Der Einfluss von peer-groups auf Einstellungen zu Gewalt und Gewaltverhalten in der Schule


Examensarbeit, 2003

75 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Gliederung

1. Gewalt
1.1 Etymologische Zugangsweise
1.2 Verwendung von Gewalt im Alltag
1.3 Gewaltverständnis von Kindern und Jugendlichen
1.4 Definitionen von Aggression
1.4.1 Psychologische Theorien zur Aggressionsentstehung
1.4.1.1 Triebtheorien
1.4.1.2 Lerntheorien
1.4.1.3 Frustrations-Aggressionstheorie nach Dollard
1.4.2 Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens
1.4.2.1 Anomietheorie
1.4.2.2 Deprivation
1.4.2.3 Etikettierung und Stigmatisierung
1.4.2.4 Theorie der differentiellen Assoziation
1.5 Zusammenfassung

2. Die Peer-Group
2.1 Was sind Peers
2.2 Die Sozialisation durch die Peer-Group
2.2.1 Gründe für den Anschluss an die Peer-Group
2.2.2 Freizeitbereich
2.2.3 Sexualität
2.2.4 Einfluss der Peer-Group auf das Individuum
2.2.5 Die Bedeutung der Gruppe
2.2.6 Zusammensetzung von Peer-Groups
2.2.7 Die Rolle der Schule bei Bildung von Peer-Groups

3. Gewalt und Peer-Groups
3.1 Das Entstehen von Gewaltbereitschaft innerhalb der Peer-Group
3.1.1 Die Peer-Group mit eigenen Werten und Normen
3.1.2 Individualisierung
3.1.3 Die Peer-Group als autonomes System
3.1.4 Die Subkulturthese
3.1.5 Gewaltverhalten innerhalb der Peer-Group
3.1.6 Die Peer-Group als Forum für Männlichkeit
3.1.7 Der Faktor Schule bei Einstellungen von Gewalt
3.2 Gewalteinstellungen durch die Peer-Group
3.2.1 Vergleich der Gewaltbereitschaft von formellen und informellen Jugend – Gruppierungen
3.2.2 Der Einfluss familiarer Werte auf die Peer-Group
3.2.3 Der Einfluß der Clique bei Gewalthandlungen in der Schule
3.2.4 Ausübung von Gewalt als Profilierungsmethode für die Peer-Group
3.2.5 Übertragen von gruppenspezfischem Verhalten in der Schule
3.3 Gewalt in der Schule
3.3.1 Gewaltverhalten in der Schule, welches durch die Peer-Group geprägt ist
3.3.2 Allgemeine Einstellungen zu Gewalt, die durch Peer-Groups geprägt ist
3.3.3 Gewalttätiges Handeln gegenüber anderen Peer-Groups
3.3.4 Konflikte der Peer-Group mit der Polizei
3.4 Ausmaß von Gewalthandlungen und Gewaltbereitschaft
3.5 Merkmale für Gewaltakteure
3.6 Vergleich von geschlechtshomogenen und –heterogenen Peer-Groups
3.7 Zusammenfassung

4. Die besondere Rolle der Gang und Bande
4.1 Der Wechsel von der Peer-Group zur Bande oder Gang
4.2 Gang- und Bandenmitglieder
4.3 Verbreitung von Banden und Gangs
4.4 Umfang der Gewalttaten bei Banden und Gangs

5. Das Schüler – Streit – Schlichter – Programm
5.1 Voraussetzungen
5.2 Konzept des Schul-Streit-Schlichter-Programms
5.3 Streitschlichter
5.4 Streitschlichtung
5.5 Ziele und Vorteile der Streitschlichtung
5.6 Ablauf der Schlichtung

Literaturliste

1. Gewalt

1.1 Etymologische Zugangsweise

Jeder verwendet den Begriff Gewalt, jeder weiß für sich, was gemeint ist, wenn der Begriff erwähnt wird. Doch kaum macht sich einer wirklich bewußt, welche konkreten Handlungen sich dahinter verbergen. Etymologisch gesehen gibt es zwei Zugangsweisen, den Begriff Gewalt enger zu definieren.

Entweder definiert man Gewalt über:

- potentia, bzw. potestas, oder über
- vis, bzw. violentia.

