Um das Jahr 1839 berichtet Helmuth von Moltke, der vom Osmanischen Reich als Militärberater engagiert ist, von der militärischen Macht der Osmanen am Bosporus, an dessen Meerenge die Türken versuchen die europäischen Staaten davon abzuhalten ihren Fuß auf den asiatischen Kontinent zu setzen.
Was vor rund 170 Jahren ein schwelender Konflikt war, hat sich während der letzten Jahrzehnte aus europäischer Sicht zu einer kooperativen Allianz auf der sicherheitspolitischen Ebene gewandelt. Nachdem die Türkei während des Kalten Krieges einer der strategisch wichtigen Staaten in der NATO gegenüber dem Warschauer Pakt gewesen ist, bereitet sie sich rund zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion darauf vor ein Vollmitglied der Europäischen Union zu werden.
Der jetzige deutsche Außenminister Fischer hat für den Beitritt der Türkei zur EU vor allem auch aus sicherheitspolitischen Gründen mit den Worten geworben, dass „die für die Europäische Union entscheidende Sicherheitsfrage in diesem Raum entschieden“ werde. Auch Bundeskanzler Schröder hat betont, dass jenseits materieller Interessen für ihn „das strategische und sicherheitspolitische Argument entscheidend“ sei.
Mit einem Beitritt der Türkei würde sich die EU darauf einstellen den Bosporus zu überschreiten. Infolgedessen sähe sich die EU mit neuen Herausforderungen auf dem asiatischen Kontinent, dem Nahen und Mittleren Osten konfrontiert, an dessen Grenzen entlang die neuen Außengrenzen der Union verlaufen würden.
Die geostrategische Bedeutung der Türkei für die EU wird von allen Parteien anerkannt und eine verstärkte Zusammenarbeit gefordert. Strittig ist alleine die Frage, ob man der Türkei eine Vollmitgliedschaft zugesteht oder eine Kooperation, welche inhaltlich unterhalb einer Vollmitgliedschaft angesiedelt ist, eine sogenannte „Privilegierte Partnerschaft“, wie sie derzeit von der deutschen CDU/CSU und der französischen Regierungspartei UMP gefordert wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Der Ordnungsfaktor Europäische Union und Akteurszentrierter Institutionalismus
2.2. Mögliche Zukunftsszenarien für die EU als sicherheitspolitischer Akteur
2.3. Sicherheitspolitische Konzeptionen für und wider eine EU- Vollmitgliedschaft der Türkei
3. Status quo der GASP/ ESVP und die Einbindung der Türkei
3.1. Europäische und amerikanische Sicherheitsmotive
3.2. Ziele Europäischer Sicherheitspolitik – Das Solana- Papier, die EU-Verfassung und die ESVP
3.3. Die Rolle der Türkei in der euro- transatlantischen Sicherheitsarchitektur
3.4. Die Türkei als ESVP- Mitglied
4. Die Türkei als politischer Akteur
4.1. Innenpolitische Konflikte und Sicherheitsinteressen
4.1.1. Das innerstaatliche System – wechselnde Machthaber
4.1.2. Konfliktfelder in Anatolien
4.1.3. Der politische Islam und das Militär
4.1.4. Zwischenergebnis
4.2. Außenpolitische Konflikte und Sicherheitsinteressen
4.2.1. Die Bedeutung natürlicher Ressourcen - Wasser, Gas und Öl
4.2.2. Das Verhältnis der Türkei zu den New Independent States
4.2.3. Das Verhältnis der Türkei zu Israel
4.2.4. Das Verhältnis der Türkei zu Iran
4.2.5. Das Verhältnis der Türkei zu Irak
4.2.6. Das Verhältnis der Türkei zu Syrien
4.2.7. Zwischenergebnis
4.3. Die Türkei als Modellstaat
5. Perspektiven europäischer Sicherheit
6. Fazit
7. Literatur
8. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die sicherheitspolitischen Konsequenzen eines möglichen EU-Beitritts der Türkei oder einer alternativen "Privilegierten Partnerschaft". Dabei wird die These geprüft, dass die von Beitrittsbefürwortern erwarteten positiven Effekte für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) unwahrscheinlich sind und stattdessen neue Konflikte drohen.
- Analyse der EU als sicherheitspolitischer Akteur mittels des Akteurszentrierten Institutionalismus.
- Untersuchung des Status quo der GASP/ESVP und der Rolle der Türkei in der euro-atlantischen Sicherheitsarchitektur.
- Darstellung innenpolitischer Herausforderungen der Türkei, insbesondere des Verhältnisses zwischen Militär, Islamismus und kurdischer Minderheit.
- Evaluation der türkischen Außenbeziehungen zu Nachbarstaaten unter Berücksichtigung natürlicher Ressourcen und geostrategischer Interessen.
