Die Konzeption der lernenden Organisation und deren sozialtheoretische Fundierung unter dem Blickwinkel der Strukturationstheorie nach GIDDENS


Diplomarbeit, 2005

88 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielstellung und Überblick
1.2 Fortgang der Arbeit

2 Die Konstitution von Gesellschaft und Organisation
2.1 Giddens` Theorie der Strukturation
2.1.1 Zentrale Aussagen der GIDDENSschen Strukturationstheorie
2.1.2 Handlung und Handelnde
2.1.2.1 Exkurs: Motivationstheorie
2.1.2.2 Der Weg zur Handlung
2.1.2.3 Die Schlussfolgerungen nach GIDDENS`
2.1.2.4 Die Rolle der Akteure
2.1.3 Struktur und Strukturation
2.1.4 Die Konstitution sozialer Systeme
2.1.5 Ausgewählte Kritiken
2.2 Von der Gesellschafts- zur Organisationstheorie
2.2.1 Formulierung der zentralen Fragestellungen
2.2.1 Lösungsansätze

3 Vom Kreis zur Helix: Stagnation oder Progression ?
3.1 Wissen als Medium progressiver Entwicklung
3.2 Wissensmanagement auf Gesellschafts- und Organisationsebene
3.3 Organisationale Lernmodelle
3.4 Das Konzept von PAWLOWSKY/BÄUMER
3.4.1 Identifikation und Generierung 45 3.4.2 Diffusion organisationalen Wissens
3.4.3 Integration und Modifikation
3.4.4 Aktion
3.5 Der Regelkreislauf: Die Rekursivität von Struktur und Handlung
3.5.1 Kreisförmige Rekursivität: Stagnation
3.5.2 Exkurs: Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert
3.2.5.1 Das geschlossene System der Zunft
3.2.5.2 Die Reformen
3.5.2.3 Fazit
3.5.3 Sozialisation durch Qualifikation: Eine Studie
3.5.3.1 Zum Sozialisationsbegriff
3.5.3.2 Zum Moralbegriff
3.5.3.3 Soziale Bedingungen und Hypothesen
3.5.3.4 Untersuchungsergebnisse
3.5.3.5 Auswertung und Zusammenfassung
3.5.4 Spiralförmige Rekursivität: Öffnung, Dynamik, Progression
3.6 Chancen und Barrieren für die helixförmige Progression
3.6.1 Macht
3.6.2 Routineneigung
3.6.3 Dezentralisierung

4 Zusammenfassung und Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die Rekursivität von Struktur und Handlung

Abbildung 2: Dimensionen von Struktur nach GIDDENS

Abbildung 3: Bedürfnispyramide nach MASLOW

Abbildung 4: Schichtungsmodell der Handlung nach GIDDENS

Abbildung 5: Die vier Bereiche des JOHARI-Fensters

Abbildung 6: Die Organisation als Ballungszentrum mehrerer sozialer Systeme

Abbildung 7: Die Hauptpfeiler für organisatorisches Wissen

Abbildung 8: Organisationales Lernen als integratives Wissensmanagement

Abbildung 9: Grundmodell der Sozialisation

Abbildung 10: Das Konzept des integrativen Wissensmanagements in den Dimensionen Struktur und Handlung

Abbildung 11: Die spiralförmige Rekursivität von Struktur und Handlung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich der begrifflichen Instanzen des Akteurs bei FREUD und GIDDENS

1 Einleitung

Ausgelöst durch den Rückgang des Weltwirtschaftswachstums Anfang des neuen Jahrtausends und ausgehend von der Erkenntnis, dass in einem relativ rohstoffarmen Land wie Deutschland die so genannten „Human Ressources“ das zentrale Element der deutschen Volkswirtschaft bilden, wurde sowohl wissenschaftlich-theoretisch als auch praktisch-wirtschaftsnah die Diskussion um einen möglichst effizienten Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit wieder aufgenommen.[1]

Ein Blick in die derzeitig aktuellen Publikationen belegt, dass das Thema „Reorganisation und organisationaler Wandel“[2] sowie Überlegungen zur Implementierung von Konzeptionen eines effektiven Personaleinsatzes[3] zunehmend die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion bestimmen.

Doch auch in der betrieblichen Alltagspraxis spielen organisationale Aspekte vor allem hinsichtlich der Kosten eine Rolle. So diversifizieren die deutschen Unternehmen vor allem deshalb zunehmend in osteuropäische und asiatische Länder, weil dort der Produktionsfaktor Arbeit nur einen Bruchteil dessen kostet, was in Deutschland aufgewandt werden müsste.[4] Dabei rückt sowohl für Volkswirtschaftler, doch auch für Gesellschafts- und Politikwissenschaftler immer mehr die Frage in den Mittelpunkt, ob dieser - aus deutscher Sicht unheilvollen - Entwicklung Einhalt geboten werden kann.[5] Immerhin gehen in Deutschland Jahr für Jahr annähernd eine halbe Million Arbeitsplätze verloren - mit zunehmender Tendenz.[6]

Das Motiv für Unternehmensberater und Autoren neuer Konzepte, wenn sie diese mit Lösungen und Aussichten auf Erfolgssteigerungen anpreisen, ist nach der Auffassung von KIESER vor allem die kommerzielle Verbreitung dieser Ideen und nicht zuletzt auch die erhoffte akademische Anerkennung.[7] Dabei, so KIESER, lässt schon der Name des Konzeptes eine gewisse Absicht als Marketing-Instrument erkennen, denn diese sind meist positiv belegt; so implizieren Konzeptnamen wie „Schlanke Produktion“, „Selbstorganisation“ oder „Empowerment“ Verbesserungen und Erfolgssteigerungen.[8]

Nun liegt es nahe, für derartig euphemistisch klingende Konzepte ähnliches für das Wissensmanagement und die lernende Organisation zu vermuten, assoziieren, wenn nicht gar implizierten doch diese Begriffe, komplex vernetztes Wissen in Organisationen bewusst steuern zu können. Ist die `lernende Organisation` nicht der Trugschluss einer Entpersonifizierung von Lernprozessen, wobei die Hoffnung auf eine Umgehung der Individuen-induzierten Probleme vorgetäuscht wird?

