Selbstmordattentäter im Nahost-Konflikt


Seminararbeit, 2005
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Geschichte der Selbstmordattentate
2.1 Ursprung des systematischen Selbstmordattentats
2.2 Comeback der Selbstmordattentäter in den 1990’er Jahren
2.3 Der Friedensprozess gerät ins Stocken
2.4 Die Al-Aqsa-Intifada

3. Märtyrerkult- Kult des Todes
3.1 Selbstmörder oder Märtyrer ?
3.2 Popstars der islamischen Welt
3.3 Rekrutierung und Vorbereitung der Selbstmordattentäter
3.4 Ursachen des Phänomens Selbstmordattentat

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mehr als hundert Jahre stehen Palästinenser und Juden in Konflikt zueinander. Terror und Friedensverhandlungen wechseln sich seit der Gründung Israels im Jahr 1948 ab, ohne dass die Verhandlungen den Frieden in greifbare Nähe gerückt haben. Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts wird im Rahmen dieses Konflikts verstärkt auf palästinensischer und israelischer Seite ein gnadenloser Kampf ausgetragen, wodurch Tausende von Menschen zu Tode kamen und bis heute kommen. Insbesondere die Zivilbevölkerungen beider Seiten sind dabei die Leitragenden in diesem, durch Religion und Recht auf Existenz gerechtfertigten Krieges. Das Kampfmittel des Selbstmordattentats, das in den 1970’er Jahren auf palästinensischer Seite erstmals angewandt wurde, fand in kürzester Zeit weite Verbreitung und hat dem Konflikt eine neue Dimension verliehen.[1]

Das Selbstmordattentat hat sich heute zu einem internationalen Phänomen entwickelt, das in den letzten 20 Jahren von nicht weniger als 17 Gruppierungen aus 14 verschiedenen Ländern eingesetzt wurde. Einer Gesamtzahl von über 400 Selbstmordattentaten fielen seit den 1970’er Jahren 25.000 Menschen zum Opfer, von denen ca. 5.000 um ihr Leben kamen. Hinzu kommt ein beträchtlicher wirtschaftlicher Schaden, der jedoch angesichts der vielen Toten und teils schwer Verletzten unwesentlich erscheint.[2]

In diesem Aufsatz werde ich zunächst den Ursprung des systematischen Selbstmordattentats, das Comeback dieser ‚wirksamen’ Waffe in den 90’er Jahren, und ihre Entwicklung im Rahmen des Nahost-Konflikts bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts darstellen. Eine Übersicht über den Verlauf des Friedensprozesses soll dem Leser eine Vorstellung von der über Jahren äußerst angespannten Lage im Nahen Osten vermitteln.

Des Weiteren möchte ich untersuchen wodurch es zu der Entstehung eines palästinensischen Todeskultes kam, in dem Menschen als lebende Waffen instrumentalisiert wurden und werden, um in der israelischen Bevölkerung Angst und Schrecken zu verbreiten. Es scheint heute eine Allerweltsweisheit zu sein, dass Gewalt im Allgemeinen und das Selbstmordattentat im Speziellen aus Armut hervorgeht, und somit nur durch die Stabilisierung der wirtschaftlichen Lage zu bekämpfen sei. Anknüpfend an diese These, werde ich verdeutlichen, dass die Ursachen vielschichtiger sind und eine Bezugnahme auf psychologische Aspekte für das Verständnis des Phänomens Selbstmordattentat unerlässlich ist. Abschließend möchte ich mich der Frage nach den geeigneten Maßnahmen zur Einhegung des Konflikts, und damit der Gewalt, widmen.

2. Die Geschichte der Selbstmordattentate

2.1 Ursprung des systematischen Selbstmordattentats

Die Tradition des systematischen Selbstmordattentats geht zurück auf Japan, wo „die Krieger- Ethik der Samurai“[3] dieses Kampfmittel in Form der japanischen Kamikaze-Flieger in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - im Rahmen des 2. Weltkrieges - hervorbrachte. Auch das nationalsozialistische Deutschland entdeckte das Selbstmordattentat für seine Zwecke, und entsandte gegen Ende des 2. Weltkrieges die ersten, und gleichzeitig auch letzten deutschen Kamikaze-Flieger.[4]

In den 1940’er Jahren fand das Selbstmordattentat während der Kolonialherrschaft Japans über Korea auch dort Einzug, und wurde zu Beginn der 1950’er Jahre im Korea-Krieg mehrfach eingesetzt. Während die südkoreanische Republik Korea sich nach Beendigung des Krieges mit den USA militärisch verbündete, einen westlichen Kurs einschlug und damit die Taktik des Selbstmordattentats aufgab, etablierte sich dieses Kampfmittel im kommunistisch-totalitären Staat Nordkorea und entwickelte sich schließlich zur Staatsdoktrin. Dort hat sich die Tradition des Selbstmordattentats bis heute erhalten und ist aus der Staatspropaganda Nordkoreas nicht mehr wegzudenken. Nordkorea verfügt seit langem über Selbstmordkommandos, die dem japanischen Muster entsprechen.[5]

