Raymond Carver: Eine Studie zum 'minimalen' Wandel in der Grundstimmung seiner Kurzgeschichten ab "Cathedral"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

I. Einleitung

II. Carvers Universum der „Modernisierungsverlierer“
2.1. Bestandsaufnahme
2.2. Passivität und Lethargie

III. Der Wandel
3.1. Biographische Bezüge
3.2. Konkret: Der Wandel anhand „The Bath” und „A Small, Good Thing“

IV Konklusion und Ausblick

V Literaturliste

Bücher

Zeitungsartikel im Internet

Sonstige Internetquellen

I. Einleitung

Anhand der Geschichtensammlung Cathedral (1983) lässt sich recht gut zeigen, welchen Wandel Carvers Geschichten insbesondere im Vergleich zu seinem vorigen Buch What We Talk About When We Talk About Love (1981)[1] durchgemacht haben. Im späteren Band, Cathedral, sind sowohl Geschichten, die den vertrauten und düsteren Charakter der früheren Kurzgeschichten beibehalten, als auch solche, die sozusagen ein „neues“ positiveres Format aufweisen, das es gilt zu untersuchen. Mit Cathedral hat Carver meines Erachtens eine stilistische Bandbreite erreicht, die weit über den Minimalismus früherer Tage hinausgeht.

Diese Arbeit ist zweigeteilt. Sie wird zunächst die Stimmung der Carver-Geschichten generell analysieren und auf die Lebenssituation der Charaktere zurückführen, wobei die Geschichte „Preservation“ näher beleuchtet werden soll, welche ich als exemplarisch für den düsteren Ton und die Passivität der Charaktere in Carvers Geschichten ansehe. Im zweiten Teil wird besagter Wandel Carvers anhand der beiden inhaltsverwandten Geschichten „The Bath“ und „A Small, Good Thing“, die aus unterschiedlichen Schaffensperioden Carvers stammen, näher beleuchtet.

Den Anspruch einer „ in depth “-Analyse der genannten Fragestellung kann diese Arbeit nicht erheben, da dies den Rahmen sprengen würde. An vielen Stellen kann deswegen bedauerlicherweise nur an der Oberfläche gekratzt werden. Jedoch ist dieses Thema so ergiebig, dass auch eine unvollständige Analyse, wie die gegenwärtige, bereits zu interessanten Ergebnissen führen wird und eventuell Anstoß für weitere Analysen in diese Richtung geben kann.

Michael Reichmann

1. März 2003

II. Carvers Universum der „Modernisierungsverlierer“

2.1. Bestandsaufnahme

Bevor eine Analyse der Veränderung in Carvers Ton vorgenommen werden kann, soll zunächst der generelle Ton in Carvers Kurzgeschichten umrissen werden. Häufig haben Carvers Geschichten einen eher düsteren Grundtenor und handeln vom Leben der einfachen Menschen der Arbeiterklasse (also der unteren Mittelschicht), die im Amerikanischen auch blue-collar (blauer Kragen[2]) genannt wird.[3] Das Leben der Menschen bei Carver ist verbunden mit Mühsal, Frustration und Verlust der Hoffnung auf ein Ende oder zumindest auf eine Veränderung der momentanen Situation. Philip Carson schreibt dazu in seinem Essay „Carver’s Vision“:

“In private desperation, Raymond Carver’s characters struggle through their lives, knowing, with occasional clarity, that the good life they had once hoped would be achieved through hard work will not come about.” (Carson 2000)

Dabei zieht meines Erachtens vor allem jenes zeitweilige von Carson angesprochene Sich-Bewusstwerden der Charaktere („with occasional clarity“ [ibid]), dass die momentane Situation permanent ist, den besagten Verlust der Hoffnung nach sich. Die scheinbar unüberwindlichen Lebensumstände führen bei Carvers Protagonisten, so scheint es, zu einer Aufgabe des Selbst und des eigenen Willens. Sie ergeben sich passiv ihrem Schicksal und schwimmen träge mit dem Strom der Gesellschaft immer versucht, sich auf verschiedenste Weisen, sei es durch Alkohol oder Fernsehen etc., abzulenken und zu zerstreuen.

