Da der seit 1974 durchgeführte kommunikative Fremdsprachenunterricht nicht die erwünschten Lernergebnisse erbringt, was durch verschiedene Studien, wie etwa die kürzlich durchgeführte PISA-Studie, immer wieder belegt wird, bringt die Fremdsprachendidaktik beständig neue methodische Vorschläge und innovative Schlagwörter hervor. Eines dieser Schlagwörter ist seit geraumer Zeit der Konstruktivismus als Gegenpol zum traditionell praktizierten Instruktivismus. Die konstruktivistische Didaktik stellt im Gegensatz zur instruktivistischen Didaktik den Lerner in den Mittelpunkt und geht davon aus, dass Lernprozesse individuell sind und “von außen nur dadurch beeinflusst werden können, dass man dem Lernenden hilft, den eigenen Lernweg zu finden“. Damit in Zusammenhang stehen Prozessorientierung, autonomes Lernen, komplexe authentische Lerninhalte und kooperatives Lernen. Diese Begriffe tauchen zwar auch vereinzelt in anderen post-kommunikativen fremdsprachendidaktischen Ansätzen auf, aber nicht kompakt und derart extrem.
Im folgenden soll ein genauerer Einblick in den Konstruktivismus und die konstruktivistische Didaktik gegeben werden. Anschließend geht es um den Einsatz der Neuen Medien, insbesondere des Internets, zur Verwirklichung eines konstruktivistischen Französischunterrichts.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Konstruktivismus als psychologische und philosophische Theorie der Wahrnehmung und Erkenntnis
2.1 Kognitive Psychologie und Konstruktivismus
2.2 Grundgedanken des (Radikalen) Konstruktivismus
3 Konstruktivistische Lerntheorie und Didaktik
3.1 Die Lerntheorie der kognitiven Psychologie und das konnektionistische Gedächtnismodell
3.2 Lernen aus konstruktivistischer Sicht
3.3 Die konstruktivistische Didaktik
4 Autonomes Lernen im Lernraum Schule
4.1 Lerninhalte und Lernziele der konstruktivistischen Didaktik
4.1.1 Lerninhalte
4.1.2 Lernziele
4.2 Lernumgebung
4.3 Sozialformen des Lernens
5 Förderung des autonomen Lernens im Französischunterricht mit Hilfe der Neuen Medien
5.1 Lehrerrolle und Aufgaben des Lehrers
5.2 Möglichkeiten des Interneteinsatzes im konstruktivistischen Französischunterricht
5.2.1 Konkrete Beispiele für Internet-Projekte und die Internet-Nutzung im Französischunterricht
A) Recherche zu einem landeskundlichen Thema
B) E-Mail-Projekte
BB) Tandem-Lernen per E-Mail
C) Lehrwerke im Internet
6 Vorteile und Probleme der Internetnutzung im Unterricht
6.1 Vorteile
6.2 Probleme
7 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus und deren Anwendungsmöglichkeiten auf den Französischunterricht unter besonderer Berücksichtigung der Neuen Medien. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch den Interneteinsatz autonomes, konstruktivistisches Lernen gefördert werden kann, während gleichzeitig die Rolle des Lehrers neu definiert wird.
- Grundlagen des radikalen Konstruktivismus und kognitionspsychologische Theorien
- Didaktische Konzepte zur Förderung von Lernerautonomie
- Einsatzmöglichkeiten des World Wide Web zur Gestaltung authentischer Lernumgebungen
- Die veränderte Rolle des Lehrers im konstruktivistisch orientierten Unterricht
- Analyse von Internet-Projekten wie E-Mail-Austausch und Tandem-Lernen
Auszug aus dem Buch
2.2 Grundgedanken des (Radikalen) Konstruktivismus
Der radikale Konstruktivismus geht davon aus, dass es keine objektiv erfassbare, allgemeingültige Realität gibt, die unabhängig vom wahrnehmenden Menschen existiert. Die Wirklichkeit wird also immer nur vom Menschen konstruiert und existiert nur subjektiv in seinem Gehirn. So kann man auch die Aussagen Protagoras’ „Der Mensch ist das Maß aller Dinge.“ und Sokrates’ „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ verstehen. Die Umwelt, so wie wir sie wahrnehmen, ist also unsere Erfindung.