In Anlehnung an potentia, bzw. potestas versteht man unter Gewalt die öffentlich – rechtliche Gewalt, die dem Staat zugesprochen und zugestanden wird, die ihm Durchsetzungsvermögen in Macht-, Regelungs- und Herrschaftsbeziehungen zuspricht. Diese Machtform äußert sich z.B. in Form der Gesetzgebung, der Rechtsstaatlichkeit, usw..

Wird der Begriff Gewalt im Lateinischen mit vis, bzw. violentia übersetzt, ergibt sich ein anderer Sinnzusammenhang. Gemeint ist dann nicht mehr ethisch vertretbares Handlungsverhalten, sondern vielmehr versteht man darunter die Anwendung von physischen und/oder psychischen Handlungen gegenüber Mitmenschen, sich selbst, Tieren und Einrichtungsgegenständen, um diese zu verletzten und zu beschädigen. Die Ursachen für solches Gewaltverhalten werden allgemein auf Schwierigkeiten mit individueller Konflikt- und Problemverarbeitung zurückgeführt, auf die noch genauer eingegangen wird. Sowohl die Psychologie wie die Soziologie legen hierzu eine Reihe von Erklärungsversuchen vor.

Die Problematik des deutschen Begriffes Gewalt liegt darin, dass diese beide Aspekte miteinander vermischt werden, so dass die grundlegenden Unterschiede von staatlicher und individueller Gewalttätigkeit aufgelöst werden. Im Gegensatz zum Deutschen folgen das Englische und das Französische der Begriffsunterscheidung des Lateinischen.

1.2 Gewalt als Alltagsbegriff

Hört man von, oder liest man über Gewalttätigkeit, assoziiert man allgemein mit diesem Begriff aggressives Handeln, oder auch rohe, brutale, körperliche Gewalt, die zumeist an Frauen und an Kindern ausgeübt wird. Diese Gewalt bedeutet eine Form schwerer Aggression auf individueller und personeller Ebene. Eine Person oder eine Gruppe von Personen handelt dann aggressiv, wenn ihr Ziel das vorsätzliche Schädigen oder Verletzen ist und wenn Schädigungen und Verletzungen billigend in Kauf genommen werden. Dieses Handeln richtet sich gegen einzelne Personen, gegen eine oder mehrere Gruppen, gegen Tiere und gegen Sachgegenstände. Mit Gewalt wird meist körperliche Gewalt verknüpft.

Wenn man Gewalt jedoch zudem mit Aggression gleichsetzt, wird der Begriff und seine Bedeutung wesentlich ausgeweitet. Denn nun stehen nicht nur physikalische und körperliche Schädigung zur Debatte, sondern auch Schädigungen psychischer Art. Diese nachzuvollziehen und statistisch zu erfassen, ist wohl kaum möglich. Hervorgerufen werden sie durch verbale und nonverbale Verhaltensweisen, deren Wirkungen oft erst zeitverzögert auftreten, sie sind abhängig von der individuellen Konstitution des oder der Betroffenen, werden also individual aufgefasst und sind auch deswegen nur sehr schwer abstrakt zu erfassen.

Problematisch bei der Definition von psychischer Gewalt ist auch, dass die Schädigungen und Verletzungen stark abhängig von der Interpretation und Leidensfähigkeit von Opfer und Täter ist. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen sind u.a. Lautstärke, Mimik, Gestik und Körperhaltung und die Intensität des Empfindens.

So kann wie folgt unterschieden werden:

Physische Gewalt:

Ziel diese Gewaltform ist es, die körperliche Integrität einer anderen Person, aber auch der eigenen, bewußt und intentional zu schädigen, den eigenen oder den eines anderen Leib zu verletzen.

Psychische Gewalt:

Psychische Gewalt wird verbal, nonverbal und auch symbolisch ausgeübt. Sie umfasst Beleidigungen hinsichtlich des Geschlechts und der Seele, des Empfindens, der ethischen und/oder sozialen Herkunft, der Nationalität und der sexuellen Selbstbestimmung. Die Opfer werden diffamiert, entwürdigt, herabgesetzt, aus sozialen Verbänden ausgeschlossen und isoliert. Ihr Ruf wird durch Gerüchte, die verbreitet werden, ramponiert. Die wahrscheinlich bekannteste Form der psychischen Gewalt ist das mobbing.

