Physiognomie und Einbildung - zur Frage sozialer und personaler Identität in der Moderne


Hausarbeit, 2005

22 Seiten, Note: 1,5


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Inhalt

Die Moderne - Versuch einer Begriffsklärung

Veränderung der Lebenswelt

Veränderung der Wahrnehmung

Sicht des Körpers

Anmerkungen

Literatur

“Eines Tages stürzt das, was andere von uns wissen (oder zu wissen meinen) über uns her - und jetzt erkennen wir, dass es das Mächtigere ist. Man wird mit seinem schlechten Gewissen leichter fertig, als mit seinem schlechten Rufe.“

Friedrich Nietzsche 1

Die Moderne - Versuch einer Begriffsklärung

Der Begriff „Moderne“ umfaßt nach unserem heutigen Sprachgebrauch eine relativ große Zeitspanne im 19. und 20. Jahrhundert. Diese Bedeutung des Wortes kam erstmals in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im deutschen Vokabular auf und bezog sich so auf das Selbstverständnis der Gesellschaft dieser Zeit. Um dies besser untersuchen zu können, bedarf es einer Klärung der Bedeutungswandlungen der Bezeichnung „Moderne“:

Die im Mittelalter erstmals nachgewiesene Verwendung des Wortes ist eher negativ belegt, sie bezeichnet eine Epoche, die sich von den (wertvollen, positiv belegten) Vorschriften des Althergebrachten gelöst hat, und die es zu überwinden galt, um wieder den hohen kulturellen und politischen Stand der vergangenen Zeiten erreichen zu können 2. In der Renaissance wandelt sich dieser Begriff: Wo vorher die „Alten“ unübertroffene, erstrebenswerte Vorbilder waren, sind sie nun zwar immer noch nachahmenswert, können aber in ihrer Größe übertroffen werden. Dieser Anspruch an die Verbesserung wurde als „modern“ bezeichnet 3.

Das heutige Verständnis baut sich im 18. Jahrhundert im französischem Sprachraum in der Wiederaufnahme des Diskurses „Ancien“ - „Moderne“ auf: Voltaire z.B. sieht die „Modernité“ nicht als Zeitgrenze oder Epochenbeschreibung, sondern als qualitativen Gegensatz zu „schlechtem Geschmack“. Dies wird auch später damit begründet, daß sich kein eindeutiger Zeitpunkt als Beginn der Moderne festsetzen lässt - so wird der Anfang der modernen Astronomie bei Kopernikus gesehen, die moderne Physik beginnt mit Newton und die moderne Literatur bei Boethius 4.

Während nun hauptsächlich in naturwissenschaftlichen Bereichen das Prädikat „modern“ durchweg positiv im Sinne von fortschrittlich verstanden wurde, galt gerade in den bildenden Künsten die Antike immer noch als schillerndes Vorbild, gerade in Deutschland wehrte man sich in diesem Bereich vehement gegen „das Moderne“ aus Angst vor Überfremdung 5.

Mit Beginn des immer schnelleren Fortschritts gerade in den Naturwissenschaften, aber auch in Bezug auf Industrialisierung und Ökonomisierung nach 1830, verlor der Begriff „Moderne“ als Epochenbezeichnung weiter an Bedeutung - die Gegenwartsgeschichte konnte aufgrund zu vieler schnell aufeinanderfolgender Ereignisse im allgemeinen Verständnis nicht als historiographische Gattung angesehen werden. Baudelaire folgerte daraus, daß auch jede vorangegangene Generation sich selbst Gegenwart war, so als jeweils modern anzusehen sei, und setzte die Bedeutung von „modern“ als Gegensatz zu „ewig“ 6.

Dennoch wurde erstmals 1864 in Frankreich der Versuch gemacht, die Charakteristika des „modernen Menschen“ zu beschreiben: Die Gebrüder Goncourt setzten den Anfang der Entwicklung mit dem Beginn des Parlamentarismus in Frankreich an und schrieben dem Menschen einen „besonderen Charakter durch prägende Bildungserlebnisse“ 7 zu.

