Der Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft in Mexiko


Examensarbeit, 2005

81 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Klientelismus aus theoretischer Perspektive
2.1. Ursachen und Folgen des Klientelismus
2.2. Klientelismus bei Wahlen: Der Stimmenkauf
2.3. Der Klientelismus: Eine informelle Institution
2.3. Die „defekte Demokratie“
2.5. Fazit

3. Die Transformation von Klientelismus zur Bürgergesellschaft.
3.1. Die Public Choice Theorie
3.2. Klientelismus versus das Konzept der Bürgergesellschaft.
3.3. Der Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft..
3.3.1. Der Moment der Krise
3.3.2. Wandel durch die Zivilgesellschaft.
3.4. Fazit

4. Der mexikanische Staat unter 71 Jahren PRI- Herrschaft (1929-2000)
4.1. Das politische System Mexikos..
4.2.Geschichtlicher Überblick des 20. Jahrhunderts
4.3. Klientelismus auf staatlicher Ebene
4.3.1. Der PRI als „Catch- all“ Partei
4.3.2. Zentrale Partei- und Staatsführung
4.3.3. Nichteinmischungspakt mit dem Militär
4.4. Klientelismus zwischen Staat und Gesellschaft
4.4.1. Korporativismus
4.4.2. Direkter Stimmenkauf
4.4.3. PRONASOL- ein Beispiel für indirekten Stimmenkauf..
4.5. Die Wahlen 2000
4.6. Fazit

5. Warum wandte sich die mexikanische Bevölkerung bei den Wahlen 2000 vom Klientelismus ab?
5.1. Der Moment der Krise
5.1.1. Die Wirtschaftskrisen
5.1.2. Der weltweite Prozess der Demokratisierung
5.2. Transformationen auf der politischen Ebene
5.2.1. Ursachen der Transformation
5.2.2. Stärkung des Instituto Federal Electoral
5.2.3. Steigende Achtung der bürgerlichen Freiheitsrechte
5.2.4. Gerechtere Parteienfinanzierung
5.2.5. Ausgeglichenere Präsenz in den Medien
5.2.6. Umfassende Privatisierungsmaßnahmen
5.3. Transformationen auf der gesellschaftlichen Ebene
5.3.1. Gründe für den Stimmenkauf
5.3.2. Legitimitätsverlust des PRI
5.3.3. Die transformative Rolle der Zivilgesellschaft
5.3.3.1. Entwicklung der mexikanischen Zivilgesellschaft
5.3.3.2. Transformation durch die Zivilgesellschaft
5.4. Transformation auf der parteiinternen Ebene
5.4.1. Parteiinterne Krise
5.4.2. Gründung des PRD

6. Fazit: Gründe der Abkehr der Bevölkerung vom

Klientelismus bei den Wahlen 2000

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Wahlergebnisse bei Präsidentschaftswahlen 1929-2000

Abbildung 2: Ergebnis der Präsidentschaftswahlen vom 2. Juli 2000

Abbildung 3: Öffentliche Parteienfinanzierung in Mexiko 1991- 2000

Abbildung 4: Das “geheime Budget” des Präsidenten 1993-2000S.47

Abbildung 5: Berichterstattung im Fernsehen über die Parteien und Koalitionen:

Abbildung 6: Bruttoinlandsprodukt in Milliarden US-Dollar 1983- 2000

Abbildung 7: Zustimmung zur Demokratie 1998

Tabelle 1: Unterschiede Klientelismus/ Korruption

Tabelle 2: Corruption Perception Index von Transparency International: Mexiko 1995-2000

Tabelle 3: Corruption Perception Index von Transparency International:

Mexiko 2001-2004S.19

Tabelle 4: Bewertung von Freedom-House: Mexiko 1993-2000

Tabelle 5: Bewertung von Freedom-House: Mexiko 2001- 2003

Tabelle 6: Human Development Index: Mexiko 1975- 1998

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Recent political events in Latin America suggest a transformation in state-society relations. Across the region, there are indications that voter compliance and, as a result, elections can no longer be secured by the time – honored practice of exchanging votes for favors otherwise known as clientelism. Indeed, the recent difficulties experienced by the Institutional Revolutionary Party (PRI) in Mexico and the continued success of the Workers Party (PT) in Brazil have been interpreted as evidence that traditional mechanisms of political control are breaking down.”[1]

Bei der Präsidentschaftswahl im Jahr 2000 erlebte Mexiko ein politisches Novum. Nach über 71 Jahren wurde der Partido Revolucionario Institucional (PRI), der Mexiko seit 1929 regierte, abgewählt. Stattdessen stimmte die Bevölkerung für Vicente Fox, den Kandidaten der katholisch- konservativen Partido Acción Nacional (PAN).

Der außergewöhnlich lange Machterhalt des PRIs basierte in hohem Maße auf Klientelismus.[2] Hierbei handelt es ich um informelle Abhängigkeitsverhältnisse, bei denen private Leistungen im Gegenzug für politische Unterstützung getauscht werden.[3] So existierte sowohl zwischen Staat und Gesellschaft, als auch innerhalb der Partei ein Netz aus gegenseitigen Gefälligkeiten und Abhängigkeiten, an dessen Spitze der mexikanische Präsident stand.[4] Bei Wahlen kann der Klientelismus in der Form des Stimmenkaufs, der Tausch einer Ware gegen eine Wählerstimme, auftreten.

Als ab Mitte der 80er Jahre der Einfluss des PRIs durch wirtschaftliche und politische Reformen sank,[5] versuchte der PRI vermehrt durch Stimmenkauf den Machterhalt zu sichern.[6]

Auch bei den Wahlen 2000 fand Stimmenkauf statt. Jedoch entschloss sich, laut der Studie „Mobilized Voting in the 2000 Elections: The changing efficacy of vote- buying and coercion in Mexican Electoral Politics“[7] von Cornelius Wayne, ein Großteil der korrumpierten Mexikaner, dem Stimmenkauf nicht zu folgen, und wählte stattdessen nach politischer Präferenz.[8]

In Mexiko hatte der Wandel von einem auf Klientelismus basierenden System hin zur Bürgergesellschaft stattgefunden.[9]

Vor diesem Hintergrund ist das Untersuchungsziel der vorliegenden Arbeit zu klären, welche Gründe zur Abkehr der Bevölkerung vom Klientelismus führten. Es wird dabei die These aufgestellt und geprüft, dass die Legitimitätskrise des PRI seit Anfang der 80er Jahre, aufgrund der Wirtschaftskrise und der steigenden Demokratisierung der Welt, und die folgenden Transformationen auf der politischen, der gesellschaftlichen und der parteiinternen Ebene dazu führten, dass der Klientelismus als Mittel zur Wählermobilisation nicht mehr griff. Der Nutzen nicht klientelistisch zu wählen war höher als der Nutzen weiterhin dem Klientelismus zu folgen.