Der radikale Konstruktivismus geht vom Menschen als einem autonom organisierten, sich selbst organisierenden System aus, das “sich bemüht, sein eigenes Verhalten so zu steuern, dass sein Überleben weitgehend gesichert ist“. Des weiteren werden Menschen als informationell geschlossene Systeme verstanden, deren Nervensystem von außen nicht gesteuert, sondern nur perturbiert werden kann. Somit werden eingehende Informationen nicht an vorhandenes Wissen angeknüpft, wenn sie nicht außergewöhnlich und für das Überleben wichtig sind. Außerdem werden Menschen im radikalen Konstruktivismus als beobachtende Systeme angesehen, die zur Beschreibung der Umwelt Wörter und Symbole einsetzen.
Durch die Sprache wird also immerhin die Subjektivität der Erkenntnis soweit zurückgedrängt, dass ein Konsens mit anderen ermöglicht wird. Dadurch kann sich der Mensch gesellschaftlich normierte Wirklichkeitsmodelle erschaffen, die aber nicht objektiv sind. Festzuhalten sind für die weiteren Ausführungen die folgenden Grundgedanken des radikalen Konstruktivismus: die Subjektivität menschlicher Wahrnehmung und Erkenntnis, die informationelle Geschlossenheit menschlicher Organismen und ihre Fähigkeit zur Selbstorganisation, sowie die Unmöglichkeit, die Wahrnehmung und das Erkennen steuernd von außen zu beeinflussen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Notwendigkeit neuer methodischer Ansätze im Fremdsprachenunterricht und führt den Konstruktivismus als Gegenpol zum traditionellen Instruktivismus ein.
2 Der Konstruktivismus als psychologische und philosophische Theorie der Wahrnehmung und Erkenntnis: Dieses Kapitel erläutert die kognitionspsychologischen und philosophischen Wurzeln des Konstruktivismus sowie die Subjektivität menschlicher Wahrnehmung.
3 Konstruktivistische Lerntheorie und Didaktik: Hier werden das konnektionistische Gedächtnismodell und die daraus abgeleiteten konstruktivistischen Anforderungen an Lernprozesse und Didaktik beschrieben.
4 Autonomes Lernen im Lernraum Schule: Das Kapitel diskutiert die Realisierbarkeit der Lernerautonomie in der Schule, insbesondere bezüglich der Gestaltung von Lerninhalten, Zielen und Lernumgebungen.
5 Förderung des autonomen Lernens im Französischunterricht mit Hilfe der Neuen Medien: Es werden die neuen Aufgaben des Lehrers und konkrete Möglichkeiten des Interneteinsatzes, wie Internet-Projekte oder E-Mail-Austausch, dargelegt.
6 Vorteile und Probleme der Internetnutzung im Unterricht: Dieses Kapitel reflektiert die interaktiven und motivierenden Vorteile des Internets gegenüber den praktischen Schwierigkeiten bei der Integration in den schulischen Alltag.
7 Fazit: Die Schlussbetrachtung plädiert für eine sinnvolle Ergänzung von Instruktion und Konstruktion statt eines einseitigen Paradigmenwechsels.
Schlüsselwörter
Konstruktivismus, Französischunterricht, autonomes Lernen, neue Medien, Internet, kognitive Psychologie, Lernerautonomie, Didaktik, Lehrerrolle, E-Mail-Projekte, Tandem-Lernen, Lernumgebung, Wissenskonstruktion, Medienkompetenz, Fremdsprachendidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit?
Die Arbeit untersucht das Konzept des konstruktivistischen Lernens im Kontext des modernen Französischunterrichts unter Einbeziehung des Internets.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind konstruktivistische Lerntheorien, Lernerautonomie, die veränderte Rolle des Lehrenden und der Einsatz neuer Medien als Werkzeuge für authentisches Lernen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Internet-Projekte dazu beitragen können, den Unterricht konstruktivistischer und lernerzentrierter zu gestalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf fachdidaktischer und psychologischer Literatur basiert, um die Anwendung konstruktivistischer Prinzipien in der Praxis zu bewerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Herleitung des Konstruktivismus, der Umsetzung von Autonomie im Klassenzimmer sowie konkreten Beispielen wie E-Mail-Tandems und Internet-Lehrwerken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Konstruktivismus, Lernerautonomie, Internet-Nutzung und fremdsprachliche Didaktik charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Lehrer im konstruktivistischen Französischunterricht?
Die Rolle wandelt sich vom Wissensvermittler („sage on the stage“) hin zum Berater und Lernbegleiter („guide on the side“), der organisatorische Flexibilität benötigt.
Welche Probleme werden bei Internet-Lehrwerken wie "Paris sans fin" identifiziert?
Es fehlen oft aktuelle Inhalte, eine systematische Progression und die notwendige Beteiligung von Lehrkräften an der Erstellung und Pflege der digitalen Materialien.
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- Daniela Kilper-Welz (Author), 2004, Internet und konstruktivistischer Französischunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39508