1902 erwähnt der deutsche Brockhaus erstmals das Substantiv „Moderne“ als „Bezeichnung für den Inbegriff der jüngsten sozialen, literarischen und künstlerischen Richtungen“ 8. Ungefähr um diese Zeit kam auch die Verwendung des Wortes zur Beschreibung eines Zeitablaufs wieder auf: Die Moderne ist der Beginn einer Epoche, deren Ende fern ist - nicht im Sinne des herkömmlichen Epochenbegriffs: Der Gedanke an diachronisch aufeinanderfolgende Epochen, deren jeweils letzte die „Moderne“ ist, wurde zugunsten eines neuen Verständnisses von Gegenwart abgelöst: In jedem Moment dieses (unbestimmten) Zeitraumes kann „aus einer synchronischen Fülle von Inhalten und Verfahren“ 9 geschöpft werden. So wird die Gegenwart zu einem Augenblick der Selektion für die Zukunft - und so kann alles, was in dieser Gegenwart geschieht, erst aus der Zukunft gewertet werden. Diese Annahme ersetzt allerdings nicht die Verantwortung des Individuums, die es aus der Zeit der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert im Sinne von kritisch-intellektueller Reflexion mitbekommen hat 10. Auch in diesem Sinne ist die Moderne, wie sie heute verstanden wird, eine Zeit der zunehmenden Individualisierung der Menschen 11.

Der Begriff der „Moderne“ für diesen weitgefassten Gegenwartsbegriff wird in den 10er Jahren zuerst vor allem im Bereich der Künste durch die „Avantgarde“ abgelöst. Ursprünglich aus dem militärischen Sprachgebrauch stammend, bezeichnet dies eben genau jene Vordenker, die „Vorhut“, die „Inhalte und Verfahren“ für die Zukunft selektiert. Später entwickelte sich der Bergiff der „Post-Moderne“ als Zeitraum, aus dem heraus die vergangene Gegenwart, die „Moderne“, im Rückblick betrachtet und bewertet werden konnte.

Eine der größten Schwierigkeiten für die Gesellschaft in der Moderne, also in einer Zeit, die von wissenschaftlichem Fortschrittsdenken, Industrialisierung und Ökonomisierung geprägt war, war das Problem der Kontingenz, des „Nicht-Planbaren“. Gerade diese Angst, die Kontrolle zu verlieren und dem der Ratio Widersprechenden ausgeliefert zu sein, brachte sowohl auf übergreifender gesellschaftlicher Ebene als auch im privaten Bereich Veränderungen mit sich. Von der Einführung von minutengenauen Eisenbahnfahrplänen über staatliche Hygienevorschriften bis hin zu der Mode, Taschenuhren zu tragen lassen sich all diese Neuerungen als Versuche auffassen, dieses Problem zu minimieren.

Veränderung der Lebenswelt

Es sprechen mehrere Faktoren dafür, in dieser Arbeit das Hauptaugenmerk gerade auf die Verschiebungen in den Städten zu legen:

Anhand des Zusammenlebens vieler Menschen auf engem Raum und den damit einhergehenden Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Anderen und der eigenen Person läßt sich eher der Frage nach einer „sozialen und personalen Identität“ nachgehen. Mit der zunehmenden Industrialisierung der Wirtschaft ging eine Urbanisierung der Gesellschaft einher 12, weswegen die Städte noch stärker zu Ballungszentren der Neuerungen im wissenschaftlichen, kulturellen und allgemein ästhetischen Bereich wurden, so dass die Ursprünge von Entwicklungen, die im Folgenden untersucht werden sollen, dort zu finden sind.

