Be bloody, bold and resolute - Über Ehrgeiz und Gewissen in Macbeth


Seminararbeit, 2004

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung: Macbeth als psychologisches Drama

2. Hauptteil: Der Kampf von Ehrgeiz und Gewissen
2.1 „Only Vaulting Ambition“ – Macbeth’s Konstitution zu Beginn
2.2 „Unsex Me Here“ – Lady Macbeth’s Absichten
2.3 „Macbeth shall sleep no more“ - Duncan’s Mord als psychologischer Wendepunkt
2.4 Fortschreitende Entfremdung der beiden Protagonisten
2.5 Psychologischer Chiasmus
2.5.1 Vergleich Szene I.v. und III.ii

3. Schluss: „I am in blood stepped in so far that should I wade no more, returning were as tedious as go o’er” – Die Eigendynamik der Macht als Grund für die gegenläufige Entwicklung der beiden Hauptfiguren

4. Bibliographie

1.Einleitung: Macbeth als psychologisches Drama

Shakespeare[1] kann auf viele verschiedene[2] Arten gelesen und sicherlich auf noch[3] viel zahlreichere Arten interpretiert werden[4]. Hierbei können verschiedene Schwerpunkte[5] gesetzt werden, wie z.B. die Betrachtung vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund, die formale Gestaltung und Metaphorik oder die psychologischen Aspekte der Figuren. Hier scheiden sich die Geister.

Wilson Knight, der äußerst bedeutend für die Shakespeare – Kritik im 20. Jahrhundert war, vertritt beispielsweise den Standpunkt, dass Kommentatoren, die sich mit dem Charakter der Figuren befassen, unausweichlich auf eine falsche Fährte gelangen[6], da sie nicht „true to their own imaginative reaction“[7 ]sind. Er sieht Shakespeare nicht als den psychologisch intentionierten Erschaffer von Charakteren und Analysten von Verhaltensweisen, sondern schier als großartigen Poeten. „[I]t is not the critic’s main task to bring home to the reader Shakespeare’s marvellous insight into human nature”[8].

Seinem Ansatz nach sollten wir uns einfach unvoreingenommen mit der reinen Poetik des Dichters Shakespeare beschäftigen und nicht hinterfragen, was uns der Mensch Shakespeare damit sagen wollte: „Nothing is more false than to criticise a work of art according to the artist’s intentions“[9].

Ich möchte allerdings zu bedenken geben, ob wir ein Stück, wie Macbeth nicht gering schätzen würden, wenn wir es nur auf poetischer Ebene betrachten würden.

Vielmehr erscheint es doch sinnvoll, diese in Kombination mit der psychologischen Komponente zu betrachten: die Poetik vermittelt dem Zuschauer Inhalte, die, da sie auf dem Zusammenspiel von Figuren basieren, nicht ohne Psychologie sein können (auch, wenn Knight das anders sieht). Wann immer mindestens zwei Menschen zusammentreffen, ob auf der Bühne oder im realen Leben, gleichgültig ob sie ihre eigenen oder Charaktere inne haben, die von jemand anderem erschaffen worden sind, ist Psychologie präsent.

Die Tatsache, das Shakespeare ein Drama geschrieben hat und damit Figuren interagieren lässt, ist Beweis dafür, das es ihm auf die Charaktere selbst ankam. Sonst hätte er sich darauf verlegen können, nur noch Lyrik zu verfassen. Damit ist Psychologie wichtiger Bestandteil des Stückes, die man aus der Deutung nicht einfach wegstreichen kann.

Macbeth ist hierfür wohl eines der besten Beispiele aus dem Kanon von Shakespeare. Es ist das einzige seiner Stücke, in dem eine so starke Frauenrolle auftaucht, dass sie der männlichen Hauptrolle nicht nur ebenbürtig ist, sondern diese auch in hohem Maße beeinflusst, was die ohnehin schon brisanten psychischen Verbindungen von zwischengeschlechtlichen Beziehungen noch ergänzt und verschärft.

Im Verlauf des Dramas spielen vor allem zwei psychologische Komponenten eine entscheidende Rolle: die abstrakten Begriffe Ehrgeiz und Gewissen. Die beiden stehen keineswegs losgelöst voneinander in Raum. Sie sind durch einen weiteren sehr bedeutenden Begriff des Dramas miteinander verknüpft: durch die Tat. Im Stück passieren ausschließlich Taten, die moralisch verwerflich sind. Namentlich: der Mord an Duncan, der Mord an Banquo und der Mord an Macduff’s Familie. Ehrgeiz ist die treibende Kraft für diese Aktionen, da er den Tätern das Motiv für ihren Mord liefert. Der Ehrgeiz, Macht zu erlangen und sie zu behalten macht diese Handlungen erst möglich. Er lässt moralische Aspekte in den Hintergrund treten.

Das Gewissen hingegen ist gleichzusetzen mit der Bewertung, folglich mit der Legitimation der Tat, und wirkt dem Ehrgeiz so entgegen. Es ist die aktionshemmende Kraft, stellt also moralische Fragen in den Vordergrund, um eine Tat an ihnen zu bewerten.

Das Zustandekommen einer Tat hängt also davon ab, welche dieser beiden Strömungen stärker ist.

In der folgenden Arbeit soll gezeigt werden, wie diese beiden charakterlichen Eigenschaften bei den beiden Protagonisten ausgeprägt, und mit deren Entwicklung verknüpft sind.

2. Hauptteil: Der Kampf von Ehrgeiz und Gewissen

Zu diesem Zweck scheint es sinnvoll, die Ausgangslage der beiden Hauptfiguren vor dem Mord an Duncan näher zu betrachten.

2.1 „Only Vaulting Ambition“ - Macbeth’s Konstitution zu Beginn

Wie steht es[10] um Macbeth’s Ehrgeiz zu Beginn des Stückes?

„My thought, whose murder is yet but fantastical, shakes so my single state of man that function is smothered to surmise, and nothing is but what is not.“[11] Diese Worte, gesprochen kurz nachdem Macbeth erfährt, dass der Titel des Than von Cawdor ihm gehört, zeigen deutlich, wie sehr der Gedanke, König zu sein, ihm das Gemüt aufwühlt. Auch wüsste Macbeth, wie die Königswürde auf schnellstem Wege zu erreichen wäre („murder“). Allerdings lässt er nicht zu, dass diese Ideen Besitz von ihm ergreifen, denn er beeilt sich, hinzuzufügen: „If chance will have me king, why chance may crown me without my stir.“[12]

Er wäre natürlich sehr gerne König, allerdings fehlt ihm der nötige Ehrgeiz, Eigeninitiative zu ergreifen, um dies zu erreichen. Also flüchtet er sich in den Einwand, dass die Prophezeiung, wenn sie denn wahr ist, sich auch ohne sein Zutun erfüllen wird.

Macbeth befindet sich in dem eingangs schon beschriebenen Kampf von Ehrgeiz und Gewissen, was sich als bizarres Rangeln mit sich selbst äußert. Die Tat, die ihm durch den Kopf geht, findet nicht genügend Rechtfertigung vor seinem Gewissen bzw. er hat zu wenig Ehrgeiz, um sich über letzteres hinwegzusetzen.

Als er bei König Duncan empfangen wird und ihn dieser für seine Heldentaten lobt, ist auch dessen Sohn Malcolm anwesend, in dem er ebenfalls einen Grund sieht, von der Tat, die ihm aber bezeichnender Weise doch keine Ruhe lässt, abzusehen:

The Prince of Cumberland: that is a step

On which I must fall down, or else o’erleap,

For in my way it lies. Stars, hide your fires,

Let not light see my black and deep desires,

The eye wink at the hand. Yet let that be,

Which the eye fears when it is done to see. (I.iv. 48 – 53)

Da der Prinz ja rechtmäßiger Nachfolger des Königs ist, wäre ein Mord nutzlos. Und trotzdem kann er seine „black and deep desires“[13] nicht zurückhalten und wünscht sich nichts sehnlicher, als dass sich die Weissagung erfüllt. Doch wie gesagt: Selbst zur Tat schreiten, dass kann er nicht.

Dies zeigt sich am deutlichsten in einem Monolog gegen Ende des ersten Aktes, nachdem er den eindringlichen Überzeugungsversuchen seiner Frau nur ein „We will speak further“[14] entgegenzusetzen hatte: „I have no spur [...], but only vaulting ambition, which o’erleaps itself and falls on th’other“[15] Er sagt hier, dass der Ehrgeiz, den er hat, sich sozusagen selbst im Wege steht und behindert. Er ist nicht in der Lage, ihn in eine praktische Tat umzusetzen.