Daraus leiten sich die entscheidenden Fragen für die vorliegende Arbeit ab: Was bedeutet Klientelismus für ein demokratisches System? Inwiefern basierte das mexikanische Regierungssystem auf Klientelismus? Welche Faktoren beeinflussen die Transformation von Klientelismus zur Bürgergesellschaft? Inwiefern veränderten sich diese Faktoren in Mexiko? Welche Folgen hatte dies für den Klientelismus?

Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt auf der Untersuchung der Veränderungen auf der politischen, gesellschaftlichen und parteiinternen Ebene Mexikos, sowie deren Folgen für das klientelistische System. Hierzu wird der Zeitraum ab ca. Anfang der 80er Jahre, dem Beginn der Wirtschaftskrise, bis zum Jahre 2000, der Abwahl des PRI, analysiert, und die für die Transformation bedeutendsten Ereignisse herausgegriffen.

Diese Arbeit knüpft an die Thesen von Jonathan Fox und Robert Gay an, die 1994 den Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft in Mexiko bzw. in Brasilien untersuchten.[10]

Die Untersuchung ist wie folgt aufgebaut: Im zweiten Kapitel dieser Arbeit werden Stimmenkauf und Klientelismus definiert und ihre Folgen für ein politisches System herausgearbeitet. Anschließend wird das Thema in die Debatte der informellen Institutionen und der „defekten Demokratie“ eingeordnet.

Die Transformation von Klientelismus zur Bürgergesellschaft wird im dritten Kapitel behandelt. Hierzu werden die Public Choice Theorie, sowie die von Jonathan Fox und Robert Gay aufgestellten Thesen dargestellt. Als entscheidende Faktoren für die Transformation werden der Moment der Krise, folgende Veränderungen auf der gesellschaftlichen und innerparteilichen Ebene und die entsprechenden Rahmenbedingungen benannt.

Der Machterhalt des PRI wird im vierten Kapitel untersucht. Zunächst wird das politische System und die geschichtliche Entwicklung Mexikos seit Beginn der PRI- Herrschaft 1929 kurz zusammengefasst. Anschließend wird diskutiert, inwiefern die PRI- Herrschaft auf Klientelismus basierte. Darauf folgend wird der Ausgang der Wahl 2000 dargestellt.

Im fünften Kapitel werden die Veränderungen, die zur Abkehr vom Klientelismus führten, erörtert. Zunächst werden die mexikanischen Wirtschaftskrisen sowie die zunehmende weltweite Demokratisierung seit Ende der 80er Jahre erläutert. Darauf folgend werden die Transformationen auf der politischen, der gesellschaftlichen sowie der parteiinternen Ebene, sowie deren Auswirkung auf das klientelistische System analysiert.

In einer Schlussbetrachtung werden die wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.

2 . Klientelismus aus theoretischer Perspektive

Im folgenden Kapitel wird untersucht, welche Auswirkungen Klientelismus auf ein demokratisches System hat. Es werden die Begriffe Klientelismus und Stimmenkauf analysiert, und in die theoretische Debatte der informellen Institutionen eingebunden.

2.1. Ursachen und Folgen des Klientelismus

Klientelismus bezeichnet ein informelles Abhängigkeitsverhältnis zwischen ranghöheren und niedriger gestellten Personen oder Organisationen. Die höhere Instanz (der Patron) erwartet von der folgenden Instanz (dem Klienten) besondere (politische) Unterstützung oder Gefolgschaft (z. B. Wählerstimmen).[11]

Der Klient erhält dafür im Austausch Waren, persönlichen Schutz oder andere Leistungen. „Dieses auf Macht- und Privilegiensicherung ausgerichtete Herrschaftssystem ist zwangsläufig repressiv, um Konkurrenten den Zugang zu den staatlichen Pfründen zu verwehren.“[12] Durch das erzeugte Abhängigkeitsverhältnis der Klienten zum Patron, weiß der Patron in der Regel Kooperation unter den Klienten zu verhindern.[13]

In der Grafik von Andreas Schedler werden die wesentlichen Charaktermale des Klientelismus im Unterschied zur Korruption dargestellt.[14]

Tabelle 1: Unterschiede Klientelismus/ Korruption

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Klientelismus ist ein Teufelskreislauf. Seine analytische Erfassung ist schwierig, da Faktoren welche den Klientelismus bedingen, wiederum durch Klientelismus hervorgebracht werden.Er ist bedingt durch eine extrem ungleiche Macht – und Ressourcenverteilung. Diese sichert wiederum den Machterhalt der politischen Elite durch gelegentliche Zuwendungen an die Klienten. Dies entsteht oft im Übergang von autoritären zu demokratischen Verhältnissen.[15] Je transparenter die Wahlen werden, umso mehr muss die machthabende Elite ihr klientelistisches Netzwerk ausweiten, um an der Macht zu bleiben.[16] Klientelismus etabliert sich wenn Parteien nicht die Repräsentanz der Interessen und die Beteiligung der Bevölkerung gelingt, und somit Vorteile durch klientelistische Bindungen vor politischen Ansichten Vorrang haben. Der Grund für die verkümmerte Parteienlandschaft ist in den Folgen der Kolonialisierung und der Herausbildung übermächtiger Eliten zu suchen.[17]

Der Klientelismus begünstigt ein Beziehungsmuster zwischen Gesellschaft und politischem System, das neben dem institutionalisierten Rahmen besteht. Die Klientelbeziehungen fördern direkte Verbindungen, bei denen der persönliche Kontakt eine grundlegende Rolle spielt und die dem Vermittler eine herausragende Bedeutung zuweisen.