Das Fortschreiten technischer Neuerungen im 19. Jahrhundert brachte tiefgreifende Veränderungen für die Lebensverhältnisse und Gewohnheiten der Menschen mit sich: Wo die Erfindung der Dampfmaschine als Geburtsstunde der Industrialisierung und Technisierung im Bereich von Produktion gesehen werden kann, steht das Aufkommen neuer Kommunikations- und Transportmittel am Anfang einer Entwicklung, die heute in der sogenannten Globalisierung mündet. Diese Veränderungen bringen vor allem eine neue Wahrnehmung des Raumes mit sich: Durch die schnellere Übermittlung von Nachrichten und Botschaften mittels Telegraph und den schnelleren Transport von Personen und Handelswaren per Eisenbahn werden im Bewußtsein der Menschen die in Zeiteinheiten meßbaren räumlichen Entfernungen reduziert. Auch in kleineren Bereichen, wie z.B. in der Großstadt, kommt durch neue Übermittlungsverfahren ein verändertes Raum-Zeit-Gefühl und damit verändertes Verhalten auf. So stellt Georg Simmel in seinem Essay „Großstädte und Geistesleben“ das gemäßigtere Tempo des Lebens in einer Kleinstadt oder einem Dorf der gesteigerten Geschwindigkeit des Großstadtlebens gegenüber. Er folgert daraus, daß das Leben in der städtischen Hektik und unter gesteigertem Zeitdruck eher nach verstandesmäßigen, intellektuell gesteuerten Gesichtspunkten verlaufen muß, während in der Beschaulichkeit der kleineren, (noch) nicht technisierten Dorfgemeinschaft eher die Seele des einzelnen Individuums sichtbar wird, da hier die Zeit gegeben ist, menschlich in die Tiefe zu gehen: „Indem die Großstadt gerade diese psychologischen Bedingungen schafft - mit jedem Gang über die Straße, mit dem Tempo und den Mannigfaltigkeiten des wirtschaftlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Lebens - stiftet sie schon (...) einen tiefen Gegensatz gegen die Kleinstadt und das Landleben, mit dem langsameren, gewohnteren, gleichmäßiger fließenden Rhythmus ihres sinnlich-geistigen Lebensbildes. Daraus wird vor allem der intellektualistische Charakter des großstädtsischen Seelenlebens begreiflich, gegenüber dem kleinstädtischen, das vielmehr auf Gemüt und gefühlsmäßige Beziehungen eingestellt ist.“13 Mit der beschriebenen veränderten Kommunikationsstruktur und dem neuen Zeitempfinden ging gerade in den Städten ein verändertes Wirtschaftsverhalten einher:

Die vordem existierende Struktur der Handwerks- und Gewerbezünfte, mit der ein direkter Kontakt von Hersteller und Händler verbunden war, löste sich zugunsten einer Trennung von Produktionsstätte und Vertriebsort auf: Nun bestand nicht nur die Möglichkeit, Waren zu importieren und exportieren, auch innerhalb eines Stadtgefüges konnten Waren besser von einem Ort zum anderen transportiert, und Verträge konnten schnell über größere Entfernungen geschlossen werden, so daß mit der Möglichkeit des Handels über weite Strecken die Grundlagen für den Freihandel geschaffen wurden. Spezifisch dafür ist nach das Aufkommen der „Markenprodukte, die für überregionale Märkte konzipiert und daher von einem Auseinandertreten von Produzent und Konsument begleitet werden“ 14 . Speziell diese Entwicklung von Markenprodukten geht mit einer anderen wichtigen Verschiebung der Lebensverhältnisse des Stadtmenschen einher: Wo zuvor hauptsächlich für den täglichen Bedarf bei einem Händler mit gemischtem Sortiment („Gemischtwarenläden“) eingekauft wurde, muß nun beim Käufer das Interesse an Produkten geweckt werden, deren Nutzen über den tatsächlichen Bedarf hinausgeht. Diese Waren müssen nicht unbedingt Luxusobjekte sein -die ja in bestimmten Bevölkerungsschichten auch schon vorher vorhanden waren- sondern Produkte, denen qua medialer Vermittlung neue Eigenschaften zugeschrieben werden, die sie in den Augen des Konsumenten unerlässlich machen, wobei dieser Konsument nicht zwangsläufig aus wohlhabenden Verhältnissen stammt - der Bedarf an Markenartikeln sollte bei einer breiten Bevölkerungsschicht geweckt werden. Unter diesem Gesichtspunkt ist gerade die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts von einem „Übergang von der Mangel- in die Konsumgesellschaft“15 gekennzeichnet, die längerfristig in eine Überflußgesellschaft mündet. Inwiefern dazu gerade die Werbung unter dem Gesichtspunkt der bildhaften Darstellung beiträgt und wie damit eine Veränderung der Wahrnehmung des Menschen im sozialen Rahmen einhergeht, wird nachfolgend im Kapitel „Verschiebung der Wahrnehmung“ behandelt. Neben der Werbung kommt ein anderer Mechanismus auf, Waren zu Gegenständen des Konsums werden zu lassen bzw. beim Menschen die Lust am puren Konsumieren zu wecken: Durch die Inszenierung und fast theatralische Überhöhung der Orte, an denen Waren ausgestellt werden, tritt der Verkaufwert des gezeigten Gegenstandes an sich in den Hintergrund, während das Betrachten und Auswählen allein schon zu einem Erlebnis wird. Das Betreten eines Ortes, an dem Waren zum Verkauf geboten wurden („Laden“ wäre hier untertrieben), ist nun nicht mehr zwangsläufig mit dem Erwerb von etwas verbunden, sondern ist Selbstzweck genug. Walter Benjamin beschreibt diesen Vorgang in seinem „Passagenwerk“ als neue Möglichkeit der Zerstreuung: Der Arbeitsgang, benötigte Waren einzukaufen, ist zu einem genußvollen Schaufensterbummel geworden, bei dem ohne Kaufabsichten das Angebot bestaunt wird, während die einfachen Läden zu Warenhäusern expandiert sind, in denen das Schauen zu einer Freizeitbeschäftigung geworden ist. Einen frühen Höhepunkt dieser Entwicklung der Lust an der Zerstreuung sieht Benjamin in der ersten Weltausstellung in Paris 1855:

