Über die Genderinszenierung in freizügigen Selfies von Frauen


Essay, 2017

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Essay über die Genderinszenierung in freizügigen Selfies von Frauen

1 INHALTSVERZEICHNIS

2 ESSAY ÜBER DIE GENDERINSZENIERUNG IN FREIZÜGIGEN SELFIES VON FRAUEN 3

3 LITERATURVERZEICHNIS

2 Essay über die Genderinszenierung in freizügigen Selfies von Frauen.

„..sein heißt geworden sein, heißt zu dem gemacht worden sein, als was man in Erscheinung tritt.“ (Hegel)1

Facebook, Instagram, Twitter, Youtube, das Fernsehen - egal welches Medium man öffnet, man wird mit Bildern überflutet. Viele der beliebtesten Bilder sind Fotos, in denen wir Stars in räkelnden Posen mit möglichst wenig bis gar keiner Bekleidung sehen. Wir Konsumenten haben uns mittlerweile an diese Anblicke gewöhnt und es ist zur Normalität geworden. Uns wird vermittelt, wie ein idealer Körper auszusehen hat und wenn er dies nicht tut, dann folgt sogleich eine öffentliche Reaktion, die sich gewaschen hat. Es ist sogar so normal geworden, dass zahlreiche junge Menschen ohne jeglichen Bekanntheitsgrad die Hüllen vor ihren Handys fallen lassen, ohne sich jeglicher Konsequenzen bewusst zu sein. Das brave Mädchen von nebenan und fitnessfanatische Jungs posen lasziv, wenig bekleidet und voller stolz vor ihren Kameras. Doch es wird schwer, Menschen mit Speckröllchen, mit Narben, mit Akne oder gar Körperbehaarung zu finden. Die einzigen Bilder, die wir zu sehen bekommen, sind die von makellosen, idealisierten, sexualisierten Körpern. Und das Verheerende daran ist, dass diese Menschen unsere Freunde sind oder die Nachbarin oder der Kassierer aus dem Supermarkt oder die Kommilitonin oder der Barkeeper der Kneipe um die Ecke. All diese sind Menschen aus unserem alltäglichen Leben und sie sehen so „perfekt“ aus. Damit entsteht das Bild, dass es eben schon normal ist, so einen Körper zu besitzen und dass es erstrebenswert ist, so wie das Model XY auszusehen. Ziel dieser Bilder ist es, nur durch ein Bild sich bestmöglich zu präsentieren und ein bestimmtes Image von sich an andere weiterzugeben. Niemand liest heutzutage noch etwas über andere Menschen, wir schauen uns Bilder an und bilden uns dadurch ein Bild von einer Person. Und die interessanteste Inszenierung beeindruckt uns. Der Körper verrät im medialen Zeitalter mehr über den Charakter einer Person als ein persönliches Gespräch. Durch unsere Profilbilder konstruieren wir in den Köpfen der anderen unseren Charakter, ohne zu wissen, wie die anderen unsere Konstruktion entschlüsseln.

Mittlerweile bündeln sich allein in einem sogenannten Selfie, einem alltäglichen Phänomen in Form eines Fotos, viele Kontroversen, Konstruktionen und gesellschaftliche Vorstellungen. Daher möchte ich mich im Folgenden mit dieser Form der Selbstinszenierung und -präsentation auseinandersetzen, im besonderen Bezug auf den weiblichen Körper, bzw. die gesellschaftlich als weiblich charakterisierten und definierten Körper. Ich möchte dem gesellschaftlich geprägten Bild eines weiblichen, gesunden, perfekten Körpers, sowie dem performativen bzw. inszenierenden Aspekt in diesen Bildern nachgehen und danach fragen, inwiefern sich der Charakter unserer Gesellschaft in diesen Bildern widerspiegelt. Außerdem möchte ich mich damit auseinandersetzen, ob diese Bilder nun ein Zeugnis der Rückständigkeit unseres Frauenbildes sind und immer noch patriarchalen Vorstellungen entsprechen oder ob es sich doch hierbei um eine neue medienpräsente Form von Emanzipation und Autonomie handelt.

