Jugendstil und exotische Fremde. Begriffsgeschichte, Formen, Motive und Wirkung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

INHALT

Einleitung

Zeitliche Begrenzung

Begriffsgeschichte

Der neue Stil

Sehr geehrte Damen und Herren

Die politisch- wirtschaftliche Situation

Soziales

Die neue Traumwelt

Exotische Fremde- Japonismus

Abgrenzung vom Historismus

Architektur

Impressionismus- Symbolismus- Jugendstil

Literatur

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung:

Meine Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Jugendstil und exotische Fremde. Um anfänglich einen besseren Überblick zu schaffen, ordne ich den Begriff erst mal zeitlich in seinen Zusammenhang mit anderen Stilrichtungen der damaligen Kunst ein. Danach thematisiere ich die Entstehung des Begriffs Jugendstil selbst, setze ihn in Beziehung zu den entsprechenden Bezeichnungen in anderen Ländern Europas und gehe auf Gemeinsamkeiten in der Begriffsgebung und deren Implikationen ein. Dann komme ich zur Beschreibung des neuen Stils mit seinen neuen Formen und Motiven und deren Wirkung auf ihren Betrachter. Es soll gezeigt werden, welche umfassende Neuerung der Jugendstil für die Entwicklung der Kunstszene der Zeit um 1900 bedeutet. Was der neue Stil übernimmt und was er an die nachfolgende Kunstrichtung weitergibt. Hierzu spreche ich dann über das beliebteste Leitmotiv des Jugendstils, die Darstellung des ewig Weiblichen, die allgegenwärtigen Mädchen mit langem, wallendem Haar, die uns auch heute noch von diversen Häuserfassaden in den Hochburgen des Stils wie Darmstadt oder Karlsruhe entgegenlächeln. Nicht zu vergessen sind hierbei auch die Abbildungen des Männlichen. Die Herren als das phantasievolle Ergänzungsstück zur Darstellung der Schönheit der Frauen. Um die Gesinnung der Zeit besser einschätzen zu können, möchte ich als nächstes die wirtschaftlich- politische Situation schildern, in der sich unsere Jugendstilkünstler befinden und auch auf die sozialen Gegebenheiten dieser Zeit eingehen. Es soll die Frage geklärt werden, inwieweit die gesellschaftliche Situation ausschlaggebend war für das Entstehen eines komplett neuen Stils mit neuen Zielen und einer modernen Gesinnung der Künstler. Hierbei gehe ich auf die Mutter- Instanz des Kunstverständnisses des Jugendstils ein, die Arts- and- Crafts- Bewegung im England des späten 19. Jahrhunderts. Es soll gezeigt werden, wie unabdingbar die Umwälzung der Kunst zur damaligen Zeit von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Standpunkt aus ist. Als nächstes versuche ich aufzuzeigen, wie sich der Jugendstil von dem ihm vorangehenden Historismus abgrenzen will. Was sind die Kritikpunkte und inwieweit gelingt es dem neuen Stil, seine Vorstellungen umzusetzen? Hierauf möchte ich auf die drei wichtigsten Kunstgattungen des Jugendstils eingehen und aufzeigen, wie sich dieser in seinen Künsten manifestiert. Dazu ziehe ich erst die Architektur heran und komme danach auf die Malerei zu sprechen. Hierbei erscheint es mir wichtig die vorangehenden Stilrichtungen zu beschreiben, also den Impressionismus und den Symbolismus und zu klären, inwieweit diese das Entstehen des Jugendstils beeinflusst haben. Eine weitere Gattung ist die Literatur. Hier gehe ich nochmals auf die Begriffe Impressionismus und Symbolismus ein, die auch in der Literatur der Jahrhundertwende eine wichtige Rolle spielen. Ich versuche, die drei Stilrichtungen in Beziehung zueinander zu setzen und die neuen Themen des Jugendstils im Besonderen rauszuarbeiten. Zum guten Schluss soll rückblickend auf meine gesamte Arbeit noch geklärt werden, als was der Jugendstil gesehen werden soll. Laune der Kunst? Stil? Modephase?

