Stellung und Funktion der Figur Brotteaux des Ilettes in LES DIEUX ONT SOIF von Anatole France


Hausarbeit, 2003
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Handlungsstrang

3. Annäherung an die Stellung und Funktion Brotteaux´ im Roman
3.1. Brotteaux und Evariste Gamelin
3.2. Brotteaux als alter ego des Erzählers

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

1. Einführung

Der alte Brotteaux des Ilettes, ehemaliger Adliger und Anhänger der epikuräischen Dichtung ist in Les dieux ont soif von Anatole France die zweite männliche Hauptperson neben dem jungen Maler und Revolutionär Evariste Gamelin.

In dieser Arbeit soll eine Annäherung an die Funktion Brotteaux innerhalb dieses Romans der revolutionären Terreur stattfinden.

Wir beginnen in 2. mit der kurzen Nacherzählung des für die besprochene Figur relevanten Handlungsstrangs, um im folgenden auf zwei Punkte genauer einzugehen: Zunächst soll in der Gegenüberstellung der beiden männlichen Protagonisten Gamelin und Brotteaux in 3.1. untersucht werden, wo sich Gegensätze und Gemeinsamkeiten zwischen ihnen finden lassen und wie diese zu bewerten sind.

Danach möchten wir auf die in der Sekundärliteratur viel zitierte Funktion Brotteaux´ als alter ego des Erzählers eingehen. Falls man aus dem Roman eine klare Stellungnahme Frances über die Französische Revolution herauslesen kann, hat sich der Autor bewusst in die Kontroverse seiner Zeit zur Beurteilung der Revolution eingemischt. Die Tendenz, das geschichtliche Ereignis zu glorifizieren, bestand damals wie heute, und die Erfahrungen totalitärer und faschistischer Regime lag noch vor den Europäern als der Roman (1911) geschrieben wurde. Umso spannender ist die Frage, ob und wenn wie France den weisen Brotteaux einsetzt, um sich über die Revolution zu äußern.

Um schließlich eine allgemeingültigere Aussage des Schriftstellers zu Gewaltherrschaft formulieren zu können, wird in 3.2. zusätzlich auf in der Sekundärliteratur zitierte Schriften Frances zum Thema eingegangen. Eine grundlegende Feststellung soll am Ende den Bogen vom Autor zurück zu Brotteaux schlagen und den Roman auf seine Aussagekraft über die Terreur hinaus untersuchen.

2. Handlungsstrang

Der ehemalige Adelige Brotteaux des Ilettes lebt im selben Haus wie Evariste Gamelin und seine Mutter in einem kleinen Dachzimmer. Er wird als „gros homme assez vieux, d´une belle figure rose et fleurie“ (S. 48) beschrieben, als freundlicher Nachbar und begeisterter Leser des epikureischen Dichters Lukrez: „il gardait une âme sereine, lisant pour se récréer son Lucrèce, qu´il portait constamment dans la poche béante de sa redingote puce.“ (S. 49) Maurice Brotteaux verdient sich seit dem Sturz des Ancien Régime seinen Lebensunterhalt mit Zeichnungen, Tanzstunden, als Sekretär der Marktfrauen der Halles und vor allem durch den Verkauf seiner selbst gebauten Marionetten an einen Spielzeughändler in der rue de la Loi.

Sein Alter und seine Ausstrahlung lassen Brotteaux als auf eine Weise über den Dingen stehend erscheinen, im Laufe des Romans wird durch seine Aussagen deutlich wie skeptisch er der Menschheit gegenübersteht. Als er z.B. Evariste in ihrem gemeinsamen Haus trifft und dieser beim Tragen eines mit Marionetten gefüllten Kartons hilft, sagt Brotteaux auf die kleinen Figuren bezogen: „Je ne leur ai pas donné la pensée, car je suis un Dieu bon.“ (S.48) Und bald darauf beim Essen mit Evariste und seiner Mutter:

„L´ignorance est la condition nécessaire du bonheur des hommes, [...]. Nous ignorons de nous presque tout; d´autrui tout. L´ignorance fait notre tranquilité; le mensonge notre félicité.“ (S.86)

In der Schlange vor einer Bäckerei macht Brotteaux die Bekanntschaft des Père Longuemare, eines Barnabiter-Priesters, den er – entgegen seinen Prinzipien[1] – gegen die Menge, die jenen zu unrecht anklagt, verteidigt. Evariste, der mit Brotteaux in der Reihe wartet, schlägt sich in der Verteidigung Longuemares mit auf dessen Seite. Zwischen den drei Männern entsteht eine Diskussion über die Natur des Menschen und die Religion, in der die Standpunkte unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf Evaristes Hinweis, dass der Glauben an eine Gottheit notwendig für die Moral sei und dass die Republik deshalb bald den „Culte de la Raison“ einführen würde, entgegnet Brotteaux:

„J´ai l´amour de la raison, je n´en ai pas le fanatisme. La raison nous guide et nous éclaire; quand vous en aurez fait une divinité, elle vous aveuglera et vous persuadera de crimes.“ (S.95)

Als Evariste zum Geschworenen des Revolutionstribunals ernannt wird, warnt ihn Brotteaux verhalten:

„ Vous aurez à vous pronocer entre la haine et l´amour ce qui se fait spontanément, non entre la vérité et l´erreur, dont le dscernement est impossible au faible esprit des hommes. [...] Si j´étais votre président [...] je m´en rapporterais au sort des dès. En matière de justice c´est le plus sûr.“ (S. 116)

In Wirklichkeit traut Brotteaux keiner Gerichtsbarkeit, ahnt aber die Gefahr, die darin läge, dies vor Evariste zu bekennen.

„N´osant exprimer ouvertement sa pensée, et ne pouvant se taire, il se jetait dans des paradoxes que Gamelin comprenait tout juste assez pour en soupconner l´incivisme.“ (S.124)

Brotteaux und Gamelin, die außer ihrer Nachbarschaft im Grunde nicht viel teilen, begegnen sich wieder auf einem Ausflug, den Jean Blaise, Kupferstichhändler und Vater der Geliebten Evaristes, Elodie Blaise, organisiert. Der Anblick der Natur und die Gesellschaft der jungen Frauen, die die von Blaise engagierten Maler begleiten, versetzen Brotteaux in einen sehnsüchtig-melancholischen Zustand:

„Et le vieux Brotteaux, en les écoutant, songeait avec une volupté mélancolique à ces voiles d´une saison jetés sur des formes charmantes, qui durent peu d´années et qui renaissent éternellment comme les fleurs des champs. Et ses regards, qui allaient de ces trois jeunes femmes aux bleuets et aux coquelicots du sillon, se mouillaient de larmes souriantes.“ (S. 131)

Brotteaux, dessen Liebe zur Vernunft in nichts seinem Hang zur sinnlichen Wahrnehmung nachsteht, liebt aller Skepsis und allem Abstand zum politischem Ge-schehen zum Trotz das Leben und hat es früher, als die Umstände noch andere waren, geliebt und genossen. Auf der Fahrt in die Pariser Umgebung lernt er neben dem Maler Dubois, der wie er eine Zeit in Rom verbracht hat, auch die Schauspielerin Rose Thévenin kennen.

Während Evariste seine ersten Urteile im Revolutionstribunal fällt, begegnet Mme Rochemaure, der Gamelin seinen Posten verdankt, ihrem ehemaligen Geliebten Maurice Brotteaux im Aufgang seines Hauses. Er bittet sie in sein Dachzimmer und vertraut der vom Comité bereits als „suspecte“ eingestuften alten Freundin seine Meinung über die gegenwärtige politische Situation an. Louise Rochemaure, die an Politik an sich uninteressiert ist, sich jedoch durch Einmischung in Intrigen und durch das Knüpfen vormals nützlicher Bande in ihre jetzige Situation gebracht hat, merkt sich dennoch seine Worte, um sie in dem Brief an einen Freund im Exil wiederzugeben und damit ihres und Brotteaux´ Schicksal zu bestimmen. M. de Ilettes glaubt, dass sich an den gegenwärtigen Umständen bald etwas ändern muss, denn die Terrorherrschaft des Revolutionstribunals entwickelt sich seiner Meinung nach in eine immer lächerlichere und hassenswertere Richtung, die die Massen, so Brotteaux möglicherweise gegen es und die Jakobiner aufbringen wird.[2]

Es ist der Dragoner Henry, Liebhaber Mme de Rochemaures, der ihren Brief findet und ihn dem „Comité de sûreté générale“ übergibt.

