Internet und konstruktivistischer Französischunterricht


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Konstruktivismus als psychologische und philosophische Theorie der Wahrnehmung und Erkenntnis
2.1 Kognitive Psychologie und Konstruktivismus
2.2 Grundgedanken des (Radikalen) Konstruktivismus

3 Konstruktivistische Lerntheorie und Didaktik
3.1 Die Lerntheorie der kognitiven Psychologie und das konnektionistische Gedächtnismodell
3.2 Lernen aus konstruktivistischer Sicht
3.3 Die konstruktivistische Didaktik

4 Autonomes Lernen im Lernraum Schule
4.1 Lerninhalte und Lernziele der konstruktivistischen Didaktik
4.1.1 Lerninhalte
4.1.2 Lernziele
4.2 Lernumgebung
4.3 Sozialformen des Lernens

5 Förderung des autonomen Lernens im Französischunterricht mit Hilfe der Neuen Medien
5.1 Lehrerrolle und Aufgaben des Lehrers
5.2 Möglichkeiten des Interneteinsatzes im konstruktivistischen Französischunterricht
5.2.1 Konkrete Beispiele für Internet-Projekte und die Internet- Nutzung im Französischunterricht
A) Recherche zu einem landeskundlichen Thema
B) E-Mail-Projekte
BB) Tandem-Lernen per E-Mail
C) Lehrwerke im Internet

6 Vorteile und Probleme der Internetnutzung im Unterricht
6.1 Vorteile
6.2 Probleme

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Da der seit 1974 durchgeführte kommunikative Fremdsprachenunterricht nicht die erwünschten Lernergebnisse erbringt, was durch verschiedene Studien, wie etwa die kürzlich durchgeführte PISA-Studie, immer wieder belegt wird, bringt die Fremdsprachendidaktik beständig neue methodische Vorschläge und innovative Schlagwörter hervor. Eines dieser Schlagwörter ist seit geraumer Zeit der Konstruktivismus als Gegenpol zum traditionell praktizierten Instruktivismus. Die konstruktivistische Didaktik stellt im Gegensatz zur instruktivistischen Didaktik den Lerner in den Mittelpunkt und geht davon aus, dass Lernprozesse individuell sind und “von außen nur dadurch beeinflusst werden können, dass man dem Lernenden hilft, den eigenen Lernweg zu finden“[1]. Damit in Zusammenhang stehen Prozessorientierung, autonomes Lernen, komplexe authentische Lerninhalte und kooperatives Lernen. Diese Begriffe tauchen zwar auch vereinzelt in anderen post-kommunikativen fremdsprachendidaktischen Ansätzen auf[2], aber nicht kompakt und derart extrem.

Im folgenden soll ein genauerer Einblick in den Konstruktivismus und die konstruktivistische Didaktik gegeben werden. Anschließend geht es um den Einsatz der Neuen Medien, insbesondere des Internets, zur Verwirklichung eines konstruktivistischen Französischunterrichts.

2 Der Konstruktivismus als psychologische und philosophische Theorie der Wahrnehmung und des Erkennens

2.1 Kognitive Psychologie und Konstruktivismus

Der Kognitionspsychologe Ulric Neisser fand in den sechziger Jahren heraus, dass die visuelle Informationsverarbeitung durch das Wissen und die Erfahrungen des Informationsverarbeiters beeinflusst wird. Diese Erkenntnis beinhaltet, dass unsere Wahrnehmung die Wirklichkeit subjektiv konstruiert. Das vorhandene Wissen wird dazu genutzt, eingehende Informationen zu interpretieren. Neues Wissen entsteht auf der Basis des bereits vorhandenen Wissen. Die Psycholinguistik sieht sprachliche Verstehensprozesse als Problemlösungsprozesse an, die von kognitiven Strategien, also dem prozeduralen Wissen, gesteuert werden.[3]

Im Unterschied zum radikalen Konstruktivismus geht die kognitive Psychologie davon aus, dass beim Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozess, als informationsverarbeitendem Prozess, die Umweltstimuli real existieren.[4]

2.2 Grundgedanken des (Radikalen) Konstruktivismus

Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass es keine objektiv erfassbare, allgemeingültige Realität gibt, die unabhängig vom wahrnehmenden Menschen existiert. Die Wirklichkeit wird also immer nur vom Menschen konstruiert und existiert nur subjektiv in seinem Gehirn.[5] So kann man auch die Aussagen Protagoras’ „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ und Sokrates’ „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ verstehen.[6] Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist also unsere Erfindung.

