Italo Calvino und seine Lezioni Americane


Hausarbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Entstehungsgeschichte der „Lezioni Americane“

3. Leggerezza – Leichtigkeit

4. Rapidità – Schnelligkeit

5. Esatezza – Genauigkeit

6. Visibilità – Anschaulichkeit

7. Molteplicità – Vielschichtigkeit

8. Erfüllt Calvino diese Werte selbst in seiner Literatur?

9. Bibliogaphie

1. Einleitung:

Diese Hausarbeit soll sich mit dem literaturtheoretischem Werk „Lezioni Americane – Sei proposte per il prossimo millenio“ von Italo Calvino beschäftigen. Zuerst wird im allgemeinen auf das Werk eingegangen, es werden die verschiedenen Werte, die Calvino festlegt, genauer beschrieben, um diese dann am Werk Calvinos selbst anzuwenden. „Die Lezioni Americane sind einerseits eine Standortbeschreibung alter und moderner Literatur; sie dokumentieren und registrieren aber auch Calvinos Präferenzen, seine Beschäftigung mit der Literatur, die in all ihren Aspekten – Sprache, Struktur, Handlung, Aussage – Auswirkungen auf ihre Leser zeitigen kann. Der Schriftsteller hat hier rückblickend und vorausschauend seine Poetik erstellt, „[...] l`autobiografia di un lettore che legge e che a sua volta è letto [...]. Der Lektüregegenstand dieses Lesers par excellence ist die Welt. Obwohl er sie mit der ihm eigenen Skepsis vor allem als mangelhaftes Modell beschreibt, zweifelt er doch nie an der Notwendigkeit, mit ihr und in ihr zu leben. Daher rührt seine Beharrlichkeit und seine trotz allem positive Weltbetrachtung.“[1]

2. Zur Entstehungsgeschichte der „Lezioni Americane“:

1985 wurde Italo Calvino als erster italienischer Schriftsteller von der Harvard Universität eingeladen, die berühmten Norton Lectures zu halten. Diese Vorlesungen nannte er „Lezioni Americane – Sei proposte per il prossimo millenio“, seine Frau war es dann, die diese Aufzeichnungen in einem Buch veröffentlichte.

Schon 1959 reiste Calvino in die Vereinigten Staaten, um an einigen Universitäten Vorlesungen zu halten. Er wurde damals von der Ford Foundation ausgewählt, um in einem Zeitraum von sechs Monaten an verschiedenen Universitäten über die italienische Nachkriegsliteratur zu berichten. Auch schon zu diesem Zeitpunkt sagte er, dass es Dinge gibt „che insomma solo la poesia – e non per esempio la filosofia o la politica - puó insegnare.“[2]

1985 dann erklärte er fast mit den gleichen Worten „la sua fiducia nel futuro della letteratura consiste nel sapere che ci sono cose che solo la letteratura puó dare coi suoi mezzo specifici.“[3] Seit seinen Artikeln auf der Kulturseite der „La Repubblica“ in den achtziger Jahren, beschäftigte sich Calvino mit den Klassikern der westlichen Literatur und legte fest, welche Werte sie für ihn wiedergeben, was er dann mit seinen Werken „Italiani vi esorto ai classici“ und „Perche leggere i classici“, beide Werke erschienen 1981, noch auf andere Klassiker ausdehnte. Die Klassiker spielten stets eine wichtige Rolle für Calvino, er sagte über sie: „i classici servono a capire chi siamo e dove siamo arrivati “[4], und an anderer Stelle: „ Il tuo classico è quello che non può esserti indifferente e che ti serve per definire te stesso in rapporto e magari in contrasto con lui.“[5]

In den „Lezioni Americane“ fasste er diese Werte in den Punkten Leichtigkeit, Schnelligkeit, Genauigkeit, Anschaulichkeit und Vielschichtigkeit zusammen. Dies sind die Werte, die er für besonders wichtig betrachtete, um sie ins neue Jahrtausend zu übernehmen, denn seine Befürchtung war, dass die Menschheit einfach verschwindet, ohne eine Spur zu hinterlassen. Diese Spur legte er mit den „Lezioni Americane“, auf die nun genauer eingegangen wird.