Carvers handelnde Personen sind oft Paare, die sich in ihren Beziehungen an einem Punkt befinden, wo sich die einstige Liebe oder Zuneigung zu einem routinierten Nebeneinanderleben entwickelt hat. Zumeist scheint es sogar fraglich, ob jemals Liebe und Zuneigung vorhanden war (z.B. in „Preservation“ oder „The Bridle“). Die Situation der Beziehungen wird oft überschattet von der oben skizzierten hoffnungslosen Lebenssituation. Carvers Paare – und tatsächlich die meisten seiner Charaktere – haben erhebliche Kommunikationsprobleme. Wie mir scheint, versagen sie häufig dabei, ob fehlender Selbstreflexion, ihre Situation richtig einzuschätzen und mit ihren Mitmenschen darüber zu kommunizieren. Vielfach erkennen sie Kommunikation überhaupt nicht als möglichen, geschweige denn notwendigen Weg aus ihrem Dilemma. Meines Erachtens scheint es jedoch für den Leser umso greifbarer, dass eine Kommunikation über die Probleme zu der Erkenntnis führen würde, dass zumindest eine Gemeinsamkeit zwischen den Figuren existiert. Diese ist nämlich jene ausweglose Situation, wobei deren Kommunikation sowie die Erkenntnis darüber, dass die Situation geteilt wird, höchstwahrscheinlich und paradoxerweise, wenn nicht zur Veränderung, dann zumindest zum Trost der Einzelnen beitragen könnte. Stattdessen ergeben sich Carvers Charaktere oft wie paralysiert, stumm und isoliert ihrem Schicksal (z.B. „Preservation“).

Warum sind Carvers Menschen so unfähig, sich selbst zu helfen, warum zeichnet Carver ein solch düsteres Bild von der Realität? Carver sieht sich selbst nicht als Sprecher für den Menschen, der „poor and bewildered“ (titan.iwu.edu) ist, sondern als eine Art Zeugen. Seine Geschichten haben oft autobiographische Referenzen, weil er selbst Anteil an diesem Leben, das er beschreibt, hat bzw. hatte. In einem Interview mit dem französischen Literaturjournalisten Claude Grimal im Frühjahr 1987 in Paris rechtfertigt sich Carver:

“[…] I’ve been attacked by right-wing critics in the U.S.A. who blame me for not painting a more smiling picture of America, for not being optimistic enough, for writing stories about the people who don’t succeed. But these lives are as valid as those of the go-getters. Yes, I take unemployment, money problems, and marital problems as givens in life. People worry about their rent, their children, their home life. That’s basic. That’s how 80-90 percent, or God knows how many people live. I write stories about a submerged population, people who don’t always have someone to speak for them. I’m sort of a witness, and, besides, that’s the life I myself lived for a long time. I don’t see myself as a spokesman but as a witness to these lives. I’m a writer.” (Grimal 1987)

2.2. Passivität und Lethargie

Es gibt mehrere Aspekte in den Geschichten, die das hoffnungslose Element unterstreichen. Ich habe hier stellvertretend die Passivität bzw. Lethargie herausgegriffen. Carver kreiert nämlich dieses hoffnungslose Bild der amerikanischen Arbeiterklasse, indem er paradoxerweise seine Charaktere nie oder selten bei der Arbeit zeigt, wie Bill Mullen in seinem Essay „A subtle spectacle: Televisual culture in the short stories of Raymond Carver“ schreibt. Es sei viel mehr die unheimliche Abwesenheit von Arbeit, die den working-class Amerikaner in Carver ausmacht:

“Carver’s characters may be the first in American working-class literature who are never shown on the job. Instead, they usually are recognizable as working-class not out of any specific affinity for or alienation from work but in gestures and mannerisms that indicate a hangover from the displacement or actual abandonment of working-class consciousness.” (Mullen, 1998)

An die Stelle der Arbeit tritt meines Erachtens das Fernsehen (besonders in „Preservation“). Eingeengt zwischen Arbeit und dem fernsehgeleiteten Privatleben in den eigenen vier Wänden zeigt sich hier der klaustrophobische Alltag der Menschen. Der Fernseher ist dabei einerseits ist er ganz real ein Mittel zur Zerstreuung und Ablenkung, andererseits, steht er aber, wie Mullen argumentiert, symbolisch für die oberflächliche Konsumenten-Kultur des spätkapitalistischen Amerikas. Mit dem Fernseher versuchen Carvers Figuren nicht nur die Langeweile ihres eingeschränkten Lebens zu überwinden, sondern das Fernsehen unterstützt insbesondere jene kritiklose Lethargie, die vielen von Carvers Figuren anhängt. Mullen schreibt hierzu:

