Entwicklung der Titelfiguren aus Lessings Stücken "Miß Sara Sampson", "Philotas", "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti" bezüglich ihrer Handlungsaktivität


Seminararbeit, 2004

32 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Gegenstand und Ziel der Arbeit

2. Miß Sara Sampson – „Mutter“ des deutschen bürgerlichen Trauerspiels
2.1 Miß Sara Sampson – leiden oder handeln?
2.2 Charakterentwicklung der Sara im Hinblick auf ihre Handlung im Stück
2.3 Gegenspielerin Marwood
2.4 Aktion durch Zwang

3. Philotas – eine Heldengeschichte?
3.1 Handlung durch Selbstopfer
3.2 Analyse der Aktionsentwicklung durch Philotas
3.3 „Da zieht er mit unserer Beute davon, der größere Sieger!“

4. Minna von Barnhelm oder das Soldatenglück – Vorhang auf für eine etwas andere Titelheldin
4.1 „Geschwind, bringen Sie mir diesen Mann!“ Minna von Barnhelm – Trägerin der Handlung
4.2 Charakteranalyse der Minna von Barnhelm
4.3 Verstand und Gefühl – Minna, der Mischcharakter

5. Emilia Galotti – eine Hommage an die Unschuld
5.1 Emilia Galotti – „die Furchtsamste und Entschlossenste unseres Geschlechts“
5.2 Entwicklung der Aktivität Emilias
5.3 „Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert“ – Handlung durch Rhetorik

6. Ergebnisse der Untersuchung

7. Literaturliste

1. Gegenstand und Ziel der Arbeit

Gotthold Ephraim Lessing, Sohn eines Pfarrerehepaares, geboren am 22.1.1729 in Kamenz, gestorben am 15.2.1782 in Braunschweig, ist einer der bedeutenden deutschen Schriftsteller des 18. Jahrhunderts. Von ihm sind Stücke wie Der Mysogyn, Die Juden, Briefe, die neueste Literatur betreffend, Laokoon und Nathan der Weise.

Nachdem er in St. Afra die Fürstenschule besucht hatte, studierte er Theologie und Philologie in Leipzig. Später versuchte er sich zweimal an einem Medizinstudium, welches er aber nicht vollendete. Ab 1747 veröffentlichte er erste Erzählungen und Gedichte, 1748 wird sein Stück Der junge Gelehrte als erstes Theaterstück von ihm erfolgreich aufgeführt.

Es folgen mehrere Veröffentlichungen und Aufführungen. Lessing war jedoch nicht nur ein Schriftsteller, sondern auch Kritiker derselben; Künste aller Arten beschäftigten ihn sein Leben lang. 1766, zum Beispiel, erschien die wissenschaftliche Abhandlung Laokoon, die sich mit der gleichnamigen Plastik beschäftigt. Lessing entwarf nicht nur Theaterstücke, er machte auch eigene Erfahrungen mit der Bühne. Von 1767-1770 arbeitet er als Dramaturg in Hamburg und veröffentlicht darüber seine Hamburgische Dramaturgie.

In den Jahren 1770 bis zu seinem Tod 1781 in Braunschweig war er als Bibliothekar in Wolfenbüttel beschäftigt. Dort veröffentlichte er 1779 Nathan der Weise und 1780 sein letztes Werk Die Erziehung des Menschengeschlechts.

Privat knüpfte er Kontakt zu Karl Wilhelm Ramler, Christoph Friedrich Nicolai, Moses Mendelsohn und Ewald von Kleist. Auch Wilhelm Gleim und den Hauptpastor Johann Melchior Goeze lernt er kennen.1776 heiratet er nach fünf Jahren Verlobung Eva König, die 1777 seinen Sohn zur Welt bringt, welcher nach 24 Stunden bereits wieder stirbt. Ein Jahr darauf stirbt auch seine Frau.[1]

Diese Arbeit wird sich chronologisch mit den Stücken Miß Sara Sampson, Philotas, Minna von Barnhelm und Emilia Galotti beschäftigen. Es werden die Titelfiguren ihrer Aktivität und Passivität bezüglich untersucht werden. Gibt es eine Veränderung im Laufe der Geschichte? – und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen und inwiefern entwickeln sich die Charaktere. Dazu wird zu jedem Werk ein kurzer geschichtlicher Hintergrund skizziert werden.