Nach KIESER sind unter Erfolgsdruck stehende Manager nur zu leicht für derartig scheinbar einfache Lösungen empfänglich, so dass auch kostenintensive Schulungen der Mitarbeiter und zeitaufwendige Umstrukturierungsprozesse in Kauf genommen werden. Es würde jedoch zu kurz greifen, die Gründe dafür in der Rechtfertigung vor den Aktionären sehen, welche lieber in ein dynamisches, ihrer Meinung nach fortschrittliches Unternehmen investieren, als in eines, dass Chancen auf Verbesserungen in der Organisationsstruktur verpasst.[9]

1.1 Zielstellung und Überblick

Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist darin zu sehen, neue Argumentationswege für eine Entwicklung lernender Organisationen aufzuzeigen und somit die eben genannten Einwände im Hinblick auf jenes Konzept zumindest teilweise zu entkräften. Zu diesem Zweck soll eine Sozialtheorie herangezogen werden, um die Gesetzmäßigkeiten in sozialen Systemen im Unternehmen, welches stark von den „Human Ressources“[10] geprägt ist, zu analysieren.

Entsprechend erklärt sich auch die Gliederung der Arbeit. Im ersten Teil stehen die Theorien von Anthony GIDDENS - vornehmlich die Theorie der Strukturation - im Mittelpunkt. Dabei werden spezielle Aspekte aufgegriffen anhand derer dann im weiteren Verlauf der Arbeit Erkenntnisse zu Problemen der Organisationsentwicklung gewonnen werden können. Die vorläufige Trennung der beiden Wissenschaftszweige erscheint zweckmäßig, da es sich bei den Untersuchungen und Theorien um verschiedene Perspektiven und verschiedene Zielvariablen handelt:

Geht es bei den Sozialwissenschaften um die Analyse des Zusammenwirkens von Menschen in sozialen Systemen und der Gesellschaft, um zum Beispiel bestimmte Verhaltens- und Kognitionsmuster festzustellen, so zielt die Wirtschaftswissenschaft primär auf die Analyse von Märkten und Unternehmen und deren Wirkungsweisen ab. Doch gerade im Falle der lernenden Organisation ist eine fruchtbare Zusammenführung der beiden Bereiche möglich, liefert die Sozialtheorie doch wesentliche Erklärungsansätze von Lernprozessen in sozialen Systemen.

1.2 Fortgang der Arbeit

Die Arbeit beginnt also mit der Vorstellung der Strukturationstheorie von Anthony GIDDENS. Der rekursive Zusammenhang von Struktur und Handlung in sozialen Systemen stellt dabei die Kernaussage dar, die es zu analysieren und einzuordnen gilt.

Als weiterem Schwerpunkt wird dem Problem der Offenheit oder Geschlossenheit von sozialen Systemen nachgegangen. Dieser Schritt ist für das weitere Vorgehen von zentraler Bedeutung, denn es stellt sich die Frage:

Sind Organisationen soziale Systeme, auf die sich die Kernpunkte der GIDDENS-schen Theorie übertragen lassen? Eine Gleichsetzung beider Formen ist war in der Literatur weit verbreitet[11], versperrt jedoch in vorliegendem Fall den Zugang zu einem wichtigen Anhaltspunkt für die Lernfähigkeit von Unternehmen. Denn Organisationen weisen zwar Elemente sozialer Systeme auf, sind aber quasi als Ballungszentren vieler sozialer Systeme, die in ihnen aufeinander treffen, derartig komplex, dass sich ihre Wirkungsmechanismen nicht einfach als Summe ihrer Einzelsysteme erklären lassen. Gerade die Eigenschaft sozialer Systeme, sich nicht in Organisationsgrenzen fassen zu lassen, bietet Möglichkeiten, für Wandel, Dynamik und Fortschritt offen zu sein.

Dieses Ergebnis wird im Kapitel 3.5 dieser Arbeit aufgegriffen, wenn es um die Auslegung des rekursiven strukturellen Zusammenhanges geht. Denn es ist ja das Ziel der Lernfähigkeit von Organisationen, den kreisförmigen, stagnierenden Entwicklungsverlauf zu überwinden und in einen progressiven Prozess zu überführen. Wichtigstes Medium hierfür ist der Umgang mit Wissen, das heißt, dessen Entwicklung und Steuerung, so dass das System, bzw. die Organisation davon profitiert.

Auf Unternehmensebene wird nun untersucht, welche Lernprozesse ablaufen können und welche Rolle dabei die sozialen Systeme innerhalb und außerhalb der Organisation spielen. Anhand des Konzeptes des „integrativen Wissensmanagements“[12] von Peter PAWLOWSKY soll schließlich die Lernfähigkeit von Unternehmen belegt werden.

Dem geschlossenen Kreislaufsystem einer Organisation wie den mittelalterlichen Zünften wird durch die Erkenntnis der modernen Organisationsforschung eine Helixstruktur gegenübergestellt, die eine spiralförmige Rekursivität widerspiegelt. Der Ort der Aufspaltung des stagnierenden Regelkreises soll dabei am Handeln fixiert werden. Mit Hilfe eines Sozialisationsansatzes lässt sich hierbei zeigen, dass das Handeln der Organisationsmitglieder durchaus entwickelbar, mitunter steuerbar ist, und zwar durch organisationsinterne sowie -externe Faktoren. Diesem Nachweis wird eine Längsschnittstudie von HOFF/LEMPERT/LAPPE dienen.[13]

Letztendlich wird gezeigt, dass die Öffnung der Organisation diese aus ihrem stagnierenden Kreislauf befreit, es werden Schnittstellen zur Umwelt sichtbar, durch die Wissen integriert und vorhandene Wissenssysteme modifiziert werden können. Damit hat die Organisation die wichtigste Voraussetzung zum Lernen erreicht, die Lernfähigkeit. Ob diese zur Erfüllung der Zielstellung nach progressiver Entwicklung ausreicht, oder ob weitere Bedingungen erfüllt sein müssen, wird schließlich im Hinblick auf die Chancen und Barrieren des organisationalen Lernens im spiralförmigen Entwicklungsprozess untersucht.

