Der Faktor Hitler - Die Bedeutung der Person Hitler für das NS-System


Seminararbeit, 2002

16 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Macht des Führers

3. Der Dualismus von Staat und Partei

4. Tendenzen der Forschung

5. Zusammenfassung

6. Quellen und Literatur

1. Einleitung

Auch nach über fünfzig Jahren ringt Deutschland noch immer mit der Verarbeitung der belastenden Vergangenheit. Neben vielen anderen Problemen bleibt die Frage nach den Gründen für die Katastrophe des Nationalsozialismus nach wie vor von zentraler Bedeutung. Weltwirtschaftskrise, drückende Kriegsschulden und Antikommunismus machen zwar die Sehnsucht der Deutschen nach einer starken Hand verständlich, können jedoch schwerlich die Entfesselung des Zweiten Weltkriegs und die Greuel des Holocaust befriedigend erklären. Bei allen Versuchen, den Nationalsozialismus in die Kontinuität der Weltgeschichte einzubinden, ihn gleichsam nachvollziehbar und transparent zu machen, stößt man unweigerlich auf einen Faktor, der diese Aufgabe erschwert, wenn nicht gar unmöglich macht: Den Faktor Hitler. Dieser politische Aufsteiger aus Braunau am Inn, der wie aus dem Nichts in die Geschichte eintrat und binnen weniger Jahre zum mächtigsten Mann Europas und wohl gefürchtetsten Diktator der damaligen Welt wurde, der innerhalb noch kürzerer Zeit ganz Europa in Schutt und Asche legte und buchstäblich mit wehenden Fahnen unterging, füllt mittlerweile tausende von Seiten Biographie. Akribisch wurde versucht, das Dritte Reich mit all seinen Facetten aus seiner Jugend, seinem Charakter, seiner Psyche oder auch seinem Umfeld zu erschließen. Ist dieser Anspruch gerechtfertigt? Ist es tatsächlich möglich, Hitlers Intentionen, Methoden und Ziele auf das NS-System zu übertragen? Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, sich Gedanken über die Bedeutung zu machen, die Hitler für das Regime hatte. Im Folgenden soll nun versucht werden, diese Bedeutung für den Zeitraum von 1933-1939 zu skizzieren. Zu diesem Zwecke soll zuerst einmal ein Überblick über Befugnisse und Machtbasis des Führers Hitlers gegeben werden, sowohl was die Ämter anging, die er bekleidete, als auch was die Kompetenzen angeht, die er sich darüber hinaus nach und nach sicherte. Dann muss auf den Dualismus zwischen Partei und Staat eingegangen werden, der den Herrschaftsalltag im Dritten Reich bestimmte und auf den ersten Blick so gar nicht zur propagierten diktatorischen Ordnung passen will. Schließlich sollen noch einige Tendenzen der modernen Forschung aufgezeigt werden, die noch immer uneins in diesem wichtigen Punkt ist.

2. Die Macht des Führers

„Er ist heute mehr noch als je zuvor für uns alle Deutschland“

Joseph Goebbels, 31.12.1939[1]

Spätestens seit 1934 war Adolf Hitler der „Führer des Deutschen Volkes“. Was aber hat es auf sich mit dem Begriff „Führer“? Was waren die Befugnisse, die mit dieser zweifellos einflussreichen Stellung verbunden waren? Eine Antwort auf diese Frage ist nicht ohne weiteres zu geben. Die Proklamation der nationalsozialistischen Revolution 1933 implizierte ein Ende der Weimarer Verfassung, denn eine echte Revolution muss zwangsläufig bestehendes Recht brechen. Die Schaffung einer neuen Rechtsgrundlage, die für gewöhnlich mit dem Begriff der Revolution ebenfalls verbunden ist, blieb jedoch aus. Eine nationalsozialistische Verfassung wurde niemals erlassen, bestehendes Recht galt teilweise weiterhin. Ebenso bleibt uns das NS-Regime eine klare Definition des Führerbegriffs schuldig. Um den Einfluss Hitlers auf das System abschätzen zu können, sollen nun zuerst einmal die traditionellen Partei- und Staatsämter betrachtet werden, die er mit der Zeit acquirierte, und darüber hinaus die Befugnisse, die er sich selbst ohne Rechtsgrundlage sicherte.

Ob der junge Aussteiger Hitler seine Vorstellungen von Herrschaft bereits während des ungeordneten Daseins seiner jungen Jahre in Wien entwickelte, ist unklar. Wohl sind in der rassistisch-sektenhaften Gemeinschaft des Adolf Lanz von Liebenfels gewisse Parallelen zur späteren NS-Bewegung zu erkennen. So ließ sich Lanz bereits „Führer“ nennen und benutzte das Hakenkreuz als Zeichen. Andererseits wusste Hitler seine Partei immer von solchen „bürgerlich-romantischen Sektierergruppen“[2] zu trennen. Sie scheinen also mehr als Inspiration gedient als eine echte Vorbildfunktion zu erfüllt zu haben. Nach Rangeleien um die Rangordnung innerhalb der jungen NSDAP verdrängte der Propagandaführer Adolf Hitler am 29.7.1921 den bisherigen Vorsitzenden Anton Drexler von der Parteispitze und begann sogleich mit dem Umbau der Parteistruktur. Nachdem er den Posten des Parteivorsitzenden mit „diktatorischer Machtbefugnis“[3] ausgestattet hatte, ließ er sich zum „Führer der NSDAP“ umtitulieren. Hierdurch erhielt Hitler nicht nur die Verfügung über die Parteihierarchie, sondern die Gefolgschaft und pseudoreligiöse Verehrung der Anhänger. Zeitgleich entstand nämlich schon zu diesem frühen Zeitpunkt ein Kult um den „Führer“, der maßgeblich durch den Völkischen Beobachter und den Hitler-Verehrer Rudolf Heß aufgebaut wurde. Bereits in dieser Phase ist also die spätere Herrschaftsstruktur im Staat angelegt, der Mythos um den „Führer“ begründet[4].