2. Miß Sara Sampson – „Mutter“ des deutschen bürgerlichen

Trauerspiels

Miß Sara Sampson war nicht nur das erste bürgerliche Trauerspiel Lessings, es was das erste bekannte deutsche Trauerspiel überhaupt. Einer Anekdote nach, soll das Stück durch eine Wette zwischen Lessing und seinem Freund Moses Mendelsohn entstanden sein, als Lessing behauptete, er könne innerhalb von sechs Wochen ein „weinerliches“ Drama in der Art der französischen Tradition kreieren.[2] Ob er Miß Sara Sampson tatsächlich innerhalb dieses Zeitraumes und unter diesen Umständen schrieb, kann heute leider nicht anhand zuverlässiger Dokumente belegt werden. Sicher ist, dass es im Frühjahr 1755 vollendet und am 10.07. desselben Jahres in Frankfurt an der Oder uraufgeführt wurde[3]. Das Stück wurde sehr kontrovers aufgenommen. Es spaltete die Literaten Deutschlands in zwei Lager: Johann Christoph Gottsched, bekennender Anhänger des französischen Klassizismus, auf der einen Seite und Lessing, Liebhaber des englischen Dramas, auf der anderen. Das Fehlen der aristotelischen drei Einheiten, der Ständeklausel und des Alexandriner-Versmaßes sorgten ebenso für Diskussionen wie der Untertitel „Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen“. Die Kritik basierte auf der Annahme, dass ein bürgerliches Stück nicht ein solches sei, wenn adlige Personen mitspielten.[4] Demnach war Miß Sara Sampson kein reines Stück dieser Art. In der Biographie von DREWS liest man, Lessing sei von englischen Stücken inspiriert gewesen, „der Dramatiker Lillo [und] der Romancier Richardson haben die Patenschaft übernommen“[5] – und er hat offensichtlich recht damit, was sich in erster Linie durch die Namensgebung der Figuren erkennen lässt.

Aller Kontroversen zum Trotz, war das Stück jedoch sehr erfolgreich und Lessing ebnete durch seine Arbeit den Weg für viele Werke derselben Art, die nach der Veröffentlichung der Miß Sara Sampson noch geschrieben wurden.

2.1 Miß Sara Sampson – leiden oder handeln?

Im folgenden Teil soll auf die Charakterentwicklung der Figur der Sara eingegangen werden. Ihre Beobachtung erfolgt unter den Aspekten der Aktivität und Passivität im Stück. Kontrastiv dazu wird im Anschluss daran kurz die Figur der Marwood beleuchtet werden. Zuerst soll hier jedoch ein kurzer Abriss der Handlung aufgeführt werden, der die Personen- und Problemkonstellationen grob umreißt.

