Die narzisstische Persönlichkeit im Maßregelvollzug - Pflegerische Ansätze in der Behandlung


Hausarbeit, 2005
25 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsangabe

Narcissus

Einleitung

Teil 1: Psychiatrisch-psychologische und forensische Grundlagen der
Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die Narzisstische Persönlichkeit:
1.1 Die Persönlichkeit eines Menschen
1.2 Wenn die Persönlichkeit zur Persönlichkeitsstörung wird
1.3 Nosologie der Persönlichkeitsstörungen
1.3.1 Die ICD-10 Diagnostik
1.3.2 Die Diagnosesystematik des DSM-IV
1.4 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung
1.5 Persönlichkeitsstörung und Kriminalität
1.5.1 Der Maßregelvollzug
1.5.2 Der Narzisstische Patient im Maßregelvollzug

Teil 2: Pflegerische Ansätze in der Behandlung der Narzisstischen
Persönlichkeitsstörung:
2.1 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung im Pflegeprozess
2.2 Pflegediagnosen zur Narzisstischen Persönlichkeitsstörung
2.3 Interventionsmöglichkeiten im täglichen pflegerischen Umgang

Schlusswort

Literaturverzeichnis

Narcissus (Gr. M.), Sohn des Cephissus und der Liriope, also göttlichem Stamme entsprossen, Abkömmling eines Flussgottes und einer Nymphe, war so schön als kaltsinnig, was seine Mutter um seine Zukunft besorgt machte; ... Durstig von der Jagd heimkehrend , beugte er sich über einen klaren Quell, sah darin sein Bild und entbrannte aufs Heftigste in Liebe zu demselben, es nicht für ein Phantom, sondern für einen wirklichen Gegenstand haltend, bis er an seinen Waffen und seiner Kleidung sich selbst erkannte, und sich nun in unfruchtbarem Gram und törichter Liebe verzehrte, wie einst aus Liebe zu ihm sich die holdeste der Nymphen, Echo, verzehrt hatte, so dass von ihr nichts als die Stimme übrig war.

N. ward von den Göttern in die Blume seines Namens verwandelt, deren geneigtes Haupt sich noch gerne im klaren Quell bespiegelt.“ (Vollmer, 2002)[1]

Einleitung

Seit fast fünf Jahren arbeite ich jetzt auf einer forensischen Station mit milieutherapeutischem Wohngruppencharakter. Die Patientengruppe besteht hier zum größten Teil aus Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, in der Regel lautet die Diagnose Borderline- oder dissoziale Persönlichkeitsstörung.

In der folgenden Arbeit möchte ich mich einer kleinen Minderheit der Persönlichkeitsgestörten widmen – der narzisstischen Persönlichkeit im Maßregelvollzug.

Diese „schillernde“ Persönlichkeit weist viele Gemeinsamkeiten mit anderen Persönlichkeitsstörungen auf und verhält sich doch so eigen. Hinter einer perfekt ausgestrahlten Selbstsicherheit versteckt sich eine höchstverletzliche Persönlichkeit, die selbst auf einen gut gemeinten Rat äußerst gekränkt reagiert. Als Pflegekraft hat man schnell den Eindruck, alles falsch zu machen.

Meine Absicht ist es, in dieser Arbeit, ein theoretisches und pflegerisches Verständnis für den narzisstischen Patienten im Maßregelvollzug vermitteln.

Meine Hausarbeit besteht aus zwei Teilen, wobei sich der erste Teil mit den psychiatrisch-psychologischen und forensischen Grundlagen der Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die narzisstische Persönlichkeit befasst. Ich bin hier speziell auf die verschiedenen Diagnosesysteme eingegangen, da die narzisstische Persönlichkeitsstörung in der allseits gebräuchlichen ICD-10[2] nicht als selbstständige Störung auftaucht. Im zweiten Teil beschäftige ich mich dann mit pflegerischen Ansätzen in der Behandlung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Teil 1: Psychiatrisch-psychologische und forensische Grundlagen der Persönlichkeitsstörungen in Bezug auf die Narzisstische Persönlichkeit:

1.1 Die Persönlichkeit eines Menschen

Die Persönlichkeit eines Menschen setzt sich aus der persönlichen Wahrnehmung, dem persönlichen Beziehungsmuster und dem eigenen Denken zusammen. Sie kommt in einem breiten Spektrum sozialer und persönlicher Situationen und Zusammenhänge zum Ausdruck.