Sachbeschädigung, Vandalismus

Diese Gewalt richtet sich gegen Sachgegenstände, Wohnungseinrichtungen, Gebäuden, gegen Fahrzeuge aller Art. Sie kann indirekt oder mittelbar zur psychischen Gewalt werden.

Strukturelle Gewalt:

Strukturelle Gewalt ist von Zwängen bestimmt, die von gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse ausgeht. Ausgeübt wird diese von Vertretern bestimmter Systeme, wie Polizei oder dem Militär, deren Handeln zur Durchsetzung von geltenden und herrschenden Normen und Regeln gerechtfertigt und auch legitimiert wird.

Allerdings ist der Gewaltbegriff trotz dieses Definitionsbestimmungen nicht feststehend. Er unterliegt Veränderungen, da er Teil einer sich ändernden Realität ist, die nicht festgelegt ist. So gibt es auch subkulturelle Unterschiede. Bedeutend für den Sachverhalt der Begrifflichkeit ist weiterhin, welchem Geschlecht, welcher sozialen Schicht, welcher Generation usw. der Empfänger angehört. So versteht und bedeutet Gewalt für einen Jugendlichen aus einem Brennpunktgebiet mit Sicherheit inhaltlich etwas anderes als für eine reifere Dame aus der gehobenen Oberschicht. Die Erklärung hierin liegt dafür, dass Menschen über Kraftressourcen verfügen, aus denen sie schöpfen, wenn es darum geht, eigene Konflikte oder Spannungslagen zu lösen, zu verarbeiten und zu bewältigen. Aggressionen wirken sich meist dann als gewalthaltiges Handeln aus, wenn die zur Verfügung stehenden eigenen Möglichkeiten nicht ausreichen, Spannungslagen zu bewältigen. Sie können verbal nicht mehr erfasst und verarbeitet werden. Der „Sprachlose“ platzt regelrecht, er explodiert und entlädt seine ganze aufgestaute Wut, seinen Zorn, da er nicht mehr in der Lage ist, verbal zu kommunizieren und den Konflikt auszuarbeiten.

Personen aus höheren gesellschaftlichen Schichten verfügen eher über einen elaborierteren und differenzierteren Sprachcode als die aus der Unterschicht. Der Code wird eingesetzt, um Konflikte zu vermeiden oder zu sublimieren. Danach ist Gewaltverhalten in oberen gesellschaftlichen Schichten weniger häufig zu erwarten, als beispielsweise in der Arbeiterschicht, in der Konflikte eher mit „robusteren“ Kommunikationsmitteln aufgearbeitet wird, da diese über einen niedrigeren Bildungsgrad verfügen und somit nicht auf ein gleichwertiges Konfliktlösungspotential zurück greifen kann.

1.3 Gewaltverständnis von Kindern und Jugendlichen

Im Vergleich zu Erwachsenen haben Kinder und Jugendliche meist nur eine eingeschränktes Verständnis über Gewalt. Sie verstehen darunter meist nur physische Gewalt. So wurde in mehreren Befragungen festgestellt, dass Jugendliche nur dann der Ansicht sind, dass Gewalt vorzufinden ist, wenn „Blut fließt“, also wenn eine sichtbare körperliche Schädigung oder Verletzung des Opfers vorliegt.

Allerdings ist der Gewaltbegriff auch bei Kindern und Jugendlichen bei weitem nicht einheitlich. Einigkeit besteht zwar darüber, dass sie massiv aggressives Handeln – wie körperliche Schädigung, Vandalismus, Erpressung – als Gewalt ansehen. Jedoch wird psychische und verbale Gewalt von Kindern und Jugendlichen sehr unterschiedlich ausgelegt. Beschimpfungen und Verspotten Gleichaltriger, aber auch psychischer Gewalt, die von Lehrern gegen Kinder ausgeübt wird, wird verschieden, aber meist als „normaler“ Umgangston oder als Vorstufe von Gewalt angesehen. Unterschiede in der Auffassung wurzeln meistens in geschlechtsspezifischer Natur. Während Mädchen psychische Gewalt auch meistens also solche wahrnehmen, ist dies bei Jungen seltener der Fall. Ähnliche Tendenzen zeigen sich bei sexuellen Belästigungen, die von Mädchen häufiger und intensiver als von Jungen als ausgeübte Gewalt aufgenommen werden.

