Informatives und ihre Rolle bei der Etablierung von mutual knowledge: Eine Analyse des Essays 'Speech Acts and Hearers' Beliefs' von Herbert H Clark und Thomas B. Carlson.


Referat (Ausarbeitung), 2003

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Grundannahmen

Joint Acts

Common Ground

Requests und mehrer Personen (collective requests)

Informatives

Drei Hypothesen

Die Rolle der informatives

Unbekannte Adressaten

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Gemeinsames Handeln (joint acts) sieht sich immer von dem Problem der doppelten Kontingenz bedroht. Doppelte Kontingenz bezeichnet ein Problem, nach dem Handlungen zweier oder mehrer Personen mehr oder weniger unberechenbar sind, denn alles, was passieren kann, kann theoretisch auch immer anders passieren. Diese Problem findet sich auch in der Kommunikation wieder. Schwierig wird es in dieser Hinsicht, sein Handeln zu koordinieren und ein gemeinsames Wissen (mutual knowledge) um die Situation und vor allen Dingen der Rolle des Gegenübers in dieser Situation zu etablieren. Immer wieder läuft man Gefahr sich in Endlosabwägungen der Sorte: ich weiß, dass mein Gegenüber weiß, dass ich weiß, dass mein Gegenüber weiß... etc. ad infinitum zu verirren. Jedoch ist gemeinsames Handeln nicht nur möglich sondern wahrscheinlich und passiert mehrfach und wiederholt jeden Tag. Doch wie kommt es dazu?

Herbert H. Clark und Thomas B. Carlson führen in ihrem Essay „Speech Acts and Hearers’ Beliefs“[1], das im folgenden Referat kurz skizziert und analysiert werden soll, das informative als fundamentalen Mechanismus für die Herstellung von mutual belief bzw. common knowledge ein und erweitern damit die Sprechakttheorie entscheidend. Mit Hilfe des informative gelingt es dem Sprecher nicht nur gemeinsames Wissen in den Hörern zu schaffen, sondern er bringt gleichzeitig durch sie seine Aufforderungen „an den Mann“[2] und unterteilt damit seine Hörer in participants (Teilnehmer), addressees (Adressaten), and die eine Aufforderung zum Handeln gerichtet ist, und overhearers (Mithörer), die nicht am Kommunikationsprozess beteiligt sind. Gleichzeitig schafft das informative Klarheit darüber, ob ein joint act, der eine gewisse Koordination voraussetzt, ausgeführt werden soll oder ob einfach nur eine parallele Handlung durchgeführt werden soll, die keiner weiteren Koordination bedarf.

Grundannahmen

Gemeinsames Wissen[3] (mutual knowledge/belief) ist eine Grundvorsaussetzung für das Gelingen von Kommunikation. Herbert H. Clark und Thomas B. Carlson (CC) leiten ihre Analyse „Speech Acts and Hearers Beliefs” (Clark, Carlson 1982: 1ff) mit ähnlichen Worten ein:

„For communication to be successful, speakers must share certain knowledge, beliefs and assumptions with the people they are talking to.” (Clark, Carlson 1982: 1)

Später ersetzen CC die hier verwendeten Begriffe knowledge, beliefs und assumptions durch den von Schiffer eingeführten Begriff mutual belief bzw. durch Lewis’ common knowledge.[4] (Clark, Carlson 1982: 3 und 8) Gemeinsames Wissen in Kommunikation impliziert, dass, wenn sie gelingen soll, alle an der Kommunikation Beteiligten ein Bewusstsein über die Kommunikationssituation haben, ihre eigene Rolle sowie die Rolle aller anderen kennen und einschätzen können. Demnach fungiert gemeinsames Wissen als Basis für gemeinsames Handeln[5] (joint acts). Durch Kommunikation wird gemeinsames Wissen etabliert und verhandelt.

Wie entsteht gemeinsames Wissen und wie wird es von den an der Kommunikation beteiligten Parteien erworben und genutzt? CC haben im oben erwähnten Essay minutiös verschiedene Aspekte gemeinsamen Wissens sowie die Aneignung gemeinsamen Wissens dargestellt. Sie konzentrieren sich insbesondere auf gemeinsames Handeln bzw. die dem joint act vorausgehende Kommunikation und analysieren die Informationen, die durch gewisse Sprachakte an die Beteiligten (participants) bzw. Angesprochenen oder Adressaten (addressees) weitergegeben werden und die fortan als gemeinsames Wissen zugrundegelegt werden können und somit einen bestimmten joint act nicht nur möglich sondern wahrscheinlich machen. Neben den primären Intentionen des Sprechers führen CC die Rolle von informatives ein, die in erster Linie die Hörer einer Nachricht informieren, an wen zum Beispiel eine Aufforderung (request) geht, und welche die Hörer in participants und addressees einteilt und damit simultan die Aufforderung überträgt. Informatives werden besonders wichtig, wenn es mehr als einen Hörer gibt, d.h. wenn eine Bitte oder Aufforderung es verlangt, dass sich die addressees und participants miteinander koordinieren, um die Aussage zu verwirklichen. Dazu jedoch weiter unten mehr.

