„Jedes Wort ist, wenn es als Teil eines Satzes fungiert, nicht mehr isoliert wie im Wörterbuch. Zwischen ihm und benachbarten Wörtern stellt das Bewußtsein Konnexionen fest: Beziehungen, deren Gesamtheit das Gerüst des Satzes bildet.“1 Gleich zu Anfang des Werks „Grundzüge der strukturalen Syntax“2 beschreibt Lucien Tesnière, dass Sprache in ihrer grammatischen Struktur und Bewusstsein voneinander abhängen. Allein der Begriff der Dependenz verweist auf dieses Netzwerk von Abhängigkeiten, sei es auf der Beziehungsebene des Wortes zum Satz, der Worte untereinander oder, was hier im Vordergrund steht, die Verbindung zwischen Struktur der Sprache und der kognitiven Verarbeitung sprachlicher Zeichen. Wenn es, wie in der kognitiven Linguistik, um die Relation von Bewusstsein und Sprache geht, wird oft das Theorem der gene rativen Grammatik Chomskys zitiert. Dass Denk- und Sprachstrukturen interdependent sind, wie auch die Sapyr-Whorf-Hypothese umschreibt, gilt dieser Arbeit als Grundvoraussetzung. Zitieren ließe sich diese Auffassung von Wittgenstein und Foucault3 bis zurück zur Aufklärung mit Lessing und Humboldt. An dem Punkt der Sprachauffassung, an dem sich das sprachliche Zeichen von der Natürlichkeit der Dinge ablöst und in ein arbiträres Verweisverhältnis tritt, muss sich die Sprachwissenschaft notwendigerweise mit dem menschlichen Bewusstsein auseinandersetzen, da der Weg von Bezeichnendem und Bezeichnetem über die Fertigkeit des menschlichen Gehirns gewährleistet wird. Dabei beha ndelt die neuere Kognitionswissenschaft nicht nur die Bewusstseinsleistung des Menschen beim Verarbeiten von (sprachlicher) Information, sondern in abstrahierter Weise die grundlegende Bedingung von Informationsverarbeitung an sich, maßgeblich in der Kybernetik oder Automatentheorie. Andersherum ist die Auswirkung der Struktur der Syntax auf das menschliche Bewusstsein nicht weniger wichtig. [...] 1 Tesnière, Lucien: Grundzüge der strukturalen Syntax. Hrsg. v. Engel, Ulrich. Stuttgart: Klett-Cotta 1980. S. 25 2 Tesnière, Lucien: Tesnière, Lucien: Grundzüge der strukturalen Syntax. A.a.O. 3 Foucault, Michele: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1974.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. INFORMATION
1.1. Information und Bewusstsein
1.2. Information und Konnexion
1.3. Informationseinheiten – Chunks
2. KOGNITION
2.1. Sprache und Kognition
2.2. Bewusstsein
2.3. Gedächtnis
3. SPRACHSTRUKTUR UND DEPENDENZGRAMMATIK
3.1. Dependenz
3.2. Valenz und thematische Rolle (semantische Merkmale)
3.3. Verbale Satzglieder und Gedächtnisstruktur
3.4. Dependenzgrammatik und Theater
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Interdependenz von Sprache, kognitiver Informationsverarbeitung und Gedächtnisstrukturen auf Basis der Dependenzgrammatik. Ziel ist es zu zeigen, wie syntaktische Strukturen, insbesondere die Valenz des Verbs, die begrenzte Kapazität des menschlichen Arbeitsgedächtnisses bei der Sprachverarbeitung steuern.
- Beziehung zwischen sprachlicher Struktur und menschlichem Bewusstsein
- Die Rolle der Dependenzgrammatik bei der kognitiven Sprachanalyse
- Informationsverarbeitung und Gedächtnisleistung (Chunks)
- Valenztheorie und thematische Rollen als ordnende Instanzen
Auszug aus dem Buch
1.3. Informationseinheiten – Chunks
Das Arbeitsgedächtnis kann 7 ± 2 Chunks, Informationseinheiten, in einer kurzen zeitlichen Einheit behalten. Es stellt sich die Frage, was in der syntaktischen Analyse einem Chunk, also einer Informationseinheit, gleichkommt. Und in welchem Zeitraum entspricht eine zeitliche Einheit? „Ohne aktives Wiederholen wird die Dauer der Verfügbarkeit von Wissenselementen mit ca. 7 sek (es werden Werte zwischen 5 sek und 226 sek berichtet) angenommen, danach ist die Wahrscheinlichkeit der Reproduktion kleiner als p = 0,5.“ Dies ist abhängig von der Art und der Anzahl der Chunks. „Bei einem Chunk ergeben sich ca. 73 sek (es werden Werte zwischen 73 sek und 226 sek berichtet), bei drei Chunks ca. 7 sek (es werden Werte zwischen 5 sek und 34 sek berichtet).“ Sicher handelt es sich hierbei um eine Richtgröße, es kommt darauf an, wie schnell gesprochen wird, welches Umfeld mit welchen Ablenkungen vorhanden sind und wie hoch der Abstraktionsgrad der Chunks ist.