Auch die Schulform entscheidet darüber, wie Kinder und Jugendliche Gewalt begreifen.

Auf die Frage „Was verstehst du unter Gewalt?“ antworteten Schüler aus der 9. Klasse: Gewalt ist für mich, wenn ich auf jemanden zugehe, dem eine reinzieh, jemandem echt wehtue. Wenn ich jemanden erpresse ... oder so was. Oder wenn ich jemanden anmache, kleine Kinder anmache. So was – das ist für mich Gewalt. ... das fängt schon beim Schlagen an, schon wenn du einem eine donnerst oder so, das ist für mich schon Gewalt – bis hin zum verletzen. Aber es gibt ja auch noch andere Gewalt, wenn man unter Druck gesetzt wird, oder so, wenn sie dich erpressen, das ist psychische Gewalt oder wie sich das nennen mag. Na z.B. wenn ein Lehrer total unter Druck setzt, das ist – finde ich – auch Gewalt oder z.B. in der Toilette einsperren, das kann man sehen, wie man will, wenn’s irgendwie Spaß macht, ist o.k.. Aber wenn es dann wirklich mit Geldausrauben ist und so Schutzgeld verlangen, das ist für mich totale Gewalt. Während Schüler der Real- oder Hauptschule dazu neigen, den Gewaltbegriff auf physische Gewalt zu konzentrieren, ist bei Gymnasiasten festzustellen, dass sie darüber hinaus auch psychische Gewalt in den Gewaltbegriff mit einschließen.

1.4 Definitionen von Aggression

Erklärt man den Begriff Gewalt, muss man auch über Aggression sprechen, Die den Begriff beinhalten und konkretisieren. Häufig wird Gewalt und Aggression auch synonym, also als Zwillingsbegriff verwendet. In der Öffentlichkeit begreift man die Gewalt immer stärker als Oberbegriff. Von der wissenschaftlichen Sicht her ist jedoch der Aggressionsbegriff der übergeordnete.

Behavioristische Ansätze definieren Aggression weitgehend über das Kriterium des Schädigens. So wird Aggression als ein Verhalten definiert, das einem anderen Organismus Schaden zufügt. Diese Definition schließt Merkmale ein, die im Alltagsverständnis als nicht zur Aggression gehörend aufgefaßt werden, andererseits werden Inhalte ausgeschlossen, die nach dem Alltagsverständnis dazugehören sollten. Die Frage der Intention wird in dieser Definition vernachlässigt.

Attributionstheoretische Definitionen beziehen die Intention des "Schädigen Wollens", also den Vorsatz mit ein. So kann Aggression hinreichend genau umschrieben werden: Aggression umfaßt jene Verhaltensweisen, mit denen die direkte oder indirekte Schädigung eines Individuums, meist eines Artgenossen intendiert wird. Dabei bleibt jedoch die Frage offen, wie diese zu bestimmen ist. Es entsteht das Problem, wie man Begriffe wie "erwartet", "gerichtet", "intendiert", "gezielt", "vorsätzlich" erfassen kann. Sie sind nicht zu beobachten, sondern höchstens zu erfragen, zu erschließen oder zu interpretieren, es bleibt offen, aus welcher Perspektive oder unter welchem Axiom sie erschlossen werden sollen: aus der des Aggressors, des Opfers oder aus der Perspektive des empirischen Forschers.

Aggression wird beispielsweise von Guggenbühl1 als konstruktive oder destruktive Energie definiert. Sie kann konstruktiv eingesetzt werden, um Widerstände zu überwinden oder Pläne zu realisieren. Man sollte ständig über sie verfügen, die dazu eingesetzt wird, um sich selbst voranzutreiben und nicht zu stagnieren. Destruktive Aggression dagegen, eingesetzt im Form von Gewalt, zerstört und provoziert Traumen, sie hat das Ziel, das Opfer gefügig zu machen oder das Problem aus der Welt zu schaffen oder aber um Affekte zur Selbstheilung abzureagieren.

Unter Aggression wird zusätzlich jedes Angriffsverhalten des Menschen bezeichnet, das auf Machtzuwachs des Angreifers und eine Machtminderung des Opfers oder Objekts zielt. Aggression äußert sich hierbei als Reaktion auf die wirkliche oder vermeintliche Bedrohung oder Minderung der eigenen Machtsphäre, sie stellt ein Verhalten dar, dessen Ziel die Beschädigung oder Verletzung oder Entwürdigung eines anderen Individuums ist.

