Was ist Neoliberalismus? Eine Darstellung der Theorien nach Walter Eucken und Friedrich August von Hayek


Seminararbeit, 2018
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entstehung des Neoliberalismus
2.1. Das „Colloque Walter Lippmann“
2.2. Die Mont Pèlerin Society

3. Der Ordoliberalismus nach Walter Eucken
3.1. Leben und Wirken von Walter Eucken
3.2. Euckens Verständnis der Nationalökonomie
3.2.1. Euckens sieben konstituierende Prinzipien
3.2.2. Euckens regulierende Prinzipien

4. Die Österreichische Schule nach F.A. von Hayek
4.1. Leben und Wirken von Friedrich August von Hayek
4.2. Die Nationalökonomie nach Hayek
4.2.1. Das grundlegende Problem des Wissens
4.2.2. Von der „Katallaxie“ und „Nomokratie“
4.2.3. Hayeks Staatsverständnis

5. Ein Vergleich der beiden Theorien

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

8. Verzeichnis der Internetquellen

1. Einleitung

Der Bundestagswahlkampf ist in vollem Gange und der Neoliberalismus feiert seine Wiederauferstehung als politischer Kampfbegriff. So titelt die Tageszeitung „junge Welt“ am 10. Juni 2017 „Neoliberale Politik überwinden“[1] als Zusammenfassung des Wahlprogramms der Partei „Die Linke“ um den Sozialstaat wiederherzustellen.[2] Um diese Forderung nachzuvollziehen, ist zunächst zu klären, was Neoliberalismus eigentlich ist.

Neoliberalismus ist eine am Anfang des 20. Jahrhunderts entstandene Weiterentwicklung des Liberalismus, die einen freien Markt mit den Merkmalen des privaten Eigentums, der freien Preisbildung sowie Wettbewerbsfreiheit zum Ziel hat. Vor diesem Hintergrund wird der Neoliberalismus gerne mit dem Kapitalismus gleichgesetzt, wobei beiden Begriffen unterschiedliche Ideale zugrunde liegen. So liegt der Fokus in der Theorie des Neoliberalismus auf den menschlichen Bedürfnissen und deren freiheitlichen Entfaltung wohingegen der Kapitalismus auf das Kapital fokussiert ist.[3]

Zusätzlich ist zu bemerken, dass es den einen Neoliberalismus gar nicht gibt, vielmehr ist der Neoliberalismus in viele Varianten, sogenannten Schulen, unterscheidbar. Die bekanntesten dieser Strömungen sind die Freiburger Schule und die Österreichische Schule. Erstere, auch als Ordoliberalismus nach Walter Eucken bekannte und in Deutschland eher verbreitete, Variante des Neoliberalismus, sieht, als Lehre aus den negativen Erfahrungen mit dem Laissez-faire-Liberalismus, eine minimale staatliche Intervention als gerechtfertigt an, wohingegen die im englischsprachigen Raum verbreitete Österreichische Schule nach Friedrich August von Hayek mehr auf die selbstregulierende Kraft des Marktes setzt. Hier zeigt sich auch die Unterscheidbarkeit der einzelnen Strömungen.

Die vorliegende Seminararbeit soll nun in kurzer und prägnanter Form die Freiburger Schule des Ordoliberalismus nach Eucken und die Österreichischen Schule nach Hayek darstellen und einen Vergleich der beiden Strömungen ziehen um ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufzeigen, wobei sie keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie soll dem Leser einen ersten Überblick über die genannten Strömungen bieten und die Vielfältigkeit des Neoliberalismus darlegen. Als theoretische Grundlage dieser Seminararbeit werden die veröffentlichen Bücher von Eucken und Hayek, Fachartikel sowie Fachbücher herangezogen und beschrieben.

