Kinder, Küche, Kirche? Die Rolle der Frau in Juan Antonio Bardems "Cómicos", "Muerte de un ciclista" und "Calle Mayor"


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Frauenbild im Spanien der fünfziger Jahre

3. Das Frauenbild bei Juan Antonio Bardem
3.1 Das Frauenbild in Cómicos
3.2 Das Frauenbild in Muerte de un ciclista
3.3 Das Frauenbild in Calle Mayor

4. Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Rolle der Frau im Spanien der 50er Jahre war, wie auch in vielen anderen europäischen Ländern der Zeit, auf häusliche und familiäre Tätigkeiten beschränkt. Frauen hatten Kinder zu gebären, die Familie zu umsorgen und sich um den Haushalt zu kümmern. In einem traditionell katholischen Land wie Spanien wurde noch dazu die Bedeutung des Glaubens besonders betont. Ähnlich den ideologischen Vorgaben des nationalsozialistischen Deutschlands wurden auch Frauen unter Franco auf die Bereiche Kinder, Küche und Kirche beschränkt.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit der Rolle der Frauen in drei Filmen von Juan Antonio Bardem – Cómicos, Muerte de un ciclista und Calle Mayor – beschäftigen.

Dazu werde ich zuerst in einem theoretischen Teil darstellen, welche Rollen Frauen unter Franco einnehmen konnten, welcher Handlungsspielraum ihnen überlassen wurde und mit welchen Mitteln diese Unterlegenheit und Abhängigkeit der Frau von ihrer Familie, ihrem Mann und dem Staat sanktioniert und durchgesetzt wurde.

Anschließend werde ich anhand der Filme Cómicos, Muerte de un ciclista und Calle Mayor zeigen, wie Bardem diese gesellschaftliche Realität filmisch umsetzt und welche Handlungsmöglichkeiten der Regisseur seinen Protagonistinnen überlässt. Ich werde zeigen, inwiefern die drei Hauptprotagonistinnen abhängig von Männern sind, in welcher gesellschaftlichen Position sie sich befinden und wie sie deshalb ihre staatlich vordefinierte Rolle erfüllen (müssen). Es soll jeweils gezeigt werden, welche Konsequenzen die gesellschaftliche Stellung der Protagonistinnen für ihr Leben haben und welche Bedeutung die Ideale Kinder, Küche und Kirche für jede haben. Ich werde darstellen, ob sich Alternativen für das Verhalten der Frauen bieten und welch unterschiedliche Wege die Protagonistinnen schließlich in der von Männern dominierten Welt suchen. Abschließend soll jeweils gezeigt werden, dass und in welcher Weise Bardem Kritik an der ihn umgebenden Gesellschaft übt.

2. Das Frauenbild im Spanien der fünfziger Jahre

Während der Zeit der zweiten spanischen Republik 1931 – 1936 hatten Frauen eine Vielzahl juristischer Freiheiten erlangt, die ihnen mit Ende des Bürgerkrieges durch das Regime unter Franco wieder entzogen wurden. Frauen wurden fortan im sozialen Bereich, im Arbeits- und auch im Bildungssektor diskriminiert.

Die franquistische Regierung führte erneut die Gesetzgebung aus der Zeit vor der Republik ein. So wurde der Código Civil von 1889 wieder in Kraft gesetzt. Die Unterlegenheit der Frau wurde, entsprechend der Sichtweise des 19. Jahrhunderts, als naturgegeben betrachtet: Sie war die Gehilfin des Mannes und ihm untergeordnet. Ein Ankämpfen gegen diese „natürliche“ Ordnung bedeutete ein Auflehnen gegen den Willen Gottes.[1] Verschiedene Organisationen, die soziale Funktionen wie Ausbildung und Erziehung wahrnahmen – wie zum Beispiel die Sección Femenina oder die Acción Católica – unterstützten diese Sicht von der Unterschiedlichkeit von Mann und Frau: „Al contrario del varón que llega a lo heroico realizando hazañosas empresas, la mujer es heroica por la perfección esmerada y constante en las cosas pequeñas.“[2]

Zudem übte die katholische Kirche erneut starken Einfluss auf die Gesellschaft aus. Der franquistische Staat nutzte zu seiner Aufrechterhaltung eine „ideología conservadora cuya base está en la familia católica tradicional.“[3] Der Nationalkatholizismus als Staatsreligion wurde obligatorisch und das Ideal der gläubigen, reinen Ehefrau propagiert. Diese Gläubigkeit der Frau wurde verbunden mit dem weiblichen Ideal der Unterordnung und Selbstaufgabe[4] und untermauerte somit ihre Position der Abhängigkeit und Unterlegenheit gegenüber dem Mann.