„Die Weltausstellungen verklären den Tauschwert der Waren. Sie schaffen einen Rahmen, in dem ihr Gebrauchswert zurücktritt. Sie eröffnen eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen. Die Vergnügungsindustrie erleichtert ihm das, indem sie ihn auf die Höhe der Ware hebt. Er überlässt sich ihren Manipulationen, indem er seine Entfremdung von sich und den anderen genießt.“16 Hier wird mit der „Erhöhung“ des Menschen auf Ebene der Ware ein Punkt angesprochen, der sich in extremen Maße auch auf die gegenseitige Wahrnehmung des Äußerlichen der Menschen bezieht. Der Prozeß des Flanierens dient somit nicht nur der eigenen Zerstreuung oder Unterhaltung, sondern auch der Selbstdarstellung vor anderen, er beinhaltet die Ambivalenz von Sehen und Gesehenwerden. Die Person wird selbst zur Ware, die von anderen begutachtet wird, und diese Möglichkeit des direkt beeinflußbaren Ausdrucks der eigenen Persönlichkeit, des Bildes, das Andere wahrnehmen und die damit einhergehende Entfremdung des wirklichen Selbst ist mit Genuß verbunden. Auch auf diesen Punkt werde ich in dem Abschnitt „Veränderung der Wahrnehmung“ detaillierter eingehen. Es sei nur kurz angemerkt, dass sich diese Folgerungen nicht nur auf die Weltausstellungen beziehen: Im Zeitraum vor der Jahrhundertwende fand im gesamten Bereich der „Industrie der Zerstreuung“ ein Aufschwung bzw. eine Vergrößerung der Zielgruppen statt: Es entstanden Vergnügungsstätten, an denen sich große Menschenmassen versammelten -wie z.B. Erlebnisparks oder auch grosse Tanzsäle- die nicht wie zuvor bestimmten Bevölkerungsschichten vorbehalten waren, sondern ihrem Zweck als Massenvergnügungsorte insofern gerecht wurden, als daß sich hier Menschen verschiedenen Standes trafen, um sich zu unterhalten und unterhalten zu werden - auch hier findet sich das Wechselspiel zwischen Beobachtung und Selbstdarstellung.