2. Die Entstehung des Neoliberalismus

Als 1929 die Weltwirtschaftskrise die Märkte erschütterte wurde weltweit Kritik am klassischen Kapitalismus der Neoklassiker laut und führte zu einem Umdenken der Nationalökonomen. Der klassische Liberalismus galt als hauptverantwortlich für die Krise und so entstanden in den 1930er Jahren die ersten Schulen einer neuen ökonomischen Denkweise. Der übergeordnete Begriff des Neoliberalismus ist ein Neologismus aus dem altgriechischen Wort neos für „neu“ und dem lateinischen liberalis für „die Freiheit betreffend“ und wurde auf dem 1938 stattfindendem „Colloque Walter Lippmann“ in Paris von Alexander Rüstow geprägt.[4]

2.1. Das „Colloque Walter Lippmann“

Das „Colloque Walter Lippmann“ war zeitgleich das Ende eines langen Entstehungsprozesses der neuliberalen Denkweise und die Geburt des Neoliberalismus.[5] Dieser verstand sich damals als „Dritter Weg“ zwischen dem klassischen Kapitalismus und der Zentralverwaltungswirtschaft des Sozialismus[6]. Das Colloque befasste sich unter anderem mit Ursachenforschung, wie der klassische Laissez-faire-Liberalismus scheitern konnte und mit der Frage, wie ein neuer Liberalismus gestaltet werden und hinsichtlich der Fehler der Vergangenheit etabliert werden kann.

Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges hat die Umsetzung der neoliberalen Projekte, welche auf dem Colloque ausgearbeitet worden waren, stark gebremst. Da die Kriegswirtschaft des nationalsozialistischen Deutschlands eine Zentralverwaltungswirtschaft darstellte wurden neoliberale Wirtschaftstheorien unterdrückt und erhielten keinen Raum zur Entfaltung. Als glücklicher Umstand ist zu verstehen, dass das Kriegstreiben in Europa nicht dazu führte, dass sich die Teilnehmer des Colloques aus den Augen verloren. Nach Kriegsende wurde 1946 von Hayek eine Konferenz einberufen, welche 1947 mit 39 Teilnehmern in der Schweiz stattfand. Hier wurde die Mont Pèlerin Society gegründet, um die Theorien des Neoliberalismus zu verbreiten.[7] Die Gründung der Mont Pèlerin Society stellt gewissermaßen die zweite Geburt des Neoliberalismus dar.[8]

2.2. Die Mont Pèlerin Society

Über die Interna der Mont Pèlerin Society dringt nicht viel nach außen. Bekannt ist, dass sich unter den 39 Teilnehmern des Gründungstreffens der Mont Pèlerin Society dem Liberalismus nahestehende Gelehrte der Wirtschaftswissenschaften und einige Philosophen, Politiker und Geschichtswissenschaftler, unter anderem Walter Eucken, Milton Friedman, Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Karl Popper und Wilhelm Röpke, um nur einige zu nennen, befanden. Insgesamt fünfzehn Teilnehmer waren bereits auf dem „Colloque Walter Lippmann“ anwesend. Etwa die Hälfte der Teilnehmer waren Amerikaner, was insofern verwunderlich war, waren doch amerikanische Teilnehmer beim „Colloque Walter Lippmann“ noch in der Minderheit.[9]

Die Absicht des Treffens war, den Liberalismus und dessen Zukunft nach dem Krieg und der Zentralverwaltungswirtschaft des Nationalsozialismus zu diskutieren und den Weg für eine neue freie Marktwirtschaft zu ebnen. Hierbei wurde auch über Eingriffe des Staates diskutiert.[10] Der zu diesem Zeitpunkt noch geeint stehende junge Neoliberalismus zerbrach aber bereits bald darauf in seine unterschiedlichen Strömungen. Hier sind unter anderem die Freiburger Schule des Ordoliberalismus nach Eucken als auch die Österreichische Schule nach Hayek zu nennen, welche im Weiteren genauer in Augenschein genommen werden sollen.

3. Der Ordoliberalismus nach Walter Eucken

Der Ordoliberalismus der Freiburger Schule nach Walter Eucken diente nach dem Krieg als Grundlage für die Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Eucken ist also zu Recht als Vater der Sozialen Marktwirtschaft zu bezeichnen. Doch wer war Walter Eucken und was bedeutet Ordoliberalismus?