Zeitliche Begrenzung:

Der Jugendstil ist in der Zeit zwischen 1890 und 1910 anzusiedeln. Er lässt sich jedoch nicht klar abgrenzen vom vorangehenden Historismus[1] des 19. Jahrhunderts und der nachfolgenden Kunst der Moderne im 20. Jahrhundert. Die Übergänge sind fließend. Die alten Lehrmeister, deren Lehre sich am Historismus orientiert, prägen an den Hochschulen durch ihre Kunstauffassung und Techniken die jungen Künstler. So wird wieder altes mit dem neuen vermischt. Zum fließenden Übergang von Jugendstil in die Moderne ist zu sagen, dass zum Beispiel aus der abstrakt- geometrisierenden Richtung des Jugendstils die moderne Sachlichkeit hervorgegangen ist.[2] Man kann den Jugendstil somit als sehr kurze Kunstphase bezeichnen. Die Hauptbauten der Architektur des Stils entstehen erst in den späten 1890er Jahren und schon nach 1905 werden die floralen Muster durch die schlichten und abstrakten Formen der Moderne abgelöst.

Begriffsgeschichte:

Der Jugendstil ist ein internationales Phänomen in der Kunstgeschichte. Er hat in vielen Ländern Europas einen Namen bekommen. Alle Bezeichnungen haben einen gemeinsamen Nenner. Sie bezeichnen alle etwas Neues, Junges, Frisches. Der deutsche Begriff Jugendstil ist vom Namen der 1896 erstmalig in München erschienenen Zeitschrift „Jugend“ abzuleiten, die von Georg Hirth herausgegeben worden ist. Für die Namensgebung seiner Zeitschrift wiederum soll er sich von dem Aussichtspunkt „Jugend“ in der Nähe von Schloss Neuschwanstein inspiriert haben lassen.[3] Wie bei jeder neuen Kunstrichtung wird der Begriff zunächst als Schimpfwort für das Neue verwendet. Es war die billige, „fabrikationsmäßig hergestellte Dutzendware“ von kunstgewerblichen Gegenständen in Jugendstilformen, die zuerst eher abfällig als „Jugendstil“ bezeichnet wurde.[4] Erst um 1900 wird der bereits allseits gebräuchliche Begriff durch seine Verwendung in modernen Zeitschriften auf die gesamte vorangegangene Entwicklung der Kunst ausgeweitet und wird zum Epochenbegriff.

In den übrigen Ländern Europas findet der Jugendstil seine Entsprechung in verschiedenen Termini. In Frankreich heißt er „Art Nouveau“[5], in Großbritannien spricht man von „Art Nouveau“ oder „Modern Style“, in Belgien kennt man ihn unter „Style 1900“, in Holland ist der Begriff „Nieuwe Kunst“ üblich, in Spanien „Stile Modernista“, in Italien heißt er meist „Stile floreale“ und in Wien tauft man die neue Richtung den „Sezessionsstil“.[6] Letzterer entsteht in Zusammenhang mit der Wiener Sezession. Neunzehn bekannte Künstler schließen sich in Wien zusammen und demonstrieren ihre Abwendung vom alten, staatlich anerkannten Kunstbetrieb. Der Terminus Sezession leitet sich aus dem Lateinischen ab und bedeutet übersetzt „Spaltung“. Der Wiener Sezessionsstil als Abspaltung vom althergebrachten Kunstbegriff des Historismus.[7] Hinter allen Begriffen ist ein gemeinsamer Kerngedanke sichtbar. Sie alle muten Schwung, Frühling, Neubeginn, Naturverbundenheit und Gesundheit an.[8] Es soll ein jugendlicher Neuanfang werden, frei von jeder Vorgabe, mit dem Ziel einen neuen modernen Kunststil darzustellen.[9] Die Vertreter des neuen Stils in den verschiedenen Ländern Europas wollen sich mit den genannten Termini und ihrer dahinter stehenden Kunst gezielt von den Gebräuchlichkeiten der Vergangenheit absetzen und damit die neue Andersartigkeit ihrer Strömung ausdrücken. Sie sind der Meinung, nie Dagewesenes, Frisches, Provokatives zu kreieren.