Man fragt sich natürlich, warum. Es ist ja ganz und gar nicht so, dass Macbeth als Feigling dargestellt wird. Er ist, wie wir zu Beginn erfahren, ein Kriegsheld, der durch besonders rohe Grausamkeit hervorsticht. Darin könnte auch die Begründung seiner Misere liegen: er ist ein Soldat und daran gewöhnt, Befehle auszuführen. Hat er einen Befehl, sieht sein Gewissen diesen als Rechtfertigung genug für dessen Ausführung an. Erst dann kann er seinen Ehrgeiz kanalisieren und ihn einsetzen. In diesem Ansatz kann man auch eine komplementäre Erklärung dafür sehen, dass er so große Hemmungen hat, Duncan zu töten: er ist schließlich sein oberster Befehlshaber.

Der Ehrgeiz, der ihn schlussendlich doch zur Begehung des Mordes führt, kommt nicht aus ihm selbst, sondern von seiner Frau. Auch sie sagt, er sei „not without ambition“[16], aber auch ihr ist klar: „wouldst not play false, and yet wouldst wrongly win“[17]. Sie weiß, dass er viel erreichen möchte, aber möglichst ohne sich die Hände schmutzig zu machen.

Lady Macbeth appelliert also von vornherein nicht an seinen Ehrgeiz, sondern an seine Männlichkeit. Sie versucht nicht, ihn zu der Tat zu verführen oder zu drängen, sondern sie fordert ihn heraus[18]. Gerade von einem siegreichen Feldzug heimgekehrt, in dem er seinen Mut, seine Stärke, kurzum: alle seine männlichen Eigenschaften bestätigt gefunden hat, fragt sie ihn: „Wouldst thou have that which thou esteem’st the ornament of life, and live a coward in thine own esteem [?]“[19]. Was letzten Endes ausschlaggebend für die Entscheidung ist, ist also „the very basic relation between act and desire“[20].

Wenn Macbeth den Mord begeht, also den ‚act’, wird er von seiner Frau als Mann anerkannt, was dem entspricht, was er möchte (‚desire’). Die Korrelation von Mord und Männlichkeit, die von der Lady geschaffen wird, ist also entscheidend.

[...]


[1] William Shakespeare: Macbeth, ed. A.R. Braunmuller, The New Cambridge Shakespeare (Cambridge, 1997), IV.i.78

[2] Shakespeare: Macbeth, I.vii.26-27

[2] Shakespeare: Macbeth, I.v.39

[2] Shakespeare: Macbeth, II.ii.46

[5] Shakespeare: Macbeth, III.iv. 136 - 138

[6] Vgl. Dr. W.H. Toppen, Conscience in Shakespeare’s Macbeth (Groningen, 1962), S. 66

[7] Wilson Knight, The Wheel of Fire (London, 1949), S. 12

[8] Dr. W.H. Toppen, Conscience in Shakespeare’s Macbeth (Groningen, 1962), S. 66

[9] Wilson Knight, The Wheel of Fire (London, 1949), S. 6

[10] Shakespeare: Macbeth, I.vii.26-27

[11] Shakespeare: Macbeth, I.iii.138 - 141

[12] Shakespeare: Macbeth, I.iii.143 - 144

[13] Shakespeare: Macbeth, I.iv. 51

[14] Shakespeare: Macbeth, I.v. 68

[15] Shakespeare: Macbeth, I.vii. 25 – 29

[16] Shakespeare: Macbeth, I.v. 17

[17] Shakespeare: Macbeth, I.v. 18 - 19

[18] Vgl. Harvey Birenbaum, “Consciousness and Responsibility in Macbeth”, in: Mosaic (1982), 17-32, S.19

[19] Shakespeare: Macbeth, I.vii. 41 - 43

[20] Harvey Birenbaum, “Consciousness and Responsibility in Macbeth”, in: Mosaic (1982), 17-32, S.19

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Be bloody, bold and resolute - Über Ehrgeiz und Gewissen in Macbeth
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Englische Philologie)
Veranstaltung
Shakespeare's Richard III and Macbeth
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V39385
ISBN (eBook)
9783638381697
ISBN (Buch)
9783638790420
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersucht die beiden abstrakten Begriffe Ehrgeiz und Gewissen und deren Zusammenhang aus verschiedenen Blickwinkeln
Schlagworte
Ehrgeiz, Gewissen, Macbeth, Shakespeare, Richard
Arbeit zitieren
Kerstin Nowak (Autor), 2004, Be bloody, bold and resolute - Über Ehrgeiz und Gewissen in Macbeth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39385

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