"Wyprawa w dwudziestolecie" - Czeslaw Milosz über die jüdische Minderheit in Polen zwischen den Weltkriegen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel 1 Die Juden in Polen zwischen den Weltkriegen

Kapitel 2 Czesław Miłosz über die jüdische Minderheit im damaligen Polen: „Żydzi - lata dwudzieste“

Kapitel 3 „W obliczu końca“ Miłoszs letzten Betrachtungen vor dem Kriegsausbruch

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Dieser Aufsatz ist ein Versuch, die jüdische Situation in Polen in der Zwischenkriegszeit in Anlehnung an das Werk von Czesław Miłosz „Wyprawa w dwudziestolecie“ zu analysieren und zu deuten. Das Buch hat einerseits einen geschichtlichen und dokumentarischen Charakter, andererseits werden im Werk viele persönliche Erinnerungen des Autors zum Ausdruck gebracht. In der folgenden Arbeit wird zuerst ein Überblick der wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Situation sowie die Judenlage in den Zweiten Polnischen Republik Anhang verschiedener Literatur dargestellt. Danach folgt der Kern des Belegs, und zwar die Ausarbeitung des Kapitels von Miłosz „Żydzi - lata dwudzieste“, wobei auch das Kapitel „W obliczu końca“ zur Betrachtung hineinbezogen wird.

In der Hausarbeit, neben der aufgelisteten Literatur, sind auch einige Ergänzungen aus dem Multimedialem Brockhaus Lexikon 2001 sowie aus Wielka Internetowa Encyklopedia Multimedialna (WIEM) eingeordnet. Bei den Titelübersetzungen ins Deutsche wird jeweils die polnische ursprüngliche Entsprechung als Fußnote angegeben.

Czesław Miłosz bezieht sich in seinem Buch auf mehrere Quellen. Die meisten, die um die Judenfrage in den 20. Jahren behandeln, stammen aus Przegląd Wileński und Nasz Przegląd und sind von Mieczysław Goldsztajn[1] geschrieben. Die in dem Abschlusskapitel zitierten Quellen sind vor allem: Flugblätter der Nationalpartei, Reportagen aus Mały Dziennik und Zadruga – aus den Zeitschriften also, die stark nationalistisch und antijüdisch geprägt waren. Es werden aber auch Dokumentationen aus den Literaturkreisen angeführt, und zwar aus Nowa Myśl und Wiadomości Literackie.

Kapitel 1 Die Juden in Polen zwischen den Weltkriegen

Die ersten Spuren fester Ansiedlung von Juden in Polen gehen auf das 11. Jahrhundert zurück. Hier boten sich ihnen bessere wirtschaftliche Möglichkeiten, da die Zünfte weniger stark ausgebildet waren. So betätigten sich Juden in Gewerbe und Handwerk. Die jüdische Elite pachtete vom polnischen Adel landwirtschaftliche Güter. Oft war damit verbunden die Konzession zum Betreiben einer Schenke und zur Herstellung von Branntwein. Der jüdische Gastwirt wurde zu einer typischen Erscheinung der Berufsstruktur der Juden Osteuropas. (vgl. Multimediales Brockhaus Lexikon 2001)

1931 stellten die Juden in der polnischen Republik mit etwa drei Millionen Menschen rund 10% der Gesamtbevölkerung. In den Großstädten machten sie im Durchschnitt ein Drittel der Einwohner aus, im Osten bildeten sie in zahlreichen Städten die Mehrheit. Typisch für die Juden war einerseits eine kleine begüterte Bourgeoisie und andererseits eine Masse städtischer Handwerker, die von Handel und Gewerbe lebten. Beruflich waren sie mit 42 % in Industrie und Handwerk sowie mit 37 % im Handel überrepräsentiert. Je 6 % arbeiteten in freien Berufen, in der Verwaltung oder als Dienstpersonal, 5 % waren im Verkehrs- und Kommunikationswesen beschäftigt. In der Landwirtschaft zeigte sich dagegen eine deutliche Unterrepräsentation – 4 %. Die Schwerpunkte ihrer beruflichen Aktivität sind auch daran zu erkennen, dass 62 % der im Handel Beschäftigten Juden waren, 26 % in Industrie und Handwerk, 27 % im Gesundheitswesen sowie 20 % im Bildungswesen. Die Mehrheit fand nach wie vor im Kleingewerbe ihren Platz. (vgl. Haumann, 1991, S. 177)