„Der Klientelismus fördert so die Personalisierung der Politik und schwächt die Institutionen, wobei er diese als Vehikel und als Handlungsraum durchaus benutzt. Er zieht seinen Nutzen aus den politischen Institutionen und ihren formalen Verfahren, missbraucht sie aber zu anderen Zwecken.“[18]

Gerade dieser zweckentfremdete Missbrauch der Institutionen und Verfahren, einschließlich der Parteien, ist das Hauptproblem: Die Institutionen des politischen Systems bleiben zwar bestehen, werden aber ihrer Inhalte und Fähigkeiten beraubt. Die Parteien passen sich ständig zwischen den zwei Regelwerken, dem formellen und dem informellen an.[19] Die Unterstützung der Parteien durch den Wähler hängt von ihrer Leistungsfähigkeit im informellen Bereich ab und weit weniger von ihren Leistungen im formalen Bereich, die eher zweitrangig und nur für bestimmte Zwecke wichtig sind.[20]

„Die Parteien und das politische System im Allgemeinen werden somit zu Instrumenten des Klientelismus und seiner Logik und können dieser Entwicklung nicht entkommen, ohne die Unterstützung der Wähler aufs Spiel zu setzen.“[21]

Klientelistische Politiker haben keine Programme, welche die breiten Massen betreffen. Ihre Zuwendungen beschränken sich auf genau definierte Gruppen als Austausch für deren politische Unterstützung.[22] Die ungleiche Verteilung der Güter bedingt klientelistische Strukturen. Durch den Klientelismus kommt es zum Beispiel während des Stimmenkaufs zu kurzfristigen Aufwendungen der Politiker an Arme. Dies führt aber keinesfalls zu nötigen Politikänderungen, um die Armut oder Ungleichheit zu bekämpfen, denn die Parteien haben immer nur sehr bestimmt definierte Bevölkerungsgruppen im Blick. Nicht das Gemeinwohl steht an erster Stelle, sondern die Befriedigung der klientelistischen Strukturen als Austausch für politische Unterstützung.[23] Dies bestätigt die Ungleichheit, und verhindert die Entstehung einer programmatischen Parteienlandschaft, und ist wiederum selber, durch eine verkümmerte Parteienlandschaft bedingt.[24]

Klientelismus existiert nicht nur zwischen Staat und Gesellschaft, sondern besteht auch innerparteilich: Durch kritiklose Folgschaft und eine äußerst hierarchisch aufgebaute Parteiführung, bei der nur nach „oben“ gelangt, wer sich mit der Parteispitze „gut“ stellt.[25] Dies verhindert weitgehend Reformen in der Parteienlandschaft.

Klientelismus mag für eine gewisse Stabilität, Berechenbarkeit und Kontinuität in der Politik sorgen, welche auch ausländischen Investitionen eher ermutigt als eine junge, noch instabile Demokratie. Die Investitionen bleiben jedoch bei der oberen Schicht und es gibt keinen „trickle-down-effect“[26]. Die steigenden Gewinne gehen an weiten Teilen der Bevölkerung vorbei. Der Wohlstand bleibt weitgehend bei den Machthabern, da sie durch das klientelistische System ihren Wählern keine veränderte Politik schuldig sind.[27]

Durch das klientelistische System, welches auf Gefälligkeiten basiert, sind allerdings sämtliche Teilnehmer gezwungen, ebenfalls Ressourcen für die Gefälligkeiten zu verschwenden, wenn sie ihre Interessen durchsetzen wollen. Langfristig lohnt sich also die durch den Klientelismus herbeigeführte Stabilität und Steuerbarkeit der Politik auch für die Wirtschaft nicht, da damit hohe Mehrkosten und fehlgeleitete Ressourcen einhergehen.

Bei Wahlen hat Klientelismus in der Form des Stimmenkaufs die Funktion der Herrschaftssicherung der Elite und der Erhaltung des klientelistischen Systems.

2.2. Klientelismus bei Wahlen: Der Stimmenkauf

Stimmenkauf ist ein Symptom einer klientelistischen Beziehung zwischen Parteien oder Politikern zu ihren Wählern. Ein Problem ist die Definition, ab wann von Stimmenkauf gesprochen werden muss, in Abgrenzung zu noch legaler Wählerbeeinflussung.

Als Richtlinie dient: „Je kurzfristiger der Tausch, je materieller und je stärker auf das Individuum bezogen, desto eindeutiger kann von Stimmenkauf gesprochen werden“.[28]

In der Praxis wird Stimmenkauf meist über einen Mittelsmann abgeschlossen. Die Mittelsmänner arbeiten in einem Netzwerk von Verträgen und Gefallen und sind meist zentrale Gemeindeträger.[29] Eine Schwachstelle des Stimmenkaufs, auf die sich der Mittelsmann einlassen muss, ist die Gefahr von free- ridern. Dies sind Wähler, die ihre Stimme verkaufen, jedoch das Abkommen brechen und anders wählen. Deshalb versucht der Mittelsmann, die Wahl zu überwachen.[30] Durch Sicherung des Wahlgeheimnisses kann dies erheblich eingeschränkt werden und die Möglichkeit zum „free-ride“ steigt. Mit der Möglichkeit des free-rides warben bei den Wahlen 2000 in Mexiko sogar die Nichtregierungsorganisationen: „Nimm das Geschenk, aber wähle wie Du willst!“[31]

Es gibt mehrere Arten von Stimmenkauf: Positiven, negativen, direkten und indirekten. Sofern jemand bestochen wird, nicht wählen zu gehen, wird von einem negativen Stimmenkauf gesprochen. Positiver Stimmenkauf heißt bestochen zu werden um für jemanden zu stimmen. Von einem direkten Stimmenkauf wird gesprochen, wenn Geldmittel oder Geschenke dem Bürger persönlich über einen Mittelsmann oder Politiker gegeben werden, welches oft mit der Bedingung der Unterstützung bei den kommenden Wahlen direkt verknüpft wird. Beispiele für direkten Stimmenkauf sind die Begleichung von Arzt- oder Rezeptkosten, Geldleistungen oder die Bereitstellung von Baumaterial für Vereine, die als Multiplikatoren genutzt werden.[32]

Indirekter Stimmenkauf bedeutet wenn die öffentlichen Ausgaben des Staates eindeutig unter klientelistischen und nicht programmatischen Zielen getätigt wurden.[33] Im Abschnitt 4.4.3. dieser Arbeit wird ausführlich ein Beispiel des indirekten Stimmenkaufs erläutert: Das „Programa Nacional de Solidaridad“ (PRONASOL) der mexikanischen Regierung.

