Kaum eine andere Gestalt der Weltliteratur erfreut sich eines solchen Bekanntheitsgrades, wie der Teufelsbündner, was nicht zuletzt auf die Popularität der GOETHEschen Faust-Dichtung zurückzuführen ist. Dabei ist „die Nationalbibel“ der Deutschen nicht der einzige erwähnenswerte Faust. Der Stoff kann auf eine lange literarhistorische Tradition zurückblicken, beginnt doch die Legendenbildung bereits irgendwo an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit.
Es ist also nicht verwunderlich, dass auch das Interesse der Forschung an der Faust-Literatur entsprechend groß ist, mehr als 10.000 Publikationen verzeichnen die Bibliografien allein zu GOETHEs Werk. Das Hauptaugenmerk der Wissenschaft galt aber bislang vor allem dem Schwarzkünstler oder dem Sinnbild des strebenden, sich höher entwickelnden Menschen, eben Dr. Faust. Der Entwicklung von Fausts Bündnispartner hingegen wird vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Zwar konzentriert sich die Sekundärliteratur auf die divergierenden Teufelsgestalten in einzelnen Werken, aber es gibt nur eine bekannte Darstellung, die systematisch die Fortentwicklung des Teufels von seinen literarischen Ursprüngen diachron bis in unsere Zeit verfolgt: Günther MAHALs Mephistos Metamorphosen von 1982.
Deshalb widmet sich die vorliegende Arbeit dem eindrucksvollen Literaturpaar Faust-Teufel, wobei jedoch schwerpunktmäßig die Figur des Teufels in ihren variierenden Erscheinungsformen untersucht werden soll. An den nachfolgenden fünf exemplarisch ausgewählten Werken soll die Genese der Teufelsgestaltung in der deutschsprachigen Faust-Literatur verdeutlicht werden:
• Historia von D. Johann Fausten
• Gotthold Ephraim LESSINGs Faust-Fragmente
• Johann Wolfgang GOETHEs Faust I
• Heinrich HEINEs Tanzpoem Der Doktor Faust
• Thomas MANNs Doktor Faustus
Die Verschiedenartigkeit des Bösen, aber auch etwaige gestalterische Gemeinsamkeiten werden unter Berücksichtigung der folgenden Thesen analysiert:
1. Die Art und Weise, wie die Teufelsgestalt in den einzelnen Werken charakterisiert wird und letztendlich in Erscheinung tritt, ist immer stark abhängig von den sozial- und zeitgeschichtlichen Einflussfaktoren.
2. Je nach Intention und Weltanschauung des Verfassers wird die Rolle des Teufels in einen göttlichen Weltzusammenhang gerückt oder aber – säkularisiert.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. DER TEUFEL IN DER BIBEL
II. 1 Das Alte Testament – Das „Buch Hiob“
II. 2 Das Neue Testament – Jesu Versuchung
III. TEUFELSGESTALTEN IN DER DEUTSCHSPRACHIGEN FAUST-LITERATUR
III. 1 Das Faust-Buch von 1587
III. 1. 1 Die theologische Konzeption
III. 1. 2 Mephostophiles als protestantischer Prediger
III. 2 LESSINGs Faust-Fragmente
III. 2. 1 Entstehung und Kontext
III. 2. 1. 1 Konzeptionsstufe 1
III. 2. 1. 2 Konzeptionsstufe 2
III. 2. 1. 3 Konzeptionsstufe 3
III. 3 GOETHES Faust
III. 3. 1 Vorbemerkungen
III. 3. 2 Säkularisierung und Entmystifizierung – Der „Prolog im Himmel“
III. 3. 3 „Studierzimmer I“ (V. 1177 – 1529)
III. 3. 4 Exkurs: Mephisto und das „MANDEVILLSCHE Paradox“
III. 3. 5 „Studierzimmer II“ (V. 1530 – 1850)
III. 3. 6 Die „Walpurgisnacht“ als Teil einer dualistischen Grundspannung
III. 3. 7 Conclusio
III. 4 HEINEs Tanzpoem Der Doktor Faust
III. 4. 1 Entstehung und Konzeption
III. 4. 2 Verführung durch Mephistophela
III. 5 Der namenlose Teufel in Thomas MANNs Doktor Faustus
III. 5. 1 Vorbemerkungen
III. 5. 2 Die Darstellung des Nicht-Darstellbaren
III. 5. 2. 1 Die Wahl der Perspektive
III. 5. 3 Die Prädisposition zur Teufelei
III. 5. 4 Das Theologiestudium – Ein „gottseliges Fürnemmen?“
III. 5. 5 Der Abschluss des Teufelspaktes
III. 5. 5. 1 Teuflisches Leipzig – Das Bordellerlebnis
III. 5. 5. 2 Kapitel XIX – Das eigentliche Bündnis
III. 5. 6 Das Teufelsgespräch von Palestrina
III. 5. 7 Der nationale Paktschluss mit dem Teufel
IV. SCHLUSSBETRACHTUNGEN
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die diachrone Entwicklung der Teufelsgestalt in der deutschsprachigen Faust-Literatur, von den biblischen Ursprüngen bis hin zu Thomas Manns "Doktor Faustus", um aufzuzeigen, wie sozialgeschichtliche Faktoren und die Intentionen der Autoren die Charakterisierung des Bösen beeinflussen.