Bisher sind vor allem Entwicklungen aus dem Bereich des öffentlichen Lebens beschrieben worden, nun soll kurz ein Augenmerk auf damit einhergehende Veränderungen im privaten Raum gerichtet werden:

Auf der einen Seite führte die zunehmende Technisierung in nicht-privaten Bereichen wie Arbeitsplatz, Kommunikation, Handel etc. zu einer Veränderung im häuslichen Bereich, die fast als Gegenbewegung verstanden werden könnte: Zwar hielten auch im eigenen Heim (technische) Neuerungen einzug, allerdings wurde viel dafür getan, sie wenn nicht im Verborgenen zu halten, so doch „schön“ zu gestalten: Gerade die Entwicklung des Jugendstil als Kunstform auch im innenausstatterischen Bereich könnte mit der Darstellung verspielter Ornamente und von Motiven, die der Natur entnommen sind, als Versuch der Rückbesinnung auf die Natur als Ursprung aller Kunst und als Widerspruch zu der Bewegung der Technisierung und Maschinisierung verstanden werden. Walter Benjamin geht noch einen Schritt weiter, indem er den Jugendstil als „letzten Ausfall der von Technik belagerten Kunst“ 17 bezeichnet. Mit dem Fortschreiten dieser Entwicklung und der damit einhergehenden Verwandlung der Kunstform Jugendstil in eine Mode kann allerdings dieser Versuch, sich der Veränderung der Lebenswelt hin zum Maschinellen, Technisierten durch eine Rückbesinnung auf die schöne Darstellung natürlicher Formen entgegenzustellen und damit persönliche Individualität im Zeitalter der Industrialisierung zu wahren, als gescheitert betrachtet werden. Im gleichen Moment, indem diese Mode allgegenwärtig ist, hat die zugrundeliegende Kunstform ihren Status als Besonderheit verloren. Walter Benjamin bringt dies lapidar auf den Punkt: „Der Versuch des Individuums, auf Grund seiner Innerlichkeit mit der Technik es aufzunehmen, führt zu seinem Untergang.“ 18

Dieser Versuch allerdings, Individualität zumindest in den eigenen vier Wänden zu behaupten, kann auch als Parallele zu der oben beschriebenen Lust an der Selbstdarstellung im Rahmen des Flanierens verstanden werden: Durch die zunehmende Trennung von Geschäfts- und Privatleben und durch die Tatsache, das Individualismus im Büro oder an anderer Arbeitsstätte weniger erwünscht war, erwies sich der private Raum als ideale Bühne zur Inszenierung der eigenen Persönlichkeit. Hier konnte mit Hilfe der Innenausstattung gezeigt werden, wie der Hausherr gerne gesehen werden würde.

Mit dieser Entwicklung hängt eine andere Verschiebung eng zusammen, die sich auch stark auf die Veränderung des Blicks auf den menschlichen Körper auswirkte und die deswegen im nächsten Teil noch einmal expliziter behandelt wird: Die oben beschriebenen Veränderungen im Privaten beziehen sich hauptsächlich auf Auslöser aus der Arbeits- und Freizeitwelt des Mannes. Gerade in den bürgerlichen Bevölkerungsschichten in der zweiten Hälte des 19. Jahrhunderts kam es jedoch im Rahmen der allgemeinen Individualisierung für die Frau eher zu einem „Rückzug in die Privatheit der Familie“, so daß für sie noch stärker als bei dem Hausherren das eigene Heim zur Projektionsfläche für ihr Innenleben, zur Möglichkeit der Selbstdarstellung wurde. Dieser Rückzug der Frau aus dem öffentlichen Leben und der damit eng zusammenhängende Versuch der staatlichen Kontrolle über Sexualität und „Hygiene“ führte zu einer Aufspaltung des Bildes der Frau in den Augen des Mannes in Mutter und Ehefrau auf der einen, und Geliebte oder Prostituierte auf der anderen Seite 19. Auf diese Entwicklung gründen Sehgewohnheiten, auch in Bezug auf neue Medien wie Photographie und Kino, deren Ausläufer teilweise heute noch Gültigkeit haben.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich durch verschiedenste Errungenschaften auf technischem Gebiet, und durch damit zusammenhängende Wechselwirkungen auf intellektueller und seelische Ebene zwei große Pole gegenüberstehen: Auf der einen Seite steht die Uniformisierung als Ausläufer von Maschinisierung, Erhöhung der Arbeitseffizienz und nicht zuletzt die sich verbreitenden Auffassung von dem Funktionieren des menschlichen Körpers als organische Maschine. Dieses Denken verstärkt sich bis in den Beginn des 20. Jahrhunderts hinein, man denke nur an die Vergleiche von z.B. Schaltzentralen im Kommunikationswesen mit dem menschlichen Gehirn, oder an die Entdeckung des Funktionierens von Nerven mittels elektrischer Impulse, was diesem Körperbild neue Bestätigung gab.