Der Kauf von Wählerstimmen ist in vielen Staaten der Dritten Welt üblich. Bei einer Studie in Brasilien gaben 7 % der Wähler an, dass ihnen Geld für ihre Stimme gegeben wurde. 10% wurden Leistungen im Tausch für ihre Stimme geboten.[34] In Mexiko stellen verschiedene Untersuchungen den Versuch, die Stimme zu kaufen, in 5 bis 22 Prozent aller Fälle fest.[35] In Paraguay wurden, laut einer Studie der Weltbank von 2002, 27 % aller Stimmen gekauft. 87, 4 % der Bevölkerung gibt an, dass Stimmenkauf existiert.[36] In Thailand wurden, laut Transparency International, bei den Regionalwahlen 1996, 26 % aller Wählerstimmen gekauft. 2002 wurden auf den Philippinen bei den Präsidentschaftswahlen 7% aller Wählerstimmen gekauft.[37]

Im Zuge des Klientelismus ist Stimmenkauf ein Übergangsphänomen in der Geschichte aller moderner Demokratien.

„Das Stimmverhalten armer Wählerschichten unterliegt nicht mehr der sozialen Kontrolle durch Eliten. Auf der anderen Seite begreifen Bürger die Wahl noch nicht als Vertrauensvotum und Kontrollinstrument gegenüber der politischen Klasse. Bürger, die Wahlen nicht mehr fremdbestimmt und noch nicht selbstbestimmt leben, sind mögliche Klienten auf diesem Stimmenmarkt.“[38]

Das politische Bewusstsein der Bürger ist meist noch schwach ausgeprägt. Zudem fehlt das Vertrauen in demokratische Institutionen, die meist durch Korruption und Klientelismus ausgehöhlt sind. Dabei bedingt der Fortbestand von extremer Armut und sozialem Elend den Stimmenkauf, da „ Menschen, die jederzeit bereit sind, ihre Stimmen gegen einen Teller Bohnen einzutauschen, als regelrechte „Reservearmee von Wählern“ “[39] zu bezeichnen sind. Neben niedrigem Einkommen und einer noch unausgeprägten politischen Kultur, wird ein niedriger Bildungsstand als Grund für Stimmenkauf genannt.[40]

Für ein System mit demokratischen Institutionen (wie z.B. regelmäßig stattfindende, freie und faire Wahlen) hat der Stimmenkauf verheerende Auswirkungen. Die Manipulation von Stimmen privatisiert und personalisiert die Beziehung zwischen Politikern und deren Zielgruppen. Stimmenkauf treibt diese Privatisierung zu einem Extrem.[41]

Den Unterschied zwischen normalen Wahlversprechen und Stimmenkauf beschreibt Silke Pfeiffer folgendermaßen:

“It breaks it down to a biletaral relationship between a vote- buyer and a vote seller with a tribute for the vote mostly provided prior to the election. While this doesn´t necessarily preclude the voter from having expectations of the politician after the election, acceptance of the offer may well influence the incumbent´s perception of his or her mandate. In this, vote- buying differs from election promises that raise legitimate expectations and can arguably become the baseline for monitoring once the elected candidate is in power.”[42]

Somit kann der Kandidat nach der Wahl nicht zur Rechenschaft gezogen werden, da der Tausch “Stimme gegen Ware” und nicht “Stimme gegen politisches Programm“ war.[43]

In der politikwissenschaftlichen Debatte wird Klientelismus als eine informelle Institution bezeichnet.[44]

2.3. Der Klientelismus: Eine informelle Institution

„Institutionen sind alle normativ gesetzten und empirisch beobachtbaren Regeln, mit deren Hilfe nutzenorientierte Akteure ihren Entscheidungsspielraum strukturieren, und somit die Komplexität ihrer Umwelt verringern.“[45] Sie machen Prozesse planbar und voraussehbar.

Informelle Institutionen sind Institutionen, die außerhalb der im politischen System festgelegten offiziellen Codes (Verfassung und Gesetze) agieren. Sie entstehen durch informelle, in der Regel nicht schriftlich festgelegte Vereinbarungen und sind das Ergebnis gesellschaftlicher Selbstorganisation.[46] Ihre Regeln sind trotz fehlender schriftlicher Satzung allen Mitspielern bekannt. Damit von einer informellen Institution gesprochen werden kann, muss sie strukturell verankert sein, und darf keine kurzweilige Erscheinung sein.[47] Hans- Joachim Lauth zählt zu den informellen Institutionen den Klientelismus, die Korruption und die gewaltförmige Beteiligung.[48]

Formale und informelle Institutionen können sich gegenseitig verdrängen oder in ihrer Wirkungsweise miteinander verflochten sein, so dass die Funktionslogik formaler Institutionen davon beeinträchtigt wird.[49] Im Verdrängungsfall konkurrieren sie mit dem Staat, indem sie als informeller Staat – oder als Staat im Staate- agieren.

Im Verflechtungsfall leben informelle Institutionen quasi auf Kosten der Formellen: Sie instrumentalisieren sie für ihre Zwecke. So ist es auch bei dem Stimmenkauf, da die informelle Institution, der Klientelismus, sich der formellen Institution, den Wahlen, bedient. Er wird somit auch als parasitäre Institution bezeichnet.[50]

Die parallele Existenz informeller Institutionen verhindert die Entstehung von Vertrauen in die Verlässlichkeit staatlicher Institutionen. Häufig kommt ihnen sogar eine größere Bedeutung als den verfassungsmäßig verankerten Institutionen zu. Wichtige Entscheidungen fallen demnach nicht im Rahmen der dafür vorgesehenen Institutionen, sondern intransparent in parasitären Parallelorganisationen. Somit führen informelle Institutionen langfristig zur Schwächung demokratischer Institutionen, da sie formale Verfahren entwerten. In der Praxis bedeutet dies, dass Klientelismus, institutionalisierte Korruption und Patronage an die Stelle des verfassungsmäßigen und legitimen offenen Konflikts von divergierenden Interessen treten.[51] Dies wiederum hat negative Folgen für die Wirtschaftspolitik, da ökonomische Reformen zugunsten exklusiver Interessengruppen konstruiert werden und sich damit langfristig die Verwundbarkeit der betroffenen Volkswirtschaften erhöht.[52]

Informelle Institutionen existieren in jedem Staat. Doch die informellen Spielregeln in konsolidierten Demokratien sind in weit stärkerem Maße als in den meisten jungen Demokratien mit den Normen der Verfassung kompatibel.[53] Ihre Wirkungsweise wird außerdem in konsolidierten Demokratien eingeschränkt, da hier meist das System der Gewaltenteilung und Gewaltenkontrolle besser funktioniert.