- Biblische Grundlagen des Teufelsbildes (Hiob, Jesu Versuchung).
- Die "Historia von D. Johann Fausten" (1587) als theologische Warnschrift.
- Lessings Versuche der Rationalisierung und Säkularisierung der Teufelsfigur.
- Goethes differenzierte Charakterzeichnung Mephistopheles' als Gegenspieler.
- Die weibliche Teufelsgestalt bei Heine und die "namenlose" Teufelsverinnerlichung bei Thomas Mann.
Auszug aus dem Buch
III. 1. 1 Die theologische Konzeption
Die Historia von D. Johann Fausten, 1587 veröffentlicht durch den Verleger Johann SPIES, entstand nach einem Jahrhundert, das durch eine explosionsartige Entwicklung wissenschaftlichen Forschens gekennzeichnet war, und in dem die Naturwissenschaften einen mächtigen Aufschwung genommen hatten. Die Suspension des geozentrischen Weltbilds PTOLEMÄUS`, die Entstehung der ersten Weltkarte und große geografische Entdeckungen durch KOLUMBUS, VESPUCCI und DA GAMA sind nur einige Ereignisse, die das gesamte bisherige Weltbild umwälzten. Am Beginn der Neuzeit stößt die Kirche mit der neu aufkommenden Welt der Wissenschaft zusammen.
Genau dieser Zusammenstoß ist es, der auch den Hintergrund des Faust-Buches bildet. Es erscheint als Zeugnis rückwärtsgewandter, radikal negativer Reaktion auf das Neue [...]. In der Gestalt des Doktor Faustus verteufelt es die neue Weltzuwendung und insbesondre die Lust am Forschen, an Entdeckungen und an Vorstößen ins Unbekannte.
Durch die Reformation und LUTHERs Bibelübersetzung erscheint auch die Figur des Satans in neuem Licht. Der Teufel des 16. Jahrhunderts ist nicht mehr länger der Gehörnte, vergleichsweise Harmlose des katholisch-MARIANISCHEN Mittelalters, mit dem sich einzulassen kein großes Risiko darstellte, sondern er ist, durch den lutherischen Rückgriff auf seine biblische Präsenz [...] ein geistig gefährlicher und besonders dem Geist gefährlicher Antipode Gottes und seines Reiches.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Darstellung des Faust-Stoffes als nationales literarisches Erbe und Zielsetzung der Untersuchung.
II. DER TEUFEL IN DER BIBEL: Analyse der biblischen Ursprünge der Teufelsfigur und ihrer Transformation vom "Exekutiv-Organ" Gottes zum Widersacher.
III. TEUFELSGESTALTEN IN DER DEUTSCHSPRACHIGEN FAUST-LITERATUR: Zentrale Analyse der Werke von 1587 bis zur Gegenwart.
IV. SCHLUSSBETRACHTUNGEN: Zusammenfassende Gegenüberstellung der Teufelskonzeptionen und Reflexion der diachronen Entwicklung.
V. BIBLIOGRAFIE: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Faust, Teufel, Mephistopheles, Literaturgeschichte, Säkularisierung, Teufelspakt, Verführung, Historia von D. Johann Fausten, Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Thomas Mann, Theologie, Dämonologie, Aufklärung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die diachrone Wandlung der Teufelsgestalt in der deutschsprachigen Literatur, ausgehend vom "Faust-Buch" von 1587 bis zu Thomas Manns "Doktor Faustus".
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Im Zentrum steht die Darstellung des Bösen, die historische Kontextualisierung der Teufelsfigur und das sich wandelnde Verständnis des Teufelspaktes in Abhängigkeit von der Weltsicht der jeweiligen Epoche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifische Funktion der Teufelsgestalt in den gewählten Werken herauszuarbeiten und aufzuzeigen, wie Autoren den "Pakt mit dem Teufel" nutzen, um zeitgenössische philosophische und gesellschaftliche Probleme zu spiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Der Autor verfolgt einen werkimmanenten Ansatz, der durch eine interdisziplinäre Einbeziehung von zeitgeschichtlichen, theologischen und philosophischen Perspektiven ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Werkstudien: das Faust-Buch von 1587, Lessings Fragmente, Goethes "Faust I", Heines "Der Doktor Faust" und Thomas Manns "Doktor Faustus".
Welche Schlagworte charakterisieren das Werk am besten?
Wichtige Begriffe sind Säkularisierung, Teufelsdarstellung, Literaturgeschichte, Faust-Mythos und diachrone Metamorphose des Teufels.
Warum spielt die Religion in dieser Analyse eine so tragende Rolle?
Da der Faust-Stoff tief in der christlichen Tradition verwurzelt ist, ist eine Betrachtung der theologischen Konzepte (z. B. lutherische Sündenlehre) notwendig, um die Funktion des Teufels als Gegenspieler Gottes oder als rationalisiertes Symbol zu verstehen.
Inwiefern unterscheidet sich der Teufel bei Thomas Mann von den klassischen Vorlagen?
Bei Thomas Mann ist der Teufel nicht mehr als leibhaftige Figur in der objektiven Wirklichkeit präsent, sondern erscheint als eine Form der psychologischen Verinnerlichung und Symbolisierung der nationalen Schuld.
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- Tim Oliver Sander (Author), 2004, Teufelsgestalten in der deutschsprachigen Faustliteratur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39076