Brotteaux, der vom Geschehenen noch nichts weißt, erfährt eines Tages vom Spielzeughändler Caillou, dem er seine Marionetten zu verkaufen pflegt, dass ein Marionettenspieler mitsamt seinen Figuren auf den Champs-Elysées verhaftet worden sei, weil diese politischen Personen zu ähnlich sahen. Brotteaux, der seinen Ohren kaum traut, macht sich besorgt über seine zukünftigen Verdienstmöglichkeiten, auf den Heimweg. Er trifft in der hereinbrechenden Dämmerung den Priester Longuemare, der kläglich anzusehen auf dem Gehsteig unter einer Laterne sitzt und seinem vormaligen Retter berichtet, dass er seit diesem Tag verdächtig und damit obdachlos ist. Brotteaux bietet dem Priester an, sein Dachzimmer zu teilen und fügt mit trauriger Ironie hinzu, dass er als Marionettenbauer genauso wie seine Figuren ebenso verdächtig seien wie der Barnabiter und dieser somit in guter Gesellschaft falls jener das Angebot annehme. Die beiden Männer, die schon in der Schlange vor der Bäckerei in ihrer Diskussion mit Evariste festgestellt hatten, wie unterschiedlich ihre Weltanschauung ist, geraten am selben Abend in ein kurzes Gespräch über Nächstenliebe, die für den Priester natürlich essentiell ist, während sie nach Brotteaux´ Meinung nicht existiert.[3]

Als ebenso konträr wie in diesem Beispiel stellen sich die Meinungen der beiden Männer in den zahlreichen Diskussion, die nun folgen, heraus. Es ist jedes Mal Brotteaux, der die provozierenden Äußerungen tut, die zur Auseinandersetzung führen, doch scheint es mehr seine Liebe zur Diskussion als bös gemeinte Streitlust zu sein, die ihn dazu bringen:

„Et comme il se sentait de la sympathie pour le barnabite, il se plaisait à l´embarasser et à le troubler par des objections à divers articles de la doctrine chrétienne.“ (S. 175)

Als Brotteaux eine Woche später im Morgengrauen vom einem Spielzeughändler, den er inzwischen als neuen Abnehmer seiner Marionetten aufgetan hat, zurückkehrt, begegnet ihm die junge Prostituierte Athénais, die von den Gendarmen verfolgt wird und den alten Mann um Hilfe bittet. Nachdem sie ehrlich zugibt, warum die Gendarmen sie verfolgen[4], nimmt der alte Mann sie mit in sein Dachzimmer, das er seit neun Tagen mit dem Barnabiter teilt.

Während das Mädchen und der Priester schon schlafen, wird der Philosoph, wie der Erzähler den alten Brotteaux oft nennt, das erste Mal von Zweifeln befallen, gegen die sein gelassener Geist nicht so leicht ankommt. Vor allem, dass die sechzehnjährige naiv-unschuldige Athénais als „suspecte“ und eine Gefahr für die Republik angesehen wird, lässt ihn ahnen, wie sehr sich die politische Situation zuspitzt:

„ La lune [...] éclaira la chevelure blonde [...] d´Athénais, dormant les poings fermés. „Voilà, songea-t-il, une terrible ennemi de la République!“ Quand Athénais se réveilla, il faisait jour. [...] Brotteaux, sous la lucarne, lisant Lucrèce, s´instruisait, aux lecons de la muse latine, à vivre sans craintes et sans désirs; et toutefois il était dévoré de regrets et d´inquiétudes.“ (S.180)

[...]


[1] „Brotteaux s´était donné pour loi de ne jamais contrarier le sentiment populaire, [...]“ (S. 92)

[2] „Il règne dans le Tribunal révolutionnaire un sentiment de basse justice et de plate égalité qui le rendra bientôt odieux et ridicule et dégoûtera tout le monde.“ (S. 146)

[3] Brotteaux des Ilettes begründet folgendermaßen, dass er den Priester bei sich aufnimmt: „Je ne le fais pas non plus pour l´amour de l´humanité: car je ne suis pas aussi simple que don Juan, pour croire, comme lui, que l´humanité a des droits; [...]Je le fais par cet égoisme qui inspire à l´ homme tous les actes de générosité et de dévouement, en le faisant se reconnaître dans tous les misérables, en le disposant à plaindre sa propre infortune dans l´infortune d´autrui et en l´excitant à porter aide À un mortel, semblable à lui par la nature et la destinée, jusque-là qu´il croit se secourir lui-mème en le secourant.“ (S.160)

[4] Sie hat ihre Kokarde zerissen und „Vive le roi!“ gerufen. (S.179)

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Stellung und Funktion der Figur Brotteaux des Ilettes in LES DIEUX ONT SOIF von Anatole France
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V39567
ISBN (eBook)
9783638383004
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stellung, Funktion, Figur, Brotteaux, Ilettes, DIEUX, SOIF, Anatole, France
Arbeit zitieren
Barbara Miertsch (Autor), 2003, Stellung und Funktion der Figur Brotteaux des Ilettes in LES DIEUX ONT SOIF von Anatole France, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39567

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