Der radikale Konstruktivismus geht vom Menschen als einem autonom organisierten, sich selbst organisierenden System aus, das “sich bemüht, sein eigenes Verhalten so zu steuern, dass sein Überleben weitgehend gesichert ist“[7]. Des weiteren werden Menschen als informationell geschlossene Systeme verstanden, deren Nervensystem von außen nicht gesteuert, sondern nur perturbiert werden kann. Somit werden eingehende Informationen nicht an vorhandenes Wissen angeknüpft, wenn sie nicht außergewöhnlich und für das Überleben wichtig sind. Außerdem werden Menschen im radikalen Konstruktivismus als beobachtende Systeme angesehen, die zur Beschreibung der Umwelt Wörter und Symbole einsetzen. Durch die Sprache wird also immerhin die Subjektivität der Erkenntnis soweit zurückgedrängt, dass ein Konsens mit anderen ermöglicht wird. Dadurch kann sich der Mensch gesellschaftlich normierte Wirklichkeitsmodelle erschaffen, die aber nicht objektiv sind.[8]

Festzuhalten sind für die weiteren Ausführungen die folgenden Grundgedanken des radikalen Konstruktivismus: die Subjektivität menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis, die informationelle Geschlossenheit menschlicher Organismen und ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation, sowie die Unmöglichkeit, die Wahrnehmung und das Erkennen steuernd von außen zu beeinflussen.

3 Konstruktivistische Lerntheorie und Didaktik

3.1 Die Lerntheorie der kognitiven Psychologie und das konnektionistische Gedächtnismodell

Die Lerntheorie von Rumelhart und Norman (1975) gilt als die bekannteste Lerntheorie der kognitiven Psychologie. Sie wurde 1982 von Norman weiterentwickelt. Unter Lernen wird hier die weitergehende Verarbeitung von Wissensstrukturen, “die aus der Interaktion zwischen Umweltstimuli und bereits vorhandenen Wissensschemata hervorgegangen sind (d.h. konstruiert wurden)“[9], mit dem Ziel diese im Gedächtnis festzuhalten und wiederverwendbar zu machen, verstanden. Dabei müssen drei unterschiedliche Lernstufen durchlaufen werden. Als erste Lernstufe gilt die Verstehensstufe, da für Norman das Verstehen einer Wissensstruktur unabdingbare Voraussetzung für das Lernen ist. Die zweite Stufe wird als Behaltensstufe bezeichnet. Auf dieser Lernstufe findet die Einordnung der neuen Wissensstrukturen in die bereits vorhandenen Wissensschemata statt, welche wiederum den neuen Informationen angepasst werden. Da Lernen auch die Anwendbarkeit des Gelernten beinhaltet, geht die kognitive Psychologie noch von einer dritten Lernstufe, nämlich der Automatisierungsstufe, aus. Dort werden Fertigkeiten entwickelt, die auf der Basis der vorher miteinander verknüpften kognitiven Strukturen entstehen. Norman unterscheidet außerdem drei kognitive Operationen, die das Lernen steuern. Zum einen gehört dazu accretion (=Zuwachs) als der Prozess der Hinzufügung der neuen Wissensstrukturen zu den vorhandenen Strukturen. Weiterhin nennt Norman das structuring als den Prozess der Integration neuer Wissensstrukturen in die bereits vorhandenen Wissensschemata bzw. der Bildung neuer Schemata aufgrund mangelnder geeigneter Schemata, und tuning als die Anpassung der Wissensschemata an eine spezifische Aufgabe. Das Strukturieren kann folgende mögliche Teilprozesse beinhalten: Kreations-, Reorganisations-, Löschungs- und Abstraktionsprozesse. Um durch das tuning schließlich automatisierte Fertigkeiten zu entwickeln benötigt der fremdsprachenlernende Mensch die meiste Zeit, da eine neue Wissensstruktur erst verstanden, dann in vorhandene Wissensstrukturen eingefügt und schließlich einer Aufgabe angepasst werden muss.[10]

Die erwähnten kognitiven oder mentalen Operationen, die das Lernen bewirken, laufen jedoch von Mensch zu Mensch unterschiedlich ab und führen individuell zu verschiedenen Lernergebnissen.[11] Auf dieser Grundlage ist die Forderung der konstruktivistischen Didaktik, möglichst viele Lernstrategien zu vermitteln durchaus einsichtig.

Die konstruktivistische Didaktik geht außerdem von einem konnektionistischen Gedächtnismodell der Psychologie aus. Dieses besagt, dass es keinen einheitlichen Sitz des Gedächtnisses gibt, sondern vielmehr eine weiträumige Verschaltung des neuronalen Apparates (Konnektivität), die bei jedem Individuum aufgrund unterschiedlichen Vorwissens jeweils anders aufgebaut wird. Das heißt konkret, dass neue Informationen nur aufgenommen und dauerhaft verarbeitet werden können, wenn sie sich in die bereits vorhandenen Wissensbestände irgendwie einbinden lassen. Da diese Anbindungsleistung nur vom Lernenden selbst erbracht werden kann, muss er sein Wissen also selbst aufbauen und konstruieren, wobei die Möglichkeiten des steuernden Eingreifens von außen beschränkt sind.[12]

3.2 Lernen aus konstruktivistischer Sicht

Der Psychologe und Erkenntnistheoretiker Jean Piaget (1896-1980) gilt als “Vater aller konstruktivistischer Überlegungen zum Lernen“[13]. Abgesehen davon hat der radikale Konstruktivismus selbst aber noch keine eigene Lerntheorie entwickelt. Jedoch gibt es trotzdem eine Vielzahl theoretischer Aussagen zum Lernen aus gemäßigter bis radikaler konstruktivistischer Sicht.

Der Begriff „Lernen“ wird im Konstruktivismus mit Wissenserwerb gleichgesetzt, welcher durch Konstruktion, die vom Lernenden ausgeht, erfolgt. Da es keine objektiv gegebene Wirklichkeit gibt, konstruieren sich die Lernenden persönliche Bedeutungen basierend auf ihren Lebenserfahrungen und Vorkenntnissen. Aus konstruktivistischer Sicht kann also nur verstanden und gelernt werden, was sich mit bereits vorhandenem Wissen verbinden lässt, wobei, wie in der Lerntheorie der kognitiven Psychologie, die eingesetzten Konstruktions- und Assimilierungsprozesse als individuell verschieden gelten und deshalb auch die Lernergebnisse unterschiedlich ausfallen. Dabei ist weder das vorhandene noch das neu erworbene Wissen objektives Wissen, sondern individuelles Wissen, “das sich selbst für Lernende, die im gleichen sozialen Kontext lernen, beträchtlich unterscheiden kann“[14]. Wie auch die Lerntheorie der kognitiven Psychologie herausstellt, besagt der Konstruktivismus, dass neues Wissen auch eine Umstrukturierung und Veränderung des vorhandenen Wissens impliziert. Weiterhin wird im Konstruktivismus der soziale Kontext innerhalb dessen Lernen stattfindet als besonders bedeutsam angesehen. Da Wissen als sozial vermittelt gilt, kommt der sozialen Interaktion beim Lernen, die in kognitiven Theorien keine Rolle spielt, eine große Bedeutung zu. In vom radikalen Konstruktivismus beeinflussten Lerntheorien spielt aber vor allem auch das Prinzip der Selbstorganisation eine wesentliche Rolle. Der Mensch gilt dabei als in sich geschlossenes System, das sich selbst und damit für sich die Welt organisiert. Das Lernen als Konstruktion von Wissen ist also Selbstorganisation und dient somit dem Erhalt des autopoietischen (sich selbst produzierenden[15]) Systems. Geht man davon aus, so müsste Lernen also auch eigenverantwortlich geschehen, da es schließlich dem Überleben des eigenen Systems dient. Deshalb propagiert der Konstruktivismus auch das eigenverantwortliche Lernen. Trotzdem stellt die Interaktion mit anderen im Bezug auf Lernen in der konstruktivistischen Lerntheorie eine wesentliche Hilfe dar, da nur sie es dem Lerner ermöglicht, seine eigenen Konstruktionen zu validieren. Denn radikale Konstruktivisten, wie etwa Glaserfeld, betonen, dass “Lernen immer dann stattfindet, wenn der Einsatz eines Wissensschemas, statt das erwartete Resultat hervorzubringen, zu einer Perturbation führt und diese wiederum Akkomodation [=Veränderung der Schemata] im Sinne von Piaget bewirkt [...]“[16]. Die soziale Interaktion stellt also eine Lernhilfe dar, da sie dazu beiträgt, dass das Gleichgewicht des eigenen Systems in Unordnung gerät.[17] “Lernprozesse setzen [nämlich] dann ein, wenn der Lernende die Möglichkeit sieht, Diskrepanzen zwischen den eigenen Wissenskonstruktionen zu verringern“[18] und, “Wissenskonstruktionen werden nur dann aufgebaut bzw. weiter entwickelt, wenn der Lerner in einer neuen komplexen Umgebung Überlebensstrategien entwickeln muss.“[19] Diese Voraussetzungen bieten vor allem auch die Neuen Medien und insbesondere das Internet mit der Möglichkeit der virtuellen sozialen Interaktion per Chat, E-Mail usw.