Die Hauptstadt Nordkoreas Pjöngjang spielt seit den 1970’er Jahren eine große Rolle bei der „Proliferation des Kampfmittels Selbstmordattentat“[6], indem sie Attentätern und deren Organisationen Unterschlupf gewährt. Dies geschah beispielsweise im Falle des Massakers auf dem Flughafen von Tel Aviv im Mai 1972, das von drei Mitgliedern der ‚Japanischen Roten Armee Fraktion’ verübt wurde. Die ‚Japanische Rote Armee Fraktion’ hatte ihren Stützpunkt in Nordkorea, und bereitete dort ihr Attentat vor. Ziel dieser Tat war einen Krieg gegen den Imperialismus, und damit vor allem gegen die USA zu entfachen. Zu diesem Zweck nahm Fusako Shigenobu, eine der Schlüsselfiguren der ‚Japanischen Roten Armee Fraktion’, Kontakt zur ‚Volksfront für die Befreiung Palästinas’ (PFLP) auf.[7]

Die PFLP, weniger an einem Krieg gegen den Imperialismus interessiert, sondern vielmehr an der Vernichtung des Staates Israels und der Errichtung eines palästinensischen Staates, organisierte für die drei japanischen Selbstmordattentäter ein Spezialtraining und unterstützte den geplanten Anschlag in vielen weiteren Aspekten. Auf diesem Weg fand das Kampfmittel des systematischen Selbstmordattentats „seinen Eingang in den Nahost-Konflikt, und wurde auf palästinensischer Seite nach kurzer Zeit zum Programm erhoben.“[8] [9]

2.2 Comeback der Selbstmordattentäter in den 1990’er Jahren

Das erste palästinensische Selbstmordattentat im Jahr 1974 soll von der radikal islamistischen Gruppe PFLP-GC[10] (Volksfront für die Befreiung Palästinas-Generalkommando), angeführt von Ahmad Dschibril, geplant und ausgeführt worden sein. Die Von der PFLP abgespaltene Organisation, die seit ihrer Entstehung mit der von Arafat angeführten Al-Fatah konkurriert, beharrte darauf, dass es sich bei ihren mit Sprengsätzen bewaffneten Attentätern um die ersten palästinensischen Selbstmordattentäter gehandelt habe, während Israel hartnäckig an der Version festhielt, dass die Sprengsätze explodierten, als sie von einem israelischen Geschütz getroffen wurden. Dass Dschibril die Täterschaft mit größter Nachhaltigkeit bis heute zu untermauern versucht, kann als Indiz für den „erbitterten Konkurrenzkampf“[11] unter den zahlreichen palästinensischen Terrororganisationen verstanden werden.[12]

Das primäre Ziel der Attentate war einer Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts entgegenzuwirken. Nachdem die Anzahl der Selbstmordattentate Ende der 70’er Jahre zurückging, erlebte diese bewährte Waffe in den 90’er Jahren in diesem Zusammenhang ihr Comeback.[13]

Der palästinensische Widerstand nach dem Ausbruch der Intifada im Jahr 1987 deutete bereits auf die Wiederkehr der Selbstmordattentate hin, auch wenn sich die Gewaltaktionen anfänglich auf aggressive Straßendemonstrationen, die durch dramatische Fernsehbilder Steine werfender Kinder und Jugendlicher die Aufmerksamkeit der westlichen Welt auf sich zogen, beschränkten.[14] Möglicherweise hätten diese, sich in Lebensgefahr bringenden Kinder, ohne dem Feind jedoch gefährlich werden zu können, als Vorzeichen für das Aufkommen der Selbstmordattentate verstanden werden können, denn in ihrer Lebensverachtung, so Christoph Reuter (Verfasser des Buches „Mein Leben ist eine Waffe- Selbstmordattentäter), sind sie den Selbstmordattentätern sehr ähnlich.[15]

