Typologie im Bluemel am Beispiel der alttestamentarischen Frauengestalten Judith, Esther und Abigail


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Zum Typologiebegriff
2.1 Ursprung und Entwicklung der Typologie
2.2 Problematik der typologischen Deutung aus heutiger Sicht

3. Beispiele im Text und ihre typologische Auslegung
3.1 Judith
3.2 Typologie Judith – Maria
3.3 Esther
3.4 Typologie Esther – Maria
3.5 Abigail
3.6 Typologie Abigail – Maria

4. Fazit

1. Vorbemerkungen

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Erklärung des Deutungsverfahrens Typologie und ihrer Anwendung am Beispiel dreier Personenmotive in dem Marienpreis

Das Blümel[1]. Dieser Marienpreis wurde von einem namentlich nicht bekannten Zisterziensermönch in Böhmen als Anhang einer Abschrift des Marienleben[s] von Philipp von Seitz verfasst. Das Verfassen solcher Marienpreise ist typisch für das Mittelalter, da fast ausschließlich geistliche Texte schriftlich festgehalten wurden und Maria als höchste Heilige im Zentrum der Frömmigkeit stand.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunächst der Typologiebegriff erklärt und die Anwendung der Typologie als Deutungsverfahren der Bibelexegese erläutert. Zum besseren Verständnis werden anschließend Ursprung und Entwicklung der Typologie geschildert. Im Folgenden werden noch kurz die Probleme dargestellt, die sich ergeben, wenn man heute versucht, Texte typologisch zu interpretieren.

Im zweiten Teil des Hauptteils werden die drei Frauenmotive Judith, Esther und Abigail typologisch interpretiert. Dazu werden zunächst die zu bearbeitenden Textstellen aus dem Blümel zitiert. Da der heutige Leser in der Regel – und im Gegensatz zum mittelalterlichen Leser – nicht allzu gut mit den biblischen Motiven vertraut ist, werden zum besseren Verständnis die Referenzstellen aus der Bibel wiedergegeben. Daran anschließend wird die typologische Auslegung der Motive auf Maria erfolgen. Dies geschieht unter der Leitfrage, inwiefern Judith, Esther und Abigail zu Vorabbildungen Marias wurden und wieso sie als unvollkommen angesehen werden können.

Im Schlussteil werden noch einmal kurz die Ergebnisse zusammengefasst.

2. Zum Typologiebegriff

„Unter Typologie versteht man zunächst ein mittelalterliches Deutungsverfahren [...], nach dem zwei als historisch real aufgefasste Dinge, Personen oder Geschehnisse derart miteinander verbunden werden, dass die frühere Erscheinung in unvollkommener Weise die spätere Erscheinung abbildet und die frühere in der späteren ihre Erfüllung findet[2] …“. Das bedeutet, dass das erste Ereignis, auch Typus genannt, einen unvollkommenen Vorläufer des zweiten Ereignisses, des Antitypus, darstellt. Also wiederholt das zweite Ereignis das erste, aber in perfekter Weise[3]. Typus und Antitypus stehen demnach zueinander im Verhältnis von Verheißung und Erfüllung.

Die typologische Interpretation reißt also zwei reale historische Ereignisse, die weder zeitlich noch ursächlich in einem Zusammenhang stehen, aus ihrem Kontext heraus und verknüpft sie mit einem gemeinsamen Sinn.[4] Ziel typologischer Interpretationen ist es demnach nicht, Geschichte in ihrer chronologischen Entwicklung zu zeigen, sondern sie zu interpretieren.[5]

Im Mittelalter war die Typologie das wichtigste Verfahren zur Deutung der Bibel. Dabei wurden die im Alten Testament (=AT) geschilderten Ereignisse als Verheißung auf das Neue Testament (=NT) gesehen. Im NT erfüllen sich also die im AT – z.B. durch die Propheten – vorhergesagten Geschehnisse, und das AT ist dann „eine Folge von Vorfigurierungen oder Realprophetien Christi“[6].

Allerdings bezieht sich die typologische Anschauung im Mittelalter nicht nur auf einzelne Textpassagen des AT, sondern das gesamte AT wird als eine Vorabbildung des NT gesehen. Dies erklärt sich dadurch, dass die vorchristlichen Geschehnisse erst mit dem Wirken Christi als vollkommen angesehen wurden und somit die jüdische Messiaserwartung hinfällig war. Das AT wird also so ausgelegt, dass es auf die Erfüllung des Heilsplans Gottes hinweist durch die Menschwerdung, das Leiden und die Auferstehung seines Sohnes Jesus. Auerbach fasst diese Interpretation so zusammen: „Die Zeiten vor dem Gesetz und unter dem Gesetz bis zur Fleischwerdung Gottes sind Erwartung und Vordeutung, die Zeiten zwischen Inkarnation und Weltende sind Nachahmung und Erwerb der Gnade“[7].