Im Bereich der Kinder - und Jugendpsychiatrie werden heute sieben unterschiedliche Formen der Aggression unterschieden:

- Expressive Aggression gilt als Ausdruck von Ärger und Wut
- Feindselige Aggression ist auf Schmerz und Zufügung von Schaden am Opfer gerichtet
- Spontane Aggression äußert sich ohne äußere Auslöser
- Reaktive Aggression entsteht als Reaktion auf etwas oder jemand anderes
- Instrumentelle Aggression dient der Lösung von Problemen
- Offenen Aggression ist sichtbar, entweder physisch oder verbal spürbar
- Befohlene Aggression geschieht auf Befehl eines anderen

1.4.1 Psychologische Theorien zur Aggressionsentstehung

1.4.1.1 Triebtheorien

Die Grundannahme der Triebtheorie lautet: ,,Im Organismus gibt es eine angeborene Quelle, die fortwährend aggressive Impulse produziert. Diese Impulse müssen sich im Verhalten ausdrücken können, sonst führen sie zu seelischen Störungen"2

Trieb- und instinkttheoretische Ansätze dominierten in den ersten Jahrzehnten sozialwissenschaftlicher Forschung. Sie wurden u.a. von Konrad Lorenz, Siegmund Freud und Alexander Mitscherlich vertreten.

Freud modifizierte sein Modell zweimal. Im Rahmen seiner psychoanalytischen Theorie entwickelte er zunächst eine Konzeption von Aggression als Diener des Lustprinzips, als eine Reaktion auf dem Weg zum Lustgewinn zur Befriedigung der Libido.

Nach 1920 gab er dieses Konzept jedoch zugunsten einer dualen Instinkttheorie auf. Er stellt neben den Eros, dem Wunsch nach Selbsterhaltung, einen zweiten Trieb, den Thanatos, den Todestrieb. Dieser ist auf Desintegration, auf Zerstörung organischen Lebens ausgerichtet. Die mit diesem zweiten Trieb verbundene Energie muß kontinuierlich abgeführt werden, um eine Zerstörung der Person zu verhindern. Es wird angenommen, daß durch aggressive Handlungen Energie abgeführt und Spannungsreduktion erreicht werden kann

Nach diesem Modell Freuds wurzelt menschliches Verhalten in dem Gegensatz und dem Zusammenspiel dieser beiden Triebe. Durch eine Hinderung der Aggressionsabfuhr nach außen können jedoch unter Mitwirkung des Über-Ichs Schuldgefühle entstehen, die Ausdruck eines gegen die eigene Person gerichteten Todestriebes sind.

Daraus lässt sich als Ziel für die Erziehung ableiten, dass man Aggression kanalisiert, und dass diese ausdiskutiert werden sollte, damit sie sich nicht zerstörerisch auswirken können. Nach Freud bedient sich das Individuum folgender Hilfsmechanismen zum Umgang mit der Energie des Aggressionstriebes: Verschiebung, Sublimierung und Hemmung.

Lorenz zufolge werden Aggressionen nicht zu jedem Zeitpunkt geäußert. Der Mensch habe genau wie die Tiere einen angeborenen Aggressionstrieb. Jedoch biete die moderne Zivilisation nur wenige Möglichkeiten, die spontan entstehenden aggressiven Energien zu entladen. Strittig und zweifelhaft ist jedoch, ob die Erkenntnisse aus der Tierwelt ohne weiteres auf den Menschen zu übertragen sind.
Eine sich aufdrängende Frage ist, ob es nach dem von Lorenz aufgestellten Modell umweltbedingte Faktoren gibt, die aggressives Verhalten fördern.

Lerntheorien

Die Lerntheorien gehen davon aus, dass Aggression, wie andere soziale Verhaltensweisen auch auf Lernvorgängen beruht. Unter Lernen werden dabei Veränderungen personaler Dispositionen verstanden. Der bedeutendste Vertreter der Lerntheorien ist Albert Bandura. Zentrale Begriffe der Lerntheorien sind:

- Lernen am Modell oder Modellernen
- Vorbildlernen
- Beobachtungslernen
- Stellvertretendes Lernen

Versuche, zwischen einzelnen Termini zu differenzieren, hält Bandura jedoch für unnötig und verwirrend.