Schauplatz des Dramas sind die Räumlichkeiten zweier Gasthäuser in England. Miß Sara Sampson, Tochter des Sir William Sampson, ist mit ihrem Geliebten Mellefont, einem Mann aus adligem Hause, aus dem Wirkungskreis ihres Vaters in eines dieser geflohen, da der Vater gegen die Beziehung des Paares war. Doch Sara ist mit dieser Situation sehr unglücklich und bereut, diesen Schritt getan zu haben. Sie leidet besonders unter dem schlechten Gewissen ihrem Vater gegenüber. Sie glaubt ihm Unrecht getan zu haben. Auch Mellefont ist mit der gegenwärtigen Situation überfordert und zweifelt an der Richtigkeit seiner Entscheidung. Währenddessen sind Saras Vater und Marwood, die ehemalige Geliebte des Mellefonts, nicht untätig geblieben. Marwood fand heraus, wo sich das Paar aufhält und vertraute diesen Ort auch Sir William an. Beide Parteien reisen dem Paar nach und suchen Unterkunft in den Gasthäusern. Allerdings verfolgen beide unterschiedliche Ziele: Sir William wünscht sich nichts sehnlicher, als seine Tochter wieder mit nach Hause nehmen zu können, während Marwood ihren Geliebten zurückgewinnen möchte. Von Eifersucht gegenüber Sara erfüllt, versucht Marwood auf verschiedenen Wegen, ihr Ziel zu erreichen, bis durch eine Intrige ein Zusammentreffen, unter falschem Namen, zwischen ihr und Sara ermöglicht wird. Im Laufe des Gespräches mit der unwissenden Sara gibt sie sich als Marwood und somit als ehemalige Geliebte Mellefonts zu erkennen und die Situation eskaliert. Gekränkt durch Sara, vergiftet Marwood ihre Nebenbuhlerin mit Riechsalz und flüchtet. Im Sterben trifft Sara das erste Mal nach ihrer Flucht auf ihren Vater und sie versöhnen sich. Auch vergibt sie Marwood ihre Tat, indem sie den Brief zerreißt, in welchem sich Marwood als Mörderin Saras bekennt. Als sie danach aber ihren Vater bittet, Mellfont als seinen Sohn anzunehmen, wird dieser von Schuld und Schmerz überwältigt und erdolcht sich selbst. Durch seinen Freitod erringt er letztlich die Gunst des Sir William Sampson. Saras letzter Wunsch erfüllt sich hiermit auf das dramatischste.

2.2 Charakterentwicklung der Sara im Hinblick auf ihre Handlungen im Stück

Im Folgenden soll hier ausgearbeitet werden, inwiefern sich bei Sara eine Entwicklung des Charakters durch Handlung ihrerseits vollzieht. Obwohl Sara anfangs aktiv den Schritt gewagt hat und zusammen mit Mellefont geflüchtet ist, entsteht der Eindruck, dass sie eine sehr passive Rolle im Stück übernimmt. Besonders in den ersten Auftritten erscheint sie leidend. Sie ist verzweifelt und von ihrem schlechten Gewissen geplagt, was sich zuerst an den Auftritten Bettys, Saras Dienerin, und Mellefonts erkennbar macht. Beide beschreiben Sara in einem Zustand der gequälten Trauer, noch bevor sie selbst die Bühne das erste Mal betreten hat. Betty berichtet Mellefont und dessen Diener Norton:

„[...]Sie schlief einige Augenblicke, aber Gott! Gott!

was muß das für ein Schlaf gewesen sein! Plötzlich

fuhr sie in die Höhe, sprang auf und fiel mir als eine

Unglückliche in die Arme, die von einem Mörder

verfolgt wird. Sie zitterte, und ein kalter Schweiß floß

Ihr über das erblaßte Gesicht. Ich wandte alles an, sie

zu beruhigen, aber sie hat mir bis an den Morgen nur

mit stummen Tränen geantwortet.[...]“[6]

Mellefont deutet im nächsten Auftritt auf eine ähnliche Situation hin:

„[...]Nun wird sie kommen und wird unwiderstehliche

Tränen weinen.[...]“[7]

Durch diese Beschreibungen wird Sara in ihrem anfänglichen Stadium gut charakterisiert. WOSGIEN spricht hier richtig von Tränen als Signifikanten ihrer Passivität, welche in zweierlei Hinsicht, nämlich des Leidens und ihrer Untätigkeit, zu differenzieren sind.[8]

Im folgenden Ablauf erzählt sie Mellefont von ihrem Traum, den sie in der vorangegangenen Nacht hatte. Träume sind für Sara nicht nur Einbildung, sondern sie kennzeichnen auch die Folgen begangener Taten, wie sie Mellefont mitteilt (I, 7). Bevor sie jedoch zur Erzählung des Traumes kommt, charakterisiert sie sich nochmals selbst:

„[...]Von Weinen und Klagen, meinen einzigen Beschäftigungen,

ermüdet, sank ich mit halb geschlossenen Augenlidern auf das

Bett zurück.[...][9]

Der Traum, den Sara nun wiedergibt, signifiziert weiterhin ihre Aufgewühltheit und Selbstzweifel. In ihm folgt sie Mellefont zu einem Abgrund, als sie die Stimme ihres Vaters hört. Als sie sich der Stimme zuwendet, rutscht sie aus. Doch sie fällt nicht, denn sie wird von einer ihr ähnlichen Person am Fallen gehindert. Dennoch bedeutet das nicht ihre Rettung, denn diese Person zieht einen Dolch und will Sara töten. Genau in diesem Moment erwacht sie angsterfüllt. Wie RITCHI folgerichtig meint, lässt sich hier das Schuldbekenntnis Saras erkennen. Der Traum ist zu deuten als Zwiespalt der Urteilsfähigkeit des Herzens und des Gewissens. Damit gemeint ist der Zweifel zwischen Liebe und Selbstverwirklichung und zwischen Religiosität und gesellschaftlicher Normen.[10] Sie folgt im Traum ihrer Liebe, will sich durch sie selbst verwirklichen und wird von der Pflicht gegenüber ihrer Religion und der Gesellschaft eingeholt.

Eine erste Wendung in Saras Verhalten zeigt sich, als der Diener des Vaters, Waitwell, die Szene betritt.[11] Er hat die Aufgabe, Sara einen Brief ihres Vaters zu überreichen und auch gleich eine Antwort ihrerseits in Empfang zu nehmen. Da Sara jedoch, bedingt durch ihre derzeitige Situation, das Schlimmste erwartet, nimmt sie an, Waitwell überbringe ihr die Nachricht des Todes ihres Vaters. Sie lässt ihn gar nicht zu Wort kommen, sondern überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, sie hätte ihn durch ihr Verhalten in den Tod gestürzt. Doch Waitwell kann sie beruhigen und übergibt den Brief. Sara weigert sich zuerst, den Brief zu öffnen und zu lesen. Dafür lassen sich zwei Gründe benennen: erstens schämt sie sich, dass ihr Vater den ersten Schritt unternommen hat, um Kontakt mit ihr aufzunehmen. Außerdem hat sie Angst vor der Nachricht, denn sie fürchtet, ihr Vater habe ihr vergeben, was ihr von Waitwell auch bestätigt wird. Aufgrund ihres Schuldbewusstseins gegenüber ihrem Vater aber kann sie diese Vergebung nicht annehmen, denn ihr Vater könnte dies im Nachhinein bereuen. Im Folgenden sagt sie zu Waitwell:

„[...]Wenn sein Brief alles enthielte, was ein aufgebrachter

Vater in solchem Falle Heftiges und Hartes vorbringen

kann, so würde ich zwar mit Schaudern lesen, aber ich

würde ihn doch lesen können.[...]“ und weiter : “Kaum

aber würde dieses Verlangen ein wenig beruhigt sein, so

würde er sich seiner Schwäche wegen vor sich selbst

schämen. Ein finsterer Unwille würde sich seiner bemeistern,

und er würde mich nie ansehen können, ohne mich

heimlich anzuklagen, wieviel ich ihm abzutrotzen mich

unterstanden habe.[...]“[12]