3.1. Leben und Wirken von Walter Eucken

Eucken wurde am 17. Januar 1891 als Sohn einer Malerin und eines Philosophieprofessors und Nobelpreisträgers in Jena geboren. An den Universitäten in Kiel, Bonn und Jena studierte er Geschichte, Staatswissenschaften und Nationalökonomie, promovierte 1913 in Bonn und habilitierte nach seinem Kriegsdienst im 1. Weltkrieg an der Universität Berlin. Nach ersten Lehraufträgen tritt Eucken 1925 eine Professur der Volkswirtschaftslehre in Tübingen an, wechselte aber 1927 an die Albert-Ludwig-Universität in Freiburg im Breisgau, an der er bis zu seinem Tod am 20. März 1950 lehrte. Hier entwickelte Eucken gemeinsam mit Franz Böhm und Hans Großmann-Doerth die neoliberale Strömung der Freiburger Schule.[11]

3.2. Euckens Verständnis der Nationalökonomie

Zentrales Element der Freiburger Schule nach Eucken ist die von ihm vertretene Vorstellung, dass Ökonomie eine Ordnung benötigt. Daraus leitete sich der Name Ordoliberalismus dieser Schule von lateinisch ordo für „Ordnung“ ab. Grund für diese Vorstellung ist, dass seiner Meinung nach der klassische Liberalismus aufgrund fehlender staatlicher Rahmenbedingungen und des einhergehenden zügellosen Wütens des Laissez-faire für dessen Scheitern verantwortlich war. Der Ordoliberalismus sieht es als gesetzt an, dass der Wettbewerb eine anhaltende Aufrechterhaltung benötigt, da der selbstregulierenden Kraft der Märkte nicht mehr zu trauen ist, also das automatische Gleichgewicht der Märkte nach Léon Walras und die natürliche Ordnung nach Smith nicht funktionsfähig sind. Diese Aufrechterhaltung der Ordnung soll durch den „starken Staat“[12] erfolgen, dessen Hauptaufgabe es ist, Machtkonzentrationen zu verhindern.[13]

In seinem 1952, nach seinem Tod, veröffentlichten Buch „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ ist Eucken der Ansicht, dass diese erstrebenswerte Ordnung „zwei Gruppen von Prinzipien“[14] benötigt, um entstehen zu können und um aufrechterhalten zu werden.

3.2.1. Euckens sieben konstituierende Prinzipien

1. Eucken nennt als erstes und wichtigstes konstituierendes Prinzip „das wirtschaftsverfassungsrechtliche Grundprinzip“[15]. Es umfasst die Schaffung eines funktionierenden Preisgestaltungssystems, welches auf einer vollständigen Konkurrenz des Marktes beruht. Dies solle zum Hauptkriterium jeder wirtschaftspolitischen Handlung gemacht werden. Des Weiteren muss die Wirtschaftspolitik Regularien, die eine stabile Preisbildung verhindern, unterlassen. Hierzu zählt er unter anderem Zinsmanipulationen, staatliche Subventionen und Monopole oder Einfuhrverbote. Nur so lasse sich dieses Grundprinzip umsetzen und alle folgenden Prinzipien dienen dazu es zu erreichen.[16]

2. Als zweites nennt Eucken eine Stabilisierung des Geldwertes. Dies sei entgegen der Zentralverwaltungswirtschaft, in der, aufgrund Rationierung und Zuteilung von Gütern durch eine verwaltende Stelle, dem Kapital eine verschwindend geringe Rolle zuteilwird, in einer liberalen Marktwirtschaft elementar. Sein Ansatz sieht eine „Waren-Reserve-Währung“[17] vor, bei der der Wert des Geldes, ähnlich dem Goldstandard, durch die Knappheit eines definierten Warenbündels entstehen solle. Bei einer international vergleichbaren Zusammensetzung des Bündels und einer Institution, die durch An- und Verkäufe den Preis stabilisiert, würden starke Schwankungen des gesamten Preisniveaus national und des Wechselkurses international verhindert.[18]

3. Die Wirtschaftspolitik habe seiner Ansicht nach einen freien Marktzugang zu gewährleisten. Durch den Abbau von Eintrittsbarrieren in den Markt, beispielsweise Einfuhrverbote oder Strafzölle, auf der einen und der Verhinderung von Monopolen und Kartellen auf der anderen Seite würde dies dazu führen, dass die Idealform der vollständigen Konkurrenz erreicht werden könne.[19]

4. Weiter nennt Eucken das Privateigentum als unabdingbare Voraussetzung für die Wettbewerbsordung. Die Knappheit der Güter an sich führe in einer dezentralen Wirtschaftsform zu Konkurrenz und werde durch diese auch einer Kontrolle unterzogen. Die vollständige Konkurrenz trage hierbei dazu bei, dass zwischen den Privateigentümern ein wirtschaftliches Machtgleichgewicht entstünde, also sowohl der Eigentümer als auch der Nichteigentümer einen Nutzen aus dem Privateigentum ziehen könne.[20]