3. Leggerezza – Leichtigkeit

Es handelt sich hierbei um die erste Vorlesung, die Calvino an der Harvard Universität hielt. Ihn interessierte bei diesem Thema der Gegensatz zwischen Leichtigkeit und Schwere, er selber vertrat die Rechte der Leichtigkeit, weil er dabei, wie er sagte, mehr zu sagen habe. „Meine Tätigkeit hat vorwiegend darin bestanden, Gewicht wegzunehmen; ich habe bald den menschlichen Gestalten, bald den Himmelskörpern, bald den Städten Gewicht zu nehmen versucht; vor allem aber habe ich versucht, dem Bau der Erzählung und der Sprache Gewicht zu nehmen.“[6] Er schildert seine ersten Schreibversuche und wie er damals die Schwerfälligkeit entdeckte: „Bald wurde mir bewußt, daß zwischen den Fakten des Lebens, die mein Rohstoff hätten sein sollen, und der raschen und treffsicheren Beweglichkeit, die ich mir für mein Schreiben wünschte, eine Kluft lag, deren Überwindung mich immer mehr Kraft kostete.“[7] Calvino nimmt einen Vergleich der Schwere mit der Medusa vor, die nur von Perseus, charakterisiert mit Flügelsandalen, besiegt werden kann. Nach der Enthauptung der Medusa steigt aus ihrem Blut Pegasus, das geflügelte Pferd und Liebling der Musen, auf. Dieses Bild zeigt uns also deutlich, wie über den Sieg der Schwere die Leichtigkeit aufsteigt. Perseus wird gesehen als Halbgott der Leichtigkeit.

Nun nennt Calvino ein Beispiel für die Leichtigkeit in der Literatur, nämlich Milan Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Laut Calvino ist diese Werk „in Wahrheit eine bittere Konstatierung der unausweichlichen Schwere des Lebens“[8], nämlich den Zwängen in öffentlichen und privaten Lebensbereichen. Diesen Zwängen entgehen nur die Lebendigkeit und Beweglichkeit der Intelligenz, eben jene Mittel, mit denen der Roman geschrieben ist, die aber nicht unserem täglichen Leben angehören. Eine Lösung für das Problem der Schwere sieht Calvino in der Änderung des Ansatzes. Man sollte die Welt mit anderen Augen sehen und eine andere Logik anwenden, um einen Weg aus der Schwerfälligkeit zu finden. Das heißt für ihn in der Literatur das Herausfinden neuer Wege, Stile und Formen, die das Bild verändern können. Auch in der Wissenschaft findet Calvino Beispiele, in denen die Schwere aufgelöst wird. "Heute scheint jeder Zweig der Wissenschaft zu beweisen, dass die Welt durch feinste und kleinste Entitäten zusammengehalten wird – durch die Botschaft der DNS, die Impulse der Neuronen, die Quarks, die Neutrinos, die seit Urzeiten durch den Raum vagabundieren [...].“[9] Aus der Informatik nennt er das Beispiel der Software, die zwar nur in Verbindung mit Hardware existieren kann, doch besitzt die Software das Kommando. Die zweite industrielle Revolution präsentiert sich mit Bits in einem Informationsfluss. Maschinen aus Eisen gibt es noch immer, aber sie gehorchen heute den gewichtlosen Bits. Um zurückzukommen auf die Literatur kann gesagt werden, dass die Leichtigkeit etwas ist, das sich beim Schreiben herstellt, dank der sprachlichen Fähigkeit des Dichters. Als Beispiel dafür können die Dichter Ovid und Lukrez gelten. Für Lukrez besteht die Welt aus unveränderlichen Atomen, und schon diese Ansicht, dass die Welt aus winzigen kleinen Teilchen besteht, und er dieses umzusetzen weiß in seinem Werk, macht ihn zu einem Dichter der Leichtigkeit. Ovid formt sein Weltbild aus Eigenschaften, Attributen und Formen, die in fließendem Übergang von einer Form zur anderen stehen. Gerade seine Beschreibungen dieses fließenden Übergangs ist seine Leistung und sein Ausdruck von Leichtigkeit.