- Kritische Hinterfragung der Türkei als demokratisches und islamisches "Modell" für die Region.
Auszug aus dem Buch
Die Rolle der Türkei in der euro- transatlantischen Sicherheitsarchitektur
Als Mitglied des Europarates, der NATO, OECD und OSCE ist die Türkei institutionell mit Europa verbunden. Vor allem durch die Westeuropäische Union (WEU) ist die Türkei in der Vergangenheit an die europäischen Staaten und deren Sicherheitspolitik angebunden gewesen.
Ankaras Pläne zum Beitritt zur EU haben insbesondere durch die USA „strong backing“ erhalten und der US-Präsident Georg W. Bush hat mehrfach öffentlich das türkische Anliegen unterstützt. Dies hat verschiedene historische Gründe, die ihre Wurzeln in der bis dato engen sicherheitspolitischen Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten haben. Die Türkei ist über vier Jahrzehnte als Verbündeter in der NATO für Europa sehr wichtig gewesen. In der Zeit des Kalten Krieges wurde die Türkei als „Südostpfeiler der NATO“ bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der geostrategischen Bedeutung der Türkei und Formulierung der Forschungsfrage hinsichtlich der Auswirkungen eines Beitritts auf die europäische Sicherheitsarchitektur.
2. Theoretische Grundlagen: Erläuterung des Akteurszentrierten Institutionalismus als Analysebasis für die Handlungsfähigkeit komplexer Akteure wie der EU.
3. Status quo der GASP/ ESVP und die Einbindung der Türkei: Analyse der jüngsten Entwicklung der GASP und ESVP unter Berücksichtigung der US-Sicherheitsmotive sowie der bisherigen Rolle der Türkei.
4. Die Türkei als politischer Akteur: Detaillierte Untersuchung interner und externer Einflussfaktoren auf die Sicherheitspolitik der Türkei und deren Tauglichkeit als Modellstaat.
5. Perspektiven europäischer Sicherheit: Synthese der Analyseergebnisse und Einschätzung der langfristigen sicherheitspolitischen Auswirkungen für die EU.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der These, dass ein EU-Beitritt der Türkei die europäische Sicherheitsintegration eher belasten als stärken würde.
Schlüsselwörter
Türkei, Europäische Union, GASP, ESVP, Sicherheitspolitik, Beitritt, Geopolitik, Akteurszentrierter Institutionalismus, Nahost, NATO, Terrorismus, Energiesicherheit, Säkularismus, Militär, Privilegierte Partnerschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht kritisch die sicherheitspolitischen Auswirkungen eines möglichen EU-Beitritts der Türkei auf die Europäische Union und deren Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die sicherheitspolitische Architektur der EU, die Rolle der Türkei als regionaler Akteur sowie das Spannungsfeld zwischen innenpolitischen türkischen Konflikten und europäischer Sicherheitsinteressen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu überprüfen, ob die Aufnahme der Türkei als EU-Vollmitglied tatsächlich einen bedeutenden Mehrwert für die europäische Sicherheitspolitik bietet oder ob sie die Handlungsfähigkeit der EU eher gefährdet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den theoretischen Ansatz des Akteurszentrierten Institutionalismus, um die Handlungsfähigkeit und Konfliktlösungsmechanismen der EU unter den Bedingungen einer möglichen Erweiterung zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Status quo der europäischen Sicherheitsstrukturen, die Rolle der Türkei als politischer Akteur (innen- und außenpolitische Konflikte) und bewertet die Erwartungshaltung, die Türkei könne als Modellstaat für den islamischen Raum dienen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind GASP/ESVP, geostrategische Bedeutung, Säkularismus, militärische Interventionen, Energiesicherheit und das Konzept der "Privilegierten Partnerschaft".
Welche Rolle spielt das türkische Militär in der Arbeit?
Das Militär wird als ein zentraler, politisch agierender Akteur dargestellt, der als selbsternannter Hüter des Säkularismus die türkische Innen- und Außenpolitik maßgeblich mitprägt und in einem Spannungsverhältnis zur demokratischen Konsolidierung steht.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Türkei bei der Energiesicherheit?
Die Türkei wird als wichtige Transitroute und strategischer Akteur im "Great Game" um Öl- und Gasressourcen in der Kaspischen Region gesehen, wobei ihre Wasserressourcen ebenfalls ein bedeutender, wenn auch konfliktgeladener Faktor sind.
- Quote paper
- Sebastian Marx (Author), 2005, Europäische Sicherheitspolitik am Bosporus - Perspektiven europäischer Sicherheit bei einem EU-Beitritt oder einer privilegierten Partnerschaft der Türkei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38943