1.2 Wenn die Persönlichkeit zur Persönlichkeitsstörung wird

Sind die Persönlichkeitszüge eines Menschen unflexibel und wenig angepasst, führen sie zu subjektiven Beschwerden oder beeinträchtigen seine Leistungsfähigkeit wesentlich, so wird von einer „Persönlichkeitsstörung“ gesprochen. Diese Diagnose darf jedoch nur unter bestimmten Bedingungen gestellt werden:

- Die betroffene Person muss selber unter ihrer Persönlichkeit leiden.
- Die Persönlichkeit beinhaltet das Risiko der Entwicklung einer psychischen Störung wie z.B. Depression, Selbstverletzendes Verhalten, Suizidalität etc.
- Der Betroffene kann durch Persönlichkeitseigenarten seine existenziellen Verpflichtungen nicht mehr erfüllen; er kommt mit Gesetz und Ethik in Konflikt.

In der ICD-10 wurden als allgemeine Kennzeichnung der Persönlichkeitsstörungen einige Störungsübergreifende Kriterien festgelegt, die anteilsmäßig erfüllt sein sollten (mindestens drei), bevor eine spezifische Charakterstörung diagnostiziert wird.

Kriterien zur Kennzeichnung der Persönlichkeitsstörung:

1. Deutliche Unausgeglichenheit in Einstellung und Verhalten in mehreren Funktionsbereichen wie Affektivität, Antrieb, Impulskontrolle, Wahrnehmung und Denken, sowie in den Beziehungen zu anderen.
2. Das auffällige Verhaltensmuster ist andauernd und gleichförmig. Es ist nicht auf Episoden psychischer Krankheiten beschränkt.
3. Das auffällige Verhaltensmuster ist tief greifend und in vielen persönlichen und sozialen Situationen eindeutig unpassend.
4. Die Störungen beginnen immer in der Kindheit oder Jugend und manifestieren sich dauerhaft im Erwachsenenalter.
5. Die Störung führt zu deutlichem subjektivem Leiden, manchmal jedoch erst im späteren Verlauf.
6. Die Störung ist in der Regel mit deutlichen Einschränkungen der beruflichen und sozialen Leistungsfähigkeit verbunden.

(Fiedler,2001)[3]

1.3 Nosologie der Persönlichkeitsstörungen

In der ICD-10 werden die Persönlichkeitsstörungen als Ausdruck eines charakteristischen und individuellen Lebensstils eines Menschen, im Verhältnis zur eigenen Person und zu anderen Menschen, beschrieben. Im DSM-IV[4] werden Persönlichkeitsstörungen als extremisierte Persönlichkeitszüge gesehen und störungsübergreifend auf einer allgemeinen Ebene charakterisiert. (vgl. Fiedler, 2001)[5]

Beide Diagnosesysteme beschreiben gemeinsam die Persönlichkeitsstörungen als wiederholt beobachtbare personentypische Interaktionseigenarten, welche unflexibel und wenig sozial angepasst sind.

1.3.1 Die ICD-10 Diagnostik

Die Persönlichkeitsstörungen tauchen zusammen mit den Verhaltensstörungen im Abschnitt F6 auf und teilen sich in spezifische, kombinierte und sonstige Persönlichkeitsstörungen auf:

Zu den spezifischen Persönlichkeitsstörungen gehören die paranoide Persönlichkeitsstörung (F60.0), die schizoide Persönlichkeitsstörung (F60.1), die dissoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2), die emotional instabile Persönlichkeitsstörung (F60.3)-unterteilt in impulsiven (F60.30) und Borderline Typ (F60.31). Die histrionische Persönlichkeitsstörung (F60.4), die anankastische Persönlichkeitsstörung (F60.5), die ängstliche (vermeidende) Persönlichkeitsstörung (F60.6), die abhängige Persönlichkeitsstörung (F60.7), sonstige näher bezeichneten Persönlichkeitsstörungen (F60.8) und die nicht näher bezeichneten Persönlichkeitsstörungen (F60.9).

