Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias


Seminararbeit, 1997
21 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie

3. Norbert Elias - Etablierter oder Außenseiter?
3.1 Momente der Integration
3.2 Momente der Distanz

4. Hauptkonzepte von Norbert Elias
4.1 Zivilisationsprozeß
4.1.1 Psychogenese
4.1.2 Soziogenese
4.2 Prinzip der affektiven Bindung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Norbert Elias - sein Leben lang hat dieser Soziologe versucht, Grenzen zu überwinden. Die künstliche Trennung von einzelnen Wissenschaftsgebieten wie Psychologie, Soziologie, Geschichte oder Ökonomie aufzuheben, war sein oberstes Ziel und durchzieht sein gesamtes Werk. Sein Vorhaben war eine universale Theorie über die Menschheit – und vor allem deren Entwicklung – aufzustellen, in der Aspekte verschiedenster wissenschaftlicher Disziplinen ihre Platz finden.

Diese Arbeit wird sich mit Norbert Elias’ Leben und seinen wichtigsten Werken und Thesen beschäftigen. Es gibt viele Gründe, die eine Beschäftigung mit diesem Soziologen äußerst lohnend machen: Zum einen überzeugt sein interdisziplinärer Ansatz, mit dem er ständig über den Tellerrand der Soziologie schaut, und der große Eifer, mit dem er sich selbst im hohen Alter noch den verschiedensten Fragen der menschlichen Kultur annahm. Zum anderen, weil er trotz vieler wichtiger Erkenntnisse und Beobachtungen nach wie vor eine Art Schattendasein sowohl im wissenschaftlichen, wie auch im ‚alltäglichen´ Soziologiediskurs führt: Während Namen wie Adorno, Habermas oder Luhmann auch Leuten ein Begriff ist, die sich nicht dem Studium der Soziologie widmen, erntet man auf die Erwähnung Elias’ Namen hin meist nur ein Schulterzucken. Das ist gleichermaßen schade und unbegründet, aber auch ein Zeichen dafür, daß Elias’ Vorhaben, eine Zentraltheorie der ‚Menschenwissenschaften’ zu entwerfen, eine eher undankbare Aufgabe ist.

Auf den folgenden Seiten soll nun zunächst Norbert Elias’ Leben beleuchtet werden: Sein Studium in Deutschland, seine Emigration, sein langes Außenseitertum und schließlich sein doch noch plötzlich ansteigender Bekanntheitsgrad. Die Beschäftigung mit seiner Biographie erscheint mir unverzichtbar, um sein Werk (vor allem seine Beschäftigung mit der Außenseiterproblematik) angemessen deuten zu können. Im Anschluß an den biographischen Teil wird genau diese Außenseiterproblematik thematisiert und die Frage gestellt werden, ob man Elias so ohne weiteres als ‚outsider´ bezeichnen kann, oder am Ende nicht doch etablierter und integrierter ist / war, als er selbst und seine Umwelt das annahmen.

Ein großer Teil dieser Arbeit soll dann schließlich seinen Hauptkonzepten gewidmet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich seine Gedanken zum Zivilisationsprozeß, zur Gesellschaftsbildung und zum Vorrücken der Scham- und Peinlichkeitsgrenzen. Denn gerade die Entwicklung der Menschheit, die ständige Veränderung von Normen und Regeln - von dem, ‚was man als normal ansieht´, was ‚man darf´ oder auch nicht - sind die zentralen Punkte, um die Elias’ Überlegungen kreisen.

Ein weiteres Kapitel erläutert mit dem ‚Prinzip der affektiven Bindung´ ein anderes wichtiges Konzept des Universalisten. Hier geht es um sein Bild des ‚offenen Menschen´, der nur in Verbindung mit anderen Menschen existieren kann, über die er mit sogenannten ‚Valenzen´ verbunden ist.

Im letzten Kapitel wird schließlich eine Art Fazit gezogen und Norbert Elias’ Thesen kritisch reflektiert und auf ihre aktuelle Anwendbarkeit hin überprüft. Mit der zunehmenden Rezeption seiner Werke in den letzten beiden Jahrzehnten, wuchs natürlich auch die Zahl derer, die mit seinen Aussagen nicht einverstanden waren, sie mißverstanden oder zu widerlegen versuchten. So sprach zum Beispiel Hans Peter Duerr vom “Mythos vom Zivilisationsprozeß” und widersprach darin zahlreichen Thesen, die Elias in seinem Hauptwerk “Über den Prozeß der Zivilisation” gemacht hatte.

Für mich persönlich sind die Werke von Norbert Elias vor allem deshalb interessant, weil er sich (wie er es auch von der gesamten Soziologie fordert) nicht mit rein theoretischen Konstruktionen beschäftigt und sein Leben damit verbracht hat, höchst komplexe Gedankengebäude zu entwerfen, sondern sich mit dem befaßt, was die Soziologie eigentlich ausmachen sollte: Mit Menschen und ihrem Handeln, ihrem Wesen, ihren Beweggründen und Verhaltensmustern.