Der neue Stil:

Die Neue Kunst lud den Betrachter zur ästhetischen Andacht ein. Das formschöne, ornamental geschmückte Kunstwerk soll ihn "bezaubern".[10] In Anlehnung daran wird der Jugendstil oft auch als Dekorationskunst bezeichnet.[11] Eine neue Kunst der ästhetischen Ornamentik entsteht durch den neuen Stil. Die Künstler wollen weg von der Stilimitation des Historismus und sich durch neue Formen bewusst von diesem abgrenzen. So suchte der Jugendstil eine neue, unverbrauchte Formensprache zu entwickeln...diese sollte „natürlichen Ursprungs“ sein: die Natur mit ihrer Flora und Fauna wurde zur unmittelbaren Inspirationsquelle.[12] Zur gleichen Zeit macht sich auch im Bereich der Biologie und Naturwissenschaft ein deutlich steigendes Interesse an biologischen Vorgängen und der Pflanzenkunde bemerkbar. Man interessiert sich für den Ursprung und die Geschichte der neuen Formen. Die Natur ist voll im Trend und damit auch ihre Wissenschaft. Das Ornament des Jugendstils liebt als Motive kleine Tiere und Pflanzen meist der Unterwasserwelt. Als geheimnisvolles, naturbelassenes, weitgehend unerforschtes Reich der Fabel- und Fantasiewesen bietet es unendlich viele Formen für die neue Kunst.[13] Durch die lebendigen natürlichen Formen versuchen die Künstler des Jugendstils, ihr Werk mit einer ästhetischen Dynamik zu versehen. Leitmotive sind Frauen und Jungfrauen, sanfte Mädchengesichter mit langem fließendem mit Blumen verziertem Haar. Beliebte Motive sind außerdem vor allem lange schlanke Körperformen, wie Seerosen, Schilfpflanzen, Libellen und Fische. Als Blütenpflanzen werden Blumen mit schmalen Blättern und langstengligen Konturen wie Tulpen, Lilien und Chrysanthemen bevorzugt, die Orchidee nimmt aufgrund ihres exotischen Reizes, ihrer fleischigen Blütenblätter und lasziven Farbigkeit eine Sonderstellung unter den Blumen des Jugendstils ein.[14] Auffallend ist besonders, dass alle genannten Leitbilder des Stils ganz unter dem Primat der Schönheit und Ästhetik stehen.[15] Die Motive sind deshalb so beliebt in der Kunst dieser Zeit, weil sie sich alle durch schlanke, lineare Formen auszeichnen. Geschwungene, verschlungene Linien asymmetrisch und unterschiedlich dick kurven sie durch das Ornament und sind somit nicht mehr nur als Kontur, sondern als eigenes, selbstständiges Ornament im selben zu sehen. Dieses Durcheinander von Linien und Muster erzeugt eine lineare Dynamik und wirkt rhythmisierend.[16] Eins der ersten Jugendstilwerke, auf das die Masse der Bevölkerung aufmerksam wird, ist der Bau des Fotoateliers Elvira in München. 1898 verziert der junge Künstler August Endell eine glatte Fassade aus der Gründerzeit mit einem Dekor aus Stuck, das ein buntes, mit Pflanzenmotiven geschmücktes Gebilde eines riesigen Drachen darstellt.[17] Hier wird auch die Stilmischung deutlich zwischen der Architektur der vorangegangenen Jahre, die als Podium für die neue Kunst mit derselben verschmilzt. Dieses Kunstwerk erregte ein solches Aufsehen, weil es dem alten, bereits bekannten etwas radikal neues entgegensetzt. Die neuen Formen und die Farbigkeit erfordern das Wissen und das Kennen der phantastischen und natürlichen Natur- und Pflanzenwelt.