“Carver’s stories routinely take place at home-before, after, or in the place of work-where the dull, omnipresent hum of television serves as a soporific cocoon against the intrusion or consideration of social discontent.” (Mullen 1998)

Die Unzufriedenheit des einzelnen Menschen in Carver wird übertönt durch das weiße Rauschen des Fernsehers, dem die Charaktere meditativ erlegen sind.

Ähnliches gilt für den Konsum von Alkohol. Carvers Figuren, so scheint es, trinken ständig und zu jeder Gelegenheit. Alkohol jeglicher Art spielt in allen Geschichten Carvers eine mehr oder weniger prominente Rolle. Wenn sich die Personen nicht selbst mit Alkohol zerstört haben oder dabei sind, wie in „Where I’m Calling From“ oder „Careful“, gehört Trinken zumindest wie selbstverständlich zum täglichen Leben dazu. Dem Alkohol kann man meines Erachtens die gleiche Rolle zusprechen wie dem Fernseher; denn auch er fungiert als ein einschläfernder Kokon gegen die aufkommende soziale Unzufriedenheit sowie das in Betracht ziehen derselben. Fernseher und Alkohol fungieren hier als Flucht- und Zerstreuungsmechanismen, welche die weiter oben bei Carson angesprochene Bewusstwerdung übertönen sollen.

Meines Erachtens ist es genau die Abwesenheit von Arbeit sowie die Anwesenheit von Zerstreuung wie Fernsehen und Alkohol, die viele von Carvers Helden, wenn man sie denn so nennen darf, so lethargisch und hoffnungslos erscheinen lässt. In der Kurzgeschichte „Preservation“ (Cathedral) führt Carver die Passivität einer Figur sogar bis ins Extrem. Die Geschichte handelt von einem Ehepaar, „Sandy and her husband“ (Carver 1985: 313). Sandys Ehemann verliert seine Arbeit während Sandy ihre Tätigkeit behält. Statt sich intensiv um eine neue Anstellung zu kümmern, verbringt der Mann die meiste Zeit damit, im Wohnzimmer auf der Couch fernzusehen oder sich anderweitig zu zerstreuen. Die Geschichte wird aus Sandys Sicht erzählt, die von der Lethargie ihres Lebenspartners angewidert, bald das Wohnzimmer und die Couch, auf welcher sich der Arbeitslose Ehemann sein Bett gemacht hat, meidet:

[...]


[1] Beide Kurzgeschichtensammlungen sind in dem Buch: The Stories of Raymond Carver (Carver 1985) veröffentlicht.

[2] Der Blaue Kragen kommt offensichtlich vom blauen Overall, den Arbeiter in den Fabriken oder an ähnlichen Arbeitsplätzen tragen. Das Gegenteil davon ist white collar (weißer Kragen), der sich auf das weiße Hemd und Schlips bezieht, was eine typische Bürokleidung darstellt. Der Bezug auf die Krägen lässt also gewissermaßen als pars pro toto den Rückschluss auf eine Klasse zu. In Carvers Fall ist dies die Unter- und untere Mittelschicht.

[3] Dies ist auch für die meisten der Geschichten in Cathedral noch wahr.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Raymond Carver: Eine Studie zum 'minimalen' Wandel in der Grundstimmung seiner Kurzgeschichten ab "Cathedral"
Hochschule
Universität Hamburg  (IAA)
Veranstaltung
Postmoderne/Neorealismus II (Hauptseminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V39477
ISBN (eBook)
9783638382281
ISBN (Buch)
9783638762601
Dateigröße
783 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Raymond, Carver, Eine, Studie, Wandel, Grundstimmung, Kurzgeschichten, Cathedral, Postmoderne/Neorealismus
Arbeit zitieren
Michael Reichmann (Autor), 2005, Raymond Carver: Eine Studie zum 'minimalen' Wandel in der Grundstimmung seiner Kurzgeschichten ab "Cathedral", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39477

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