5. Die fünfte Voraussetzung nach Eucken ist die Vertragsfreiheit. Konkurrenz könne nur entstehen, wenn sowohl die Haushalte als auch die Unternehmungen selbst wählen dürften, mit wem und über was sie Verträge abschließen. Diese müsse allerdings im gesetzlichen Rahmen begrenzt werden, um Zusammenschlüsse zu Kartellen oder die Entstehung von Monopolen zu verhindern. Das heißt, es dürfe durch die Vertragsfreiheit nicht möglich sein, Wirtschaftsformen zu schaffen, welche das oben genannte „wirtschaftsverfassungsrechtliche Grundprinzip“ ad absurdum führen würden.[21]

6. Des Weiteren müsse gelten, dass wer den Nutzen einer Unternehmung hat, auch dessen Schaden zu tragen habe. Die Haftung ist daher das sechste Prinzip, dass der Schaffung einer ordnungspolitischen Wirtschaftsform zugrunde liegen solle. So könne verhindert werden, dass Wirtschaftssubjekte die Konsequenzen ihrer Entscheidungen auf andere, schwächere Marktteilnehmer abwälzen könnten. Außerdem sorge die Haftung dafür, dass eine Investition sorgfältiger abgewogen und durchgeführt würde, wenn der Verantwortliche dafür haftet und hierdurch das Kapital nicht verschleudert werden würde.[22]

7. Als letztes konstituierendes Prinzip nennt Eucken die Konstanz der Wirtschaftspolitik. Mittel- und langfristig stabile Rahmenbedingungen seien schnellen Kurswechseln vorzuziehen und Änderungen sollten mit Vorsicht durchgeführt werden. Durch diese Stabilität erreiche man eine Reduktion der Risiken für die Unternehmen bei der Tätigung einer Investition. Gleichzeitig fördere sie die Einzelunternehmung und verhindere eine übermäßige Konzernentstehung zur Absicherung der eigenen Unternehmung.[23]

[...]


[1] (Frielinghaus, 2017)

[2] Vgl. (Frielinghaus, 2017)

[3] Vgl. (Biebricher, 2015, S. 15)

[4] Vgl. (Köhler, 2008)

[5] Vgl. (Biebricher, 2015, S. 33)

[6] Vgl. (Hartwich, 2009, S. 20)

[7] Vgl. (Köhler, 2008)

[8] Vgl. (Biebricher, 2015, S. 35f)

[9] Vgl. (Mirowski & Plehwe, 2009, S. 15f)

[10] Vgl. (About MPS)

[11] Vgl. (Losse, 2011)

[12] Entnommen aus dem Titel des Vortrages „Freie Wirtschaft, starker Staat“ von Alexander Rüstow 1932 in Dresden

[13] Vgl. (Biebricher, 2015, S. 38-40)

[14] (Eucken, 1990, S. 253)

[15] (Eucken, 1990, S. 254)

[16] Vgl. (Eucken, 1990, S. 254f)

[17] (Eucken, 1990, S. 261)

[18] Vgl. (Eucken, 1990, S. 255-264)

[19] Vgl. (Eucken, 1990, S. 264-270)

[20] Vgl. (Eucken, 1990, S. 270-275)

[21] Vgl. (Eucken, 1990, S. 275ff)

[22] Vgl. (Eucken, 1990, S. 279-285)

[23] Vgl. (Eucken, 1990, S. 285-289)

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Was ist Neoliberalismus? Eine Darstellung der Theorien nach Walter Eucken und Friedrich August von Hayek
Hochschule
FOM Hochschule für Oekonomie & Management gemeinnützige GmbH, München früher Fachhochschule
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V388898
ISBN (eBook)
9783668671003
ISBN (Buch)
9783668671010
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eucken, Hayek, Neoliberalismus, Ordoliberalismus, Liberalismus, Soziale Marktwirtschaft, Wirtschaftstheorie, Wirtschaftspolitik, Volkswirtschaftslehre
Arbeit zitieren
Jakob Stähle (Autor), 2018, Was ist Neoliberalismus? Eine Darstellung der Theorien nach Walter Eucken und Friedrich August von Hayek, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388898

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