Zu den sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen (F60.8) gehören die, für die keine der spezifischen Kategorie zutreffen. Dazugehörige Begriffe sind: exzentrische Persönlichkeit(sstörung), haltlose Persönlichkeit(sstörung), narzisstische Persönlichkeit (sstörung), Passiv-aggressive Persönlichkeit(sstörung), (psycho)neurotische Persönlichkeit (sstörung) und unreife Persönlichkeit(sstörung).

1.3.2 Die Diagnosesystematik des DSM-IV

Der DSM-IV führt die Persönlichkeitsstörungen in der Achse II auf. Die Achse II ist zudem auch noch für die Registrierung geistiger Behinderungen vorgesehen, welche seit frühester Kindheit bestehen. Zu den oben, in der ICD-10 genannten Persönlichkeitsstörungen, werden hier noch zwei weitere zur künftigen Erforschung erwähnt: die passiv-aggressive/negativistische und die depressive Persönlichkeitsstörung.

Der DSM-IV ordnet die Persönlichkeitsstörungen in drei Hauptgruppen (Cluster):

Cluster A beinhaltet Verhalten, das als sonderbar oder exzentrisch beschrieben wird: die paranoide, schizoide und schizotype Persönlichkeitsstörung. Diesen drei Persönlichkeitsstörungen wird eine Nähe zu den schizophrenen und wahnhaften Störungen eingeräumt.

Cluster B beschreibt dramatisches, emotionales oder launisches Verhalten: die histrionische, narzisstische, antisoziale und Borderline-Persönlichkeitsstörung. Hier wird eine gewisse Nähe zu den Affektstörungen, besonders der depressiven Art, angenommen.

In Cluster C befinden sich die selbstunsicheren, dependenten und zwanghaften Persönlichkeitsstörungen, ein ängstliches, furchtsames Verhalten wird hier geschildert. Es wird eine Nähe zu Phobien und Angststörungen vermutet.

1.4 Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet laut epidemiologischer Studien weniger als 1% der Allgemeinbevölkerung. Davon handelt es sich hauptsächlich um männliche Patienten, was vermutlich mit einer alteingesessenen Denkweise in der Diagnosepraxis zusammenhängt. Es begleitet uns immer noch ein Bild von „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Verhaltensweisen: Patienten mit einer „selbstbewusst präsentierten Nichtkompliance“ könnten die Diagnose „narzisstisch“ erhalten, wogegen Patientinnen mit gleichen Verhaltensweisen wohl eher die Diagnose „histrionisch“ erhalten würden. (vgl. Fiedler, 2001)[6]

Im Jahre 1898 wurde in der psychologischen Literatur das erste Mal Bezug auf die Sage des „Narcissus“ genommen, als H. Ellis die autoerotischen Gewohnheiten eines jungen Mannes in einer Fallstudie darstellte.

Freud benutzte von 1905 an den Begriff „narzisstisch“ in seinen frühen Aufsätzen über die psychosexuelle Entwicklung und arbeitete später Gedanken zum Narzissmus als eigenständigen psychologischen Prozess aus. Er fasste den Narzissmus als eine Phase der normalen Entwicklung auf, die einer autoerotischen Phase folgt und schließlich zur Objektliebe heranreift. Freud unterschied einen primären und sekundären Narzissmus: beim primären Narzissmus richtet das Kleinkind seine sexuelle Energie (Libido) ganz auf sich selbst, beim sekundären Narzissmus wird die sexuelle Energie von äußeren Objekten wieder abgezogen und auf sich selbst bezogen. Nach Freud sind unzuverlässige, unberechenbare Bezugspersonen in der Kindheit, oder Eltern, die ihr Kind ständig überbewerten, die wichtigsten Faktoren, die die Entwicklung zur Objektliebe unterbrechen und somit eine Fixierung auf die narzisstische Phase der Entwicklung bewirken. Freud ging davon aus, dass Narzissten wegen ihrer Fixierung in der Phase der „Ich-Beteiligung“ unfähig sind, feste Beziehungen einzugehen.