Nach dem Wörterbuch der Lerntheorien von Hans Zeier wird Modellernen neben den oben bereits erwähnten Synonymbegriffen folgendermaßen definiert:

"Von A. Bandura eingeführte Bezeichnung für einen kognitiven Lernprozeß, der vorliegt, wenn ein Individuum als Folge der Beobachtung des Verhaltens anderer Individuen sowie der darauffolgenden Konsequenzen sich neue Verhaltensweisen aneignet oder schon bestehende Verhaltensmuster weitgehend verändert. Der Lernende wird dabei Beobachter (observer) genannt, der Beobachtete Modell (model) oder Leitbild. Wichtig für diesen Lernprozeß, der nur unter bestimmten Voraussetzungen (z. B. weitgehende Identifikation des Beobachters mit dem Modell) stattfindet, ist die stellvertretende Verstärkung."3

Nach Albert Bandura ist das Modellernen ein Lernprinzip, das gleichbedeutend mit der klassischen (Pawlow) und der operanten (Skinner) Konditionierung ist . Er bezeichnet den Vorgang des Lernens am Modell als das Auftreten einer Ähnlichkeit zwischen dem Verhalten eines Modells und dem einer anderen Person unter Bedingungen, bei denen das Verhalten des Modells als der entscheidende Hinweisreiz für die Nachahmungsreaktionen gewirkt hat.

An einem klassischen Beispiel von Bandura wird das Modellernen in einem Versuch verdeutlicht:

"Vorschulkinder wurden in vier Gruppen eingeteilt, die unterschiedliche Erfahrungen machten: Gruppe A machte die Beobachtung eines aggressiven Erwachsenen. Gruppe B beobachtete den gleichen Erwachsenen in einem Film. Gruppe C wurde eine als Katze verkleidete Figur in einem Film mit gleichem aggressivem Verhalten präsentiert. Gruppe D war Kontrollgruppe ohne aggressives Modell. Das aggressive Verhalten bestand in der Mißhandlung einer großen Puppe. Anschließend wurden die Kinder in einen Raum gebracht, in dem sich die Spielpuppe befand.

Die Ergebnisse sind beeindruckend: Die Kinder der Experimentalgruppen A - C zeigten fast doppelt so viele aggressive Akte, wie die der Kontrollgruppe. Das menschliche Filmmodell (Gruppe C) hat dabei offensichtlich die stärkste Wirkung gehabt."4

Diese Ergebnisse müssen jedoch differenziert werden.

Vom Erlebten bis zur Ausführung eines Verhaltens durchläuft der Beobachter die im Folgenden beschriebenen vier Verarbeitungsphasen, die Bandura und seine Forschungsgruppe herausgearbeitet haben:

1. Aufmerksamkeitszuwendung
2. Behaltensphase
3. Reproduktionsphase
4. Motivationale Phase

Damit Modellernen stattfindet, müssen bestimmte Bedingungen vorherrschen:

a) Ähnlichkeit zwischen Modell und Beobachter: Der Beobachter nimmt am Modell ein Verhalten wahr, daß er selbst realisieren möchte.
b) Emotionale Beziehung zwischen Beobachter und Modell: Je intensiver die Beziehung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit der Verhaltensnachahmung
c) Konsequenzen des Verhaltens: Vermutet der Beobachter hinter dem gesehenen Verhalten einen Erfolg, dann ist die Wahrscheinlichkeit der Nachahmung größer.
d) Stellvertretende Verstärkung: Sieht der Beobachter die Konsequenzen am Modell nach einem Verhalten, so wirkt sich dieses auf sein Handeln aus.
e) Sozialer Status des Modells: Personen, die einen höheren sozialen Status als der Beobachter haben, werden eher nachgeahmt, als Personen mit gleichem oder niedrigerem Status.
f) Soziale Macht des Modells: Das Modell sollte Macht oder andere kontrollierende Merkmale auf den Beobachter ausüben können. Dem Beobachter ist bewußt, daß das Modell belohnen oder bestrafen kann. Hierin äußert sich die Machtposition.