2 Die Konstitution von Gesellschaft und Organisation

Seit ihren Anfängen nahmen die Sozialwissenschaften immer wieder Bezug auf das Phänomen der zunehmenden Organisierung sozialer Bereiche. Sie mussten Organisation im Prinzip auch gar nicht erst entdecken, denn die Geburtsstunde der Soziologie nach der französischen Revolution im 19. Jahrhundert fällt zusammen mit einer verstärkten gesellschaftlichen Präsenz von Organisation, seien es Manufakturen, Geheimbünde, Parteien, Krankenhäuser oder das vermehrte Vereins- und Verbandswesen. Soziologisch gesehen ist die grundlegendste Erkenntnis der französischen Revolution, dass Gesellschaft tatsächlich machbar und gestaltbar ist, nachdem die göttliche Ordnung der Gesellschaft spätestens durch HOBBES verabschiedet worden war.[14] Es lag also nahe, so die Hoffnungen der frühen Sozialisten, eine Wissenschaft der Gesellschaft zu entwickeln und sich der `Technologie` der Organisation zu bedienen, um die Vorstellungen von einer besseren Gesellschaft umzusetzen.[15] Das zunächst eher positive Bild von Organisation begann jedoch im Laufe des Jahrhunderts zu verblassen und wurde, besonders von KIESER, durchaus kritisch beleuchtet.[16]

Die soziologisch wichtige Frage der Beziehung von Organisation und Gesellschaft gewann an Interesse und Dringlichkeit und fand vor allem in Max WEBERs Werk die erste systematische Abhandlung.[17] Max WEBER war in der Beobachtung dieses Zusammenhangs schon weiter als die unzähligen Kritiken, die auf seine „Bürokratietheorie“[18] folgten, zunächst vermuten lassen.[19] Abgesehen von den Hauptzielen der Kritik, nämlich seiner idealtypischen Methode (bzw. ihrem Missverständnis) und der Art erfolgter Kausalerklärungen, ist in diesem Kontext WEBERs Erkenntnis entscheidend, dass die Gesellschaft Bürokratie als immanente Herrschaftsstruktur hervorbringt. Bürokratie (bzw. allgemeiner und aktueller: Organisation) wird von WEBER als wesentliches Merkmal der strukturellen Ausrichtung der modernen Gesellschaft angesehen und als moderner Herrschaftstypus charakterisiert. Sie ist nach WEBER die rationale Herrschaft, das heißt Herrschaft qua Rationalität. Dass damit nicht gemeint war, wovon vor allem die amerikanische WEBER-Rezeption ausging, dass Organisationen objektiv rational operieren und sich dadurch von einem Chaos außerhalb abgrenzen, wurde und wird teilweise noch übersehen.[20] Es ist diese allgemein sich durchgesetzte Vorstellung von Rationalität in der Gesellschaft, die eine Struktur generiert, die ihr hohes Maß an Legitimität aufgrund der Unterstellung von eben dieser Rationalität genießt.[21]

Dieser Beziehung zwischen zunehmender Organisierung und moderner Gesellschaft wurde, wie WEBER bereits 1921 beklagt, weniger Beachtung geschenkt, so dass bereits Mitte des 20. Jahrhunderts Organisationen selbst mehr und mehr als Objekte der Forschung entdeckt wurden.[22]

Die Kehrseite dieser förmlich explodierenden Forschungsrichtung war, dass dadurch Organisation und Gesellschaft immer öfter als getrennte Einheiten wahrgenommen wurden. Obgleich Organisationen als integrativer Bestandteil der Gesellschaft vermutet wurden, galt jedoch die Theorie, sie seien vornehmlich damit beschäftigt, gegenüber einer eher `feindlich` agierenden gesellschaftlichen Umwelt ihr Existenz zu sichern (durch Anpassung, Abwehr, Kampf um Ressourcen etc.). So gewann das System/Umwelt-Denken in der Organisationstheorie überhand.[23]

Nur vereinzelt fanden sich hin und wieder Stimmen, die darauf hinwiesen, dass ein angemessenes Verständnis von Organisation nur über eine elaborierte Gesellschaftstheorie zu realisieren ist.[24]

2.1 Giddens' Theorie der Strukturation

Anthony GIDDENS veröffentlichte seit Beginn der siebziger Jahre zahlreiche Werke, in denen er sich mit moderner Sozialtheorie beschäftigte. Dabei wandte er sich vor allem gegen drei so genannte funktionalistische Ansätze, wie sie speziell von Systemtheoretikern wie PARSONS vertreten wurden:

1. Die Betrachtung des „Wertkonsens“ bzw. der symbolischen Ordnungen statt der Betrachtung praktischer Aspekte sozialen Handelns,
2. die strenge Isolierbarkeit von Gesellschaften, wie sie von Vertretern der Systemtheorie proklamiert wurden, wobei Gesellschaften als Arten von `biologischen Einheiten` betrachtet wurden und
3 Theorien, nach denen sich Gesellschaften einem Evolutionsmechanismus unterziehen.[25]

GIDDENS' Gegenargumentationen zu diesen Strömungen fasste er in seinem 1984 erschienenen Werk „The Constitution of Society“[26] zusammen, in welchem er die Theorie der Strukturation vorstellt.[27]

Die teilweise kritisierte „Offenheit der Theorie“[28], womit die scheinbar lose Zusammenführung der in sich schlüssigen Details bemängelt wird, schafft allerdings viel Raum für verschiedenartige Interpretationen der Theorie und ermöglichte somit weiterführende Arbeiten. Dies belegt unter anderem auch das Volumen an aufgekommener Sekundärliteratur und die Tatsache, dass sich zahlreiche Soziologen kritisch würdigend mit GIDDENS' Betrachtungen auseinandersetzten.

Im Folgenden soll die Theorie der Strukturation vorgestellt werden, so wie sie von GIDDENS entwickelt wurde, wobei Ergänzungsliteratur zur Interpretation herangezogen wird. Um die Kernaussagen nicht aus dem Blickwinkel zu verlieren, werden die zentralen Ergebnisse vorangestellt. Danach werden einzelne Problembereiche wie „Handlung und Handelnde“, „Struktur und Strukturation“ sowie die GIDDENSsche Auffassung von sozialen Systemen detaillierter betrachtet.

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll dann auf Erweiterungen, die für die vorliegende Analyse von besonderer Bedeutung sind, eingegangen werden. Den Abschluss dieses Kapitels bilden einige ausgewählte kritische Würdigungen der GIDDENS-schen Strukturationstheorie und seiner Vorgehensweisen. Da diese als Grundlage der Ausarbeitungen im Kapitel 3 genutzt werden sollen, empfahl sich an jener Stelle eine Auseinandersetzung mit den Kritikpunkten, um daraus die Legitimation für die weitere Verwendung der Theorie zu generieren.

2.1.1 Zentrale Aussagen der GIDDENSschen Strukturationstheorie

Wie der Name bereits vermuten lässt, befasst sich die Theorie der Strukturation mit den Strukturen in sozialen Systemen und in Gesellschaften sowie deren Wechselwirkungen mit dem Handeln der Mitglieder. GIDDENS stellt dabei den Gedanken der „Dualität von Struktur“[29] in das Zentrum seiner Theorie. Diese Dualität besteht in der Eigenschaft von Strukturen, sowohl Medium als auch Ergebnis der Handlungen zu sein. Die Strukturen bestehen aus Regeln und Ressourcen, welche rekursiv in die Reproduktion sozialer Systeme einbezogen sind.