Hier ist auch die Steigerung des Warencharakters und damit des Vermarktungspotentials der „schönen Künste“ zu nennen: „ Den Anfang macht die Architektur als Ingenieurskonstruktion. Es folgt die Naturwiedergabe als Photographie. Die Phantasieschöpfung bereitet sich vor, als Werbegraphik praktisch zu werden. Die Dichtung unterwirft sich im Feuilleton der Montage.“ 20

Andererseits stehen dem zunehmend Versuche der Individualisierung, der Abgrenzung von der Masse gegenüber. Die Ansätze, seine eigene Persönlichkeit zu kennzeichenen finden immer weniger im Privaten statt, sondern werden offen zur Schau gestellt. Hier zeigt sich das starke Bedürfnis, als Individuum in der Masse wahrgenommen zu werden, sich daraus hervorzuheben und mit der Inszenierung der äußeren Erscheinung sowie im öffentlichen Auftreten Anderen ein (Wunsch-) Bild der eigenen Persönlichkeit zu vermittteln. Veränderung der Wahrnehmung Eine große Rolle in der Veränderung der Wahrnehmung der Menschen in der Stadt spielte die neue Art der Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Medien, insbesondere durch die Presse: Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das, was wir heute unter „freier Presse“ verstehen, d.h. es wurde möglich, Probleme kontrovers in der Öffentlichkeit zu diskutieren. Der Kampf gegen die zu Beginn des Jahrhunderts noch herrschende starke Zensur, die sich vor allem in den sogenannten „Karlsbader Beschlüssen“ von 1819 manifestierte, gewann in den sechziger Jahren an Brisanz und wurde mit dem liberaleren „badischen Pressegesetz“ von 1868 beendet 21. „Die Presse wurde nun in die Gewerbefreiheit miteinbezogen; in gewisser Weise war sie nun ein Geschäft wie jedes andere auch“ 22, außerdem wurde die Vorzensur aufgehoben. Daraus folgten zwei für die Thematik der öffentlichen Wahrnehmung relavante Neuerungen: Die Anzahl der thematisch spezialisierten Tageszeitungen, die sich an bestimmte Bevölkerungsgruppen richteten, nahm zugunsten einer Vermehrung von Massenpresse ab. Es erschienen nun zunehmend allgemein verständliche, oft mit Photographien angereicherte Tageszeitungen, während speziellere Themen eher in Wochenzeitungen und den aufkommenden „Illustrierten“ abgehandelt wurden. Gleichzeitig nahm die Zahl von kommerziellen Inseraten, der Werbung also, in den täglich erscheinenden Blättern durch die Gewerbefreiheit extrem zu und erfuhr durch die Adressatsverschiebung dieser Zeitungen eine breitere Rezeption.

Gerade die Werbung und die Art, wie verschiedene Artikel beworben wurden, hatte durch ihre massenhafte Verbreitung große Auswirkungen auf die öffentliche Wahrnehmung:

Stefan Haas diagnotiziert in seinem Artikel „Die neue Welt der Bilder - Werbung und visuelle Kultur der Moderne“ 23 den Übergang von einer „primär schriftlichen zu einer tendenziell stärker visuellen Kultur“ 24: Das Aufkommen der Photographie und die Verbesserung der Methoden im ausgehenden 19. Jahrhundert, sowie neue Bildreproduktionsverfahren und Drucktechniken ermöglichten eine stärkere Fixierung auf visuelle Schlagwirkung bei der Produktwerbung. Wo vorher in Inseraten oder auf öffentlichen Plakaten textlastige, auf Überzeugungsarbeit ausgelegte Reklame zu finden war (vgl. auch den Wortstamm „reklamieren“), nahmen nun von weitem gut sichtbare, auf Bildassoziationen abzielende und mit dem Wiedererkennungseffekt spielende Anzeigen überhand. Die Schlagwirkung dieser Art von Werbung zeichnet sich durch die Verringerung des Textes oft nur auf den Namen des Produktes oder sogar nur auf das Firmensymbol aus. Diese Entwicklung schlug sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch nieder, so daß Markennamen als Äquivalent für das Produkt an sich standen. So führte z.B. bereits 1896 Meyers Konversationslexikon den Namen „Odol“ als Synonym für Mundwasser auf, und der Begriff des „einweckens“ stammt aus einer gelungenen Werbekampagne der Firma „Weck“. 25

Nach Haas schafft so diese aufkommende Werbekultur eine neue Bedeutungsebene zwischen (schauendem) Subjekt und beworbenem, d.h. betrachtetem Objekt: Das Bild, das bei dem Betrachter über Schlagwirkung von Farben und Anordnung, Wiedererkennung und auf Assoziationen ausgelegte Bildsymbole entsteht, ist nicht

identisch mit dem Objekt selbst, aber auch nicht unbedingt gleichzusetzten mit dessen Abbildung. Im Bezug auf die oben beschriebene Entwicklung hin zu einer Konsumgesellschaft läßt sich sagen, daß so nicht mehr primär die Gegenstände an sich, sondern eher deren neu gewonnene Bedeutung konsumiert wird und daß dies einer der Faktoren für die entstehende Lust am Konsumieren ist.

Diesen Prozeß der Bedeutungsfindung und -gebung beim schauenden Subjekt über die Betrachtung von Bildern erweitert Haas zu einem permanenten Akt in der modernen Kultur: „Zugleich war damit unbewußt die Überzeugung ausgespochen, daß das menschliche Bewußtsein nicht, wie es die rationalistische und positivistische Philosophie des Bürgertums im 19. Jahrhundert angenommen hatte, rational mithin sprachlich, sondern bildlich funktioniert“ 26.

Hier wird der Mensch als beobachtendes Subjekt gezeigt, das durch das Beschauen der Welt um sich herum (darin eingeschlossen auch andere Menschen), die in dem Moment den Status des beobachteten Objekts erhält, Wissen produziert. Hans Ulrich Gumbrecht beschreibt in seinem Essay „Alltagswelt und Lebenswelt aus genealogischer Perspektive“ die Weiterführung dieses Gedankens: Die Voraussetzung für diese Sichtweise sei eine Welt, in der jeder Gegenstand eine Bedeutung hat, oder ihm eine Bedeutung zugeschrieben werden kann. So werde jedes Ding als potentielles Zeichen gesehen 27. Allerdings verliert unter dem Gesichtspunkt des von Haas beschriebenen bildlichen Funktionierens des menschlichen Bewußtseins die Materialität des betrachteten Gegenstandes an Bedeutung, sobald das „Zeichen“ entziffert ist, sobald sich sein Zweck als Signifikant erfüllt hat. So könnte man hier von einer Verschiebung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt sprechen, die sich auf zwei Ebenen auswirkt: Einerseits wird das Objekt an sich unwichtig, sobald es von dem Subjekt erkannt wird, d.h. sobald ihm eine vom Subjekt konstituierte Bedeutung zugewiesen wurde, und andererseits befindet sich das betrachtende Subjekt ständig selbst in Rolle des betrachteten Objekts, dem von anderen Beobachtern eine jeweilige Bedeutung zugewiesen wird.

Durch diese Verschiebung ist einerseits die Welt der Objekte nicht mehr allgemeingültig verständlich, andererseits verändert sich die exzentrische Stellung des Menschen im Bezug auf die Welt hin zu einer ambivalenten Mixtur aus Schöpfer von Wirklichkeit auf der einen, und dem Objekt-Status auf der anderen Seite.