Nur einem zornigen Vater könne sie gegenübertreten, denn Vergebung würde ihre Schuld noch vermehren und ihr ein weiteres glückliches Leben unmöglich machen. PIKULIK erkennt in diesem Verhalten eine Art „Lust zu Leiden“, da Sara weder willig, noch fähig ist, auch ihrerseits auf ihren Vater zuzugehen, obwohl er ihr offen entgegentritt.[13] Obwohl man dieses Verhalten so deuten kann, sollte man dennoch nicht so weit gehen und Sara Lust am Leid, unterstellen. Lust beinhaltet positives Potential, also Spaß an einer Sache. Man sollte hier eher den Wunsch zur verdienten Bestrafung in den Vordergrund rücken. Erst nach einiger Beruhigung und Anwendung einer kleinen Lüge Waitwells entschließt sich Sara, den Brief letztendlich doch zu öffnen und zu lesen. Als sie dann feststellt, dass Waitwell sie hintergangen hat, schwankt sie kurzzeitig, lässt sich dann aber nach erneuter Überzeugung seitens Waitwell darauf ein, den Brief ganz zu lesen. Daraufhin bittet sie ihn, sie eine Stunde allein zu lassen, damit sie eine Antwort verfassen kann. Sie wirkt aufgewühlt, wie man folgender Textstelle entnehmen kann:

„[...]Und was denkt man denn, wenn sich in einem

Augenblicke tausend Gedanken durchkreuzen? Und

w as empfindet man denn, wenn das Herz vor lauter

Empfinden in einer tiefen Betäubung liegt?[...]“[14]

Hier tritt Sara das erste Mal aktiv auf, auch wenn sie den Brief nicht vollenden kann, da sie gestört wird. Trotz ihrer Zweifel und Verwirrtheit entschließt sie sich, ihrem Vater eine Antwort zukommen zu lassen.

Durch den Brief ihres Vaters erhoben, zeigt sich Sara nun von einer anderen Seite. Als im nächsten Auftritt[15] Mellefont und Marwood, hier noch unter dem falschen Namen Lady Solmes und als Verwandte des Mellefont, zu Sara stoßen, überbringt sie die gute Nachricht des Briefes. Sie erscheint das erste Mal glücklich und ausgelassen:

„[...]Ach, Mellefont, welch ein Brief![...]Er[der Vater, eig. Anm.]

vergibt uns alles; wir werden uns nun vor seinen Augen lieben;

er erlaubt es uns; er befielt es uns. – Wie hat diese Gütigkeit meine

ganze Seele durchdrungen![...]“[16]

So bemerkt sie auch nicht die Spannungen, die sich zwischen Mellefont und Marwood ausbreiten. Das erscheint ihr in diesem Augenblick aber sehr unbedeutend, denn gleich nach der Verabschiedung der Lady Solmes wendet sie sich ihrer Dienerin Betty zu und will ihr den Brief zeigen. Ein weiteres Indiz für ihre jetzige glückliche Stimmung. Sie will jedem, selbst Lady Solmes, den Beweis für ihre vergebene Tat zeigen. Es scheint, als könne sie es selbst nicht glauben.

Eine weitere Entwicklung im Charakter Saras findet sich in ihrem Gespräch mit Lady Solmes, welche sich am Ende als Marwood zu erkennen und damit den entscheidenden Anstoß zur Eskalation der Situation gibt.[17] Das Gespräch beginnt noch mit Höflichkeiten, die Spannung steigert sich dann aber kontinuierlich, als Lady Solmes sich mehr und mehr als Fürsprecherin der Marwood und sich letztendlich selbst als solche zu erkennen gibt. Sara wird hier zum zweiten Mal aktiv. Sie äußert sich ganz bewusst gegen Marwood, wie WOSGIEN hier richtig bemerkt, demütigt sie Marwood sogar[18] und nimmt Mellefont in Schutz, da Lady Solmes alias Marwood ganz offensichtlich zu intrigieren versucht. Sara möchte das aber weder hinnehmen, noch will sie versuchen, die Wahrheiten hinter den Behauptungen der Lady Solmes zu erforschen. So verschließt sie sich dagegen, bis Marwood ihr wahres Gesicht zu erkennen gibt. Sara flieht und fällt in einem Nebenzimmer in Ohnmacht.[19] Nach WOSGIEN kann man hieran einen Rückfall Saras zu ihrem vorherigen Verhalten der Passivität und des Leidens erkennen.[20] Als sie wieder zu sich kommt, erfährt sie, dass Marwood in ihrer Sorge um Sara eine Arznei (das giftige Riechsalz) hinterließ. Als Mellefont, durch Norton, daraufhin einen Brief von Marwood erhält, erkennt er, dass Marwood Sara durch die Arznei vergiftet hat und seine Geliebte nun sterben muss.[21]