Diese „Dualität von Struktur“[30] produziert also einen Regelkreislauf zwischen Struktur und Handlung, in dem wechselseitige Abhängigkeiten bestehen:

Struktur

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Handlung

Abbildung 1: Die Rekursivität von Struktur und Handlung.

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Giddens, A.: Die Konstitution der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1988.

Die herrschenden Strukturen mit ihren Regeln und Ressourcen stellen für die Individuen bestimmte Handlungsmuster zur Verfügung. Handeln wird dabei als ein dialektischer Prozess aufgefasst: Er entwickelt sich aus den Wechselwirkungen mit der Struktur. Die Handlungen des Individuums werden außer von den Strukturen auch von bestimmten Fähigkeiten und Einstellungen bestimmt. Daraus ergeben sich die individuellen Ressourcen und Machtpotentiale. Dabei entwickelt der Handelnde eine gewisse Routine, die nach GIDDENS aus einem Streben nach Rationalisierung der Handlungsabläufe resultiert.[31] Solche routinierten Handlungen werden in der Struktur widergespiegelt und reproduzieren sie somit im Kreislauf immer wieder aufs Neue. Die Handlungen erzeugen die Strukturen auch über Raum und Zeit hinweg. Das heißt: Hat die Person einmal bestimmte Strukturen in ihr Alltagshandeln aufgenommen und verinnerlicht, so gelten diese auch noch in sozialen Prozessen, die zeitlich und räumlich kontextlos zum Ursprungsprozess stehen.

GIDDENS sieht weiterhin eine Unterscheidung des Handelns in intentional und unintentional.[32] Ausschlaggebend dabei ist, ob sich durch den Eingriff des Individuums etwas ereignet hat, das ohne den Eingriff (das Handeln) anders verlaufen wäre. Je weiter dabei die Folgen der Handlung in Zeit und Raum vom Handlungskontext abweichen, desto weniger, so die Schlussfolgerung GIDDENS´, beabsichtigt sind sie.[33] Allerdings werden die Handlungsfolgen durch das Bewusstsein der Handelnden über ihr Machtpotenzial beeinflusst. So kann die Person durchaus Handlungsfolgen an einem entfernten Ort in weiter Zukunft beabsichtigen und beeinflussen, wenn sie entsprechende Macht über spätere Einflussfaktoren der Handlungsfolge besitzt bzw. die Handlungsfolge bewusst auf einen anderen Ort und Raum verlegt.[34]

Struktur ist somit für GIDDENS das, was verantwortlich ist dafür, dass der Ablauf der Dinge so und nicht anders geschieht. Dabei unterscheidet er drei Dimensionen von Struktur, die alle über die Dualität der Struktur mit Handlung rekursiv verknüpft sind (vgl. dazu Abbildung 2). Wirksam werden diese drei Dimensionen über den komplexen Zusammenhang von je Strukturdimension typischen Regeln oder Ressourcen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Dimensionen von Struktur nach GIDDENS

Quelle: Giddens, A.: Die Konstitution der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1988, S. 81, leicht modifiziert

Die Dimension Signifikation bzw. die ihr zugehörenden Regeln der Sinnkonstitution steuern die Erinnerungsspuren, die mit der (Be-)Deutung der sozialen Welt als Grundlage des Handelns zusammenhängen.[35] Sie stellt also die kognitive Ordnung des sozialen Handelns bereit. NEUBERGER formuliert hierbei treffend:

„Wie die Welt zu sehen ist, ist nicht ins Belieben der einzelnen Subjekte gestellt oder deren individuelle Leistung; sie sind vielmehr in ihren jeweiligen kulturellen und sozialen Kontexten und ganz bestimmten Welt-Anschauungen, kognitiven Ordnungen oder Deutungsschemata aufgewachsen, die ihnen zur sprichwörtlichen ‚zweiten Wirklichkeit’ geworden sind und damit zu einer normalerweise nicht hinterfragten Selbstverständlichkeit.“[36]

Die Dimension Herrschaft bzw. die ihr zugehörenden allokativen und autoritativen Ressourcen stellen die faktische Ordnung des Handelns bereit.[37] Damit kommt die Strukturdimension Herrschaft dem traditionellen Strukturbegriff am nächsten. Für GIDDENS geht es bei dieser Strukturdimension um das Vermögen bzw. die Fähigkeit der Handelnden, in die soziale Welt verändernd eingreifen zu können.

In der Dimension Legitimation bzw. den ihr zugehörenden Regeln der Sanktionierung von Handeln fussen die Erinnerungsspuren, die mit der Begründung und Rechtfertigung des Handelns zusammenhängen. Sie stellt also die normative Ordnung des sozialen Handelns bereit, „in der die Prinzipien oder Geltungsansprüche enthalten sind, denen soziale Handlungen und Verhältnisse zu genügen haben. Wer diesen vorgegebenen Prinzipien folgt, entlastet sich von allfälliger Begründungsarbeit.“[38]

2.1.2 Handlung und Handelnde

Nach GIDDENS existiert nun eine enge Abhängigkeit zwischen den drei Strukturdimensionen. Beispielsweise müssen sich Legitimation und Signifikation auf Herrschaft stützen können, um Erfolg zu haben. Umgekehrt ist Herrschaft aber ebenso auf Legitimation und Signifikation angewiesen, um Bestand zu haben. GIDDENS weist darum verschiedentlich darauf hin, dass diese drei Strukturdimensionen nur analytisch trennbar sind.

Die drei Dimensionen von Struktur sind, wie bereits erwähnt, über die Dualität der Struktur rekursiv verknüpft mit Handlung, das heißt, jede Strukturdimension findet auf der Ebene der Handlung ihre Entsprechung im Handeln sozialer Akteure. Signifikation erhält ihren Ausdruck somit in kommunikativem Handeln, Herrschaft zeigt sich im machtvollen Eingreifen in den fortlaufenden Gang der Ereignisse und Legitimation verwirklicht sich in sanktionierenden Maßnahmen.