Am 30.1.1933 erreichte Hitler sein angestrebtes Ziel und wurde Reichskanzler des Deutschen Reiches. Während der Machtergreifung führte er seine Bewegung in mehreren Stufen aus ihrer Kampfzeit heraus. Da die Frage der Ermöglichung Hitlers nicht Thema dieser Arbeit ist, kann hier nur auf die geschickte Kombination von Massenbeeinflussung, politischer Intrige und bewaffneter Agitation auf den Straßen hingewiesen werden, die diesen Staatsstreich, der im Grunde keiner war, begleiteten. Glaubten konservative Kreise anfangs noch, sie könnten Hitler durch eine Regierungsbeteiligung zähmen, wurden sie kurze Zeit später eines Besseren belehrt. Im Laufe des Jahres 1933 entledigte Hitler sich aller Opposition, sei es von Parteien oder Gewerkschaften, beseitigte die Souveränität der Länder und betrieb eifrig die Revision des Versailler Vertrages. Zusätzlich zum Amt des Reichskanzlers war er nun auch „Führer“ der einzigen Partei Deutschlands und ließ sich darum bald als „Führer und Reichskanzler“ titulieren. Einzig die alten konservativen Eliten aus dem Kaiserreich, wohl am besten verkörpert in der Person des greisen Reichspräsidenten Hindenburg, konnte Hitler nicht im Handstreich entmachten, denn er brauchte sie noch. Bemerkenswert ist, dass wichtige Fragen der Innen- und der Außenpolitik sofort nach der Machtergreifung zur Chefsache erklärt wurden. Der Führer nahm weitreichende exekutive Befugnisse in Anspruch.

Die Ereignisse um den sogenannten „Röhm-Putsch“ nutzte Hitler nicht nur für einen Rundumschlag gegen die (noch verbliebene) parteiinterne Opposition, wie die SA-Führung um Ernst Röhm und die gemäßigteren Kreise um Gregor Strasser, sondern auch um den Ausgleich mit der Reichswehrführung herbeizuführen. Nicht eine Bürgermiliz nach dem Vorbild der SA, sondern die bestehende Reichswehr wurde zum einzigen Waffenträger Deutschlands - eine blutige Absage Hitlers an die revolutionären Kreise der NSDAP und gleichsam ein scheinbares Zugeständnis an die alten Eliten, die im Militär stark vertreten waren. Der Führer begründete die Mordaktion mit der Notwendigkeit, den Staat vor der Gefahr zu schützen, die durch einen geplanten Putsch der SA drohte. Ein Rechtsbruch, der jedoch von vielen Juristen begrüßt wurde, der führende Staatsrechtler Carl Schmitt sprach Hitler schließlich in seinem Artikel „Der Führer schützt das Recht“ die Aufgabe des obersten Richters in Notfällen zu, wenn er ihn „kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schaffen“ ließ.[5] Durch diese Schaffung vollendeter Tatsachen sicherte sich der Führer die unumschränkte judikative Gewalt. Die Einschränkung auf Notsituationen ist nur scheinbar eine solche, da keine kompetente Instanz die Gefährdung des Staates feststellen konnte – mit Ausnahme des „Führers“ natürlich. Außerdem verblieb das NS-Regime sowieso Zeit seines Bestehens in einer Art „Ausnahmezustand“[6].

[...]


[1] J. Goebbels, Die Zeit ohne Beispiel. Reden und Aufsätze aus den Jahren 1939/40/41 von Joseph Goebbels. München 1941, S. 99

[2] K.D. Bracher, Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus. Köln 71993, S. 144

[3] Bracher, Die deutsche Diktatur, S. 146. Mommsen, Hitlers Stellung, S. 43

[4] Bracher, Die deutsche Diktatur, S. 146. H. Mommsen, Hitlers Stellung im nationalsozialistischen Herrschaftssystem. In: G. Hirschfeld (Hg.), Der „Führerstaat“. Mythos und Realität. Studien zur Struktur und Politik des Dritten Reiches. Stuttgart 1981, S. 46

[5] K. Hildebrand, Das Dritte Reich. München 51995, S. 13

[6] H. Mommsen, Ausnahmezustand als Herrschaftstechnik des NS-Regimes. In: M. Funke (Hg.), Hitler, Deutschland und die Mächte. Düsseldorf 21977, S. 1

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Faktor Hitler - Die Bedeutung der Person Hitler für das NS-System
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institute für Neuere und Neueste Geschichte (Prof. Schöllgen))
Veranstaltung
Proseminar: Nationalsozialistische Herrschaft 1933-1939
Note
2.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
16
Katalognummer
V3896
ISBN (eBook)
9783638124157
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Faktor, Hitler, Bedeutung, Person, Hitler, NS-System, Proseminar, Nationalsozialistische, Herrschaft
Arbeit zitieren
Stephan Geier (Autor), 2002, Der Faktor Hitler - Die Bedeutung der Person Hitler für das NS-System, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3896

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