In der Zeit, in der die Polen um ihre Unabhängigkeit und ihre Grenzen kämpfen mussten, fiel es dem Großteil schwer, zu verstehen und zu akzeptieren, dass sich die Juden inzwischen ihrer eigenen Nationalität bewusst wurden. In diesen Rahmen forderten sie ihren Platz in der Gesellschaft, mit ähnlichen Ansprüchen, wie sie die Polen vor 1914 gegenüber Russland, Österreich-Ungarn und Deutschland angemeldet hatten. Jetzt verlangte ein Jüdischer Nationalrat die Anerkennung der Juden als Nationale Minderheit und eine national-kulturelle Autonomie. Dabei wurde er allerdings nicht von allen jüdischen Organisationen unterstützt.

In den Unruhen dieser Jahre richtete sich die Frustration über Mangel, Not und Teuerung gegen die Juden. Man belegte sie mit dem Klischee des Wucherers, Hamsterers oder Volksverderbers, oder man sah sie als politische Feinde, die die neue Ordnung bekämpften.

Die Diskriminierungen der Juden waren in vielen Bereichen zu finden: bei Stellenbesetzungen in öffentlichen Ämtern, im Bildungswesen, bis zu Versuchen einer prozentualen Begrenzung beim Hochschulzugang. Hin und wieder arteten Unruhen, die gar nicht unbedingt im Zusammenhang mit Juden entstanden sein mussten, in eine Ausplünderung jüdischer Geschäfte aus.

Während der Friedenverhandlungen in Versailles setzten sich Großbritannien, Frankreich und die USA für die Rechte der Juden in Polen ein. Am 28. Juni 1919 wurde von Polen einen Vertrag unterschrieben, der den Minderheitenschutz der Juden einschloss. Im Land selbst rief dies nicht gerade Sympathien für sie hervor, sondern führte zu einer neuen Welle antijüdischer Stimmung.

Innerhalb der polnischen politischen Gruppierungen kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Stellung der Juden im zukünftigen polnischen Staat. Bei der politischen Rechten verstärkte sich der immer schon vorhandene Antisemitismus, insbesondere bei den Nationaldemokraten. Die Judenfeindschaft war keineswegs nur rassistisch motiviert, sondern vielfach pragmatisch begründet, um in den Wirren Wählerstimmen zu erhalten. Die Christdemokraten vertraten eine aggressive, religiös motivierte Judenfeindschaft. Auch in den Bauernparteien sowie in einigen kleineren Gruppierungen war der Antisemitismus weit verbreitet. Die Sozialisten verteidigten die Gleichberechtigung der Juden, der Antisemitismus galt ihnen als Werkzeug der Rechte im Klassenkampf. (vgl. Haumann, 1991, S. 174)

In der neuen Republik organisierten sich auch die Juden parteipolitisch. (vgl. Haumann, 1991, S.175) Die Assimilationsanhänger, die zwischen allen Stühlen saßen, hatten etwa 5 bis 10 %.

Die Parteien der religiösen Orthodoxie schlossen sich in der Agudas Jisroel (Bund Israels) zusammen. Sie unterstützten den polnischen Staat, ohne besonders Interesse an einer Verbesserung der rechtlichen Lage zu zeigen. Nach ihrer Meinung ist der Zustand erst durch eine messianische Erlösung zu verändern. In den 20er Jahre brachten sie mit etwa 50 % die meisten Anhänger hinter sich.

Der Bund (1887 gegr.) – jüdische Arbeiterbewegung bevorzugte das Jiddische und erhoffte sich von einer sozialistischen Neuordnung eine jüdische Autonomie. Im Unterschied zu Sozialisten, die in ihrer klassenlosen Gesellschaft auch jede nationale Sonderexistenz abschaffen wollten.