Zur Verdeutlichung dieser wechselseitigen Beziehung führt GIDDENS den Begriff der Modalitäten ein:

„Es geht darum, die Bewusstheit der Akteure mit den strukturellen Momenten sozialer Systeme zu vermitteln. Akteure beziehen sich auf diese Modalitäten in der Reproduktion der Interaktionssysteme, und im selben Zug rekonstruieren sie deren Strukturmomente.“[39]

Modalitäten nehmen also eine Vermittlungsfunktion zwischen Struktur und Handlung ein. Beispiele solcher Modalitäten sind verwendete Interpretationsschemata (Wahrnehmungsmuster, Sprachmuster), eingesetzte Machtmittel (Organisationsinstrumente, Infrastruktur, Rohstoffe, Geld) und gelebte Normen (organisatorische Regeln, juristische Festlegungen).

Die Modalitäten selbst sind wiederum rekursiv mit dem Handeln verknüpft. Sie werden nicht nur durch Handeln hervorgebracht, sondern sie sind auch das Vehikel, mit denen sich die Handelnden ausdrücken. In und durch ihre Handlungen reproduzieren die Handelnden demnach die Bedingungen, die ihr Handeln ermöglichen. Dieser selbstreferenzielle Bezug ist die Quelle der Stabilität und Kontinuität des Handelns und die Voraussetzung dafür, dass sich aus dem Handeln sich wiederholende soziale Praktiken herausbilden können, wodurch die soziale Welt Ordnung annimmt. Damit ist nochmals der virtuelle Charakter von Struktur betont, dass heißt die Unmöglichkeit allein durch (Erinnerungsspuren von) Strukturen Ordnung in einem sozialen System zu schaffen und zu erhalten. Vielmehr wird dazu das Zusammenspiel dreier Elemente benötigt:

„ (a) knowledge - as memory traces - of ‚how things are to be done’ (said, written), on the part of social actors;

(b) social practices organised through the recursive mobilisation of that knowledge;
(c) capabilities that the production of those practices presupposes.“[40]

Nun geht der Handlung in aller Regel[41] eine personelle Motivation voraus, die Art, Umfang und Qualität der Handlung festlegt. Für diese existieren in der intrapersonellen Forschung diverse theoretische Fundierungen, die hier im Rahmen eines kurzen Exkurses dargelegt werden sollen.

2.1.2.1 Exkurs: Motivationstheorie

Der Begriff „Motiv“ stellt ein Konstrukt dar: Es wird davon ausgegangen, dass Motive existieren, sie können jedoch nicht direkt beobachtet werden. Um beobachtete Regelhaftigkeiten des Verhaltens nicht nur beschreiben, sondern auch erklären zu können, wird daher eine Größe eingeführt, die in eine Theorie eingebettet ist oder aus ihr abgeleitet wird.[42]

Ursprünglich werden Motive als bewusste Beweggründe oder -ursachen einer Handlung definiert. Sie sind Faktoren, die in die Aktivierung und Steuerung von Handlungen eingreifen. Während in der angelsächsischen Literatur auch biologische Bedürfnisse wie z.B. das Nahrungsbedürfnis als Motive bezeichnet werden (hunger motive), wird im Deutschen der Motivbegriff meist als „konkrete Bereitschaft, bezogen auf eine bestimmte Handlung“[43] verstanden und daher von Bedürfnissen abgegrenzt.

In diesem Zusammenhang erlangte die Theorie von MASLOW, der die Motive menschlichen Handelns in einer Bedürfnispyramide anordnet und grundlegende Bedürfnisse höheren Bedürfnissen gegenüberstellt, eine zentrale Bedeutung. Diese ist in Abbildung 3 skizzenhaft dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Bedürfnispyramide nach MASLOW

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Maslow, A. H.: Toward a Psychology of Being, New York 1962, S. 44.

Auf der untersten Stufe stehen physiologische Bedürfnisse, darauf folgen Sicherheit, Bindung (Zugehörigkeit und Liebe), Selbstachtung und Achtung durch andere, Selbstverwirklichung und kognitive Bedürfnisse (Verlangen nach Wissen und Verstehen).[44]

Die Vielzahl der älteren oder neueren Klassifikationen umfassen unter anderem folgende Motive:

- Sozialer Vergleich: Damit man in seinen Handlungen Erfolgsaussicht hat, muss man ein Gefühl für eigene Stärken, Schwächen, Mängel und Fähigkeiten entwickeln.[45] Menschen wollen daher ihre Meinungen und Fähigkeiten, aber auch Wünsche (wants) und deren Befriedigung mit denen anderer vergleichen, ihre Sicht der Realität testen[46], eigene Gefühle und das eigene Erleben validieren[47], sich also selbst einschätzen lernen.[48] Sozialer Vergleich kann nach FISCHER/WISWEDE aus mehreren Gründen stattfinden, es gebe also Sub-Motive[49]:

1. Das Bedürfnis nach Validierung,
2. das Bedürfnis nach Selbstverbesserung sowie
3. das Bedürfnis nach „Demonstration“[50], wobei der Vergleich Selbstbild wahrende oder Selbstwert erhöhende Funktion habe, also dazu diene, sich von anderen positiv abzuheben (Abhebung) oder mit ihnen im Einklang zu sein (Anpassung).[51]
4. Das Bedürfnis nach Zusammenschluss oder Kontakt zu anderen[52]: Menschen wollen mit anderen zusammen sein und sie wollen Vielfalt und Stimulation durch ihre Umgebung erfahren.[53]

- Bedürfnis nach sozialer Anerkennung[54]
- Leistung[55]: Das Leistungsmotiv ist sehr komplex, zwei Menschen, die gleich stark leistungsmotiviert sind, können dies aus unterschiedlichen Gründen und in jeweils bestimmten Situationen sein.[56]
- Machtmotiv[57]: Macht kann nach FISCHER/WISWEDE auch instrumentell sein, also für das Erreichen anderer Ziele wie z.B. Prestige eingesetzt werden.[58]

