[...] In regelmäßigen Abständen kommt es in der Öffentlichkeit zu heftigen Diskussionen über Ursachen und Präventionsmaßnahmen. Leider konnte das Problem bisher nicht gelöst werden-im Gegenteil, vielerorts verschärft sich die Lage sogar. Bei den zahlreich geführten Diskussionen wird meiner Meinung nach jedoch meistens nur oberflächlich argumentiert. Wie ein junger Mensch plötzlich in dieser rechtsextremen Szene aktiv wird und sich in einigen Härtefällen mit ideologischen Ideen identifiziert, wird dagegen kaum betrachtet. Im Rahmen des Seminars „Leben in Szenen“ wählte ich mir das Thema „Rechtsextremismus aus eigener Sicht “ aus. Hierbei möchte ich über einen Fall berichten, der sich in meinem persönlichen bzw. schulischen Umfeld ereignete. Ich schildere, wie ein Jugendlicher plötzlich und ohne erkennbare Anzeichen, von einem politisch normalen Umfeld, in die rechte Szene wechselte. In meiner Darstellung gehe ich auf den Werdegang dieses Jungen ein und beschreibe, wie aus einem einfachen Landjungen ein rechtsextremer und teilweise auch gewaltbereiter Mensch wurde. Der sich entspinnende Kreis, welcher sich in meinem Klassenumfeld vollzog, riss schließlich weitere Mitschüler in den Bann der Neonazis. Das Ziel meiner Darstellung ist es, nicht anzuklagen oder zu verurteilen, sondern lediglich zu beschreiben und an ausgewählten Punkten zu analysieren. Weiterhin bin ich daran interessiert, gängige Annahmen über Mitglieder dieser Szene zu konkretisieren. In meinem beobachteten Fall handelt es sich beispielsweise um einen gebildeten und motivierten Jungen ( im Gegensatz zu bisherigen Annahmen, dass sich in der rechtsextremen Szene vorwiegend ungebildete und gelangweilte Jugendliche befinden). Daneben stelle ich szenespezifische Merkmale wie Musik, Kleidung, Personenkreis und Organisationsstruktur vor. In zahlreichen Gesprächen mit diesem Jungen habe ich meiner Meinung nach einen guten Einblick in diese Szene erhalten, ohne mich in irgendeiner Form dort anzuschließen oder mich Gefahren auszusetzen. Die folgende Darstellung soll auch keinen wissenschaftlichen Anspruch (wie es bei Seminararbeiten der Fall sein sollte) erheben. Vielmehr stelle ich bestimmte erlebte Vorgänge, Aktionen und Reaktionen in einer subjektiven Weise dar. An einigen Stellen werde ich jedoch Versuche unternehmen, bestimmte Aussagen oder Beobachtungen zu begründen. Um meine gemachten Beobachtungen zu bestätigen, ziehe ich die Verfassungsschutzberichte der Bundesregierung in meine Darstellung ein.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Schulisches Umfeld
1.1 Klassenumfeld
1.2 Angaben zur Beobachtungsperson
2. Plötzlicher Wandel
2. 1 Erste Reaktionen
2.2 Normalität –Entspannung in der Klasse
3. Beginn von politischer Tätigkeit
4. Einblicke
4.1 Kleidung
4.2 Musik
4.3 Organisation
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den schleichenden Einstieg und die Etablierung Jugendlicher in die Neonaziszene anhand eines Fallbeispiels aus dem eigenen schulischen Umfeld. Dabei wird analysiert, wie sich der Habitus, die politische Ausrichtung und die Organisationsstrukturen innerhalb der Szene verändern und welche Mechanismen die Rekrutierung junger Menschen begünstigen.
- Analyse eines konkreten Fallbeispiels eines Jugendlichen aus dem eigenen Umfeld
- Untersuchung der Rekrutierungsmechanismen und der Rolle von Jugendorganisationen
- Deutung szenetypischer Merkmale wie Kleidung, Musik und Kommunikationsmittel
- Reflektion über das Bild der Neonaziszene im Wandel vom aggressiven Skinhead zum bürgerlichen Akteur
Auszug aus dem Buch
4.1 Kleidung
Das gängige Bild von Neonazis, die Bomberjacken und Springerstiefel tragen, gehört weitgehend der Vergangenheit an. Szenegänger legen heute vielfach Wert auf ein moderates und bürgerliches Aussehen. Dahinter verbergen sich eindeutig politische Ziele. Mein Klassenkamerad Christian bestätigte mir diese Beobachtung. Vorwiegend geht es darum, gesellschaftsfähig zu sein und die aggressive Haltung vor der Öffentlichkeit zu verbergen. In der Szene erkennt man sich nun nur noch an ausgewählten (zum Teil verfassungswidrig) Symbolen an der Kleidung. Diese haben einen unterschiedlichen Charakter. Sie reichen von germanisch- mystischen Runen, wie dem Keltenkreuz, der Odalrune bis zu umgestalteten NS- Symbolen, z.B. NO (Nationale Offensive), W (Aktion Widerstand), Ku- Klux- Klan Zeichen.