Calvino beschreibt nun zwei Arten von Leichtigkeit, nämlich die Leichtigkeit der Nachdenklichkeit und die Leichtigkeit der Frivolität; die nachdenkliche Leichtigkeit kann sogar die Frivolität als schwer und opak erscheinen lassen. Dies verdeutlicht Calvino am Beispiel einer Novelle des „Decameron“ von Boccaccio, in der der florentinische Dichter Guido Cavalcanti auftritt. Cavalcanti wird dargestellt als gestrenger Philosph, der nachdenklich zwischen den marmornen Grabmälern vor einer Kirche umhergeht, und von den „Jeunesse doreé“ aufgezogen wird: „Guido, du verschmähst es, an unserer Gesellschaft teilzunehmen; aber schau, wenn du nun herausgefunden hast, daß es keinen Gott gibt, was wirst du nun davon haben?“ „Ihr Herren, ihr könnt mir in eurem Hause sagen, was euch gefällt.“; und die Hand auf einen jener Grabsteine gestützt, die groß waren, schwang er sich, federleicht wie er war, mit einem Satz auf die andere Seite hinüber und ging, nachdem er sich derart von ihnen befreit, seiner Wege.“[10] Der Ernst ist also das Geheimnis der Leichtigkeit Cavalcantis, der sich leichtfüßig von der Schwere der Welt befreit, wohingegen das, was für Vitalität gehalten wird, lärmend und dröhnend erscheint, oder, mit den Worten Calvinos wiedergegeben, schwer und opak. Für Calvino ist also Cavalcanti der Dichter der Leichtigkeit. Um dies nochmals zu verstärken, stellt er zwei Textzeilen von Dante und Cavalcanti gegenüber. Bei Dante in seinem Werk „Divina Commedia“ heißt es: „come di neve in alpe sanza vento“(Inferno) und bei Cavalcanti heißt es, leicht abgeändert: „ e bianca neve scende senza venti“[11]. Schon allein diese Gegenüberstellung zeigt, wie leicht und ganz ohne Gewicht der Schnee bei Cavalcanti fällt, hervorgehoben, oder auch gerade nicht, durch die Konjunktion „e“, und dem Fehlen jeglicher Ortsangabe. Bei Dante hingegen hat man sofort das Bild einer Gebirgslandschaft und deren Gewichtigkeit im Kopf, da durch das Wort „come“ ein bestimmter Vergleich dargestellt wird. Calvino nennt die Atmosphäre, die Cavalcanti schafft eine „Atmosphäre schwebender Abstraktion“[12].

Doch nun sagt Calvino, dass sich für ihn Leichtigkeit mit Präzision und Bestimmtheit verbände, und nicht mit Vagheit und Vertrauen auf den Zufall, was zuerst wie ein Gegensatz zu dem vorher Gesagten aussieht, doch er erklärt dies mit dem Vorhandensein verschiedener Versionen von Leichtigkeit:

„ 1. Leichtmachen der Sprache, bei dem die Bedeutungen so lange auf einem gleichsam schwerelosen verbalen Gewebe befördert werden, bis sie dieselbe verdünnte Konsistenz annehmen [...].
2. Die Wiedergabe eines Gedankengangs oder eines psychologischen Vorgangs, in dem subtile, unmerkliche Elemente am Werk sind, oder auch jede Art von Beschreibung, die einen hohen Abstraktionsgrad enthält [...].

[...]


[1] Lessle, Christine: Weltreflexion und Weltlektüre in Italo Calvinos erzählerischem Spätwerk, Bonn, 1992, S. 210.

[2] Bottiglieri, Nicola: I luoghi di Calvino, Cassino, 2001, S. 183.

[3] Bottiglieri, ( wei Anm. 2 ), S. 183.

[4] Calvino, Italo: Perche leggere i classici, in Calvino Saggi vol. II, Milano, 1995, S. 1824.

[5] Calvino, ( wie Anm. 4 ), S. 1821

[6] Calvino, Italo: Lezioni Americane - Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend, München, Wien, 1991, S. 15.

[7] Calvino, (wie Anm. 5) S. 16.

[8] Calvino, (wie Anm. 5) S. 22.

[9] Calvino, (wie Anm. 5) S. 23.

[10] Calvino, (wie Anm. 5) S. 27.

[11] Beide Zizate Calvino, (wie Anm. 5) S. 30.

[12] Calvino, (wie Anm. 5) S. 30.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Italo Calvino und seine Lezioni Americane
Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V39404
ISBN (eBook)
9783638381772
ISBN (Buch)
9783638790437
Dateigröße
716 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Italo, Calvino, Lezioni, Americane
Arbeit zitieren
Susanne Drews (Autor), 2005, Italo Calvino und seine Lezioni Americane, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39404

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