Die PLO, palästinensische Organisation für die Befreiung Palästinas und Errichtung eines unabhängigen palästinensisch-arabischen Staates, übernahm schnell die Führung des palästinensischen Widerstandes, zeigte sich doch durch die Annahme der UN-Resolution 181 im Jahr 1988 friedensbereit. Hingegen bildete die PFLO-GC, die nun die islamistischen Splittergruppen Hamas und Islamischer Dschihad[16] vereinte, deren engen Beziehungen zu der PFLO-GC sich in den folgenden Jahren auf die Organisation und Ausführung von Selbstmordattenten bezog[17], eine Opposition, die bestrebt war die Bemühungen einer friedlichen Beilegung des Konflikts, und in diesem Rahmen die Umsetzung der Osloer Friedensverträge zu vereiteln. Dies zeigte sich deutlich im September 1993, indem Ahmad Dschibril vier Tage vor der Unterzeichnung der Osloer-Verträge am 9. September drohte, dass der Vorsitzende der PLO, Jassir Arafat, im Falle der Unterzeichnung mit seinem Leben bezahlen und eine Vielzahl von Selbstmordattentaten in ganz Israel die Folge sein werde. Am Abend vor dem Abschluss des israelisch-palästinensischen Friedensabkommens wurde diese Drohung zum Teil in die Tat umgesetzt. Ein Anschlag auf das Leben Jassir Arafats erfolgte nicht, doch wurden zahlreiche Selbstmordattentate von der Hamas und der Gruppe Islamischer Dschihad am selben Abend verübt.[18]

Nach einer Anschlagserie die drei Selbstmordattentate umfasste, die jedoch alle aufgrund mangelnder Vorbereitung missglückten, oder von israelischen Soldaten verhindert werden konnten, forderte die israelische Opposition die Regierung Rabin auf, das Friedensabkommen mit der PLO nicht zu unterzeichnen, um weitere Anschläge zu verhindern. Die israelische Regierung kam dieser Forderung jedoch nicht nach, und Regierungschef Rabin und Jassir Arafat unterzeichneten am 13.September 1993 das Friedensabkommen, worauf sich wie zu erwarten die Terrorwelle fortsetzte.[19] Das erste erfolgreiche Selbstmordattentat konnten die palästinensischen Terroristen am 4.Oktober verbuchen. Bei der Detonation einer Fahrzeugbombe, die von einem palästinensischen Todesfahrer auf einen vorwiegend mit israelischen Soldaten besetzten Bus gesteuert wurde, starb der Todesfahrer und dreißig Businsassen wurden teils schwer verletzt. Zu dem Anschlag bekannten sich die Hams und Islamischer Dschihad gleichermaßen, und erklärten das Attentat „als Antwort auf die brutalen Razzien des israelischen Militärs (…) gegen Mitglieder beider Organisationen.“[20] [21]

[...]


[1] Vgl. Landeszentrale für politische Bildung, Baden-Württemberg: Der Nahost-Konflikt, online im Internet <http://www.lpb.bwue.de/aktuell/nahost.htm> 2005 (zugegriffen am 2.03.2005)

[2] Vgl. Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.1

[3] Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.1

[4] Vgl. Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.1

[5] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.72

[6] Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.1

[7] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.75

[8] Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.2

[9] Vgl. Dr. Kümmel, Gerhard: Das Lächeln der Freude. Selbstmord-Attentate als Selbstopfer, online im Internet <http://www.ifdt.de/0401/Artikel/kuemmel.htm>, März 2004 (zugegriffen am 10.02.2005), S.2

[10] Generalkommando und Ablehnungsfront als Antwort auf die von Arafat propagierte Teilstaatlösung.

[11] Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.82

[12] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.81f

[13] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.81f

[14] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.165f

[15] Vgl. Reuter, Christoph: Mein Leben ist eine Waffe. Selbstmordattentäter- Psychogramm eines Phänomens C. Bertelsmann Verlag München 2002, S.190

[16] Palästinensischer Ableger der vom Iran aufgebauten und unterstützten schiitisch-libanesischen Kampforganisation Hizbullah. Die Hizbullah wird verantwortlich gemacht für zahlreiche Selbstmordattentate, vor allem im Libanon, die sich gegen die israelische Besatzung des Landes richten.

[17] Die zunehmend engen Beziehungen der Organisationen bezogen sich auch auf den Austausch von Informationen über den Bau von Autobomben und der Ausbildung von Selbstmordattentätern.

[18] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.170

[19] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.171

[20] Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.171

[21] Vgl. Croitoru, Joseph: Der Märtyrer als Waffe. Die historischen Wurzeln des Selbstmordattentats. Carl Hanser Verlag München, Wien 2003, S.171

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Selbstmordattentäter im Nahost-Konflikt
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
26
Katalognummer
V39268
ISBN (eBook)
9783638380850
ISBN (Buch)
9783638654890
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstmordattentäter, Nahost-Konflikt
Arbeit zitieren
Markus Mikikis (Autor), 2005, Selbstmordattentäter im Nahost-Konflikt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39268

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