Die sogenannten Selfies sind eigentlich schnell erklärt: eine Person macht mit seiner Kamera ein Bild von sich selbst aus einem oftmals von oben herab positionierten Fokus. Am häufigsten handelt es sich bei dem Ergebnis um den Ausschnitt von Kopf und Oberkörper. Bei den „nahezu“ Nacktbildern ist die Person möglichst wenig bekleidet, sodass lediglich das Nötigste (Brüste und Geschlechtsteile) bedeckt ist. Wie gesagt, werde ich mich in diesem Essay mit jenen Körpern beschäftigen, die gesellschaftlich als weiblich identifiziert werden. Es ist eigentlich immer der gleiche Bildinhalt zu sehen: ein junges zurechtgeschminktes Gesicht, eine schicke Frisur und darunter ein nackter Oberkörper, der lediglich mit einem BH oder Bikinitop bedeckt ist. Dazu wählen die Personen eine in ihren Augen möglichst erotische/n und verführerische/n Position/Kameraperspektive/ Gesichtsausdruck. Die Körper scheinen vornehmlich makellos zu sein: jung, straff, einheitlicher Farbton, keine Hautirritationen, schöne Augen, usw. Schon während dieser Beschreibung stellen sich mir direkt einige Fragen: Wer ist der Adressat solcher Bilder? Was bewirken diese Bilder bei jenem, bzw. was sollen sie bewirken? Warum entstehen diese Bilder? Und was sagen sie über unsere Gesellschaft aus?

In meinen Augen adressieren diese Bilder zuallererst das eigenen Selbstwertgefühl, denn die Personen präsentieren sich voller Stolz mit ihren „perfekten“ Körper und bekommen dadurch positives Feedback. Dann sind sie besonders auf von Männern geprägte, sexualisierte Bildwelten ausgerichtet, um dem anderen Geschlecht zu gefallen. Somit fungiert hierbei „Weiblichkeit als sexuelles Objekt heterosexueller Begierde.“2 Aber zuletzt erreichen diese Bilder auch andere weibliche Personen, die diese Bilder wiederum als allgemeingültiges Vorbild ansehen. Diese Bilder sind Objektivationen unseres pornographisch, patriarchalisch geprägten gesellschaftlichen Idealbildes eines weiblichen „Normal“-Körpers. Paula-Irene Villa spricht zum Beispiel von der „Hyperfeminität“ (vgl. S.265), wenn sie schreibt:

„Die Pointe ist allerdings die, dass der ideale Norm(al)körper niemals wirklich gehabt werden kann...“.3 Diese Bilder haben die Wirkung, eine gesellschaftlich konstruierte, unrealistische Norm eines weiblichen Normalkörpers zu bestätigen und weiterzutragen. Eine Norm, in der dem „perfekten“ weiblichen Körper mehr Bedeutung zugeschrieben wird als dem Charakter der Person selbst. Zunächst möchte ich mich dem Begriff der Norm näher zuwenden und dafür einige Worte von Judith Butler zitieren:

„Eine Norm wirkt innerhalb sozialer Praktiken als impliziter Standard der Normalisierung Die Norm regiert die soziale Intelligibilität einer Handlung Damit möchte ich lediglich sagen, dass die Norm einen Status und einen Effekt zu haben scheint, der unabhängig von der Handlung ist, die sie regiert. Die Norm regiert die Intelligibilität, sie ermöglicht, dass bestimmte Praktiken und Handlungen als solche erkannt werden können.“4 In diesem Fall ist nun das Machen des genderspezifischen Bildes die Handlung, doch was ist dann die Norm dahinter? Es handelt sich wohl um eine Komposition verschiedener Subnormen (weibliches Verhalten, mediale Inszenierung, Schönheitsideal, usw.), die hier zusammenspielen. Doch darüber schwebt ein konservatives Frauenbild, dass noch von patriarchalen Strukturen in unserer Gesellschaft geprägt wird. Es ist die Reduzierung der Frauen auf ihre körperlichen Attribute und ihre Handlungen, die damit zusammenhängen. Ein makelloser Körper zeugt von Vitalität, Disziplin und Anpassungsfähigkeit. „Die Arbeit am Körper-Ich, der Wille zur perfekten Normalisierung, das ist der Maßstab für den „richtigen“ Körper.“5 Zum einen höre ich dabei auch die Norm der „harten Arbeit“ unserer westlichen Gesellschaft heraus, denn die individuellen Errungenschaften bestimmen das Maß des Prestiges einer Person. Und die andere Norm ist simpler Weise, das tief in unseren Köpfen verwurzelte, diskriminierende Frauenbild, dass alle weiblichen Körper standardisiert, sodass am Ende alle wie Heidi Klum herumlaufen. Im Großen und Ganzen geht es „...um die Verkörperung spezifischer, dabei aber immer phantasmatischer Geschlechtsnormen.“6 Somit oktroyiert die Norm ein idealisiertes Körperbild und die Optimierungs-Prämisse hin zu einem „Heidi-Klum-Körper“, die dahintersteht, bildet die dazugehörige soziale Intelligibilität. Das verstörende an dieser Norm ist, dass die meisten Betroffenen ohne Reflexion darin teilhaben und in dem Pool der frauenverachtenden Selbstpräsentation und der Reduzierung der weiblichen Attribute auf das Oberflächliche mitschwimmen. Nun zur Rekapitulation: Die Norm, also das patriarchale, diskriminierende Bild von einem Normalkörper, regiert die soziale Intelligibilität, nämlich die

Optimierungs-Prämisse nach Heidi Klum, der Handlung des Produzierens des (Nackt-) Selfies.