In dieser letzten Phase des Stückes entwickelt Sara durch ihre Dialoge starke Aktivität. Sie hält Mellefont davon ab, Rache an Marwood zu begehen („Lassen sie nichts von Rache hören. Die Rache ist nicht unser!“)[22] und will ihren Vater durch Norton wissen lassen, dass sie „in den lebhaftesten Empfindungen der Reue, Dankbarkeit und Liebe gestorben“ sei.[23] RITCHI meint hierzu treffend, dass Sara erst im Augenblick des Todes die Vergebung ihres Vater annehmen kann, da sie ihren Tod als Strafe Gottes für ihr falsches Handeln als gerecht empfindet.[24] Ein hervorzuhebender Aspekt ist, dass sie vergibt. So zerreißt sie nicht nur den Brief, in welchem Marwood ihre Tat gesteht,[25] sie fordert auch, dass man Betty nichts vorwerfen dürfe:

„[...]Das arme Mädchen! Daß ihr ja niemand eine

Unvorsichtigkeit vorwerfe, die durch ihr Herz ohne Falsch

und also auch ohne Argwohn der Falschheit

entschuldiget wird.[...]“[26]

Bemerkenswert ist, laut WOSGIEN, dass sie in ihrer Todesstunde weder weint noch klagt, sondern sogar den Trauernden noch Mut zuspricht.[27] Tatsächlich ist dies ein Zug Saras, der ihrem Charakter nicht ähnlich ist. Man kann behaupten, dass Sara im Zeitpunkt des Sterbens vollkommene Handlungsfähigkeit erreicht hat. Und selbst nach ihrem Tod haben ihre Worte noch Wirkung. So will Sir William Mellefont und Arabella, Tochter des Mellefont und der Marwood, gemäß Saras letzten Willens als „Kinder“ bei sich aufnehmen. Doch Mellefont, geblendet durch Saras Vergebung und Großmut, gibt sich die Schuld an ihrem Tod und erdolcht sich deshalb selbst.

2.3 Gegenspielerin Marwood

Um die Figur der Sara zu kontrastieren, muss man den Charakter der Marwood näher betrachten. Sie erscheint das ganze Stück hinweg handelnd. Es beginnt damit, dass sie den Aufenthaltsort des Paares herausfindet, die Adresse Sir William zukommen lässt und selbst hinterher reist. Kaum in dem Gasthofe angekommen, lässt sie Mellefont einen Brief zukommen, in welchem sie ihn um ein Treffen bittet. Als er daraufhin erscheint, verstellt sie sich, um ihre Wut ihm gegenüber unter Kontrolle zu halten, und spielt ihm somit etwas vor. Sie instrumentalisiert Arabella, ihr gemeinsames Kind, um sie als Druckmittel zu benutzen. Außerdem weckt sie alte Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit. Durch eine Intrige ihrerseits wird ein Treffen zwischen ihr und Sara herbeigeführt, bei welchem sie sich, unter falschem Namen, ein Bild ihrer Nebenbuhlerin machen und in einem Gespräch Verständnis für „Marwood“ erringen möchte. Kurze Zeit darauf wird Sara dieses Spiel zum Todesurteil, denn zu spät erkennt sie die Maskerade Marwoods. Sie flieht, nachdem sie Sara durch ihre Bedienstete das Gift zukommen ließ. Sie nimmt Arabella mit, um erneut ein Druckmittel gegen Mellefont in der Hand zu haben und lässt in einem Brief keine Zweifel darüber offen, dass sie die Mörderin der Sara gewesen ist.