Eine Voraussetzung für die typologische Bibelauslegung ist, dass Altes und Neues Testament als eine Einheit aufgefasst werden, als die Offenbarung des einen Gottes, die sich in der Menschwerdung und der Passion Christi zeigt. Das AT verliert also nicht durch die Auslegung mit Hilfe des NT seine „historisch-reale Konkretheit“[8], sondern die Erzählungen des AT lassen sich erst durch die Erfüllung im NT als Verheißung verstehen.[9] Die Tatsache, dass sowohl die alttestamentarischen als auch die neutestamentarischen Geschehnisse, obwohl aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, nicht ihre historische Realität verlieren, ist somit Beweis für die ewige Weisheit Gottes, der bereits im AT die Erfüllung vorhergesehen hat.

2.1 Ursprung und Entwicklung der Typologie

Um das Prinzip der Typologie zu verstehen, ist es hilfreich, zunächst ihre Herkunft zu betrachten. Typologie oder Figuraldeutung, wie sie auch genannt wird, ist erst im frühen Christentum zu voller Reife gelangt[10], jedoch bereits im vorchristlichen Judentum bekannt. Der jüdische Ursprung der Typologie erscheint zunächst paradox, da die Juden Christus nicht als ihren Messias und somit das NT nicht anerkennen.[11] Somit ist die Voraussetzung für eine Einheit von Altem und Neuem Testament nicht mehr gegeben. Henri de Lubac spricht jedoch von inneralttestamentarischer Typologie in der Endzeiterwartung der Propheten, die eine Wiederholung von bereits Dagewesenem vorhersehen[12]. Auch Hoefer sagt hierzu, dass „die Ereignisse in der Geschichte Israels [...] als vorabbildende Hinweise Gottes an sein Volk verstanden werden [müssen] auf die Zukunft, in die es hineingeht.“[13] Das Konzept der Typologie scheint also auch den vorchristlichen Juden nicht fremd gewesen zu sein.

Die Urchristen gingen davon aus, dass sich bereits zu ihrer Zeit, also mit dem Auftreten Christi, die Weissagungen des AT erfüllt hatten. Hoefer spricht von einer „die jungen Kirche generell kennzeichnende[n] Abwehr des jüdischen Anspruchs auf das AT und den rechten Glauben an Gott[14] “; dies impliziert, dass die Urchristen also für sich den Anspruch erhoben, den richtigen Glauben an Gott zu haben. Dies wird darin deutlich, dass die Verfasser des NT sich bewusst der Motive des AT bedienten – z.B. werden Teile der Psalmen fast wörtlich ins NT übernommen - um zu zeigen, dass es eine Kontinuität zwischen AT und NT gibt und dass diese durch Christus zustande kam. Man könnte also sagen, dass die bewusste Verwendung alttestamentarischer Motive im NT dazu diente, das NT zu legitimieren und das AT für den neuen Glauben zu vereinnahmen. Demzufolge ist Typologie nicht nur ein Verfahren der Bibelauslegung, sondern auch eine Methode zur Verfassung der Bibel gewesen.

[...]


[1] Haupt, Joseph. Bruder Philipps Marienleben. Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Classe der

kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 68.4-7. Wien, 1871. S. 208ff

[2] Dinzelbacher, Peter (Hg). Sachwörterbuch der Mediävistik. Kröners Taschenausgabe 477. Stuttgart, 1992.

S. 844 f

[3] Vgl. Hoefer, Hartmut. Typologie im Mittelalter. Zur Übertragbarkeit typologischer Interpretation auf weltliche Dichtung. Göppingen, 1971. S. 11

[4] Vgl. Auerbach, Erich. Typologische Motive in der mittelalterlichen Literatur. Schriften und Vorträge des Petrarca-Instituts Köln 2. Krefeld, ²1964. S. 12

[5] Vgl. Ebda, S.12

[6] Vgl. Ebda, S. 9

[7] Vgl. Ebda, S. 12

[8] Vgl. Ebda, S.8

[9] Vgl. Schreiner, Josef. Das Alte Testament verstehen. Die Neue Echter Bibel. Ergänzungsband 4 zum Alten Testament. Würzburg, 1999. S. 159 ff

[10] Vgl. Hoefer, Hartmut. Typologie im Mittelalter. Zur Übertragbarkeit typologischer Interpretation auf weltliche Dichtung. Göppingen, 1971. S. 50 ff

[11] Vgl. Ebda, S. 50

[12] Vgl. Lubac, Henri De . Typologie Allegorie Geistiger Sinn. Studien zur Geschichte der christlichen Schriftauslegung. Freiburg, 1999. S. 102

[13] Vgl. Hoefer, Hartmut. Typologie im Mittelalter. Zur Übertragbarkeit typologischer Interpretation auf weltliche Dichtung. Göppingen, 1971. S 52

[14] Vgl. Ebda, S. 58

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Typologie im Bluemel am Beispiel der alttestamentarischen Frauengestalten Judith, Esther und Abigail
Hochschule
Universität Trier
Veranstaltung
Einführung in die deutsche Literatur des Mittelalters
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V38904
ISBN (eBook)
9783638378383
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Typologie, Bluemel, Beispiel, Frauengestalten, Judith, Esther, Abigail, Einführung, Literatur, Mittelalters
Arbeit zitieren
Judith Schwickart (Autor), 2004, Typologie im Bluemel am Beispiel der alttestamentarischen Frauengestalten Judith, Esther und Abigail, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38904

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