Der Macht der sozialen Konstruktion eines Idealkörpers in einem Selfie möchte ich nun näher auf die Spur kommen. Vor allem interessieren mich Mechanismen, die dahinterstehen. Im Folgenden werde ich vornehmlich Bezug auf die Theorien von Judith Butler7 nehmen. Grundsätzlich befindet sich die Produktion des Selbstbildes in der dritten kategorialen Dimension von Leiblichkeit nach Sex (anatomisches Geschlecht) und Gender Identity (Geschlechtsidentität), sie wird Gender Performance (Performanz der Geschlechtsidentität) genannt. Die Produktion der Bilder ist ein Teil des Existenzmechanismus von Geschlechtszuweisungen, denn durch permanentes Inszenieren von konstruierten Geschlechtsvorstellungen werden diese wiederum aufrechterhalten. Es handelt sich bei diesen Geschlechtsidentitäten um kollektive Übereinkünfte über kulturelle Fiktionen. Diese Fiktionen leben wiederum von der unreflektierten Reproduktion gesellschaftlich verankerter Bedeutungskonzepte und der Verinnerlichung jedes Einzelnen in sein individuelles Bedeutungsgewebe. Damit wird also eine soziale Konstruktion durch das unreflektierte Verinnerlichen und Aneignen verschiedener Handlungen und Vorstellungen aufrechterhalten. Die Selfies sind ein Werkzeug eines binären Geschlechtsbildes zugunsten eines pornographisch, patriarchalischen Frauenbildes. Solche Bilder werden durchgehend produziert und beinhalten immer die gleichen sexistischen Inszenierungen. Es geht darum, dass sich die jungen Frauen besonders attraktiv und begehrenswert darstellen. Eigenmächtig reduzieren sich zahlreiche weibliche Personen auf ihre körperlichen Attribute und versuchen wiederum diese so zu präsentieren, dass die Bedürfnisse der Beobachter in allen Facetten erfüllt werden. Diese Frauen akzeptieren ohne Hinterfragen, dass sie als sexuelles Konsumprodukt verwendet werden und halten gleichzeitig durch ihr Handeln ein frauenverachtendes Konstrukt aufrecht. Dies ist eine Strategie der Verschleierung des performativen Charakters als Werkzeug der Vervielfältigung von Geschlechtsidentitäten im Rahmen der maskulinen Herrschaft und der Zwangsheterosexualität.8 Die Frauen machen sich selbst zu „Hyperfrauen“, an denen weder ein Makel noch eine Eigenartigkeit zu erkennen ist. Sie spielen in den gesellschaftlichen Vorstellungen mit und tragen durch ihr Reinszenieren zu einer Serienproduktion „der Frau“ bei. Der Kreislauf bleibt damit am Leben: Frauen fügen sich unter anderem durch die Herstellung eines erotischen Selfies der sozialen Konstruktion eines weiblichen Normalkörpers und halten die Idealvorstellungen durch die Weiterverbreitung aufrecht.

[...]


1 Zitiert nach Beavoir, Simone de: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Hamburg 2000, S. 20.

2 Villa, Paula-Irene: „Habe den Mut, dich deines Körpers zu bedienen! Thesen zur Körperarbeit in der Gegenwart zwischen Selbstermächtigung und Selbstunterwerfung“, in: schön normal. Bielfeld 2008, S. 265

3 ebd., S.265

4 Butler, Judith: Gender-Regulierungen, in: Helduser, Urte (Hg.): under construction? Konstruktivistischer Perspektiven in feministischer Theorie und Praxis. Frankfurt am Main/ New York 2004, S. 46.

5 Villa, Paula-Irene: „Habe den Mut,...“, S. 265

6 ebd., S. 263

7vgl. Butler Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. 16. Auflage. Frankfurt am Main 2012, S. 190- 219.

8 Ebd., S. 208

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Über die Genderinszenierung in freizügigen Selfies von Frauen
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
9
Katalognummer
V388899
ISBN (eBook)
9783668634534
ISBN (Buch)
9783668634541
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genderinszinierung, Gender, Judith Butler, Selfies, Feminismus, Genderforschung
Arbeit zitieren
Laura Knieling (Autor), 2017, Über die Genderinszenierung in freizügigen Selfies von Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388899

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