Somit können sich Anhänger der Szene gegenseitig erkennen, ohne dass Außenstehende davon etwas mitbekommen können. Durch diese Art von Geheimnis bzw. Identifikation sind aus meiner Sicht weitere Anreize (Neugier etc.) für Jugendliche gegeben, diesen Kreisen beizutreten.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor erläutert seine Motivation, das Thema Rechtsextremismus anhand eines persönlichen Fallbeispiels aus dem schulischen Kontext zu untersuchen, um tieferliegende Strukturen statt nur oberflächliche Phänomene zu betrachten.
1. Schulisches Umfeld: Es wird die allgemeine Präsenz der rechten Szene an der Schule des Autors in den 90er Jahren sowie das spezifische Klassenumfeld beschrieben.
2. Plötzlicher Wandel: Das Kapitel schildert die Transformation eines Mitschülers, dessen äußeres Erscheinungsbild sich innerhalb kurzer Zeit radikal wandelte, sowie die Reaktionen der Mitschüler und Lehrer.
3. Beginn von politischer Tätigkeit: Hier wird der Prozess der Verbreitung von Propagandamaterial und der Einfluss rechtsextremer Organisationen auf die Klassengemeinschaft dargelegt.
4. Einblicke: Der Autor analysiert die Organisationsstrukturen, den Kleidungswandel und die Bedeutung von Musik als Mittel zur Indoktrination und Identitätsstiftung innerhalb der Szene.
5. Schlussbetrachtung: Zusammenfassend wird konstatiert, dass sich das Bild des Neonazis zugunsten eines bürgerlicheren Auftretens gewandelt hat, was eine genauere gesellschaftliche Auseinandersetzung mit isolierten Bereichen der Szene notwendig macht.
Schlüsselwörter
Rechtsextremismus, Neonaziszene, Jugendorganisationen, Rekrutierung, Radikalisierung, Politische Bildung, Skinhead, Liedermacherkultur, Politische Unterwanderung, Rechtsextremistische Propaganda, Jugendkultur, Ideologie, Schulalltag, Gesellschaftsfähigkeit, Verfassungsschutz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung eines Jugendlichen in das Milieu der Neonaziszene und untersucht, wie sich diese Szene innerhalb eines schulischen Umfelds organisiert und darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Wandel des Erscheinungsbildes von Neonazis, die Bedeutung von Musik und Kleidung für die interne Identifikation sowie die Rolle von Jugendorganisationen bei der Rekrutierung.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Ziel der Arbeit ist es, die Prozesse der Radikalisierung und die Organisationsformen der rechten Szene anhand eines konkreten Fallbeispiels subjektiv zu beschreiben und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Der Autor nutzt eine teilnehmende Beobachtung im schulischen Umfeld, ergänzt durch informelle Gespräche mit dem Betroffenen sowie die Einbeziehung offizieller Verfassungsschutzberichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Beobachtung des Wandels der Beobachtungsperson, die Verbreitung von politischem Material in der Schule sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit szenespezifischen Symbolen, Musikstilen und Organisationsstrukturen.
Durch welche Begriffe lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Neonaziszene, politische Indoktrination, Radikalisierungsprozesse und die Transformation von jugendlichen Subkulturen charakterisieren.
Warum ist laut Autor die Musik in der Neonaziszene ein so wichtiges Werkzeug?
Die Musik dient sowohl als Medium zur Verbreitung nationalsozialistischer Ideologien als auch als identifikationsstiftendes Element, wobei insbesondere die Liedermacherkultur gezielt sanftere Töne nutzt, um neue Zielgruppen anzusprechen.
Wie verändert sich laut Autor das äußere Bild der Szene und warum?
Der Autor beobachtet einen Wandel vom aggressiven Skinhead-Image zu einem bürgerlichen, gepflegten Auftreten, um die politische Ideologie "salonfähig" zu machen und weniger Angriffsfläche für die Öffentlichkeit zu bieten.
Welche Gefahr sieht der Autor in der heutigen medialen Darstellung der rechten Szene?
Der Autor warnt davor, dass die Medien primär über Gewalt berichten, während machtpolitische Hintergrundaktivitäten und die schleichende Unterwanderung durch Organisationen im Verborgenen bleiben, was die Gefahr fälschlicherweise als geringer einschätzen lässt.
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- Thomas Mrotzek (Author), 2005, Persönliche Erfahrungen mit einer Jugendszene - Die Szene der Neonazis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38942