Informelle Institutionen, wie Korruption und Klientelismus, entwerten die Demokratie, und transformieren sie in eine sogenannte „defekte Demokratie“.

2.4. Die „defekte Demokratie“

Samuel Huntington sprach von einer „Dritten Welle der Demokratisierung“ in den Staaten Osteuropas, Asiens und Lateinamerikas.[54]

Jedoch kommt die Nichtregierungsorganisation Freedom- House zu einem anderen Ergebnis über den Stand der Demokratie in Lateinamerika. Sie bewertet die politischen Rechte und die Bürgerrechte. Mexiko ist laut Freedom- House erst seit 2001 ein „free country“, davor war es lediglich „partly free“. Brasilien war bis 2002 nur „partly free“, Argentinien wird von Freedom- House erst seit 2003 als ein „free country“ eingestuft. Länder wie Nicaragua und Guatemala sind immer noch lediglich „partly free countries“.[55]

Den beiden Konzepten liegen unterschiedliche Definitionen von „Demokratie“ zugrunde. Samuel Huntington griff auf das Konzept des US- amerikanischen Politikwissenschaftler Robert A. Dahl, der „Polyarchie“, zurück. Die Polyarchie, die „Herrschaft der Vielen“, ist laut Dahl die Idealform der Demokratie. Kennzeichen der Polyarchie sind der offene politische Wettbewerb, die offene politische Beteiligung, sowie durch die Verfassung garantierte Organisations- und Koalitionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Wahlrecht, Wählbarkeit aller erwachsenen Personen, Informationsfreiheit, und freie, faire, regelmäßige Wahlen.[56] Diese Typologisierung der Demokratie lässt jedoch vollkommen die Rolle der informellen Institutionen außer Acht.

So fordert Guillermo O´Donnel , sich bei dem Studium der Demokratie von der Fixierung auf formale Organisationen und Prozesse zu befreien, da diese „prevent us from seeing an extremly influential, informal, and sometimes concealdes institution: clientelism and, more generally, particularism.“[57]

O´Donnel weist daraufhin, dass:

„ (…)formal rules about how political institutions are supposed to work are often poor guides to what actually happens. In many countries of Latin America it is the widely shared and deeply rooted informal rules and not the formal rules , that are highly institutionalised.”[58]

Der Politikwissenschaftler Jonathan Fox spezifiziert dies im Falle von Wahlen: Electoral competition is necessary but not sufficient for the consolidation of democratic regimes: not all elections are free and fair; nor do they necessarily lead to actual civilian rule or respect for human rights.”[59]

Mittlerweile setzt sich daher zunehmend ein mehrdimensionaler Demokratiebegriff durch. Dieser umfasst nicht nur die Dimension der vertikalen Legitimation ( freie und faire Wahlen, Meinungs-, Presse-, Organisations- und Versammlungsfreiheit) wie sie im Polyarchiebegriff enthalten ist, sondern ergänzt ihn vor allem um die Dimension des Rechtsstaates (Gewaltenteilung, Menschenrechte, Prozessrechte) und die Abstinenz von informellen Institutionen.[60]

Defekte Demokratien sind Staaten, deren System nicht dem mehrdimensionalen Demokratiebegriff entspricht. Defekte Demokratien charakterisiert ein Nebeneinander von formalen und informalen Institutionen, welche die formalen teilweise verdrängen. Alternative Bezeichnungen zu defekter Demokratie, die in der Forschung oft verwendet werden, sind „iliberale Demokratie“ oder „Demokratie mit Adjektiven“. Laut Aurel Croissant und Wolfgang Merkel unterscheiden sich defekte Demokratien von dem Typ der rechtsstaatlichen Demokratie dadurch, dass sie zwar Wahlen und politische Konkurrenz als demokratische Minima anerkennen, aber:

„ (...) signifikante Einschränkungen der Funktionslogik von Institutionen zur Sicherung grundlegender politischer und bürgerlicher Partizipations- und Freiheitsrechte, Einschränkungen der horizontalen Gewaltenkontrolle und Verschränkung und/oder Einschränkung der effektiven Herrschaftsgewalt aufweisen.“[61]

Defekte Demokratien entstehen oft beim Übergang von diktatorischen oder autokratischen Strukturen zu demokratischen Systemen. Aufgrund des raschen Wandels geht die Stärkung der politischen Freiheiten der Staatsbürger nicht mit einer Stärkung ihrer Bürgerrechte einher.[62] In vielen dieser Staaten ist der Systemübergang steckengeblieben. Die entstandenen Herrschaftssysteme befinden sich vielfach in einer Grauzone zwischen Demokratie und Autokratie.[63] Wie Aurel Croissant und Wolfgang Merkel ironisch anmerken, ist die von Huntington ausgerufene dritte Welle der Demokratisierung „weniger als Triumph des politischen Liberalismus zu betrachten, sondern als Erfolgsgeschichte der defekten Demokratie.“[64]

Defekte Demokratien spielen in der entwicklungspolitischen Diskussion eine immer größere Rolle. Die Maximen der Modernisierungstheoretiker, wie zum Beispiel Lipset „development first, democracy later“[65] oder Richard Löwenthal: „Jeder Grad an Freiheit wird mit etwas Verlangsamung der Entwicklung, jeder Grad an Beschleunigung mit etwas Verlust an Freiheit bezahlt“[66], gelten heute als widerlegt.[67] Stattdessen wird zunehmend der Zusammenhang zwischen Entwicklung und informellen Institutionen erkannt und besonders die Korruptionsbekämpfung spielt mittlerweile, eine große Rolle in entwicklungspolitischen Projekten.

So Peter Eigen, Vorstandsvorsitzender von Transparency International:

“If we hope to reach the Millennium Development Goal of halving the number of people living in extreme poverty by 2015, governments need to seriously tackle corruption in public contracting.”[68]

In ihrem Jahresbericht 2000 über wirtschaftliche und soziale Fortschritte kam die Inter- American Development Bank zu dem Ergebnis, dass der unterschiedliche Verlauf von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung innerhalb Lateinamerikas und im Vergleich mit den westlichen Industrieländern, zu einem großen Teil auf die Wirkung struktureller Faktoren zurückzuführen ist. Vor allem der Schwäche und der mangelnden Transparenz der öffentlichen Institutionen wird eine negative Wirkung auf die wirtschaftliche und soziale Entwicklung zugerechnet.[69] Demzufolge lassen sich etwa 60% der Differenz des lateinamerikanischen Pro- Kopf Einkommens gegenüber dem durchschnittlichen Einkommensniveau in den Industrieländern darauf zurückführen, dass in Lateinamerika die öffentlichen Institutionen korrupter sind als in den „reicheren“ Ländern, und somit weniger effektiv handeln.[70]

Dass defekte Demokratien die Entwicklung hemmen, bestätigt ein Vergleich des Korruptionsindex von Transparency International mit dem UNDP Entwicklungsindex. Es fällt auf, das keines der, nach dem Corruption Perception Index von Transparency International, 20 korruptesten Länder, von UNDP als Land mit „high human development“ eingestuft wird.[71]

Im Falle Mexikos sank die Korruption nach Ende des PRI- Regimes. Es bleibt abzuwarten, welche Folgen dies für die Entwicklung des Landes hat.