Zusammenfassend lässt sich mit Gumbrecht sagen: „Mit dem Verschwinden der Bipolarität zwischen Subjekt und Objekt aber hörte die Welt der Objekte auf, als eine universell lesbare Welt erfahren zu werden, und da die Welt der Objekte nicht mehr länger als eine Welt von Zeichen „gegeben“ war, bot sich Platz für intellektuelle und künstlerische Experimente, die man metaphorisch „Zeichen-Deregulation“ nennen könnte“ 28.

Dieser Akt der „Zeichen-Deregulation“ lässt sich auch auf die oben bereits erwähnte aufkommende Praxis der Selbstdarstellung anwenden: In seinem Status als Objekt der Betrachtung durch Andere erhält der Mensch die Möglichkeit, sein Äußeres mit „Zeichen“ zu versehen, mit denen er -ähnlich den Bildassoziationen der Werbung- versucht, das Bild, das von ihm im Bewußtsein anderer entsteht, zu modifizieren.

[...]


1 Friedrich Nietzsche in: „Die fröhliche Wissenschaft“ in: „Werke. Kritische Gesamtausgabe“, V / 2, S. 90

2 nach Berthold von Reichenau, in: Brunner, Conze, Koselleck (Hrsg.): „Geschichtliche Grundbegriffe“, S. 97

3 in: Brunner, Conze, Koselleck (Hrsg.): „Geschichtliche Grundbegriffe“, S. 99

4 in: ebd., S. 102

5 in: ebd., S. 107

6 in: ebd., S. 109

7 in:ebd., S. 119

8 zitiert nach: ebd., S. 121

9 in: ebd., S. 126

10 in: Hillmann: „Wörterbuch der Soziologie“, S. 569

11 „Wirtschaftliche Entwicklung, die Heraufkunft des Rechts- und Sozialstaates und gesteigerte soziale Mobilität verstärkern Tendenzen zur Auflösung sakraler, kollektivistisch-gemeinschaftlicher Bindungen des Individuums zugunsten persönlicher Unabhängigkeit, Autonomie und Verantwortung“ in: Hillmann: „Wörterbuch der Soziologie“, S. 569

12 vgl. dazu auch Haas: „Die neue Welt der Bilder“ in: Borscheid/ Wischermann (Hrsg.): „Bilderwelt des Alltags“, S. 64

13 in: Simmel: „Großstädte und Geistesleben“ in: Gesamtausgabe Suhrkamp, Bd. 7, S. 117

14 vgl. dazu: Haas: „Die neue Welt der Bilder“ in Borscheid/ Wischermann (Hrsg.): „Bilderwelt des Alltags“, S. 65

15 in: ebd., S. 65

16 in: Benjamin: „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ in: Benjamin: „Illuminationen“, S. 175

17 in: ebd., S. 178

18 in: ebd., S. 175

19 vgl. dazu Kleinspehn: „Der flüchtige Blick“ S. 284f

20 in: Benjamin: „Paris, die Hauptstadt des XIX. Jahrhunderts“ in: Benjamin: „Illuminationen“, S. 184

21 vgl. dazu Dussel: „Die Entstehung der Massenkultur im deutschen Kaiserreich“ in: „Universitas - Zeitschrift für interdisziplinäre Wissenschaft“ Nr. 601, S. 675f

22 in: ebd., S. 676

23 in: Borschied, Wischermann (Hrsg.): „Bilderwelt des Alltags“

24 in: Haas: „Die neue Welt der Bilder - Werbung und visuelle Kultur in der Moderne“ in: Borschied, Wischermann (Hrsg.): „Bilderwelt des Alltags“, S. 64

25 in: ebd., S. 66

26 in: ebd., S. 70

27 in: Gumbrecht: „Alltagswelt und Lebenswelt aus genealogischer Perspektive“ in: Kniesche (Hrsg.): „Körper/ Kultur“, S. 81

28 in: ebd., S. 82

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Physiognomie und Einbildung - zur Frage sozialer und personaler Identität in der Moderne
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V39436
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand
Schlagworte
Physiognomie, Einbildung, Frage, Identität, Moderne
Arbeit zitieren
Antonia Joseph (Autor), 2005, Physiognomie und Einbildung - zur Frage sozialer und personaler Identität in der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39436

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