[...] Einerseits kann man Nietzsche als Ausgangspunkt nehmen und den Vertretern der letzten drei Generationen je einen der von ihm kritisierten Begriffe zuordnen: Religion, Schauspielerei, Wagner-Musik. Problematisch an diesem Ansatz ist jedoch, dass die Vertreter der letzen, am stärksten im Verfall begriffenen Generationen von Seiten des Erzählers im Vergleich zur ersten und zweiten offensichtlich mehr Sympathie genießen. Andererseits scheint der Roman stark auf dem Weltbild Schopenhauers zu basieren: Der Intellekt, Hanno, emanzipiert sich vom Willen, Johann. Bei Thomas Buddenbrook wird jedoch andererseits klar, dass er trotz kurzzeitiger Begeisterung für den Philosophen im Grunde das Leben in seiner starken Form liebt, was mit Schopenhauers Weltpessimismus nicht zu vereinbaren ist. Es ist Nietzsche, dessen Philosophie hier zum Tragen kommt. Bei Hanno zeigt sich, dass entgegen der schopenhauerschen Auffassung von der Kunst als der – wenn auch temporären – Erlösung vom Leiden der Welt diese Kunst keinen Heiligen hervorbringt, sondern eine jener frühen mannschen Künstlerfiguren „mit schmerzhaft kranken Körpern und Seelen, deren Zerfall ebenso entsetzlich wie ihre Verfeinerung wertvoll ist.“ Thomas Mann bleibt bei Schopenhauer auf halbem Wege stehen. Auf der Ebene der Form geraten wiederum Nietzsche und Wagner in Konflikt, denn die laut Nietzsche auf Wirkung abzielende Musik Wagners sei dadurch jeder Unschuld beraubt, dass ihr Charakter ein konstruierter und kein natürlicher sei. Der leitmotivische – konstruierte – Aufbau der „Buddenbrooks“ steht jedoch in der Tradition Wagners. Aus diesen Gründen wird sich Thomas Manns Aussage, Schopenhauer, Wagner und Nietzsche seien eins, nicht bewahrheiten. Ein letzter Punkt wird sich der Frage widmen, ob es in den „Buddenbrooks“ eine Figur gibt, die eine harmonische Verkörperung von Kunst und Leben darstellt, eine Person, die gemäß der mannschen Definition von Ironie eine Sehnsucht nach dem anderen Bereich empfindet und diese Liebe in Bahnen zu lenken weiß, in denen der Widerspruch erträglich ist. In Ansätzen trifft dies auf den jungen Graf Mölln zu. Für die Buddenbrooks ist diese Option wie für fast alle Figuren aus Thomas Manns Frühwerk nicht vorhanden. Wo die Figuren scheitern, sche int sich der Autor jedoch zu behaupten. Für Thomas Mann entsteht mit den „Buddenbrooks“ etwas, das ihn zur Künstlerexistenz berechtigt: Erfolg. Dies mag ein Ausweg aus der Mannschen Kunst-Leben-Problematik sein.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Verfall und Verfeinerung in Thomas Manns „Buddenbrooks“: Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses Schopenhauers, Wagners und Nietzsches
2.1 Der Begriff der décadence: Paul Bourget und Friedrich Nietzsche
2.2 In den Spuren Nietzsches: Der körperliche Verfall und der Schwund bürgerlicher Lebensformen
2.2.1 Johann: Tüchtigkeit und Lebensnähe
2.2.2 Jean: Religiös-sentimentale Verklärung
2.2.3 Thomas, Christian und Tony: Schauspielerei und Hypochondrie
2.2.4 Hanno: Musik und Lebensunfähigkeit
2.3 In den Spuren Schopenhauers: Erscheinungsformen der geistigen Sensibilisierung und Verfeinerung
2.3.1 Der schopenhauersche Entindividuationsprozess von Johann zu Hanno
2.3.2 Abweichungen von Schopenhauer
2.4 ‚Aus drei mach eins’: Die Vermischung der Philosophie Nietzsches, Schopenhauers und Wagners im Rückblick
2.5 Der Verfall der Figuren und der Aufstieg des Autors
3 Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den „Verfall einer Familie“ in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ unter Berücksichtigung der philosophischen Einflüsse von Schopenhauer, Wagner und Nietzsche. Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen dem sozialen Niedergang bürgerlicher Lebensformen und einer parallel verlaufenden geistigen Sensibilisierung der Figuren aufzuzeigen sowie zu analysieren, wie Thomas Mann diese philosophischen Konzepte in seinem Roman verarbeitet.
- Analyse des Begriffs der „décadence“ im Kontext von Paul Bourget und Nietzsche.
- Untersuchung des körperlichen Verfalls und des Schwunds bürgerlicher Tugenden innerhalb der Buddenbrook-Generationen.
- Erörterung der schopenhauerschen Philosophie als Grundlage für die geistige Verfeinerung.