Obgleich die Klärungen hier weitestgehend eindeutig erscheinen, ist der Motivbegriff mit einer Reihe von Problemen verbunden. Beispielsweise beklagt HERKNER, dass als Motive zahlreiche sehr unterschiedliche Phänomene bezeichnet werden, wodurch fälschlicherweise der Eindruck entsteht, dass diese wesentliche Gemeinsamkeiten hätten.[59] Da Motive nicht direkt beobachtbar sind, ist auch ihre Messung sehr schwer.[60] Darüber hinaus ist die Ableitung von Motiven aus beobachteten Handlungen problematisch, denn es besteht keine eindeutige Beziehung zwischen Motiv und Handeln, das heißt gleiches Handeln kann auf unterschiedliche Motive zurückgeführt werden bzw. verschiedene Handlungen auf das gleiche Motiv.[61] Häufig werden Motive aber als Konstanten aufgefasst, das heißt, man nimmt an, dass ein Motiv über verschiedene Situationen hinweg vorhanden ist. In der Realität ist jedoch nicht davon auszugehen, dass sich eine Person in allen Situationen gleich verhält, z.B. gleichermaßen aggressiv oder gleichermaßen leistungsorientiert. Man müsste daher ständig neue Motive für verschiedene Bereiche annehmen. Eine Abgrenzung und Klassifikation von Motiven stellt sich somit als äußerst schwierig dar.[62] Die oben dargestellten Klassifikationen verdeutlichen dieses Abgrenzungsproblem: Es gibt sehr viele Überschneidungen und Unklarheiten. Einige Motive existieren nicht per se, sondern werden auf Submotive zurückgeführt, sodass sich die Frage stellt, wie sinnhaft die Annahme übergeordneter Motive ist (z.B. Altruismus, Arbeit).

Nach HERKNER können viele der als Motiv bezeichneten Phänomene durch Kognition erklärt werden, z.B. durch positive oder negative Konsequenzen (negative oder positive Erfahrungen).[63] Ebenso könne man stark gefühlsbetonten Handlungen und Reizen ein Motiv zuordnen, das heißt Lernprozesse zur Erklärung heranziehen (Vgl. hierzu Lerntheorien nach PAWLOW, PIAGET und BANDURA[64])

Durchgesetzt hat sich in den letzten Jahren jedoch die Darstellung von Motiven als Regelkreise. Hier werden Motive durch ihr Ziel definiert.[65]

In vorliegender Arbeit wird jedoch davon ausgegangen, dass verschiedene Motive in der Gemeinsinns-Arbeit zum Tragen kommen. Angesichts der Abgrenzungsprobleme erscheint auch ein Ansatz sinnvoll, der eher ich-bezogene von eher altruistischen Motiven unterscheidet[66], wobei anzunehmen ist, dass

1. die Motivgruppen einander nicht ausschließen, sondern gemeinsam auftreten können[67] und dass sich
2. sich darunter auch unbewusste Motive befinden können oder solche, über welche die betreffende Person keine Auskunft geben will.

Ebenso wie Motiv kann auch Motivation nicht direkt beobachtet werden und stellt daher ein hypothetisches Konstrukt dar.[68] Motivation wird demnach als ein „aktivierender Prozess mit richtungsgebender Tendenz“[69] verstanden; sie enthält eine energetische (aktivierende) und eine Richtungs- (kognitive oder Ziel gebende) Komponente.[70] Motivation entsteht, wenn Motive der Person durch Anreize der Situation angeregt werden.[71] Sie stellt also das Interaktionsprodukt aus Personenmerkmalen und wahrgenommenen Situationsanlässen dar.[72] Sie ergibt sich jedoch nicht durch objektive Sachverhalte, sondern durch die subjektiven, von der Person wahrgenommenen und bewerteten Tatbestände.[73]

Motivation gilt nicht als handlungsveranlassend per se, sondern wird als eine Zwischenstufe auf dem Weg zur Handlung verstanden. Nach HECKHAUSEN ist sie das „Anstreben von Zielzuständen.“[74] Dieses Streben ist an zwei Voraussetzungen gebunden:

1. Der angestrebte Zielzustand muss vorweggenommen werden können; es gibt eine entsprechende Erwartung.
2. Der Zielzustand muss Wertcharakter haben, „Bekräftiger“[75] sein.[76]

Was einer Person wert erscheint, es zu erreichen, hängt von sehr individuellen Wertungsdispositionen und von Situationsumständen ab. Neben dem Wertaspekt ist aber auch der Erwartungsaspekt von Situation und Person abhängig. Erwartung und Anreiz sind wie Motiv und Motivation hypothetische Konstrukte.[77]

2.1.2.2 Der Weg zur Handlung

Allgemein, also jenseits der Theorie GIDDENS` ist der Begriff „Handlung“ von den Begriffen wie „Verhalten“ und „Tätigkeit“ abzugrenzen. Die Definition und Verwendung der Begriffe ist jedoch sehr uneinheitlich.

Während Verhalten einerseits als Oberbegriff[78], andererseits als „jede Bewegung, die von einem Lebewesen ausgeführt wird“[79] verstanden wird, ist unter Handlung „eine in sich geschlossene Einheit der Tätigkeit“[80] zu bezeichnen. Sie bildet „die kleinste psychologische Einheit der willensmäßig gesteuerten Tätigkeiten.“[81]

Handlungen sind also auf ein bestimmtes und bewusstes Ziel hin ausgerichtet[82], das heißt auf ein „vorweggenommenes“[83] Handlungsergebnis.[84]

Nach HOFF manifestiert sich Handeln im Gegensatz zum Verhalten durch eine stärkere „Aus- und Umgestaltung“[85] der Umwelt durch die Person. Person und Umwelt beeinflussen einander und sind ihrerseits beeinflussbar. In rollentheoretischer Terminologie ist hier von gleichzeitigem „role taking“[86] und „role making“[87] zu sprechen.[88]

Eine Tätigkeit umfasst hingegen nach STENGEL mehrere Handlungen und ist auf ein (nicht immer bewusstes) Oberziel oder Motiv hin ausgerichtet. Das heißt, während Handlungen immer bewusst und auf ein Ziel hin ausgerichtet seien, werde der Tätigkeit als einer Gesamtheit von Handlungen ein (nicht immer bewusstes) Motiv zugeordnet.[89] SCHNEIDER/SCHMALT sprechen bei einer Tätigkeit von einem hierarchisch organisierten Zielkomplex, der verschiedene, wiederum hierarchisch untergliederte Unterziele enthält.[90]

Ebenso, wie Motive und Handlungen nicht unmittelbar miteinander verbunden sind[91], führt auch Motivation nicht direkt zur Handlung. Dazwischen liegen viele Schritte.[92] Verschiedene Theorien versuchen auf sehr unterschiedliche Weise, das Zustandekommen von Handlungen zu erklären. Dieser Pluralismus ist nach RHEINBERG nötig, um der Heterogenität des Untersuchungsgegenstandes Motivation gerecht zu werden.[93]

2.1.2.3 Die Schlussfolgerungen nach GIDDENS`

Die genannten Betrachtungsweisen führten GIDDENS zu einer rationalistischen Auffassung von Motivation, das heißt, dass einer Handlung stets eine rationale Überlegung in der Weise vorausgeht, dass negative Sanktionen vermieden und positive gefördert werden. Unter dem weiteren Einfluss „unerkannter Handlungsbedingungen“ („unacknowledged conditions“)[94] kommt es zu einer reflexiven Steuerung des Handelns und neben beabsichtigten auch zu unbeabsichtigten Handlungsfolgen („intended/unintended consequences of action“).[95] Die Handlungsbedingungen und die Handlungsfolgen können nun je nachdem bewusst wahrgenommen werden oder in den Bereich des Unbewussten fallen. Diesen Zusammenhang stellt das Schichtungsmodell der Handlung nach GIDDENS in der Abbildung 4 dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Schichtungsmodell der Handlung nach GIDDENS

Quelle: Eigene Darstellung, in Anlehnung an: Giddens, A.: Die Konstitution der Gesellschaft, Frankfurt/Main 1988, S. 56.

