Die sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte im Ausland in den verschiedensten Weltregionen gebildeten deutschen Kolonien und Sprachinseln waren von jeher Objekte der Forschung und des öffentlichen Interesses, welches sich jedoch regelmäßig primär auf bis heute überdauernde und kulturell sowie sprachlich persistente kulturelle Exklaven bezieht. Als weniger bekannt und mit weitgehendem öffentlichen Desinteresse belegt können indes einige historische Kolonisationsprojekte und -siedlungen bezeichnet werden, welche die aus dem Mutterland tradierte kulturelle Identität im Zuge von Assimilationsprozessen mittlerweile verloren haben, und deren ursprüngliche Wurzeln sich in der sich heute darstellenden kulturellen Landschaft nur noch schwerlich ableiten lassen. Doch nichtsdestotrotz sind es vielleicht gerade diese Gebiete, welche Forschern der verschiedensten Fachrichtungen interessante Ansatzpunkte liefern können, da auch der Verlust kultureller Identität unter dem Einfluss einer fremden Umwelt als Prozess wichtige Erkenntnisse zu liefern im Stande sein mag. Die vorliegende Arbeit nun beschäftigt sich mit einem Siedlungsprojekt des 18. Jahrhunderts im südlichen Spanien, namentlich in Niederandalusien sowie der Sierra Morena, welches den genannten Merkmalen weitgehend entspricht. In einem ersten Teil werden hierzu die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Voraussetzungen darzustellen sein, welche zur Realisierung eines Kolonisierungsvorhabens dieser Größenordnung führte, sowie die konkrete Vorgeschichte des Projektes. Nach einer sich anschließenden Abhandlung des Besiedlungs- und Konsolidierungsprozesses werden die den Kolonien eigenen individuellen Strukturen und Eigenheiten - in Abgrenzung zu ihren altspanischen Nachbargemeinden - näher beleuchtet und erklärt werden. Hierauf wird die Sprache auf den Prozess der kulturellen Angleichung und die noch heute erhaltenen persistenten Strukturen und Eigenheiten der ehemaligen Abstammungen kommen. Das Interesse liegt hierbei auf der Frage, inwieweit sich auch Jahrhunderte nach dem erwähnten Verlust der kulturellen Identität an verschiedenen Merkmalen noch die historische Sonderstellung der Kolonien ablesen lässt.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Voraussetzungen der Kolonisation
II.1 Die Lage in Deutschland
II.2 Die Lage in Spanien
III. Zentrale Akteure des Projektes
III.1 Johann Kaspar Thürriegel - Vater der Kolonie
III.2 Don Pablo de Olavide
IV. Geographische und naturräumliche Verortung des Kolonisationsgebietes
V. Der „Fuero de las Nuevas Poblaciones“
VI. Räumliche Muster der besiedelten Fläche
VII. Entwicklung der Grundbesitzverteilung
VIII. Persistenzen in der Bevölkerung
VIII.1 Der Prozess der Hispanisierung
VIII.2 Somatische und kulturelle Relikte
IX. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das im 18. Jahrhundert durchgeführte Kolonisationsprojekt in der Sierra Morena und Niederandalusien, bei dem deutsche Siedler unter der Regierung Karls III. angesiedelt wurden. Ziel ist es, die politischen und sozialen Hintergründe sowie die langfristigen Auswirkungen auf die räumlichen Strukturen und die Bevölkerung zu analysieren und der Frage nachzugehen, inwieweit sich trotz der erfolgten Hispanisierung eine historische Sonderstellung in der Region heute noch ablesen lässt.
- Politische und ökonomische Voraussetzungen der Kolonisation in Deutschland und Spanien
- Die Rolle der zentralen Akteure Johann Kaspar Thürriegel und Don Pablo de Olavide
- Räumliche und städtebauliche Besonderheiten der Kolonialsiedlungen
- Der Prozess der Hispanisierung und der Verlust kultureller Identität
- Persistente Strukturen und Relikte der Siedlungsgeschichte
Auszug aus dem Buch
VI. Räumliche Muster der besiedelten Fläche
Das räumliche Muster der Kolonien kann hier auf drei Ebenen untersucht werden, um so zu einer Aussage über die Eigenheiten zu gelangen, welche die neuen Siedlungen von ihren Nachbargemeinden abgrenzen: Dies wäre zunächst die Lage der einzelnen Siedlungen zueinander, anschließend die Form und Aufteilung des außerörtlichen Flurlandes, und schließlich die Ordnungsmuster innerhalb der Ortschaften selbst.