Es ist nun noch nicht geklärt, was eine Informationseinheit, ein Chunk ist. Entspricht dies einem Wort pro Satz? Wohl kaum, denn dann dürfte jeder Satz nicht mehr als genau 7 ± 2 Worte enthalten, um verstanden werden zu können. Dabei gibt es wesentlich längere Sätze, die sehr wohl noch als Ganzes aufgefasst werden können. Zum Beispiel hatte der vorige Satz schon ganze 15 Worte, also mindestens sechs Worte zu lange. War er deshalb schwer, oder zu lange, um vom Arbeitsgedächtnis informativ verarbeitet werden zu können? Wesentlich besser scheint der Begriff der Bedeutungseinheit zu passen: „Bei konstanter Silben- und Wortzahl braucht man zum Lesen eines Textes länger, wenn die Zahl der Propositionen zunimmt.“ Dabei darf nicht verwechselt werden, dass der Begriff der Proposition das beschreibt, was durch einen Satz ausgedrückt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Interdependenz von Sprache und kognitiver Verarbeitung ein und stellt die Dependenzgrammatik als geeignetes Modell zur Untersuchung dieser Beziehung vor.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert die theoretischen Grundlagen der Information, der Kognition und der Dependenzgrammatik, um deren Zusammenspiel im menschlichen Gehirn zu beleuchten.
1. INFORMATION: Dieses Kapitel definiert Information als Baustein des Kommunikationsprozesses und untersucht den Zusammenhang zwischen Bewusstsein, Konnexion und Informationseinheiten.
2. KOGNITION: Es wird die enge Verflechtung von Denken und Sprache untersucht sowie die Rolle des Gedächtnisses als begrenzter Speicher für kognitive Prozesse erläutert.
3. SPRACHSTRUKTUR UND DEPENDENZGRAMMATIK: Dieses Kapitel wendet die Prinzipien der Dependenzgrammatik auf die Struktur von Sätzen an und zeigt, wie Verben die semantische und syntaktische Ordnung steuern.
III. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Dependenzgrammatik ein valides Modell bietet, um die ordnende Funktion des Verbs bei der Entlastung des menschlichen Gedächtnisses zu erklären.
Schlüsselwörter
Dependenzgrammatik, Valenztheorie, Informationseinheiten, Chunks, Arbeitsgedächtnis, Kognition, Bewusstsein, Syntax, Sprachverarbeitung, Semantik, Kommunikation, Sprachstruktur, Gedächtnisstruktur, Konnexion, Propositionen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der vergleichenden Untersuchung der Beziehung zwischen sprachlicher Struktur und menschlicher kognitiver Leistungsfähigkeit unter Anwendung der Dependenzgrammatik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Informationsverarbeitung, die Kognitionswissenschaft, das menschliche Gedächtnis sowie die theoretische Linguistik auf Basis der Dependenzgrammatik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, inwiefern die Struktur der Syntax – insbesondere durch die Valenz des Verbs – als ordnendes Prinzip für die begrenzte Kapazität des menschlichen Arbeitsgedächtnisses fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die linguistische Modelle (vor allem die Dependenzgrammatik von Tesnière) mit kognitionswissenschaftlichen Erkenntnissen (unter anderem von Bernard J. Baars und Niklas Luhmann) verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Information als Baustein, die Kognition von Sprache und Bewusstsein sowie eine detaillierte Analyse der sprachlichen Struktur mittels Dependenz- und Valenztheorie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Dependenzgrammatik, Kognition, Arbeitsgedächtnis, Valenztheorie, Informationseinheiten (Chunks) und Sprachstruktur charakterisiert.
Wie erklärt die Arbeit das "Theater der Bewusstseins"?
Die Arbeit nutzt die Metapher des Theaters nach Bernard J. Baars, um zu veranschaulichen, wie das Verb als Regisseur im Satz eine systematische Ordnung herstellt, die dem Sprecher meist unbewusst bleibt, während die sprachliche Kommunikation abläuft.
Warum ist das Verb für die Gedächtnisstruktur so wichtig?
Das Verb weist als zentrales Regens den Satzgliedern thematische Rollen zu und hilft dem Gehirn durch die Ausnutzung von Redundanz, die Information effizienter im Arbeitsgedächtnis zu verarbeiten.
- Quote paper
- Christopher Klein (Author), 2005, Gedächtnis und syntaktische Struktur - Eine vergleichende Untersuchung auf Basis der Dependenzgrammatik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39195