Mit dem Aufkommen des nationalstaatlichen Denkens in Europa entstand (1893 geprägt) auch eine jüdische nationale Bewegung – der Zionismus. Er bezeichnete politische (nationale) und soziale Bewegungen, deren Ziel die Einrichtung eines jüdischen Staates in Palästina war. Sie war zum Teil religiös geprägt - durch die traditionelle glaubensmüßige Beziehung zu Palästina, dem Land der Verheißung, der Stadt Jerusalem, Zion. Sie war aber auch in dem Streben nach einem Judenstaat durchaus mit politischen Zielsetzungen verbunden. Die Erfahrungen mit dem Antisemitismus waren für die Begründer des politischen Zionismus und für seine Entwicklung von ausschlaggebender Bedeutung. Zionisten bildeten die verschiedensten Gruppierungen von rechts bis links; sie bevorzugten das Hebräische. Protagonisten der zionistischen Bewegung waren 1919 am stärksten gewesen, zusammen mit Nationaljuden konnten sie sich auf etwa 30 – 40 % stützen.

Die polnisch-jüdischen Gegensätze und der Antisemitismus als politisches Instrument wurde besonders deutlich bei den Wahlen von 1922 und ihren Folgen - der Wahlkampf zwischen Piłsudski i Dmowski. Die Nationaldemokraten vertraten die „piastische Staatsidee“: Statt nach Osten wollte man sich nach Westen ausdehnen. Politische Rechte sollte nur die polnische Nationalität erhalten. Dagegen traten mehrere Gruppierungen auf: die Sozialisten (PPS), auch der Block der nationalen Minderheiten, dem verschiedene jüdische Organisationen angeschlossen waren. Sie traten für sog. „jagiellonische Staatsidee“ – für einen Staatenbund aller osteuropäischen Länder und für politische Minderheitenrechte. Für die Rechten kandidierte der Großgrundbesitzer Maurycy Zamoyski, der von den Bauernparteien nicht annehmbar war. Dadurch wurde am 9. Dezember 1922 Narutowicz gewählt. Auf diese Niederlage reagierten die Rechten mit heftigsten antijüdischen Ausfällen, obwohl das Abstimmungsverhalten der Bauernparteien den Ausschlag geben hatte. Der Hass gipfelte am 16.12.1922, als Narutowicz, genannt „Judenpräsident“, ermordet worden ist. Der Mörder erklärte, er hätte jeden umgebracht, der durch Juden an die Macht gekommen sei. Er stellte den typischen Fall eines naiv-idealistischen, verhetzten Menschen dar. (vgl. Haumann, 1991, S. 177)

Nach der Machtübername von Piłsudski 1926 beruhigten sich die nationalistischen Auseinandersetzungen und der offene Antisemitismus ging in den folgenden Jahren zurück. In dieser Zeit fiel eine Reihe von Anrechten an die Juden. So wurde der Cheder[2] staatlich anerkannt. Die Regierung forderte den vorherrschenden Einfluss der Orthodoxen in den Gemeinden, weil diese wiederum sie politisch unterstützten. (vgl. Haumann, 1991, S. 177)

[...]


[1] Jüdischer Journalist, schrieb in 20. Jahren des 20. Jahrhundert für Przegląd Wileński (Miłosz, 1999, S. 564)

[2] Jüdische, orthodoxieresche Jungenschule, lehrte die hebräische Sprache und Judaismus (WIEM)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
"Wyprawa w dwudziestolecie" - Czeslaw Milosz über die jüdische Minderheit in Polen zwischen den Weltkriegen
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
HS: Die polnische Kulturlandschaft 1918-1939: Eine Reise in die Vergangenheit mit Czeslaw Milosz
Note
2.0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V39529
ISBN (eBook)
9783638382717
ISBN (Buch)
9783638843126
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wyprawa, Czeslaw, Milosz, Minderheit, Polen, Weltkriegen, Kulturlandschaft, Eine, Reise, Vergangenheit, Czeslaw, Milosz
Arbeit zitieren
Magister Justyna Wieczorek-Hecker (Autor), 2002, "Wyprawa w dwudziestolecie" - Czeslaw Milosz über die jüdische Minderheit in Polen zwischen den Weltkriegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39529

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