In den Schriften zeitgenössischer Objektrelations-Theoretiker wird der Narzissmus als eine Charakter- oder Persönlichkeitsstörung dargestellt. Hierbei gehören Kernberg und Kohut zu den bekanntesten.

Kernberg sieht die typische narzisstische Großartigkeit und Ausbeutung als Beweis für die „orale Wut“, die einen pathologischen Prozess in der psychosexuellen Entwicklung darstellt. Dies sei vermutlich auf den emotionalen Mangel zurückzuführen, der durch eine chronisch gleichgültige oder bösartige Mutter verursacht werde. Ein besonderes Talent oder eine andere Rolle würden hier dem Kind das Gefühl geben, etwas ganz besonderes zu sein. Dadurch entsteht eine Türe, durch die das Kind die gleichgültige oder bedrohliche Welt verlassen kann.

Der Sinn für Großartigkeit und übersteigerte Anspruchshaltung dienen hier als Schutz für das „wahre Ich“, welches sich abgespalten hat. Es wird angenommen, dass das „wahre Ich“ starke, größtenteils unbewusste Gefühle wie Angst, Wut, Verlustschmerz und Neid enthalte.

Kernbergs Theorie geht davon aus, dass die Großartigkeit pathologisch ist. Daher verlangt sein Behandlungsansatz Konfrontation und Interpretation der unbewussten Konflikte, um die durch den Entwicklungsstillstand beschädigte intrapsychische Struktur wieder herzustellen.

Kohut stellt sich dagegen den Narzissmus nicht als pathologische Abweichung vor. Er sieht ihn im Prozess der normalen libidinösen Entwicklung als Form der Libido mit einem normalen Entwicklungsverlauf. Nach Kohuts Theorie resultiert der pathologische Narzissmus aus einem Entwicklungsstillstand, der entsteht, wenn die bedeutenden Persönlichkeitsstrukturen des „grandiosen Ichs“ und der „idealisierten Elternimago“ nicht richtig integriert sind. Der pathologische Narzissmus ist nach Kohut das Ergebnis einer traumatischen Enttäuschung, verursacht durch eine Mutter, die das Kind nicht ausreichend in ihren emotionalen Reaktionen bestätigt hat oder umgekehrt ihre wahren Grenzen nie gezeigt hat. Dadurch wurden beim Kind die „frühzeitige Großartigkeit“ und die „idealisierte Elternimago“ abgespalten, sie unterliegen nun der ständigen, unbewusst motivierten Suche nach Erfüllung. Kohuts Behandlungsansatz erfordert eine einfühlsame Therapie, die die stillgestandene Entwicklung des Patienten zu Ende führt. Im Behandlungsverlauf baut der Patient die Großartigkeit ab und lernt mit der Enttäuschung zu leben, wenn ihm bewusst wird, dass seine Ideale realistische Grenzen haben. (vgl. Beck, 1999)[7]

[...]


[1] Dr. Vollmer(1874/2002).Wörterbuch der Mythologie, REPRINT-VERLAG-LEIPZIG, S.343-344

[2] International Statistical Classification of Diseases der WHO, 1993

[3] Fiedler, Peter(2001).Persönlichkeitsstörungen, BELTZ PVU, Weinheim, S.38

[4] Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der APA, 1994

[5] Fiedler, Peter(2001).Persönlichkeitsstörungen, BELTZ PVU, Weinheim, S.36-37

[6] Fiedler, Peter(2001).Persönlichkeitsstörungen, BELTZ PVU, Weinheim, S.285

[7] Beck, Aaron T.; Freemann, Arthur(1999).Kognitive Therapie der Persönlichkeitsstörungen, PVU,Weinheim,S.206-207

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die narzisstische Persönlichkeit im Maßregelvollzug - Pflegerische Ansätze in der Behandlung
Hochschule
LVR-Akademie für seelische Gesundheit; früher Rheinisches Institut für Fort- und Weiterbildung in der Psychiatrie
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V39487
ISBN (eBook)
9783638382380
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Persönlichkeit, Maßregelvollzug, Pflegerische, Ansätze, Behandlung
Arbeit zitieren
Sabine Röder (Autor), 2005, Die narzisstische Persönlichkeit im Maßregelvollzug - Pflegerische Ansätze in der Behandlung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39487

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