Besonders in Frankreich wird auf die Forderung „L´art pour l'art“, bedeutet Kunst um der Kunst willen, ausdrücklichen Wert gelegt. Dies verlangt die Darstellung von Kunst nach ihren eigenen Gesetzen und nicht durch banale Naturnachahmung. Die Künstler möchten sich vom behäbig schwülstigen Historismus absetzen. Sie wollen mit ihrem im Künstlichen begründeten Ornament gegen die gängige Repräsentationsmalerei der Gründerzeit angehen. Das französische Publikum ist bereits früh schon sehr verwöhnt und schätzt geistreiche Einfälle und effektvolle Verwandlungskünste der bekannten Formen, während die deutsche Kunstszene zum selben Zeitpunkt noch mehr an seinem Anspruch auf Gewichtigkeit und feierliche Würde festhält.[18] Die neuen Motive des Jugendstils sind nicht nur in ihrer formalen Abbildung sondern auch auf inhaltlich- symbolischer Ebene von Bedeutung.[19] Besonders in der Architektur stellt dies um 1900 einen klaren Gegensatz zur vorangegangenen Neurenaissance dar. Hier entstehen dekorative Formen an Häuserfassaden, die keinen symbolischen Charakter in sich tragen. Sie sollen vor allem schmücken und das Haus verschönern. Das Dekor der Jugendstilfassaden hingegen macht auch seine inhaltliche Bedeutung sichtbar. Hinter den formschönen Abbildungen junger Mädchen wird die genuine Einstellung der jungen Künstler zum Leben und ihrer neuen Kunst deutlich.[20]

[...]


[1] Kunst und Architektur: Blütezeit in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; der Versuch historische Stile nachzuahmen (Stilpluralismus); man wollte aus den vergangenen Epochen jeweils das „Beste“ herausfiltern; meist abschätzig bewertet, da den Künstlern Einfallslosigkeit vorgeworfen wurde.

[2] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 14

[3] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 10

[4] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 11

[5] Steinmetz-Oppelland, Angelika: Apolda. Jugendstil. Horb am Neckar 2002, S. 7

[6] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 16

[7] http://www.wasistwas.de/root/index.asp?folder={917186B2-69D6-4A0E-B6AB-D3192FCFF7B2}&object={1A16EF61-723A-4388-893D-97198B6CABA4}&message=

[8] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 15

[9] http://www.besuche-oscar-wilde.de/zeit/skulpturen.htm#Maillol

[10] http://www.besuche-oscar-wilde.de/zeit/skulpturen.htm#Maillol

[11] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 12

[12] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 39

[13] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 9

[14] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 39

[15] Anna- Carola Krauße: Geschichte der Malerei. Von der Renaissance bis heute. Köln, 1995, Seite 83

[16] Stefanie Lieb: Was ist Jugendstil? Darmstadt, 2000, Seite 39

[17] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 15

[18] http://www.besuche-oscar-wilde.de/zeit/skulpturen.htm#Maillol

[19] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 9

[20] Monika Bachmayer, Robert Dreikluft: Jugendstil in Karlsruhe. Karlsruhe, 2002, Seite 81

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Jugendstil und exotische Fremde. Begriffsgeschichte, Formen, Motive und Wirkung
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Veranstaltung
Interkulturelle Germanistik
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
20
Katalognummer
V39562
ISBN (eBook)
9783638382953
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendstil, Interkulturelle, Germanistik
Arbeit zitieren
Kirsten Hauk (Autor), 2004, Jugendstil und exotische Fremde. Begriffsgeschichte, Formen, Motive und Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39562

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