Tabelle 2: Corruption Perception Index von Transparency International: Mexiko 1995-2000[72]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Corruption Perception Index von Transparency International: Mexiko 2001-2004[73]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.5. Fazit

Anknüpfend an die Frage nach den Auswirkungen von Klientelismus für ein politisches System, konnte folgendes festgestellt werden:

Klientelismus ist eine informelle Institution und entwertet Staaten mit demokratischen Strukturen zu einer „defekte Demokratie“. „Defekte Demokratien“ sind Staaten, in denen informellen Institutionen (wie zum Beispiel Korruption und Klientelismus) eine entscheidende Rolle spielen und eine Parallelorganisation zu den offiziellen Organisationen aufgebaut haben. Dies entsteht besonders häufig bei Staaten im Systemübergang von Autokratie/Diktatur zur Demokratie. So findet man besonders in Lateinamerika viele defekte Demokratien, da in vielen Ländern Südamerikas (z.B. Paraguay, Argentinien, Brasilien, Nicaragua) seit den 80er Jahren ein Systemwechsel stattfand.

Durch eine Politik nach klientelistischen Gesichtspunkten bleibt der Wohlstand ungleich verteilt und kommt nicht bei den armen Schichten an: Ihre Interessen werden ignoriert.

Bei Wahlen tritt Klientelismus in Form von Stimmenkauf an die Oberfläche und dient zum Machterhalt der politischen Elite. Die gewählten Repräsentanten werden durch den Stimmenkauf von Einhaltung ihrer Wahlversprechen befreit. Dadurch verhindert der Klientelismus, dass sich langfristig die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ändern können, da er das bestehende System bestätigt. Deshalb sind defekte Demokratien entwicklungshemmend und finden im Rahmen der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit eine immer größere Betrachtung. Somit ist die Beseitigung der informellen Institution von entscheidender Relevanz für die Entwicklung des Landes.

Im Rahmen dieser Studie wird am Beispiel des Klientelismus in Mexiko untersucht, welche Faktoren dazu führten, dass die informelle Institution an Wirkung verlor.

3. Die Transformation von Klientelismus zur Bürgergesellschaft

Im folgenden Kapitel werden die wichtigsten Thesen von Jonathan Fox und Robert Gay erläutert die den Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft in Mexiko, bzw. Brasilien, untersuchten.[74] Um die Veränderung des Verhaltens der Bürger zu erklären, wird die Public Choice Theorie benutzt.

3.1. Die Public Choice Theorie

Die Public Choice Theorie, ist auf den Annahmen der Rational Choice Theorie begründet. Sie basiert auf der Grundannahme, dass der Mensch ein rational denkendes nutzenmaximierendes Individuum ist. Die Theorie hat einen universellen Anspruch.[75] Wirtschaftswissenschaftliche Kosten- Nutzen Rechnungen werden auf die politische Ebene übertragen. Sie wird unter anderem zur Erklärung von Wählerverhalten zu Rate gezogen.[76] Der Wähler wird als Konsument gesehen, der nutzenmaximierend wählt.

3.2. Klientelismus versus das Konzept der Bürgergesellschaft

Jonathan Fox, der 1994 eine Studie zum Thema „The difficult transition from clientelism to citizenship- lessons from Mexiko“ in der Zeitschrift World Politics[77] publizierte, definiert Klientelismus und Bürgergesellschaft als gegenteilige Formen der Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft.

Klientelismus ist eine „state- society relation which is based on political subordination in exchange for material rewards“.[78] Der Klient erhält im Austausch zu seiner Treue Zugang zu Ressourcen, die vom Staat kontrolliert werden. Die Verteilung dieser Ressourcen basiert in einem klientelistischen System auf persönlicher und politischer Loyalität.

Auf der anderen Seite definiert Fox die Bürgergesellschaft als “the process by which poor people gain access to whatever material recources the state has to offer without having to forfeit their right to articulate their interest autonomously.“[79]

In der Bürgergesellschaft werden die staatlichen Ressourcen „not as favors to be begged or bartered for“[80] sondern als „entitlements or rights”[81] verteilt. Die Bürgergesellschaft erhält nicht- kontingentierte, weitreichende politische Rechte. Dies verändert den Status der Bevölkerung von dem eines passiven Bürgers zu einer autonom agierenden, aktiven Gesellschaft, welche die Entscheidung des Status beeinflusst und bei welcher der Staat Rechenschaft ablegen muss. In der Bürgergesellschaft weiß der Bürger um seine Rechte und fordert diese vom Staat ein, ohne auf klientelistische Bindungen zurückzugreifen.

Anders ausgedrückt bedeutet Klientelismus, dass der Bürger für Ressourcen, die ihm von Rechtswegen zustehen, Verpflichtungen gegenüber dem Machthabenden eingehen muss. Im Gegensatz zu Demokratien, in denen Bürger Verpflichtungen gegenüber dem Staat eingehen, sind sie beim Klientelismus auf den Machthabern personalisiert.[82]

Nach Ralf Dahrendorf stehen im Kern der Bürgergesellschaft die grundlegenden, unveräußerlichen Menschen- und Bürgerrechte. Um jedoch von diesen Rechten Gebrauch machen zu können, müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen und Rahmengesetze vorhanden sein.[83]

3.3. Der Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft

Für Fox sind die Veränderungen der „state-society relation“[84] „part and parcel of the process of democratic transition.“[85]

Fox nimmt an, dass im Laufe der Zeit selbst die am wenigsten Privilegierten um ihre Bürgerrechte wissen und deshalb für Leistungen seitens des Staates, keine klientelistischen Verpflichtungen mehr eingehen.[86]

“And, as they become more adept at procuring resources through non- clientelist means they will cast their votes in appreciation, not of paticular or localized gains, but of policies and programs of a more universalistic nature.”[87]

Der Bürger sieht sich somit in der Lage, seine Stimme je nach Wunsch den Parteien zu geben oder bei erfolgloser Arbeit zu entziehen. Dadurch nimmt er die Partei in die Pflicht, ihre Wahlversprechen zu erfüllen, oder überhaupt Wahlprogramme zu entwickeln. Funktionen, die durch den Klientelismus entwertet wurden. Die Beziehung zwischen Staat und Bürger dreht sich von einem Abhängigkeitsverhältnis des Bürgers von den Regierenden zu einer Abhängigkeit der Regierenden von den Bürgern.