1.4.1.2 Frustrations- Aggressionstheorie nach Dollard

Im Gegensatz zu den Triebtheoretikern versuchten Dollard und seine Mitarbeiter die im psychoanalytischen Konzept enthaltenen dynamischen Eigenschaften ohne die verschwommene und unnötige Annahme eines Aggressionstriebes zu entwickeln. Die von Dollard aufgestellte Theorie besagt in ihrer strengsten Form:

- Frustration führt in jedem Fall zu einer Aggressionsform
- Das Auftreten von Aggression setzt in jedem Fall eine vorhergegangene Frustration voraus.

Frustration gilt in seinem Konzept als Störung einer bestehenden zielgerichteten Aktivität. Aggression wird als Verhaltenssequenz so verstanden, dass sie auf eine Verletzung einer Person oder eines Organismussurrogats (Ersatzobjekt) abzielt. In einer späteren Weiterentwicklung wurde auf eine ausdrückliche Unterscheidung zwischen offener Aggression und dem Anreiz zur Aggression besonderes Augenmerk gelegt. Daher heißt es hier: Frustration schafft Anreize zu irgendeiner Form von Aggressionsausgestaltungen.

Nach diesem erweiterten Konzept kommt es nur dann zur Aggression, wenn der durch Frustration erlangte Reiz in der Hierarchie der unterschiedlichen Reize an oberster Stelle steht. Stehen jedoch andere Reize oberster Stelle, so wird Aggression zumindest zeitweilig verhindert und durch andere Verhaltensweisen und –muster ersetzt. Daraus ergibt sich, daß je mehr nicht-aggressive Reaktionen durch lang andauernde Frustrationen gelöscht werden, es wahrscheinlicher wird, daß die Möglichkeit einer aggressiven Verhaltensweise immer stärker ist.

Abschließend muß festgehalten werden, daß Dollard bei seinem Aggressionskonzept von einer reinen Reiz- Reaktions- Wirkung ausgeht. Allerdings ist die Definition von Dollard kaum ausreichend und undifferenziert, um den Begriff der Aggression inhaltlich auszugestalten. Zwei Begriffe wie Frustration und Aggression werden unkritisch miteinander verknüpft, die sich angeblich gegenseitig bedingen. In Wirklichkeit sind diese beiden Variablen so differenziert, daß sie wohl kaum dieser eindimensionalen operationalen Definition zugeordnet werden können.

Dollard und seine Mitarbeiter (Doob, Miller, Mowrer und Sears) nahmen auch keinerlei Bezug auf den inneren, emotionalen Zustand des Individuums; das Individuum als „Black Box“. Frustration wurde lediglich als äußerer Terminus eines Reizes, nämlich der Behinderung von Zielreaktionen betrachtet, was hinsichtlich der Mehrdeutigkeit und Unfaßbarkeit menschlichen Verhaltens äußerst unzulänglich ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4.2 Soziologische Theorien abweichenden Verhaltens

1.4.2.1 Anomietheorie

Der Begriff der Anomie wurde von Emile Durkheim geprägt. Danach sind Gesellschaften ohne einheitliche Normen und Werte nicht möglich. Diese Normen und Regeln prägen und beeinflussen die Integration der Gesellschaftsmitglieder zueinander und ordnen diese. Der soziale Wandel geht mit dem Wandel des moralischen Bewußtseins und rechtlicher Werte einher. Die soziale Entwicklung verläuft von der segmentären, also gleichartigen Differenzierung hin zur funktionalen Differenzierung. Je größer und komplexer die sozialen Strukturen einer Gesellschaft sich darstellen, desto größer wird auch die Flexibilität und die Effizienz der Institutionen. Allerdings wird dadurch die moralische Integration erschwert, die Wahrscheinlichkeit moralischer Krisen wächst an.

Das Bevölkerungswachstum und der Fortschritt der Arbeitsteilung ist ohne den Übergang von der mechanischen zur organischen Solidarität nicht zu verkraften. Der individuelle Egoismus kann nur durch die Macht der Gruppe, der Gruppenegoismus nur durch die Macht einer übergeordneten Gruppe gebändigt werden. Anomie greift dort um sich, wenn die moralische Integrität nicht gelingt oder moralische Bindungen ausgezehrt und aufgelöst werden. Individuen verlieren ihren gesellschaftlichen Halt, Krisen greifen um sich. Anomie äußert sich in Form von Devianz, Drogenkonsum und Suizid. Anomie ist somit die Kehrseite der Autonomie. Wenngleich normabweichendes Verhalten destruktiv wirken kann, kann es auch ebenso zu sozialer Innovation führen, da die Gesellschaft auf diese Weise dazu gezwungen wird, auf soziale und gesellschaftliche Mißstände zu reagieren und angemessene Gegenmaßnahmen zu entwickeln und einzuführen.