3.3 Die konstruktivistische Didaktik

Die konstruktivistische Didaktik versucht, “das Lehr- und Lernverhalten von den herkömmlichen (teils metaphorischen) (Vor-) Urteilen über das Wesen kognitiver Vorgänge und der Prozesse bei der Verständigung zu lösen und auf der Basis eines völlig neuen Paradigmas – das des (Radikalen) Konstruktivismus – neu zu formulieren“[20]. Sie versteht sich als Gegenpol zu den herkömmlichen „Machbarkeitsdidaktiken“, die davon ausgehen, dass richtiges Lehrverhalten automatisch zu einem kollektiv homogenen Wissen führt, solange nur die geeigneten Lehrstrategien auf die kognitiv und motivational eingestimmten Lerner treffen. Da dies aber in der Praxis meist nicht funktioniert, möchte die konstruktivistische Didaktik “die Prozesse im Kopf des Lerners in ihrer Eigendynamik und in ihrer Vernetztheit mit Umwelt, Körperwelt und Ichwelt betonen“[21] und dadurch die Rolle und das Selbstbild des Lehrers relativieren. Sie will also kontinuierlich subjektive Lernprozesse beim Lerner anregen und wendet sich somit von der traditionellen Produktorientiertheit, d.h. der Orientierung an Lernergebnissen, ab hin zu einem prozessorientierten Unterricht. Die instruierende Förderung durch den Lehrer soll aber keineswegs aufgegeben werden.[22]

[...]


[1] Wolff 1994, S. 415.

[2] Vgl. ebd. S. 423-426.

[3] Vgl. Wolff 1994, S. 409f.

[4] Vgl. Wolff 1994, S. 409.

[5] Vgl. ebd. S. 410f.

[6] Vgl. Meixner 1997, S. 14f.

[7] Wolff 1994, S. 411.

[8] Vgl. ebd. S. 411f.

[9] Wolff 1994, S. 413.

[10] Vgl. ebd. S. 413.

[11] Vgl. auch Wolff 1994, S. 413.

[12] Vgl. Meixner 1997, S. 87f.

[13] Wolff 1994, S. 414.

[14] Ebd. S. 414.

[15] Vgl. Krüssel 1993, S. 50.

[16] Wolff 1994, S. 415.

[17] Vgl. ebd. S. 415.

[18] Wolff 1994, S. 415.

[19] Ebd. S. 415.

[20] Meixner 1997, S. 10.

[21] Meixner 1997, S. 11.

[22] Vgl. ebd. S. 9ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Internet und konstruktivistischer Französischunterricht
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Didaktik Französisch)
Veranstaltung
Internet und Französischunterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V39508
ISBN (eBook)
9783638382564
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internet, Französischunterricht
Arbeit zitieren
Daniela Kilper-Welz (Autor), 2004, Internet und konstruktivistischer Französischunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39508

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