Es waren explizite raumordnerische Bestimmungen, welche die Rahmenbedingungen zur räumlichen Anordnung der Siedlungen lieferten. So fordert der Fuero unter anderem einen Besatz von 15 bis 20 Häusern pro Ort, und eine Distanz zwischen den Orten von 0,75 bis 1,5 km. Dass diese enge Distanz bei der Ausführung nicht eingehalten wurde, kann an physisch-geographischen Gegebenheiten oder auch an dem Versuch liegen, durch eine weitgestrecktere Verteilung noch weitere Randgebiete mit zu besiedeln. Wie im Fuero gefordert, wurde bei der Gründung der Ortschaften Bedacht auf die Vermeidung von Risiken, sowie auf die bereits oben erwähnten Ziele zur Sicherung des Camino Real gelegt: Um Krankheiten zu vermeiden, wurde so z.B. eine Lage nahe am Wasser grundsätzlich vermieden (was auf der anderen Seite auch Probleme der Wasserversorgung auslöste), die Siedlungen waren jedoch prinzipiell an die großen Fernwege angelehnt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema der historischen deutschen Siedlungsprojekte im 18. Jahrhundert im Süden Spaniens ein und umreißt den Untersuchungsfokus der Arbeit.
II. Voraussetzungen der Kolonisation: Das Kapitel erläutert die wirtschaftlichen und sozialen Push-Faktoren in den deutschen Herkunftsgebieten sowie die staatspolitischen Notwendigkeiten in Spanien, die zur Binnenkolonisation führten.
III. Zentrale Akteure des Projektes: Hier werden die Biographien und die handelnden Rollen von Johann Kaspar Thürriegel als Werber und Don Pablo de Olavide als Superintendent des Projektes beleuchtet.
IV. Geographische und naturräumliche Verortung des Kolonisationsgebietes: Dieser Abschnitt beschreibt die physisch-geographischen Rahmenbedingungen und die landschaftliche Gliederung des Ansiedlungsgebiets in Sierra Morena und Campiña.
V. Der „Fuero de las Nuevas Poblaciones“: Das Kapitel befasst sich mit der rechtlichen Grundlage des Siedlungsvorhabens und den darin festgelegten sozialen und wirtschaftlichen Privilegien und Auflagen.
VI. Räumliche Muster der besiedelten Fläche: Hier werden die städtebaulichen Strukturen, die Verteilung der Orte und die Fluraufteilung der Kolonien hinsichtlich ihrer planmäßigen Anlage analysiert.
VII. Entwicklung der Grundbesitzverteilung: Dieser Teil untersucht die ursprüngliche Zielsetzung gleichmäßiger Parzellenverteilung und den späteren Wandel hin zur Diversifizierung und Entstehung von Großgrundbesitz.
VIII. Persistenzen in der Bevölkerung: Das Kapitel analysiert die schnelle Hispanisierung der Siedler sowie das Fortbestehen vereinzelter somatischer und kultureller Relikte wie Familiennamen oder Osterbräuche.
IX. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die heutige Sichtbarkeit der einstigen Kolonien trotz der fortlaufenden Angleichungsprozesse.
Schlüsselwörter
Binnenkolonisation, Sierra Morena, Niederandalusien, Karl III., Johann Kaspar Thürriegel, Pablo de Olavide, Fuero, Hispanisierung, Siedlungsgeographie, Kulturlandschaft, Agrarreform, Kolonialgeschichte, Bevölkerungsgeschichte, Stadtgrundriss, Persistenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der planmäßigen Ansiedlung deutscher Kolonisten in der spanischen Sierra Morena und Niederandalusien im 18. Jahrhundert unter der Herrschaft von König Karl III.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Themen sind die politischen Voraussetzungen, die Rolle der Planer, die geographische Gestaltung der Siedlungen, die Entwicklung der Landbesitzverhältnisse sowie der Prozess der sprachlichen und kulturellen Integration der Siedler in die spanische Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, welche Faktoren das Siedlungsprojekt beeinflussten und ob sich auch Jahrhunderte später noch persistente historische Strukturen in der Landschaft oder Bevölkerung nachweisen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-geographische Analyse, die auf der Auswertung zeitgenössischer Dokumente sowie existierender Forschungsarbeiten zur Kulturgeographie und Demographie basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Vorgeschichte, die Rolle der Führungspersonen, die raumordnerischen Aspekte wie Stadtgrundrisse und Wegenetze sowie die sozio-kulturelle Analyse des Hispanisierungsprozesses.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Binnenkolonisation, Fuero de las Nuevas Poblaciones, Hispanisierung, Agrarreform sowie die spezifischen Siedlungsformen der Region.
Warum wurde gerade die Sierra Morena für dieses Siedlungsprojekt gewählt?
Die Region war aufgrund der Unterbevölkerung und der Gefahr durch Räuberbanden entlang des Camino Real wirtschaftlich und sicherheitspolitisch unterentwickelt, was durch den Zuzug produktiver Bauern korrigiert werden sollte.
Warum verloren die deutschen Siedler ihre kulturelle Identität so schnell?
Als Gründe werden der Mangel an einer führenden sozialen Oberschicht, die gezielte Integrationspolitik der spanischen Regierung durch Mischehen sowie die innere Heterogenität der Kolonistengruppe angeführt.
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- Florian Dittmar (Author), 2004, Die deutsche Binnenkolonisierung der Sierra Morena und Niederandalusiens im 18. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39289