Doch wann kommt es zu solch einer Transformation, die laut Fox in jedem System während des Übergangs von Diktatur zu Demokratie vollzogen wird?

Laut Fox ist der Übergang von Klientelismus zur Bürgergesellschaft kompliziert, und gezeichnet von “cycles of social mobilization from below and openings from above”[88]

[...]


[1] Gay, Robert: Grappling with clientelism: False Consciousness, Strategy and Misrecognition, New London: Connecticut College 2002, S.2.

[2] Vgl. z. B.: Gehring, Hubert/Bleidiesel, Simon: Der orientierungslose Riese- Probleme des PRI in Mexiko nach 71 Jahren Regierung und vier Jahren Opposition , Auslandsinformationen der Konrad Adenauer Stiftung 7/2004, S.80.
Cayeros- Diaz, Alberto, Magaloni, Beatriz:The politics of public spending- Part II. The Programa Nacional de Solidaridad (PRONASOL) in Mexico. Background paper for World Development Report 2004, S.18.
Dresser, Denise : Bringing the poor back in: National solidarity as a strategy of regime legitimation; in: Cornelius, Wayne / Craig, Ann L./ Fox, Jonathan, Transforming state –society relations in Mexico: The national solidarity strategy, San Diego: La Jolla, Center for U.S.- Mexican Studies 1994, S.143-165, hier S.143f.

[3] Vgl. Schubert, Franz/ Klein, Peter: Das Politiklexikon, „Klientelismus“, Bonn: J.H.W. Dietz 2001 S.54.

[4] Vgl. Cornelius, Wayne: Mexican politics in transition- The breakdown of a one-party- dominant regime, San Diego: La Jolla, Center for U.S.-Mexican Studies 1996. Cornelius, Wayne: Mexican Politics in Transition, S.39.

[5] Wie z.B. Privatisierungsmaßnahmen ,oder die Schaffung einer unabhängigen Wahlbehörde, welche die Möglichkeiten des PRIs die Wahlen zu manipulieren einschränkten.

[6] Vgl. Cornelius, Wayne: Mobilized Voting in the 2000 Elections: The changing effiacy of vote- buying and coercion in Mexican Electoral Politics, San Diego: La Jolla, Center for U.S.- Mexican Studies 2003.Cornelius,Wayne:Mobilized Voting in the 2000 Elections: The changing efficacy of vote-buying and coercion in Mexican Electoral Politics, S.2.

[7] Ebd.

[8] Vgl. ebd. S.13f.

[9] Die Bürgergesellschaft wird hier nach Jonathan Fox und Robert Gay definiert: eine Gesellschaft die um ihre Bürgerrechte weiss, und deshalb ihr Recht autonom zu agieren nicht pfändet. Siehe auch Kapitel 3.2. dieser Arbeit.

[10] Fox, Joanthan: The difficult transition from clientelism to citizenship- Lessons from Mexico, in: World Politics, january (1994), S.151- 184. Gay, Robert: Grappling with clientelism: False Consciousness, Strategy and Misrecognition, New London: Connecticut College 2002.

[11] Vgl. Schubert, F./ Klein, P.: Das Politiklexikon, „Klientelismus“, S.54.

[12] Nuscheler, Franz: Lern und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik, Bonn: Dietz 2004, S.409.

[13] Vgl. Schedler, Andreas: What is vote- buying?, Mexico: Facultad Latinoamericana de Ciencias Sociales 2002, S.15.

[14] Vgl. ebd., S.13.

[15] Vgl. Worldbank: Inequality in Latin America, Chapter 5: State-Society Interactions as Sources of Persistence and Change in Inequality, 2004, S.7. http://wbln0018.worldbank.org/LAC/lacinfoclient.nsf/8d6661f6799ea8a48525673900537f95/b618e499adfb54b985256e2b007d1490/$FILE/Inequality_in_LAC-Chap5_eng.pdf vom 22.07.04.

[16] Vgl. Ebd.

[17] Vgl. Hofmeister, Wilhelm: “ Gebt mir einen Balkon und das Land ist mein”, Politische Führung in Lateinamerika, Frankfurt am Main: Vervuert Verlag 2002, S.149.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Hofmeister, W.: Politische Führung in Lateinamerika, S.149.

[20] Vgl. ebd., S.151.

[21] Ebd. S.149.

[22] Vgl. Ebd.

[23] Vgl. Cayeros- Diaz, Alberto, Magaloni, Beatriz: The politics of public spending. Part I- the logic of vote buying, Background paper for World Development Report 2004, S.17.

[24] Vgl. Worldbank: Inequality in Latin America, Chapter 5, S.8.

[25] Vgl. Cornelius, Wayne: Mexican politics in transition- The breakdown of a one-party- dominant regime, San Diego: La Jolla, Center for U.S.-Mexican Studies 1996, S.39ff.

[26] Trickle- down effect: das „Durchsickern“ des Wohlstands bis in die ärmsten Schichten.

[27] Vgl. Worldbank: Inequality in Latin America, Chapter 5: Worldbank-inequality, S.8.

[28] Vgl. Pfeiffer, S. : Vote buying and its implications for democracy , S.81.

[29] Vgl. Pfeiffer, S. : Vote buying and its implications for democracy , S.78

[30] Z.B. durch die Methode des „Karussells“: Der Tausch eines ausgefüllten Stimmzettels gegen einen leeren Stimmzettel.

[31] Pfeiffer, S. : Vote buying and its implications for democracy , S.82.

[32] Schedler, A.: What is vote- buying?, S.13.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Speck, Bruno Wilhelm: Second Survey on vote- buying in Brazilian elections, 2002, S.1.

Erhältlich unter: www.transparency.org/surveys/vote-buying2002.br.doc vom 11.08.04.