In diesem Zusammenhang spielt der Begriff des JOHARI-FENSTERs eine besondere Rolle. Benannt nach den amerikanischen Psychologen Joe LUFT und Harry INGHAM ist das vierteilige "JOHARI-Fenster" eine grafische Darstellung der Beziehungssituation innerhalb einer Gruppe. (Vgl. dazu Abbildung 5.)

[...]


[1] Vgl. hier z. B. Kieserling, 2000, S. 23-26.

[2] Buck, 2003, S. S. 127.

[3] Vgl. hier z.B. Heel 1999, S. 2.

[4] Vgl. als Beispiele: Thomsen/Kuhn, 1998, S. 74 f. sowie Wanzenbock 1998, S. 126 ff.

[5] Vgl. hier z.B. Strange 1994, S. 211 ff.

[6] Vgl. Afhüppe/Reute, 2004, S. 100.

[7] Vgl. Kieser 1996, S. 22.

[8] Vgl. ebda., S. 21-39.

[9] Vgl. ebda., S. 21.

[10] Hansen 2001, S. 16.

[11] Vgl. hier z. B. Becker 1996, S. 119. Aber auch andere Autoren heben auf einen ähnlichen Sachverhalt ab. So bezeichnet WIEDEMANN das „Unternehmen als soziale Organisation", und diese wiederum als soziales System, welches evolutorischen Gesetzen unterliege. Vgl. Wiedemann 1971, S. 18.

[12] Pawlowsky 1998, S. 9.

[13] Vgl. Hoff/Lempert/Lappe 1991.

[14] Vgl. Bauman 1995, S. 16 ff. sowie Türk/Lemke/Bruch 2002, S. 49 ff.

[15] In diesem Zusammenhang sind besonders die Werke von SAINT-SIMON und COMTE von Bedeutung. Vgl. Türk, 2000, S. 11.

[16] Vgl. Kieser 1999, S. 39 ff.

[17] Vgl. Weber 1972.

[18] Ebda., S. 551.

[19] Vgl. ebda., S. 541 ff.

[20] Diese oberflächliche Auseinandersetzung mit WEBER kritisiert auch TÜRK (vgl. Türk, K.: Neuere Entwicklungen in der Organisationsforschung. Ein Trend Report. Stuttgart 1989, S. 1) LUHMANN legt WEBER auch auf diese fragliche - zumindest zu hinterfragende - Weise aus. Vgl. Luhmann 1993, S. 359. Auch dass WEBER die Umwelt von Organisationen unbeachtet lasse (siehe Luhmann 1964, S. 129-158, hier besonders S. 132 f. und S. 157.) greift so gesehen zu kurz, da man auf WEBER nur in unbefriedigender Weise eine Systemvorstellung von Organisation anwenden kann. Er versteht Bürokratie als Herrschaftsstruktur der Gesellschaft und operierte schließlich ohne ausgearbeiteten Gesellschaftsbegriff. Damit wurde diese Trennung in der Theorie nicht vollzogen, da es sie in seiner Sicht zwischen Organisation (Bürokratie) und moderner Gesellschaft überhaupt nicht gibt. Dass bei dieser Betrachtung die andere Seite, Organisationen als soziale Gebilde zu verstehen, die sich selbst operativ von einer Umwelt abgrenzen, abhanden kommt, mag durchaus sein. Das jedoch rechtfertigt den Vorwurf gegen WEBER nicht. Es verdeutlicht vielmehr, warum eine rein organisationssoziologische Interpretation WEBERs an der Empirie scheitern musste.

[21] Diese Tautologie ist bewusst gewählt. Selbstreferenz ist und bleibt ein grundlegendes Merkmal sozialer Systeme und vertreibt zudem in der Theorie die Versuchung, das Kausalschema zu benutzen.

[22] Vgl. hier z.B. Ortmann/Sydow/Türk 2000, S. 263-311.

[23] „The general topic of this chapter is the relation of the society outside organizations to the internal life of organizations“, heißt es z.B. direkt zum Einstieg bei STINCHCOMBE (Vgl. Stinchcombe 1965, S. 142-193.) Dieses Beispiel steht für zahlreich andere, die ein derartiges Verständnis der Beziehung von Organisation und Gesellschaft annehmen. Eine systematische Kritik der Tatsache, dass Gesellschaft zur Residualkategorie „Umwelt“ organisationsinterner Abläufe reduziert wird, findet sich bei KUDERA (vgl. Kudera 1977, S. 16-38.)

[24] Vgl. Adorno 1954, S. 22.

[25] Vgl. Giddens 1984, S. xxxvii.

[26] Vgl. ebda.

[27] Hinsichtlich der 1992 erschienenen deutschen Übersetzung sind die Begriffsintentionen problematisch, da GIDDENS in seinem Werk eine Reihe neuer Begriffe einführte, die bis dato in keinem Wörterbuch verzeichnet waren. Insbesondere der Begriff „Strukturation“, der u. a. von BECKER (1996), WALGENBACH (1996) u.a. verwendet wird, erscheint treffender als der der „Strukturierung“ in der deutschen Übersetzung der „Konstitution der Gesellschaft“, da letzterer eher einen Prozess beschreibt, was GIDDENS nicht beabsichtigte. Vgl. dazu auch Becker 1996, S. 118 f. Somit wird für die vorliegende Arbeit das Original der Übersetzung vorgezogen.

[28] Craib, I., 1992, S. 5.

[29] Giddens 1988, S. 77.

