[...] Was der neue Stil übernimmt und was er an die nachfolgende Kunstrichtung weitergibt. Hierzu spreche ich dann über das beliebteste Leitmotiv des Jugendstils, die Darstellung des ewig Weiblichen, die allgegenwärtigen Mädchen mit langem, wallendem Haar, die uns auch heute noch von diversen Häuserfassaden in den Hochburgen des Stils wie Darmstadt oder Karlsruhe entgegenlächeln. Nicht zu vergessen sind hierbei auch die Abbildungen des Männlichen. Die Herren als das phantasievo lle Ergänzungsstück zur Darstellung der Schönheit der Frauen. Um die Gesinnung der Zeit besser einschätzen zu können, möchte ich als nächstes die wirtschaftlich-politische Situation schildern, in der sich unsere Jugendstilkünstler befinden und auch auf die sozialen Gegebenheiten dieser Zeit eingehen. Es soll die Frage geklärt werden, inwieweit die gesellschaftliche Situation ausschlaggebend war für das Entstehen eines komplett neuen Stils mit neuen Zielen und einer modernen Gesinnung der Künstler. Hierbei gehe ich auf die Mutter-Instanz des Kunstverständnisses des Jugendstils ein, die Arts-and-Crafts-Bewegung im England des späten 19. Jahrhunderts. Es soll gezeigt werden, wie unabdingbar die Umwälzung der Kunst zur damaligen Zeit von gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Standpunkt aus ist. Als nächstes versuche ich aufzuzeigen, wie sich der Jugendstil von dem ihm vorangehenden Historismus abgrenzen will. Was sind die Kritikpunkte und inwieweit gelingt es dem neuen Stil, seine Vorstellungen umzusetzen? Hierauf möchte ich auf die drei wichtigsten Kunstgattungen des Jugendstils eingehen und aufzeigen, wie sich dieser in seinen Künsten manifestiert. Dazu ziehe ich erst die Architektur heran und komme danach auf die Malerei zu sprechen. Hierbei erscheint es mir wichtig die vorangehenden Stilrichtungen zu beschreiben, also den Impressionismus und den Symbolismus und zu klären, inwieweit diese das Entstehen des Jugendstils beeinflusst haben. Eine weitere Gattung ist die Literatur. Hier gehe ich nochmals auf die Begriffe Impressionismus und Symbolismus ein, die auch in der Literatur der Jahrhundertwende eine wichtige Rolle spielen. Ich versuche, die drei Stilrichtungen in Beziehung zueinander zu setzen und die neuen Themen des Jugendstils im Besonderen rauszuarbeiten. Zum guten Schluss soll rückblickend auf meine gesamte Arbeit noch geklärt werden, als was der Jugendstil gesehen werden soll. Laune der Kunst? Stil? Modephase?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Zeitliche Begrenzung
Begriffsgeschichte
Der neue Stil
Sehr geehrte Damen und Herren
Die politisch- wirtschaftliche Situation
Soziales
Die neue Traumwelt
Exotische Fremde- Japonismus
Abgrenzung vom Historismus
Architektur
Impressionismus- Symbolismus- Jugendstil
Literatur
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Jugendstil als kulturhistorisches Phänomen zwischen 1890 und 1910, wobei der Fokus auf dessen Rolle als Gegenbewegung zum Historismus und als Ausdruck einer neuen, von exotischen Einflüssen geprägten Formensprache liegt. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwiefern der Jugendstil als notwendige ästhetische Reaktion auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu verstehen ist.
- Historische Einordnung und Begriffsgenese des Jugendstils.
- Analyse der ästhetischen Merkmale und Leitmotive (insb. das "ewig Weibliche").
- Untersuchung der wirtschaftlich-politischen Rahmenbedingungen und deren Einfluss auf die Kunst.
- Vergleichende Betrachtung von Jugendstil, Impressionismus und Symbolismus.
- Die Rolle der Architektur und Literatur als Manifestation des neuen Stils.
Auszug aus dem Buch
Der neue Stil:
Die Neue Kunst lud den Betrachter zur ästhetischen Andacht ein. Das formschöne, ornamental geschmückte Kunstwerk soll ihn "bezaubern". In Anlehnung daran wird der Jugendstil oft auch als Dekorationskunst bezeichnet. Eine neue Kunst der ästhetischen Ornamentik entsteht durch den neuen Stil. Die Künstler wollen weg von der Stilimitation des Historismus und sich durch neue Formen bewusst von diesem abgrenzen. So suchte der Jugendstil eine neue, unverbrauchte Formensprache zu entwickeln...diese sollte „natürlichen Ursprungs“ sein: die Natur mit ihrer Flora und Fauna wurde zur unmittelbaren Inspirationsquelle. Zur gleichen Zeit macht sich auch im Bereich der Biologie und Naturwissenschaft ein deutlich steigendes Interesse an biologischen Vorgängen und der Pflanzenkunde bemerkbar. Man interessiert sich für den Ursprung und die Geschichte der neuen Formen. Die Natur ist voll im Trend und damit auch ihre Wissenschaft. Das Ornament des Jugendstils liebt als Motive kleine Tiere und Pflanzen meist der Unterwasserwelt. Als geheimnisvolles, naturbelassenes, weitgehend unerforschtes Reich der Fabel- und Fantasiewesen bietet es unendlich viele Formen für die neue Kunst. Durch die lebendigen natürlichen Formen versuchen die Künstler des Jugendstils, ihr Werk mit einer ästhetischen Dynamik zu versehen. Leitmotive sind Frauen und Jungfrauen, sanfte Mädchengesichter mit langem fließendem mit Blumen verziertem Haar. Beliebte Motive sind außerdem vor allem lange schlanke Körperformen, wie Seerosen, Schilfpflanzen, Libellen und Fische. Als Blütenpflanzen werden Blumen mit schmalen Blättern und langstengligen Konturen wie Tulpen, Lilien und Chrysanthemen bevorzugt, die Orchidee nimmt aufgrund ihres exotischen Reizes, ihrer fleischigen Blütenblätter und lasziven Farbigkeit eine Sonderstellung unter den Blumen des Jugendstils ein. Auffallend ist besonders, dass alle genannten Leitbilder des Stils ganz unter dem Primat der Schönheit und Ästhetik stehen. Die Motive sind deshalb so beliebt in der Kunst dieser Zeit, weil sie sich alle durch schlanke, lineare Formen auszeichnen. Geschwungene, verschlungene Linien asymmetrisch und unterschiedlich dick kurven sie durch das Ornament und sind somit nicht mehr nur als Kontur, sondern als eigenes, selbstständiges Ornament im selben zu sehen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen der Arbeit ab und erläutert die Absicht, den Jugendstil als umfassende Neuerung im Kontext der Jahrhundertwende zu begreifen.