- Untersuchung der leitmotivischen Gestaltung nach dem Vorbild Richard Wagners.
- Kritische Reflexion über die Vermischung widersprüchlicher Philosophien im Werk.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Johann: Tüchtigkeit und Lebensnähe
Von Johann Buddenbrook heißt es: „Er stand mit beiden Beinen in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der Vergangenheit der Familie [...]“ (II, 1, S. 44). Er ist unsentimental und praktisch veranlagt, was besonders deutlich wird, als sein Sohn Gotthold aus erster Ehe schriftlich eine Entschädigungssumme für den Anteil am Haus einfordert. Weder mit dem Argument der Verwandtschaft noch mit dem der Christlichkeit kann Gotthold seinen Vater zur Herausgabe des Geldes bewegen, denn Johann sieht hinter dem Glauben Gottholds „fromme Geldgier“ (I, 1, S. 38). Das freundschaftlich verwandtschaftliche Verhältnis hat er ihm bereits vor Langem aufgekündigt, als Gotthold sich entschloss, gegen den Willen des Vaters Mamsell Stüwing zu ehelichen (I, 10, S. 38).
Als die kleine Tony ihren Katechismus erst stockend, dann übersprudelnd zum Besten gibt, macht er aus dem Glaubensbekenntnis ein Handelsgespräch, indem er sie fragt, „wieviel sie für den Sack Weizen nähme“ (I, 1, S. 5). Johann ist ein geschäfttüchtiger, jovial spöttischer Bürger (I, 4, S.17). Keiner seiner Nachfahren erreicht sein hohes Alter von 75 Jahren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte der „Buddenbrooks“ ein und beleuchtet Thomas Manns geistig-philosophische Fundamente, insbesondere den Einfluss von Schopenhauer, Wagner und Nietzsche.
2 Verfall und Verfeinerung in Thomas Manns „Buddenbrooks“: Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses Schopenhauers, Wagners und Nietzsches: Das Hauptkapitel analysiert detailliert den Verfall der Familie, wobei die spezifischen Einflüsse von Nietzsche, Schopenhauer und Wagner auf die einzelnen Generationen und die künstlerische Gestaltung des Romans untersucht werden.
3 Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtungen fassen zusammen, dass der Verfall der Figuren zwar nach dem Vorbild Nietzsches und Schopenhauers gestaltet ist, jedoch in eine ironische künstlerische Synthese mündet, die Thomas Mann den Weg zum eigenen Erfolg ebnet.
Schlüsselwörter
Buddenbrooks, Thomas Mann, Schopenhauer, Nietzsche, Wagner, Dekadenz, Verfall, bürgerliche Lebensformen, Künstlertum, Wille, Leitmotivik, Sensibilisierung, Ironie, Familiensage, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den „Verfall einer Familie“ in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ durch die Brille der philosophischen Einflüsse von Schopenhauer, Wagner und Nietzsche.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit thematisiert den sozioökonomischen Niedergang der Familie Buddenbrook, den Begriff der Dekadenz, die Bedeutung von Musik und Kunst sowie die Diskrepanz zwischen bürgerlichem Leben und Künstlerexistenz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, wie Thomas Mann einerseits den Verfall des Bürgertums schildert, aber gleichzeitig eine geistige Aufwärtsbewegung und Verfeinerung bei den Figuren feststellt, die sie für die Kunst öffnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Untersuchung, die philosophische Konzepte auf den Roman anwendet und die narrativen Strukturen (Leitmotive) im Text analysiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die einzelnen Generationen der Buddenbrooks, ihre jeweilige Haltung zur Lebensführung und zum künstlerischen Ausdruck sowie die spezifische Wirkung der Philosophie Nietzsches und Schopenhauers auf diese Charaktere.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Dekadenz, Wille, Leitmotiv, bürgerlicher Verfall, Schopenhauer, Nietzsche, Wagner, Kunst-Leben-Problematik und Ironie.
Wie wird das Verhältnis von Johann Buddenbrook zur Musik charakterisiert?
Im Gegensatz zu seinen Nachfahren ist das Musizieren bei Johann ein naiver, unreflektierter Ausdruck bürgerlicher Lebensfreude und dient der geselligen Repräsentation, nicht der Abkehr von der Welt.
Welche Rolle spielt die Leitmotivik in Thomas Manns Roman?
Die Leitmotivik, inspiriert durch Wagner, wird genutzt, um den körperlichen und geistigen Verfall der Familie symbolisch darzustellen und die Struktur des Romans fest zusammenzuhalten, auch wenn der Inhalt auseinanderbricht.
- Quote paper
- Anne Thoma (Author), 2005, Verfall und Verfeinerung in Thomas Manns "Buddenbrooks": Eine Untersuchung unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse Schopenhauers, Wagners und Nietzsches, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39411