1.4.2.2 Deprivation

Alle Gesellschaften zeichnen sich durch Ungleichheit in ihren Ressourcen und auf die sozialen Chancen aus. Gewalt entsteht dann, wenn die Verteilung der Ressourcen und Chancen als subjektiv und objektiv ungerecht wahrgenommen wird. Gewalt ist dann auf Frustration und auf Aspiration zurückzuführen.

1.4.2.3 Etikettierung und Stigmatisierung

Soziale Gruppen unterscheiden sich durch ihre jeweilige Identität. Ein Wir – Gefühl kann es nur dort geben, wo ein Trennstrich gezogen wird, wonach die einen dazugehören und die anderen nicht. Die Durchsetzung einheitlicher und für alle geltenden Normen und Werten ist von sozialer Definitionsmacht abhängig, die von Eliten genutzt wird, um die eigene Position durch Ausgrenzung zu stärken. Letztere dient der Stabilisierung der Gruppenidentität und der sozialen Kontrolle. Durch Etikettierung wird abweichendes Verhalten geächtet. Durch Stigmatisierung werden Personen und Gruppen geächtet.

1.4.2.4 Theorie der differentiellen Assoziation

Die Theorie der differentiellen Assoziation basiert auf den Lerntheorien (vgl. 1.4.1.2). Dabei wird davon ausgegangen, dass konformes wie abweichendes Verhalten keiner angeborenen Disposition zugrunde liegt, sondern erst im Sozialisierungsprozess erworben wird.

Da konforme wie abweichende Verhaltensweisen in jeder Gesellschaft vorhanden sind, ergeben sich für das Individuum folgende Möglichkeiten, sich:

- an entsprechenden Verhaltensweisen zu orientieren
- mit entsprechenden Individuen zu identifizieren,

um eigene entsprechende Verhaltensweisen zu internalisieren (verinnerlichen) oder Techniken zur Neutralisierung zu entwickeln.

Kriminelles Verhalten wird dadurch erlernt, daß Einstellungen, Verhaltensmuster, bzw. Kontakte, die Gesetzesverletzungen bevorzugen, gesetzestreuem und konformem Verhalten überwiegt.

Sykes und Matza entwickelten als Erweiterung zur Theorie der differentiellen Assoziation die Neutralisierungsthese. Danach ist das Individuum in der Lage, sich bei der gleichzeitigen Anerkennung der Normen und Werte dadurch delinquent zu verhalten, indem es empfundene kognitive Dissonanzen (Unstimmigkeiten) verringert und sich selbst von Selbstvorwürfen in Schutz nimmt und die eigene Schuld anderen zuweist. Dies zeigt sich dadurch, dass das es:

- Verantwortung ablehnt
- Begangenes Unrecht verneint
- Die Opferrolle ablehnt wird, indem das Opfer entweder abgewertet, oder als eigentlicher Täter dargestellt wird
- Die zu Verdammenden verdammt, d.h. die Berechtigung der Strafjustiz, der Polizei und ähnlichen institutionellen Straftats-Verfolgungseinrichtungen durch Unterstellung von unlauteren Motiven anzweifelt.

[...]


1 vgl. Hanke, 1998, S. 47

2 Nolting, 1993, zitiert nach Schubarth, 2000

3 Zeier, 1998, S. 116

4 Gudjons, 1999, S. 217

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss von peer-groups auf Einstellungen zu Gewalt und Gewaltverhalten in der Schule
Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd  (Allgemein Pädagogik)
Note
2,5
Autor
Jahr
2003
Seiten
75
Katalognummer
V39285
ISBN (eBook)
9783638380973
ISBN (Buch)
9783638705882
Dateigröße
723 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einfluss, Einstellungen, Gewalt, Gewaltverhalten, Schule
Arbeit zitieren
Diplom-Pädagoge Kai Strepp (Autor), 2003, Der Einfluss von peer-groups auf Einstellungen zu Gewalt und Gewaltverhalten in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39285

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