Zeitliche Begrenzung: Dieses Kapitel verortet den Jugendstil im Zeitraum zwischen 1890 und 1910 und betont die fließenden Übergänge zum Historismus und zur Moderne.
Begriffsgeschichte: Hier wird die Herkunft des Begriffs Jugendstil aus der Zeitschrift „Jugend“ sowie seine internationalen Entsprechungen wie „Art Nouveau“ oder „Sezessionsstil“ erläutert.
Der neue Stil: Dieser Abschnitt beschreibt die ästhetische Formensprache des Jugendstils, die sich durch organische Motive und eine neue lineare Dynamik vom Historismus abhebt.
Sehr geehrte Damen und Herren: Der Fokus liegt hier auf dem Leitmotiv des "ewig Weiblichen" und der Rolle des menschlichen Körpers als Ausdrucksmedium in der Kunst um 1900.
Die politisch- wirtschaftliche Situation: Es wird der Zusammenhang zwischen dem imperialistischen Aufschwung, der Industrialisierung und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen dargestellt.
Soziales: Dieses Kapitel beleuchtet die gesellschaftlichen Folgen der Industrialisierung, insbesondere die Entfremdung der Arbeiterklasse und die zunehmende soziale Spaltung.
Die neue Traumwelt: Es wird analysiert, wie der Jugendstil als Zufluchtsort vor der als frustrierend empfundenen Realität der Massengesellschaft diente.
Exotische Fremde- Japonismus: Die Einflüsse der japanischen Kunst auf die Formensprache und das Design des Jugendstils werden hier dargelegt.
Abgrenzung vom Historismus: Dieses Kapitel unterstreicht die vehemente Distanzierung der Jugendstilkünstler vom Kopieren alter Stile und dem Historismus.
Architektur: Hier wird die Rolle des Architekten als Gesamtkünstler betrachtet, der nicht nur Bauten, sondern komplette Lebenswelten gestaltet.
Impressionismus- Symbolismus- Jugendstil: Eine vergleichende Einordnung der drei Stilrichtungen hinsichtlich ihrer Intentionen und künstlerischen Techniken.
Literatur: Dieser Teil widmet sich den Elementarthemen Liebe, Leben und Tod im literarischen Jugendstil und dessen Abgrenzung zum Impressionismus.
Schluss: Das Fazit resümiert, dass der Jugendstil trotz seiner kurzen Dauer eine signifikante Zäsur darstellt und eine grundlegend neue Denkweise über Kunst und Leben etabliert hat.
Schlüsselwörter
Jugendstil, Historismus, Jahrhundertwende, Kunstgewerbe, Ornamentik, Impressionismus, Symbolismus, Gesamtkunstwerk, Japonismus, Ästhetik, Architektur, Literatur, Industrialisierung, Lebensreform, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Jugendstil als kunsthistorische Epoche und untersucht dessen ästhetische, gesellschaftliche und ideologische Hintergründe.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Formensprache des Jugendstils, der Einfluss des Japonismus, die Abgrenzung zum Historismus sowie die Einbettung in die sozioökonomische Lage um 1900.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie der Jugendstil durch seine spezifische Ornamentik und den Anspruch auf ein „Gesamtkunstwerk“ eine moderne Denkweise initiierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunst- und kulturhistorische Analyse, die auf Literaturrecherche und der inhaltlichen Untersuchung zeitgenössischer kunstgeschichtlicher Zusammenhänge basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Stilmischungen, gesellschaftlicher Frustration, künstlerischen Gattungen wie Architektur und Literatur sowie die Abgrenzung zu Impressionismus und Symbolismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendstil, Historismus, Ästhetik, Gesamtkunstwerk, Japonismus und der gesellschaftliche Umbruch der Jahrhundertwende.
Wie bewertet die Autorin den umstrittenen Status des Jugendstils?
Die Autorin argumentiert, dass der Jugendstil aufgrund seines tiefgreifenden Einflusses auf das Seelenleben der Epoche und trotz seiner kurzen Dauer mehr als nur eine kurzlebige Modephase war.
Welche Rolle spielt der Historismus für das Verständnis des Jugendstils?
Der Historismus fungiert als negativer Bezugspunkt; die bewusste Abkehr von dessen historisierendem Kopieren ist die Grundvoraussetzung für die Entstehung der neuen, modernen Ästhetik des Jugendstils.
- Arbeit zitieren
- Kirsten Hauk (Autor:in), 2004, Jugendstil und exotische Fremde. Begriffsgeschichte, Formen, Motive und Wirkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39562