Joint Acts

Als Beispiel für gemeinsames Handeln verwenden CC das gemeinsame Musizieren. Zunächst konzentrieren sich CC auf das gemeinsame Spielen der ersten Note im Duett. Ein Unterfangen, das nach CC „complicated enough“ (Clark, Carlson 1982: 3) ist. Hierzu führen Sie die Geste des einen, nämlich Zuckermans, der beiden hypothetischen Spieler Zuckerman und Perlman an, welche den Beginn des Stückes anzeigen, also das Spielen initiieren soll. Schwierig ist hierbei, wie beide Spieler gemeinsam wissen können, dass ausgerechnet dieses Mal die Geste genau dies bedeutet, besonders wenn Zuckerman diese Geste im Beisein von Perlman zuvor mehrmals geprobt hat. Jedoch damit noch nicht genug, denn jeder Spieler muss ebenso von seinem Musizierpartner wissen oder glauben, dass dieser genau das gleiche weiß und dementsprechend handeln wird. Des weiteren sollte jeder sich ebenso bewusst sein, dass sich sein Partner ebensolche Gedanken machen muss, also, dass der Partner weiß, dass man weiß, dass er weiß, dass man weiß... etc ad infinitum. CC kommen relativ schnell zu der von Schiffer aufgestellten Formel (i) des mutual belief:

(i)[6]

A and B mutually believe that p = def.

(1) A believes that p.

(1´) B believes that p.

(2) A believes that B believes that p.

(2´) B believes that A believes that p.

(3) A believes that B believes that A believes that p.

(3´) B believes that A believes that B believes that p.

et cetera ad infinitum.[7] (Clark, Carlson 1982: 3)

Da es sich hier um einen recht komplexen Vorgang handelt, der bar jeder psychisch praktikablen Realität ist, sind viele Kritiken an diesem Modell laut geworden (z.B. Bach und Harnish, 1979 oder Harder und Kock 1976). CC wandeln deshalb diese Formel leicht ab und vereinfachen sie zunächst:

A and B mutually believe that p.

If A and B mutually believe that p, then:

(a) A and B believe that p and believe that (a).[8] (Clark, Carlson 1982: 5)

Ein Argument gegen die Notwendigkeit dieses Modells könnte der Einwand sein, dass Perlman und Zuckerman sich mit Sicherheit vorher einigen könnten, dass die nächste Geste den Anfang anzeigt und sich somit sicher sein könnten, dass sie mit der nächsten Geste starten können. Hierzu ist zu sagen, dass die gegenseitige Übereinkunft (agreement) erst das gemeinsame Wissen generiert und damit das Abwägen nicht unbedingt verhindert, sondern höchstens dazu beiträgt, dass Perlman und Zuckerman einen stärkeren Anlass dazu haben, anzunehmen oder zu glauben, dass „ p “ (die Geste bedeutet dieses Mal: anfangen zu spielen) als gemeinsames Wissen voraussetzbar ist.

[...]


[1] Clark, Carlson 1982.

[2] bzw. die Frau

[3] Obwohl sich CC mehr oder weniger nur auf mutual belief beziehen, soll hier von gemeinsamen Wissen in der deutschen Übersetzung gesprochen werden. Gemeint ist damit beides, mutual knowledge und belief.

[4] Hier sei nur bemerkt, dass mutual belief oder knowledge eine besondere Form des common knowledge ist. Während mutual knowledge auf das gemeinsame Wissen bei zwei Personen weißt, ist mit common knowledge auch das gemeinsame Wissen bei mehreren Personen, wie zum Beispiel einer Gruppe, gemeint.

[5] Gemeinsames Handeln im Sinne von joint act meint hier ein Handeln, das Kontribution und Koordination der Handelnden verlangt, wie zum Beispiel das gemeinsame Musizieren. Der Begriff joint act wurde in Anlehnung an McCarthys joint belief (1979) entwickelt. CC definieren joint act so: „A joint act is an act by two or more people who must, in general, intentionally coordinate their separate actions in order to succeed.” (Clark, Carlson 1982: 2) Ein gemeinsames Handeln im herkömmlichen Sinne könnte auch das Aufspannen von Schirmen sein, wenn es regnet. Herbei ist jedoch keine Koordination mit anderen von Nöten, denn es ist ja schließlich egal, ob es noch andere Menschen gibt, die einen Schirm aufspannen. Jedoch ist dies beim gemeinsamen Musizieren – und hier besonders beim gemeinsamen Beginnen – enorm von Bedeutung. Der Einfachheit halber soll joint act mit diesem Verweis als gemeinsames Handeln übersetzt bzw. synonym dafür verwendet werden.

[6] Dieses Modell beschreibt nur mutual knowledge wie sie bei Schiffer beschrieben wird. Die Formel für common knowledge nach Lewis ist in (ii) zu finden.

[7]p “ bezeichnet hier den Fakt, dass die Geste Perlmans diesmal den Beginn des Spielens anzeigen soll. Generell kann „ p “ jedoch jeden zu definierenden Fakt repräsentieren, die Variable steht für einen Aspekt des gemeinsamen Wissens oder sogar das gemeinsame Wissen selbst.

[8] Natürlich ist die Komplexität, die aus der sich unendlich wiederholenden Rückversicherung von A und B bezüglich des voraussichtlichen Handeln des jeweils anderen entsteht, auch in diesem Modell nicht verschwunden, sondern in der auf sich selbst verweisenden Schleife (a) versteckt.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Informatives und ihre Rolle bei der Etablierung von mutual knowledge: Eine Analyse des Essays 'Speech Acts and Hearers' Beliefs' von Herbert H Clark und Thomas B. Carlson.
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Oberseminar: Doppelte Kontingenz
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V39479
ISBN (eBook)
9783638382304
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Informatives, Rolle, Etablierung, Eine, Analyse, Essays, Speech, Acts, Hearers, Beliefs, Herbert, Clark, Thomas, Carlson, Oberseminar, Doppelte, Kontingenz
Arbeit zitieren
Michael Reichmann (Autor), 2003, Informatives und ihre Rolle bei der Etablierung von mutual knowledge: Eine Analyse des Essays 'Speech Acts and Hearers' Beliefs' von Herbert H Clark und Thomas B. Carlson., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39479

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