[35] Studien von „Mexiko 2000 Panel Study“ , „Consulta Mitofsky“ und „Alianza Cívica“;vgl. Cornelius, W.: Mobilized Voting in the 2000 Elections, S.5f.

[36] Vgl. Worldbank: Inequality in Latin America, Chapter 5: Worldbank-inequality, S.8.

[37] Vgl. Transparency International : http://www.corisweb.org/article/archive/318/

vom 06.07.04.

[38] Vgl. Speck, B.: Second Survey on vote- buying in Brazilian elections, S.2.

[39] Whitaker, Chico: Schach dem Stimmenkauf; in: Le Monde diplomatique Nr.6246 (2000), S. 22.

[40] Vgl. Speck, B. Second Survey on vote- buying in Brazilian elections , S.1ff.

Vgl. Cayeros- Diaz, Alberto, Magaloni, Beatriz: The politics of public spending. Part I, S.14.

[41] Vgl. Pfeiffer, S. : Vote buying and its implications for democracy , S.81.

[42] Pfeiffer, S. : Vote buying and its implications for democracy , S.81.

[43] Vgl. ebd.

[44] Vgl. Lauth, Hans- Joachim: Informelle Institutionen und die Messung demokratischer Qualität in Lateinamerika, in: Lateinamerika Analysen 7, Februar (2004), S.126.

[45] Schubert, F./ Klein, P.: Das Politiklexikon, „informelle Institutionen“.

[46] Vgl. ebd.

[47] Vgl. Lauth, H.: Informelle Institutionen, S.137.

[48] Vgl. ebd., S.126.

[49] Vgl. Lauth, H.: Informelle Institutionen, S.127.

[50] Vgl. ebd.

[51] Vgl. Schmidt, Sigmar: „Demokratien mit Adjektiven“ – die Entwicklungschancen defekter Demokratien, in: DSE; E+ Z; Entwicklung und Zusammenarbeit , August 2001, S.219-223, S.221.

[52] vgl. Schubert, F./ Klein, P.: Das Politiklexikon, „informelle Institutionen“.

[53] Vgl. ebd.

[54] Vgl. Huntington, Samuel :The third wave: Democratization in the Late Twentieth Century, Norman: University of Oklahoma Press 1992.

[55] Vgl. Freedom House: Freedom in the world- all country ratings 1972- 2003

http://www.freedomhouse.org/ratings/allscore04.xls vom 05.08.04.

Vgl. Map of freedom- 2004: http://www.freedomhouse.org/pdf_docs/research/freeworld/2004/map2004.pdf vom 05.08.04.

[56] Vgl. Nohlen, Dieter: Lexikon der Politikwissenschaft, Band 2 N-Z , München: Beck 2004, S.748f.

[57] O´Donnel, Guillermo: “Illusions about consolidation”, in: Journal of Democracy, february (1996), S.18- 32, hier S.20.

[58] O´Donnel, G.: Illusions about consolidation, S.20.

[59] Fox, Joanthan: The difficult transition from clientelism to citizenship- Lessons from Mexico, in: World Politics, january (1994), S.151- 184, hier S.1.

[60] Vgl. Thiery, Peter: Stabile Demokratien in Lateinamerika?, in: Brennpunkt Lateinamerika , Nummer 6 (2000), S.42-56, hier: S.52.

[61] Schmidt, S.: Demokratien mit Adjektiven , S.222.

[62] Vgl. Thiery, P.: Stabile Demokratien in Lateinamerika?, S.53.

[63] Vgl. Schmidt, S.: Demokratien mit Adjektiven , S.222.

[64] Ebd.

[65] Ebd., S.223.

[66] Ebd.

[67] Vgl. Nuscheler, F.: Lern und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik , S.407f.

[68] Eigen, Peter: http://www.transparency.org/cpi/2004/cpi2004.pe_statement_en.html

vom 15.10. 04.

[69] Vgl. Sangmeister, Hartmut: Entwicklung -mehr als nur Wirtschaftswachstum, in: Brennpunkt Lateinamerika , Nummer 11 (2000), S.86-120.Sangmeister, S.87.

[70] Vgl. ebd., S.116.

[71] Vgl. Human Development Index: http://cfapp2.undp.org/hdr/statistics/data/rc_report.cfm

Vgl. Corruption Perception Index: www.transpaerncy.org/cpi/2004/cpi2004.en.html

[72] Der Index basiert auf subjektiven Einschätzungen des Korruptionsniveaus. Der Wert reicht von 10 (korruptionsfrei) bis 0 (völlig korrupt).

Quelle: Transparency International- siehe Literaturverzeichnis.

[73] Quelle: Transparency International- siehe Literaturverzeichnis.

[74] Fox, Joanthan: The difficult transition from clientelism to citizenship- Lessons from Mexico, in: World Politics, january (1994), S.151- 184.

Gay, Robert: Grappling with clientelism: False Consciousness, Strategy and Misrecognition, New London: Connecticut College 2002.

[75] Vgl. Nohlen, Dieter, Lexikon der Politikwissenschaft, Band 2, München: Beck 2004, S.504.

[76] Vgl. ebd., S.510.

[77] Journal of Worldpolitics, Januar 1994.

[78] Fox, J.: The difficult transition from clientelism to citizenship, S.153.

[79] Fox, J.: The difficult transition from clientelism to citizenship, S.153.

[80] Ebd., S.156.

[81] Ebd., S.156.

[82] Vgl. ebd., S.153ff.

[83] Dahrendorf, Ralf : Über den Bürgerstatus In: Brink, Bert van Den/ Reijem, Willem van(Hrsg.), Bürgergesellschaft, Recht und Demokratie , Frankfurt am Main: 1995, S. 29-43, hier: S.36.

[84] state- society relation: Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft ; siehe Fox,J.: The difficult transition from clienetlism to citizenship, S.158.

[85] Ebd., S.153.

[86] Vgl. ebd., S.158.

[87] Gay, R.: Grappling with clientelism, S.5.

[88] Fox, J.: The difficult transition from clientelism to citizenship, S.159.

Ende der Leseprobe aus 81 Seiten

Details

Titel
Der Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft in Mexiko
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
81
Katalognummer
V39482
ISBN (eBook)
9783638382335
Dateigröße
805 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandel, Klientelismus, Bürgergesellschaft, Mexiko
Arbeit zitieren
Anne Schalper (Autor), 2005, Der Wandel von Klientelismus zur Bürgergesellschaft in Mexiko, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39482

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