. Darüber hinaus wurde das Bild auch mehrfach reproduziert (vgl. Robert Fernier 1977-78, Neil Hertz 1983, Peter Webb 1975, Gerald Zwang 1967). Linda Nochlin bemerkt dazu: „In this almost parodic - because failed - rehearsal of a familiar art-historical scenario, which has turned into a kind of allegory of the scholar`s enterprise itself, I wish to emphasize the repetitiveness at stake here, within the context of a discussion focused on originality and repetition.”4 Somit ein Ausdruck davon, dass kein Bild ein Original sein kann, da es auch nur eine Wiedergabe einer Betrachtung des Malers ist.

Die Entstehung des Bildes wird in das Jahr 1866 zurückdatiert. Es wurde von dem reichen türkischen Diplomaten und Kunstliebhaber Khalil Bey, der als Pascha in Paris bekannt war, bei Courbet in Auftrag gegeben. Günter Metken erzählt, dass der wohlhabende Diplomat von Courbets Bild Der Schlaf, in dem zwei Frauen ihre nackten Körper im Schlaf umschlingen, so angetan war, dass er, da dieses schon vergeben war, ein eigenes in Auftrag gab. Die rothaarige Dame der beiden Frauen wurde als Johanna Heffermann identifiziert, die die Geliebte des Freundes von Courbet war, des Malers James Abbott McNeill Whistler. Spekulationen besagen, dass diese auch Modell für die Vagina im Der Ursprung der Welt war. Auf Grund von Spielschulden Beys wurde das Bild versteigert. Bis zu der angeblichen Beschlagnahmung des Bildes sowohl durch die deutsche Wehrmacht als auch durch die Rote Armee soll das Bild dem Sänger Jean-Baptiste Faure und dem Ungarn Hatvany gehört haben. 1955 kam es dann in die Hände des Psychoanalytiker Jacques Lacan, soll aber als Abgeltung der Erbschaftssteuer von dessen Erben an den französischen Staat abgegeben worden sein. Seit 1995 hängt das Bild nun im Musèe d’Orsay in Paris.

Besonders hervorzuheben ist die Inszenierung des Bildes durch die verschiedenen Arrangements. Noch bei Khalil Bey wurde das Bild durch einen Vorhang verdeckt und an einem versteckten Ort in seinem Apartment aufbewahrt. Dazu schreibt Maxime du Camp in seinen Les convulsions de Paris: „…In the dressing room of the aforementioned foreign person was to be seen a small painting hidden beneath a green veil. When the veil was removed, the viewer would be utterly taken aback by the life-size image of a woman, seen from the front, extraordinary agitated and convulsed, exceptionally well painted, reproduced con amore, as the Italian say, and the last word in realism.”5

Den gesellschaftlichen Konventionen der damaligen Zeit entsprechend, blieb das skandalöse Sujet somit nur einem ausgewählten Publikum vorbehalten. Aber mehr als die Handlung des Versteckens ist das Arrangement in Form einer Abhängung durch einen Vorhang und der wertschätzende Umgang mit dem Bild eine nahezu sakrale Gleichsetzung: „…the work’s installation in Khalil-Bey’s apartment: the theatrical, quasi-religious presentation, the ritualistic display reserved for true believers, the green veil.“6 Sowohl der Titel des Bildes als auch der Umgang damit, machen den Bildinhalt zu einem religiösen Objekt: Die weiblichen Geschlechtsteile werden demnach etwas Göttlichem gleichgesetzt und zum Zentrum einer weltanschaulichen Idee. Dies könnte eine bewusste Intention Courbets gewesen sein. Im nächsten Abschnitt werde ich darauf noch weiter eingehen.

Abbildung in dieser eseprobe nicht enthalten

Abb. 2. Terre é rotiquevon von Andr è Masson

Des Weiteren ist bekannt, dass das Bild bei Lacan unter einem Bild von Andrè

Masson versteckt in seinem Landhaus hing: „…, im verschließbaren Doppelrahmen hinter einem gleichgroßen >cachesexe< von Andrè Masson, das auf braunem Grund die Umrisse des Torso [Der Ursprung der Welt] in weißer, fast ostasiatischer verschnörkelter Kalligraphie nachzeichnete, zwar alles zeigend, doch nichts darstellend.“7 Das Bild stellt eine Landschaft dar: die Brüste sind Hügel und die Vagina eine Art Höhle mit einer Böschung herum. Vielleicht auch eine Hommage an die Parallelen zwischen Courbets Landschafts- und Aktgemälden. Auch hierzu im folgenden Abschnitt mehr. In diesem Kontext wurde das Bild gezielt versteckt mit einem besonderen Aufwand, da ein weiteres Bild zur Tarnung angefertigt wurde. Zuletzt ist nun das aktuelle Arrangement im Musèe d’Orsay zu nennen. Hier hängt es eingerahmt hinter Glas neben den Bildern Die Hirschbrunft oder Kampf der Hirsche (1861) und Nackte Frau mit Hündchen (1868). Das Bild wurde nicht nach konkreten thematischen Aspekten platziert, sondern zeitlich neben Werke aus den 1860er Jahren eingeordnet. „It seemed immediately at home among these works from the 1860s, surrounded by shimmering flesh, overwrought animals, and deeply dense vegetation.”8, erläuterte der damalige Direktor und Kurator Henri Loyrette. Somit handelt es sich hier um ein Konzept, bei dem das Bild im Zusammenhang von Courbets Abreiten aus dem gleichen Zeitabschnitt betrachtet werden kann. Hier kann der Rezipient Analogien und Kontraste zu Courbets anderen zeitgleichen Werken aufstellen.

Auch der Titel des Bildes Der Ursprung der Welt lädt zu Spekulationen und Interpretationen ein. In einer Beschreibung von Ludovic Halèvy, der wiederum Lèon Gambetta zitiert, wird das erste Mal der Titel des Bildes genannt: „It was at KhalilBey`s place, where he kept Courbet’s famous painting, said to be his masterpiece, The Origin of the World.9 Nach Loyrette soll der Titel demnach eine Erfindung Courbets gewesen sein. Wie schon oben erwähnt hatten viele der Gemälde Courbets auch politische Aussagen. Der Titel im Zusammenhang mit dem Bildsujet kann sowohl als politisch, gesellschaftliche als auch religiöse Botschaft, Kritik oder Provokation gedeutet werden. Die Frau/Vagina:

- als Ursprung des Lebens durch das Gebären
- als Zentrum der Welt

[...]


2 Chu, Petra ten-Doesschate: Courbet and the Rococo: ’Packaging’ and Marketing the Female Figure, S. 121.

3 Nochlin, Linda: Courbet’s L’Origine du monde: The Origin without an Original, S. 145

4 ebd., S.148

5 nach Loyrette, Henri: Courbet and „their Raphael“: The Origin of the World and The Sistine Madonna, S.226

6 ebd., S. 229

7 Metken, Günter: Gustav Courbet. Der Ursprung der Welt, S. 10f.

8 Loyrette, Henri: Courbet and „their Raphael“: The Origin of the World and The Sistine Madonna, S. 225

9 nach ebd., S. 228

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Der Ursprung der Welt. Eine kunsthistorische Analyse von Gustav Courbet
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt  (Kunstgeschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
27
Katalognummer
V388895
ISBN (eBook)
9783668631748
ISBN (Buch)
9783668631755
Dateigröße
1155 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Courbet Der Ursprung der Welt, Courbet, Der Ursprung der Welt, Realismus
Arbeit zitieren
Laura Knieling (Autor), 2017, Der Ursprung der Welt. Eine kunsthistorische Analyse von Gustav Courbet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388895

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