Marwood tritt nicht einmal während des gesamten Stückes passiv auf, immer geht die Initiative von ihr aus. Sie verfolgt konkret und ohne moralische Skrupel ihr Ziel: Mellefont zurückzugewinnen. WOSGIEN sieht Marwood als Pragmatikerin, der Zweck heiligt ihre Mittel. Sie täuscht Sara und Mellefont, agiert und reagiert, gibt nicht auf und droht sogar, um ihre Vorhaben in die Tat umsetzen zu können.[28]

[...]


[1] Vgl. Drews, Wolfgang: Lessing. Hg. Wolfgang Müller und Uwe Naumann. Reinbeck bei Hamburg: Rowolt Taschenbuch Verlag GmbH. 2001. S.151/152

[2] Vgl. Erläuterungen und Dokumente: Lessing, Gotthold Ephraim: Miß Sara Sampson. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1999. S. 25

[3] Vgl. ebd. S. 40,42

[4] Vgl. ebd. S. 41 – von einem anonymen Verfasser aus der „Staats- und Gelehrten Zeitung“ vom 17.6.1755

[5] Drews, Wolfgang: Lessing. S. 53

[6] Lessing, Gotthold Ephraim: Miß Sara Sampson. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1993. I,4

[7] Ebd. I,5

[8] Vgl. Wosgien, Gerlinde Anna: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. Ihre Entwicklung unter dem Einfluß Rousseaus. Frankfurt am Main: Lang, 1999. S. 190

[9] Lessing: Miß Sara Sampson. I,7

[10] Vgl. Ritchi, Gisela F.: Der Dichter und die Frau. Literarische Frauengestalten durch drei Jahrhunderte. Bonn: Bouvier, 1989. S. 33

[11] Lessing: Miß Sara Sampson. III,3

[12] Ebd. III,3

[13] Vgl. Wosgien: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. S. 191

[14] Lessing: Miß Sara Sampson.III,4.

[15] Ebd. III,5

[16] Ebd. III,5

[17] Ebd. IV,8

[18] Vgl. Wosgien: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. S. 174. Wosgien führt an dieser Stelle noch andere Kritiker des Stückes an, die Sara unterschiedlich bewerten - von „triumphierend“ bis „liebloses und selbstgerechtes Verhalten“ wird sie hier beschrieben.

[19] Lessing: Miß Sara Sampson. V,1

[20] Vgl. Wosgien: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. S. 175

[21] Lessing: Miß Sara Sampson. V,5

[22] Ebd. V,5

[23] Ebd. V,8

[24] Vgl. Ritchi: Der Dichter und die Frau. S. 36

[25] Lessing: Miß Sara Sampson. V,10

[26] Ebd. V,10

[27] Vgl. Wosgien: Literarische Frauenbilder von Lessing bis zum Sturm und Drang. S. 193

[28] Vgl. ebd. S. 171

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Entwicklung der Titelfiguren aus Lessings Stücken "Miß Sara Sampson", "Philotas", "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti" bezüglich ihrer Handlungsaktivität
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Veranstaltung
Forschungslernseminar
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
32
Katalognummer
V39172
ISBN (eBook)
9783638380263
ISBN (Buch)
9783640268047
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit zur Vorlage der mündlichen Zwischenprüfung Literatur Germanistik, welche mit der Note 1 bestanden wurde.
Schlagworte
Entwicklung, Titelfiguren, Lessings, Stücken, Sara, Sampson, Philotas, MInna, Barnhelm, Emilia, Galotti, Handlungsaktivität, Forschungslernseminar
Arbeit zitieren
Natascha Keil (Autor), 2004, Entwicklung der Titelfiguren aus Lessings Stücken "Miß Sara Sampson", "Philotas", "Minna von Barnhelm" und "Emilia Galotti" bezüglich ihrer Handlungsaktivität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39172

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