Die Diskriminierung der Frauen wurde auch in der klar natalistischen Politik von Seiten des Franco-Regimes sichtbar. So sollte mit dem Fuero de Trabajo von 1938 „die verheiratete Frau aus der Werkstatt und von der Arbeit befreit [werden;] eine ‚Befreiung’, die mit Mutterschaftsprämien und dem Verbot der Ausübung freier Berufe einherging.“[5] Erwerbstätigkeit wurde zwar bei jungen Frauen geduldet, musste jedoch mit dem Eintritt in die Ehe beendet werden. Die einzigen Arbeitsfelder, die Frauen zugänglich waren, waren Berufe, die eng mit der Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter verbunden waren – so konnten sie als Lehrerin, Krankenschwester oder Hausangestellte arbeiten. Frauen waren beschränkt auf ihre reproduktive und rekreative Funktion. Während der vierziger Jahre wurde die Unterstützung vor allem für große Familien weiter untermauert: Familienbeihilfen wurden den Männern gezahlt, deren Frauen die größte Zahl von Kindern geboren hatten; Preise auf nationaler und regionaler Ebene wurden für die gleiche „Leistung“ ausgelobt. Beides wurde jedoch nicht gewährt, wenn die Frau werktätig war.[6]

Unterstützung fand diese Diskriminierung jedoch nicht nur durch die Gesetzgebung, sondern auch durch die katholische Kirche, durch die Bevölkerung an sich und durch Organisationen und Institutionen wie die Sección Femenina de Falange, die die Ausbildung und ideologische Indoktrination der Frauen (ähnlich dem BDM im nationalsozialistischen Deutschland) unternahm: sie war damit befasst „de inculcar el espíritu de subordinación, servicio y abnegación.“[7] Auch propagierte die Sección Femenina, dass Arbeit zwar für einige Frauen ein notwendiges Übel sei, in jedem Fall aber nur zweite Wahl sein könne im Vergleich zu Heirat und Familienleben.[8]

Wie dargestellt, wurde es Frauen unter Franco nicht ermöglicht, ein unabhängiges Leben zu führen. Vor ihrer Heirat waren sie abhängig von ihrer Familie – es war Frauen nicht gestattet, aus dem Elternhaus auszuziehen, bevor sie heirateten (oder ins Kloster gingen).[9] Wenn sie heirateten, waren sie finanziell auf ihren Ehemann angewiesen und benötigten seine Einwilligung, um zu arbeiten oder ein Bankkonto zu eröffnen. Auch waren sie ihrem Ehemann fast völlig ausgeliefert, sie unterstanden rechtlich der so genannten

„‘patria potestad’, the will and authority of the male head of the family […] and [were] subject to an institutionalised double standard which meant, for example, that until 1958 a man was legally entitled to kill his wife or daughter if he caught her in an act of adultery, while his own maximum penalty was exile.“[10]

Ein von Männern unabhängigeres Leben war fast unmöglich und ging oft mit einem sozialen Ausschluss einher. Neben der Kontrolle durch die Familie und den Ehemann unterlagen Frauen auch der Kontrolle durch den Staat: so benötigten sie seit 1945 zum Erwerb des Führerscheins oder zur Beantragung eines Passes die staatliche Genehmigung in Form einer Bescheinigung über die Absolvierung des servicio social.[11]

Wie gezeigt, beschränkte sich das staatlich und gesellschaftlich gewünschte und tolerierte Wirkungsfeld von Frauen auf die Bereiche Kinder, Küche und Kirche. Heirat und Kinder gebären kann – auch mangels Alternativen – als das normale Lebensziel von Frauen unter Franco bezeichnet werden.

[...]


[1] Vgl.: Gómez, María Asunción: “La representación de la mujer en el cine español de los años 40 y 50: Del cine bélico al neorrealismo”. In: Bulletin of Spanish Studies: Hispanic Studies and Researches on Spain, Portugal and Latin America 79.5, Sept. 2002: 585.

[2] Zitiert aus einem Handbuch der Acción Católica nach Gómez: 578.

[3] Ebd.: 589.

[4] Richmond, Kathleen: Women and Spanish fascism: the women’s section of the Falange, 1934 – 1959. Routledge: London/New York 2003: 123.

[5] Bussy Genevois, Danièle: „Spanische Frauen. Von der Republik zum Franco- Regime“. In: Thébaud, Françoise (Hg.): Geschichte der Frauen: Bd. 5 (20. Jahrhundert). Campus Verlag: Frankfurt / New York 1995: 219.

[6] Vgl.: Brooksbank Jones, Anny: Women in Contemporary Spain. Manchester UP: Manchester 1997: 75 f.

[7] Gómez: 584 f.

[8] Vgl.: Richmond: 10.

[9] Vgl. Bussy Genevois: 220.

[10] Brooksbank Jones: 76.

[11] Der servicio social war ein 6 Monate währender Dienst ähnlich dem Militärdienst, in dem die Frauen Kurse zu Themen wie Religion und Hauswirtschaft besuchten und freiwillige Arbeiten zum Beispiel in Krankenhäusern verrichteten. Vgl.: Brooksbank Jones: 75.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kinder, Küche, Kirche? Die Rolle der Frau in Juan Antonio Bardems "Cómicos", "Muerte de un ciclista" und "Calle Mayor"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Arte y cultura de la resistencia en la Espana de Franco
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V39506
ISBN (eBook)
9783638382540
ISBN (Buch)
9783638816052
Dateigröße
810 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Küche, Kirche, Rolle, Frau, Juan, Antonio, Bardems, Cómicos, Muerte, Calle, Mayor, Arte, Espana, Franco
Arbeit zitieren
Claudia Müller (Autor), 2005, Kinder, Küche, Kirche? Die Rolle der Frau in Juan Antonio Bardems "Cómicos", "Muerte de un ciclista" und "Calle Mayor", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39506

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