[30] GIDDENS versucht hierbei, scheinbar unvereinbare Dualismen zu handhaben, ohne ihre ursprüngliche Eigenschaft aufzuheben. Diesen Dualismus wandelt er begrifflich in „Dualität": Die Anerkennung der Gegensätzlichkeit zweier Aspekte und die gleichzeitige Berücksichtigung ihrer Wechselwirkungen aufeinander. Ein weiteres Beispiel für solche „Dualismen" sind „Stabilität versus Wandel": Stabilität ist das Ergebnis von Wandel und gleichzeitig dessen Voraussetzung (vgl. dazu Neuberger 1995, S. 289 f. und Osterloh/Grand 1997, S. 355). Ebenso verhält es sich laut Strukturationstheorie mit den Dualismen „Struktur und Handlung": Das zweckgerichtete Handeln, welches GIDDENS dem gesellschaftlichen, sozialen Wesen zuspricht reproduziert die Strukturen, aus denen heraus es resultiert: Handeln ist rekursiv. Vgl. Giddens 1988, S. 11 f.

[31] Vgl. ebda., S. 11 ff.

[32] Vgl. ebda., S. 13 f.

[33] Vgl. ebda., S. 15 f.

[34] Vgl. Giddens 1988, S. 16 f.

[35] Wie schon beim Strukturbegriff verwendet GIDDENS auch einen ganz eigenen Regelbegriff. Das, was traditionellerweise unter dem Begriff Regeln (als schriftlich festgehaltene Anweisungen) verstanden wird, sind für GIDDENS lediglich kodifizierte Interpretationen von Regeln. Mit seinem Regelbegriff verknüpft GIDDENS vielmehr Verfahrensweisen des Handelns, das heißt verallgemeinerbare Verfahren, die in der Reproduktion sozialer Praktiken angewendet werden. (Vgl. ebda., S. 82 ff.) Regeln im Sinne GIDDENS` sind also eher als Regelmäßigkeiten des Handelns zu interpretieren.

Mit „steuern“ ist nicht ein aktiver Prozess gemeint, sondern das Ergebnis des praktischen Bewusstseins der Handelnden.

[36] Neuberger 1995, S. 307 f.

[37] Vgl. Kap. 2.1.3.

[38] Neuberger 1995, S. 308 f.

[39] Giddens 1988, S. 81.

[40] Ebda., S. 64.

[41] GIDDENS nimmt hierbei körperliche Ungeschicklichkeiten, die z.B. mit dem Ausruf „Hoppla“ verbunden sind sowie nicht beabsichtigte Versprecher explizit aus. Vgl. Giddens 1988, S. 56.

[42] Vgl. Heckhausen 1989, S. 10, sowie Schmalt 1986, S. 14 f. und Trimmel 1987, S. 76.

[43] Nuttin 1993, S. 1401-1403.

[44] Vgl. Maslow 1962, S. 44.

[45] Vgl. Zimbardo 1978, S. 442.

[46] Vgl. Warr/Wall 1975, S. 69.

[47] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 128.

[48] Vgl. Zimbardo 1978, S. 442.

[49] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 142.

[50] Ebda., S. 142.

[51] Vgl. ebda., S. 142.

[52] Vgl. Zimbardo 1978, S. 443 f.

[53] Vgl. Warr/Wall 1975, S. 67.

[54] Soziale Anerkennung bedeutet nach ZIMBARDO in der Konsequenz auch die Beachtung und Hervorhebung der Person, der Identität. Vgl. Zimbardo 1978, S. 443.

[55] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 127.

[56] Vgl. Zimbardo 1978, S. 439.

[57] Vgl. hier z.B. Thomas 1991, S. 217 ff.

[58] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 129 ff.

[59] Vgl. Herkner 1991, S. 54.

[60] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 99 f.

[61] Vgl. ebda., S. 93 sowie Hacker 1998, S. 324.

[62] Vgl. ebda., S. 94 sowie Herkner 1997, S. 53 f.

[63] Vgl. Herkner 1991, S. 54.

[64] Zu den Lerntheorien vgl. Lefrancois 1994, Watson 1967, Tillmann 1999, Hebb 1968, Müller/Müller/Stadler 1973, Piaget 1988.

[65] Vgl. Herkner 1991, S. 63.

[66] Vgl. Künkel 1978, S. 133-137.

[67] Vgl. ebda., S. 133-137.

[68] Vgl. Fischer/Wiswede 1997, S. 94 sowie Herkner 1997, S. 92 f.

[69] Ebda., S. 94 sowie Herkner 1997, S. 94.

[70] Vgl. ebda., S. 94.

[71] Vgl. Schneider/Schmalt 1994, S. 16.

[72] Vgl. Heckhausen 1989, S. 2 f. sowie Heckhausen/Rheinberg 1980, S. 12.

[73] Vgl. Schneider/Schmalt 1994, S. 16.

[74] Heckhausen 1989, S. 133.

[75] Ebda., S. 133.

[76] Vgl. ebda., S. 133.

[77] Vgl. ebda., S. 133.

[78] Stengel 1997, S. 170.

[79] Herkner 1986, S. 193.

[80] Hacker 1998, S. 67.

[81] Ebda., S. 67.

[82] Vgl. Herkner 1986, S. 193 sowie Stengel 1997, S. 170.

[83] Hacker 1998, S. 52.

[84] Vgl. ebda., S. 52.

[85] Hoff 1986, S. 42.

[86] Ebda., S. 42.

[87] Ebda., S. 42.

[88] Vgl. ebda. S. 42.

[89] Vgl. Stengel, S. 170.

[90] Vgl. Schneider/Schmalt 1994, S. 15.

[91] Vgl. Staub 1981, S. 7.

[92] Vgl. Zimbardo 1978, S. 242.

[93] Vgl. Rheinberg 1989, S. 15.

[94] Giddens 1988, S. 58.

[95] Ebda., S. 58.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Die Konzeption der lernenden Organisation und deren sozialtheoretische Fundierung unter dem Blickwinkel der Strukturationstheorie nach GIDDENS
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
88
Katalognummer
V39520
ISBN (eBook)
9783638382649
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzeption, Organisation, Fundierung, Blickwinkel, Strukturationstheorie, GIDDENS
Arbeit zitieren
Sonja Scheibel (Autor), 2005, Die Konzeption der lernenden Organisation und deren sozialtheoretische Fundierung unter dem Blickwinkel der Strukturationstheorie nach GIDDENS, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39520

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Konzeption der lernenden Organisation und deren sozialtheoretische Fundierung unter dem Blickwinkel der Strukturationstheorie nach GIDDENS



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden