Das schwedische Sozialsystem wurde die letzten Jahrzehnte – und wird zumindest in manchen Bereichen heute immer noch – von einer unvergleichbaren Universalität der Sozialleistungen, einer äußerst geringen Arbeitslosenquote und einer bemerkenswert aktiven Arbeitsmarktpolitik geprägt, alles bei starker staatlicher Regulierung und einer hohen Umverteilungsquote. Und man kann konstatieren, dass Schweden tatsächlich eine beispiellose Entwicklung von einem einfachen Agrarstaat hin zu einem modernen Wohlfahrtsstaat durchlaufen hat. Doch auch in Schweden kam es im Laufe dieser Entwicklung zu Krisen und Finanzierungsproblemen des Systems. Besonders Ende der 80er und zu Beginn der 90er Jahren wurde Schweden von einer Krise heimgesucht, die das universalistische Sozialsystem in seinen Grundmauern zu erschüttern drohte und die Kürzung einiger Leistungen nach sich zog. Nach eingehenden Reformen kämpft das Land auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts, um an den alten wohlfahrtsstaatlichen Leistungskatalog anknüpfen zu können, muss jedoch gravierende Einschnitte konzedieren.
Zentrale Frage dieser Arbeit wird stets sein, was gerade Schweden so auszeichnete, dass jenem Land diese vorbildliche Modellhaftigkeit zugeschrieben wurde. Das Hauptaugenmerk der Analyse des Sozialstaates soll auf den Besonderheiten des schwedischen Modells liegen, welche sonst, zumindest außerhalb Skandinaviens, in dieser Form nicht zu finden sind. Gerade das sog. Rehn-Meidner-Modell der Vollbeschäftigung, das regelmäßig als die Basis und zugleich auch als das übergeordnete Ziel des Wohlfahrtsstaates in Schweden angesehen wurde, soll genauer untersucht werden. Ferner wird diese Entwicklung in ihrem geschichtlichen Kontext dargestellt, um schließlich den status quo zu Beginn des 21. Jahrhunderts des bestehenden Sozialstaates genauer verstehen zu können.
Das Modell mit all seinen Auswirkungen soll letztlich einer kritischen Betrachtung unterzogen werden, zum einen in Bezug auf die aktuellen Leistungen des Sozialstaates und die zukünftigen Möglichkeiten Schwedens im Hinblick auf eine stärkere Integration in das europäische System, zum anderen sollen mögliche negative Einflüsse des enorm starken staatlichen Einflusses kritisch hinterfragt werden. Da jedoch keine Vergleiche zu Sozialsystemen anderer Länder angestrebt werden, bedarf es hier keiner quantitativen oder monetären Vergleichsbasis der staatlichen Maßnahmen. Dieser Arbeit soll es genügen, die Leistungen qualitativ zu beschreiben und zu bewerten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsdefinitionen
2.1 GLEICHHEIT UND SOZIALE GERECHTIGKEIT
2.2 DER WOHLFAHRTS- BZW. SOZIALSTAAT
2.3 DIE DREI MODELLE DES WOHLFAHRTSSTAATES
3. Schweden
3.1 DIE BEVÖLKERUNG
3.2 WERTE UND NORMEN DER SCHWEDISCHEN GESELLSCHAFT
3.3 DAS LAND IN ZAHLEN
4. Entwicklung und Status quo der schwedischen Wohlfahrtspolitik
4.1 DIE ZEITLICHE ENTWICKLUNG DES WOHLFAHRTSSTAATES
4.1.1 Die Ursprünge des Konzepts
4.1.2 Die Entwicklung nach 1950
4.1.3 Die Konsolidierungsphase seit 1980
4.2 AUFBAU UND FINANZIERUNG DES WOHLFAHRTSSTAATES
4.2.1 Ausgewählte Einzelleistungen des aktuellen Systems
4.2.2 Am Beispiel der Arbeitsmarktpolitik und der Krankenpflege
4.2.3 Die Finanzierung des Wohlfahrtsstaates
5. Herausragende Merkmale des schwedischen Wohlfahrtsstaates
5.1 KONTINUITÄT DURCH JAHRZEHNTELANGE SOZIALDEMOKRATISCHE REGIERUNG
5.2 STARKE STAATLICHE REGULIERUNG UND HOHER EINFLUSS DER GEWERKSCHAFTEN
5.2.1 Starke Regulierung durch den Staat
5.2.2 Zentralisierungseffekte durch die Gewerkschaften
5.3 HOHE FRAUENERWERBSQUOTE FÜHRT ZU DOPPELVERSORGERMODELL
5.3.1 Der Ursprung des geschlechterneutralen Konzeptes
5.3.2 Die gesetzlichen Rahmenbedingungen
5.4 DER AUSGEPRÄGTE UNIVERSALISMUS DER SOZIALLEISTUNGEN
5.5 ZIELE UND GESAMTWIRTSCHAFTLICHE AUSWIRKUNGEN DES RHEN-MEIDNER-MODELLS
5.5.1 Das übergeordnete Ziel der Vollbeschäftigung
5.5.2 Ursprung und Entwicklung des Rhen-Meidner-Modells
5.5.2.1 Restriktive Fiskalpolitik
5.5.2.2 Solidarische Lohnpolitik
5.5.2.3 Aktive Arbeitsmarktpolitik
6. Kritik am System und Fazit
6.1 UNMÜNDIGKEIT DER BÜRGER IN EINEM TOTALITÄREN SYSTEM
6.2 FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die besonderen Eigenarten des schwedischen Wohlfahrtsstaates, um zu verstehen, warum diesem System eine vorbildliche Modellhaftigkeit zugeschrieben wurde und wie es sich historisch sowie strukturell entwickelt hat. Dabei liegt der Fokus auf der qualitativen Analyse des sogenannten Rehn-Meidner-Modells, der Rolle der Gewerkschaften und der spezifischen Universalität der Sozialleistungen.
- Historische Entwicklung des schwedischen Wohlfahrtsmodells
- Die Bedeutung von Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit im schwedischen Wertesystem
- Staatliche Regulierung und die Rolle der Gewerkschaften
- Das Doppelversorgermodell und die hohe Frauenerwerbsquote
- Ziele und Auswirkungen des Rehn-Meidner-Modells
Auszug aus dem Buch
5.5.2.2 Solidarische Lohnpolitik
Die solidarische Lohnpolitik verfolgte einfach ausgedrückt kein anderes Ziel als der Staat mit seinen auf Gleichheit bedachten Maßnahmen. Der Grundgedanke war es, „mit Mitteln der Lohnpolitik die gerechte Einkommensstruktur zu erreichen, die vom politischen Zweig der Arbeiterbewegung mit Hilfe der Steuer- und Sozialpolitik weiter verstärkt wird.“ Sie forderte gleichen Lohn zwischen Männern und Frauen, zwischen allen Unternehmen, zwischen unterschiedlichen Regionen und Branchen. Für eine vergleichbare Tätigkeit sollte auch ein ähnliches Gehalt gezahlt werden, bzw. ‚Gleicher Lohn für gleiche Arbeit’, wie der Slogan der damaligen Zeit lautete. Die beiden Ziele der solidarische Lohnpolitik waren einerseits eine Einengung der Spannweite der Lohnstruktur, und zum anderen das Bestreben, die Lohnstruktur nicht länger von marktbedingten Einflüssen abhängig zu machen, sondern rein der Art der Arbeit anzupassen.
Die Tarifverhandlungen wurden zu dieser Zeit wie bereits erläutert sehr zentral durch die Gewerkschaften und Vertreter der Arbeitgeber geführt. Abermals lag der schwedische Gedanke hier weniger auf individueller als auf kollektiver Entwicklung: periodische Lohnerhöhungen sollten sich nicht an der Rentabilität einzelner Unternehmen orientieren, sondern vielmehr an der durchschnittlichen gesamtwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung. Lohnunterschiede wurden zwar akzeptiert, sollten aber nicht Resultat der freien Marktkräfte sein, sondern „mit Hilfe eines den ganzen Arbeitsmarkt umfassenden Systems für Arbeitsbewertung geschaffen werden.“ Und tatsächlich glichen sich die einzelnen Lohngruppen während dieser Zeit deutlich an, wie das folgende Diagramm 2 darstellt. Sie zeigt die Lohnspreizung zwischen einzelnen Einkommensgruppen D1, D5 und D9 in Europa und den USA in den 90er Jahren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Bedeutung des schwedischen Wohlfahrtsstaates als Vorbild und stellt die zentralen Forschungsfragen sowie den methodischen Rahmen der Arbeit vor.
2. Begriffsdefinitionen: In diesem Kapitel werden grundlegende Termini wie Wohlfahrtsstaat, soziale Gerechtigkeit und die von Gøsta Esping-Andersen entwickelten Wohlfahrtsmodelle erläutert.
3. Schweden: Hier werden die soziodemografischen Merkmale, das kulturelle Wertesystem und die ökonomischen Rahmendaten Schwedens als Voraussetzungen für das Sozialmodell analysiert.
4. Entwicklung und Status quo der schwedischen Wohlfahrtspolitik: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung des Sozialstaates von seinen Anfängen bis zur Konsolidierungsphase nach und beleuchtet die Renten- sowie Arbeitsmarktpolitik.
5. Herausragende Merkmale des schwedischen Wohlfahrtsstaates: Eine detaillierte Untersuchung der zentralen Säulen des Systems, inklusive der Rolle der Gewerkschaften, der Frauenbeschäftigung und des Rhen-Meidner-Modells.
6. Kritik am System und Fazit: Das abschließende Kapitel kritisiert totalitäre Tendenzen in der Vergangenheit des Systems und zieht ein Fazit über die Zukunftsfähigkeit des schwedischen Modells.
Schlüsselwörter
Schweden, Wohlfahrtsstaat, Sozialpolitik, Rehn-Meidner-Modell, Vollbeschäftigung, Universalismus, Gewerkschaften, Arbeitsmarktpolitik, Gleichheit, Soziale Gerechtigkeit, Solidarische Lohnpolitik, SAP, Sozialdemokratie, Dekommodifizierung, Reformen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das schwedische Sozialmodell, dessen historische Entstehung, die zentralen Merkmale wie das Rehn-Meidner-Modell sowie die kritischen Aspekte der staatlichen Regulierung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Universalität der Sozialleistungen, die Rolle der Gewerkschaften, das Gleichheitsstreben der schwedischen Gesellschaft und die Anpassung des Systems an moderne wirtschaftliche Herausforderungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Gründe für die zugeschriebene Modellhaftigkeit des schwedischen Wohlfahrtsstaates zu analysieren und zu verstehen, wie das Land auf Krisen und sozialen Wandel reagiert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine qualitative, deskriptive Analyse, basierend auf Literaturstudien, um die Leistungen und Strukturen des schwedischen Sozialstaates zu bewerten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historische Entwicklung, die spezifischen Säulen des schwedischen Systems wie die aktive Arbeitsmarktpolitik, das Doppelversorgermodell und den starken Einfluss der Gewerkschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Wohlfahrtsstaat, Schweden, Rehn-Meidner-Modell, Vollbeschäftigung, Universalismus und solidarische Lohnpolitik.
Inwiefern hat das "Abkommen von Saltsjöbaden" den Arbeitsmarkt geprägt?
Es etablierte die Gleichwertigkeit von Arbeitnehmern und Arbeitgebern und setzte auf friedliche, zentrale Tarifverhandlungen, wodurch Streiks während laufender Tarifverträge weitgehend vermieden wurden.
Wie wurde die Krise der 90er Jahre bewältigt?
Durch einen harten Konsolidierungskurs, Ausgabenkürzungen bei Sozialleistungen, eine Umstrukturierung des Rentensystems und eine stärkere marktwirtschaftliche Ausrichtung konnte das Land die Krise überwinden.
- Quote paper
- Tobias Tag (Author), 2005, Der schwedische Wohlfahrtsstaat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39014