Wie der Titel “Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias” bereits andeutet, soll diese Arbeit eher einen zusammenfassenden und vorstellenden Charakter haben. Ich habe mich bei der Erstellung darum bemüht, Elias Gedanken auch für Leser verständlich darzustellen, die noch keines seiner Bücher kennen, seinen Lebensweg vorzustellen und seine wichtigsten Ansätze zusammenzufassen. Auf detaillierte Betrachtungen zu speziellen Einzelaspekten seiner Theorien wurde daher aus Platz- und Zeitgründen verzichtet, ich habe mich statt dessen um einen möglichst großen Überblick – gewissermaßen aus der ‚Makroperspektive´ – bemüht.

2. Biographie

Norbert Elias wurde am 22.6.1897 in Bresslau geboren. Dort promovierte er 1924 auch, jedoch nicht in Soziologie, sondern in Philosophie mit einer Arbeit zum Thema “Idee und Individuum. Eine kritische Untersuchung zum Begriff der Geschichte”. Die folgenden fünf Jahre verbrachte er in Heidelberg, wo er unter Alfred Weber Soziologie studierte. 1930 ging er nach Frankfurt am Main und war dort als Assistent und Habilitant tätig. Mit der damaligen ‚Frankfurter Schule‘ um Horkheimer, Adorno und Marcuse verband ihn vor allem die interdisziplinäre Herangehensweise. Ebenso wie die ‚kritische Theorie‘ suchte er nach den Zusammenhängen zwischen dem wirtschaftlichen Leben einer Gesellschaft und der psychischen Entwicklung der Menschen. Nach Verbindungen zwischen Wissenschaft, Kunst, Recht und Religion, aber auch Sport, Sitte, Mode, Lebensstil und Amüsement (vgl. Baumgart 1991, S. 15-17).

1933 reichte er seine Habilitationsschrift “Der höfische Mensch. Ein Beitrag zur Soziologie des Hofes, der höfischen Gesellschaft und des absoluten Königtums” ein, in der er die absolutistische Gesellschaft Frankreichs im 17. und. 18. Jahrhundert untersuchte. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihm aufgrund seiner jüdischen Abstammung jedoch verwehrt, seine Antrittsvorlesung zu halten. Da diese zum Habilitation unerläßlich war, wurde ihm der Professorentitel nicht verliehen und Elias floh über die Schweiz nach Frankreich ins Exil. Dort hatte er trotz guter französischer Sprachkenntnisse jedoch nur wenige soziale Kontakte. Hinzu kamen Schwierigkeiten, sich ins Universitätsleben zu integrieren, die vermutlich größtenteils auf seine fehlende Habilitation zurückzuführen waren.

1935 zog Elias nach London um und arbeitete dort die beiden folgenden Jahre an der Erweiterung seiner Habilitationsschrift. Neben einer Analyse der höfischen Gesellschaft arbeitete Elias auch immer stärker an einer Theorie der Zivilisation des Abendlandes und der Staatsbildung. In England fand er auch ausgezeichnetes Material für seine Forschungen über die Gesellschaftsentwicklung: Etikettenbücher der vergangenen fünf Jahrhunderte ermöglichten ihm eine genaue Analyse der sich ändernden Sitten und Gebräuche im Laufe der europäischen Zivilisation.

Sein Hauptwerk “Über den Prozeß der Zivilisation” wurde 1937 (Band 2: 1939) von einem kleinen Schweizer Verlag veröffentlicht. Aufgrund des zweiten Weltkriegs und Elias’ jüdischer Herkunft durfte das Buch in Deutschland und Österreich jedoch nicht erscheinen und wurde auch im Ausland wegen der fehlenden Übersetzung und dem geringen Bekanntheitsgrad von Norbert Elias so gut wie nicht gelesen (vgl. Baumgart 1991, S. 20-22).

In den folgenden Jahren arbeitete Elias als Lehrer in Fortbildungskursen an der University of London. 1954 wurde er Lektor und später Dozent an der University of Leicester und lehrte dort Psychologie und Sozialpsychologie und Soziologie. Obwohl Elias jetzt stärker ins universitäre Leben eingebunden war, blieb er dennoch ein Außenseiter. Seine wichtigsten Werke waren nicht ins Englische übersetzt worden und da er zu wenige englischsprachige Fachartikel verfaßt hatte, erhielt er in England auch keine Professur.

In den Jahren 1962 bis 1964 war er im Rahmen einer Gastprofessur in Ghana tätig. Es folgten einige Gastprofessuren in Deutschland, unter anderem auch in Münster, sowie die Teilnahme an vielen wissenschaftlichen Kongressen. Wie seine bisherigen Werke, so fand auch die Studie “Etablierte und Außenseiter”, die er zusammen mit John L. Scotson über den englischen Industrievorort Winston Parva anfertigte, zunächst kaum Beachtung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Seminar: Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
21
Katalognummer
V3938
ISBN (eBook)
9783638124461
ISBN (Buch)
9783638756372
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biographie, Etablierter oder Außenseiter?, Zivilisationsprozeß, Prinzip der affektiven Bindung
Arbeit zitieren
Christoph Koch (Autor), 1997, Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3938

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Einführung in Leben und Werk von Norbert Elias


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden