Die Heavy Metal-Bewegung: Einblicke in eine etwas andere Szenekultur - Eine Bestandaufnahme


Diplomarbeit, 2004
149 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Heavy Metal – Ein Definitionsversuch

3. Die Geschichte des Heavy Metal: Eine musikalische Revolution nimmt ihren Lauf
3.1 Die metallischen Wurzeln
3.2 Eine neue Musikkultur entsteht
3.3 Die Gründerväter
3.3.1 Led Zeppelin
3.3.2 Deep Purple
3.3.3 Black Sabbath
3.3.4 Judas Priest
3.4 Die „New Wave of British Heavy Metal“ (NWoBHM)
3.5 Die US-Metal-Bewegung
3.6 Die Vorgänge in Europa
3.7 Metal auf dem Weg ins neue Jahrtausend: Die 90er Jahre
3.7.1 Ist der Metal tot?
3.7.2 Grunge-Bewegung und Metal-Renaissance
3.7.3 Neue Deutsche Härte und Nu-Metal

4. Vielfalt wird großgeschrieben: Die Subgenres im Überblick
4.1 Allgemeines
4.2 Heavy- und True Metal
4.3 Power Metal
4.4 Speed Metal
4.5 Thrash Metal
4.6 Black Metal
4.7 Death Metal
4.8 Doom-/ Gothic Metal
4.9 Glam-/ Sleaze Metal
4.10 Progressive Metal
4.11 Die Crossover-Stile
4.11.1 Hardcore/ Grindcore/ Metalcore
4.11.2 Industrial Metal

5. Szenengänge: Einblicke in eine blühende Musikkultur
5.1 Die Printmedien der harten Welt: Fachmagazine, Fanzines und Mailordermagazine
5.1.1 Allgemeines
5.1.2 Die Marktführer der etablierten Metal-Presse
5.1.2.1 Das Rock Hard
5.1.2.2 Der Metal Hammer
5.1.2.3 Kritische Anmerkungen
5.1.3 Fanzines am Beispiel des „Ablaze“ – The Metallic Voice of the Underground”
5.1.4 Die Mailordermagazine
5.1.4.1 Der Marktführer EMP
5.1.4.2 Der Metal Merchant
5.2 Die Heavy Metal-Industrie: Plattenfirmen und Vertriebe
5.2.1 Independent-Labels am Beispiel von Century Media Records
5.2.2 Deutschlands größter Metal-Vertrieb: SPV
5.3 Szenetreffpunkte: Einschlägige Clubs und Festivals
5.3.1 Die Rockfabrik in Ludwigsburg
5.3.2 Das „Bang Your Head-Festival“ in Balingen
5.4 Faszination Heavy Metal: Die Fans der harten Klänge
5.4.1 Zur Problematik der Herkunft der Fans
5.4.2 Zur Bedeutung der Musik für die Fans
5.4.3 Auftreten, Kleidung und Schmuck

6. Die okkulte Seite des Heavy Metal – bloße Provokation oder ernstzunehmende Gefahr?
6.1 Zum allgemein schlechten Image der Szene
6.2 Die Vorwürfe religiös motivierter Heavy Metal-Gegner
6.2.1 Einseitige Meinungsmache in der Literatur
6.2.2 Der Teufel steckt im Unterbewussten: Backward Masking
6.2.3 Die Auswirkungen dieser Hetzkampagnen
6.3 Die geistigen Wurzeln des modernen Satanismus
6.3.1 Zum Satanismusbegriff
6.3.2 „Liber Al vel Legis“: Aleister Crowley
6.3.3 Anton Szandor LaVey
6.4 Okkultes im Heavy Metal
6.4.1 Zum vermeintlich „Teuflischen“
6.4.2 Verteufelte Texte anhand von „The Number of the Beast“ und „Highway to Hell“
6.4.3 Die Radikalisierung der Thematik in den extremeren Spielarten
6.4.3.1 Die Show-Satanisten
6.4.3.2 Die überzeugten Satanisten
6.5 Die extremen Auswüchse des Untergrundes
6.6 Abschließende Einschätzung

7. Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Fachzeitschriften und Mailordermagazine

Anhang 2: Einige Firmen- und Clubanschriften

Anhang 3: Heavy Metal-relevante Internetadressen

Anhang 4: Eigene Konzerterfahrungen, die das Erstellen dieser Arbeit

mitgeprägt haben

Anhang 5: Exemplarisch ausgewählte Plattencover

Anhang 6: Exemplarisch ausgewählte Titelseiten von Rock Hard, Metal Hammer, Ablaze und EMP

Anhang 7: Plakatentwurf für das „Bang Your Head-Festival“ 2004

Anhang 8: Typische Flyer-Werbung für Szene-Veranstaltungen

Anhang 9: Bericht aus der Rhein-Neckar-Zeitung zum Bretthart-Festival 2003

1. Einleitung

„Ich mag guten Heavy Metal.“ – Antwort darauf: „Das ist, als würde man sagen: Ich mag eine gute Wurzelbehandlung.“

- Dialog aus der Kinokomödie „Skin Deep: Männer haben`s auch nicht leicht“

(USA 1988, Regie: Blake Edwards)

„Welche letzten, wirklich allerletzten Mittel die Amerikaner benutzten, um in Bagdad die irakischen Gefangenen zum Reden zu bringen? Heavy Metal-Musik – Das barbarischste Produkt, das die westliche Kultur im Schrank hat!“

- Artikel aus der FAZ vom 19.10. 2003, Titel: „Durch Verblödung zur Erlö-

sung“

„In großen Teilen des Hardrocks [findet sich] eine erschreckende Verherrlichung von Satanismus, Drogen, Tod und Brutalität {….]. Diese pervertierten Varianten moderner Musikproduktion sind geeignet, bei unkritischen Heranwachsenden eine Abstumpfung gegenüber Brutalität zu provozieren.“

- Kommentar des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes zum Thema „Rockmusik“ aus dem Jahr 1989 (aus: Stratmann 2004, S.219)

Auf solche Äußerungen stößt man desöfteren, wenn man zum Thema „Heavy Metal“ recherchiert; die Liste ließe sich beliebig lange fortführen. Auch in der Fachliteratur finden sich bis etwa Mitte der 90er Jahre fast ausschließlich solche negativen Beispiele, da in den Ausführungen des jeweiligen Autors zumeist eher dessen persönliche Vorurteile als wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse zur Sprache kommen. In vielen dieser sogenannten Fachbücher zeigt sich die Oberflächlichkeit schon darin, dass beispielsweise Band- und Musikernamen völlig falsch geschrieben, Liedtexte falsch übersetzt und somit falsch interpretiert und verdreht werden. Ein gutes Beispiel für eine solche Herangehensweise an das Thema stellt folgendes Zitat aus „ Das neue Rocklexikon“ dar, wo es heißt: „Allmählich erschlug das übersteigerte Bühnengebaren der Bands den ohnehin limitierten musikalischen Gehalt“ (Graves; Schmidt-Joos 1990, S. 913). Auch ein Autor wie Dieter Baacke, der als einer der renommiertesten Jugendforscher Deutschlands gilt, lässt kein gutes Haar an der Szene, indem er sagt, Heavy Metal diene dazu, „Versagensängste durch Omnipotenzphantasien“ (Baacke 1999, S. 94) auszugleichen. Er führt weiter aus: „Die Gruppennamen […..] lassen Torturen, Tod, Bedrohung assoziieren; die tätowierten Bizepse der halbnackten Musiker mit ihren langen, verschwitzten Zottelhaaren erinnern in ihrer Inszenierung eher an eine Provokation von Unterdrückten “ (ebd. S.95). Solche unsachlichen Kommentare haben meiner Meinung nach in Fachbüchern nichts zu suchen, sind aber zu diesem Thema eher die Regel als die Ausnahme, wie mir beim Schreiben dieser Arbeit oft aufgefallen ist.

Hinzu kommt, dass sich die Medien immer wieder gerne auf Heavy Metal -Bands stürzen, wenn es darum geht, einen Sündenbock beispielsweise für die jüngsten Amokläufe an Schulen in den USA oder in Deutschland zu finden. Nur zu gerne wird berichtet, dass die Täter CDs bestimmter Heavy Metal -Bands gehört hätten, die durch ihre versteckten satanischen und gewaltverherrlichenden Botschaften für die Tat mitverantwortlich seien. Bestes Beispiel für eine solche Berichterstattung ist der anfangs genannte Ausschnitt aus der FAZ mit dem aussagekräftigen Titel „Durch Verblödung zur Erlösung“, der belegt, dass sich selbst so renommierte Zeitungen nicht die Mühe machen, gründlicher zu recherchieren und statt dessen auf oberflächliche Berichterstattung voller Halbwahrheiten und Vorurteile setzen.

Auch für übermäßigen Drogenkonsum und Selbstmorde bei Jugendlichen, ausgelöst durch unterschwellig vermittelte Botschaften in bestimmten Liedern, werden die Bands gerne angeprangert (siehe auch Kapitel 6.2). Schließlich ist es doch weitaus einfacher und angenehmer, diese grimmig dreinschauenden, schlichtweg böse wirkenden Musiker für solche Probleme verantwortlich zu machen, als sich das eigene pädagogische Versagen einzugestehen.

Betrachtet man dies alles, ist es also kein Wunder, dass die landläufige Meinung über Heavy Metal alles andere als positiv ausfällt und er somit „als einer der umstrittensten Musikstile des 20. Jahrhunderts“ (Wehrli 2001, S. 2) angesehen werden kann. Sicherlich ist Musik immer Geschmackssache. Jede Musikrichtung hat schließlich ihre Anhänger wie auch Gegner, und viele Spielarten des Heavy Metal mögen durch die massiv verzerrten Gitarren, das donnernde Schlagzeug und die ungewohnten Phrasierungen der Sänger für die ungeübten Ohren des „Ottonormalhörers“ brachial und schlicht nach infernalischem Lärm klingen. Aus der Sicht eines Szenefremden mag die Kritik somit durchaus nachvollziehbar und verständlich sein, sind das äußere Erscheinungsbild sowie die Ausdrucksformen der Musiker und Fans dieses Genres doch nicht unbedingt als gewöhnlich zu bezeichnen. Trotzdem lässt sich im Falle der Gegner des Heavy Metal ohne Übertreibung sagen, dass wohl kaum eine Spielart der modernen Rockmusik so viele Feinde vorzuweisen hat, die mit solcher Vehemenz und Hartnäckigkeit gegen diese Musik vorgehen, was bis hin zu Forderungen nach Zensur bzw. einem Verbot dieser Art von Musik reicht. Medien- und Kirchenvertreter, Pädagogen und Eltern - keiner lässt eine Gelegenheit aus, vor den vermeintlich gefährlichen Einflüssen dieser Musik zu warnen, die Jugendliche angeblich zu Gewalt und Satanismus verführt.

Erst seit etwa zehn Jahren kommt, meistens noch recht zögerlich, auch die Gegenseite, sprich die Fans bzw. Befürworter der Szene, verstärkt zu Wort und es entsteht langsam aber sicher ein Gegenpol zu dieser negativen Meinungsmache. In Form von Büchern und Veröffentlichungen, die sich auf wissenschaftlich fundierter Basis mit dem Thema auseinandersetzen und von Autoren stammen, die sich intensiv mit der Szene befasst haben, wird nun endlich ein realitätsnahes Bild aufgezeigt. Als Grund für diese zögerliche Entwicklung ist vorrangig zu nennen, dass den Fans dieser Musikgattung lange Zeit eine angemessene Plattform fehlte, die ihre Sicht der Dinge in der Öffentlichkeit darstellt. Bettina Roccor beschreibt dies in ihrem Buch „Heavy Metal - Die Bands, die Fans, die Gegner“ vortrefflich, indem sie anmerkt: „Es sind in der Regel Menschen mit Hochschulabschluss, die ihre Ansichten über Heavy Metal in der Öffentlichkeit äußern dürfen – der Titel verleiht ihnen eine Autorität, die den meisten Fans fehlt. Der Normalbürger ohne nähere Hintergrundinformation schenkt automatisch eher dem Herrn in Anzug und Krawatte Glauben als dem nietenbewehrten, tätowierten, mit Schmuck behängten Langhaarigen in schmuddeligen Jeans und Lederweste“ (Roccor 1998, S. 15).

Als bestes Beispiel für eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dieser Thematik möchte ich dann auch die eben zitierte Autorin Bettina Roccor nennen, eine Szenekennerin, selbst Fan, die sich 1996 sogar in ihrer Doktorarbeit (Titel: „Heavy Metal – Kunst. Kommerz. Ketzerei.“) ausführlich mit der Szene befasst hat. Sie darf dann auch als Vorreiterin in diesem Bereich gelten, hat sie doch als erste eine wissenschaftliche Arbeit über die komplette Szene verfasst und veröffentlicht. Ebenfalls erwähnen möchte ich an dieser Stelle den Satiriker und seit Ende der 80er Jahre eingefleischten Metal -Fan Till Burgwächter, der sich dem Thema auf eine andere, sehr unterhaltsame Art und Weise annäherte: Mit seinen beiden bisher erschienen Werken „JGTHM – Juhr Gait Tu Hewi Mettäl´“ (2002) und „Schmerztöter“ (2003) schuf er ein, nach eigenem Bekunden, „pseudo-wissenschaftliches Nachschlagewerk, das so ziemlich jede Frage in Sachen Heavy Metal kompetent beantwortet“ (Burgwächter 2002, S.6). Mit bissigem Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie beleuchtet er nahezu alle Facetten der harten Szene und vermittelt sein Insider-Wissen auf eine einmalige, humoristische Art und Weise, was diese Bücher auch für interessierte Szenefremde zu einem kurzweiligen Lesevergnügen werden lässt.

Dass es aber nicht nur eingeschworenen Fans sondern auch szenefremden Autoren möglich sein sollte, ein objektives Bild zu vermitteln, zeigt die Jugend-forscherin und diplomierte Soziologin Elke Nolteernsting, die nach ihrem Diplom zum Thema „Jugend, Freizeit, Geschlecht“ promovierte. Sie besuchte als absoluter Szeneneuling ohne irgendwelche Vorkenntnisse und Vorurteile einfach für ein Jahr lang unzählige Szenetreffpunkte wie Konzerte, Festivals und Clubs im In- und Ausland, um sich für ihr Buch ein Bild dieser so oft verteufelten Musikkultur machen zu können. Herausgekommen ist das äußerst informative und kurzweilige Werk „Heavy Metal - Die Suche nach der Bestie“, das durch unzählige Interviews mit Musikern wie Fans ein lebhaftes Bild der Szene vermittelt, ohne diese zu vergöttern oder zu verdammen. Die Autorin zeigt sich überrascht, dass sie allerorten mit offenen Armen empfangen und ohne Vorbehalte akzeptiert wurde und zieht ein durch und durch positives Fazit (vgl. Nolteernsting 2002, S. 6). Leider sind solche Veröffentlichungen immer noch nicht die Regel, zu tief verwurzelt ist die Abneigung durch das negative Image, das der Szene von Anfang an anhaftete.

Aber was steckt wirklich hinter dem „Dämon“ Heavy Metal ? Was macht die Faszination dieser vielschichtigen und lebendigen Musikkultur aus, die sich nun schon seit über 30 Jahren gegen alle schnelllebigen Trends behauptet und sich mittlerweile in derart viele Stilrichtungen untergliedert, dass eine vollständige Aufzählung aller Bereiche nahezu unmöglich ist? Eine Musikkultur, die sich größtenteils fernab der öffentlichen Beobachtung im Untergrund abspielt und die somit für die breite Masse quasi nicht vorhanden ist, die immer wieder gerne von den Medien totgesagt wird und dennoch anno 2004 lebendiger ist denn je, mit einer Stilvielfalt, wie in kaum einer anderen Musikrichtung und mit einer bestens funktionierenden „Infrastruktur“, bestehend aus Magazinen, Fanzines, Festivals, Clubs, Plattenfirmen, etc.

Mit der nun folgenden Arbeit möchte ich versuchen, auf all diese Fragen einzu-

gehen, um einen Einblick in diese „Szene der harten Männer und Frauen“ zu geben, die für viele Außenstehende oftmals abstoßend oder gar beängstigend wirkt. Ich möchte mich u.a. mit den oben genannten Vorwürfen auseinandersetzen und versuchen, die Szene, in der ich mich nun selbst seit über zehn Jahren bewege, näher zu beleuchten, um hierbei auch mit dem einen oder anderen Vorurteil aufzuräumen und eine differenziertere Betrachtungsweise zu erreichen. Da, wie bereits erwähnt, die Heavy Metal -Szene mittlerweile durch sich immer neue formierende Stile und durch unzählige Bands teilweise recht unüberschaubar geworden ist, möchte ich mich in den einzelnen Bereichen auf die jeweils wichtigsten Vertreter konzentrieren, ohne dabei einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Erwähnen möchte ich noch, dass in dieser Arbeit in Bezug auf einzelne Stilrichtungen und Bands häufig vorkommendes Vokabular wie „aggressiv“, „brutal“, „brachial“ und ähnliche Formulierungen sich ausschließlich auf die Musik beziehen, und nicht wörtlich zu verstehen sind.

2. Heavy Metal – Ein Definitionsversuch

Zum eigentlichen Beginn dieser Arbeit möchte ich nun zum besseren Verständnis der Thematik kurz auf den Begriff Heavy Metal und die Schwierigkeit einer exakten Definition eingehen. Als problematisch erweist sich hierbei, dass man Heavy Metal viele Jahre lang eher musikkritisch als musikwissenschaftlich betrachtet hat, dass sich die Literatur also weniger mit der Musik und ihren Merkmalen, sondern vielmehr mit dem Umfeld wie z. B. dem Auftreten der Musiker und der Erscheinungsform der Szene auseinandergesetzt hat, weshalb man wenige exakte Definitionen findet. So beschränkte sich die gesamte musikwissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Thema zu Anfang auf einen winzigen Eintrag im ersten offiziellen Rocklexikon (1973) von Graves/ Schmidt-Joos, der da lautete: „Heavy Metal: Hochgradig verstärkte Rockmusik, bei der die Lautstärke essentiell für den Gruppenstil geworden ist.“ (vgl. hierzu Schäfer 2001, S. 15). Dies war lange Zeit der einzige Beitrag bzw. Definitionsversuch von Seiten der Musikwissenschaft.

Doch von vorne: „Heavy Metal“ stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt „Schwermetall“. Nimmt man von dieser wörtlichen Übersetzung Abstand und sucht nach einer allgemeinen Definition, merkt man schnell, dass dies kein leichtes Unterfangen ist. Im Duden, das Fremdwörterbuch, beispielsweise wird Heavy Metal synonym mit Heavy Rock verwendet, der dann als „aggressivere Variante des Hard Rock“ (Duden 1997, S. 313) bezeichnet wird. Sucht man ausgehend von dieser Definition nach dem Begriff Hard Rock findet man folgende Erklärung: „Hard Rock ist eine Stilrichtung der Rockmusik, für die eine sehr einfache harmonische und rhythmische Struktur und extreme Lautstärke kennzeichnend sind “ (ebd. S. 311).

Schon nach diesen äußerst allgemein gehaltenen Definitionen lässt sich vermuten, dass die Begriffe Hard Rock, Heavy Rock und Heavy Metal eng zusammenhängen und wohl nur schwerlich exakt voneinander trennbar sind. Diese Vermutung wird belegt, wenn man zur genaueren Erläuterung dieser Begrifflichkeiten Fachbücher wie z. B. Das neue Rocklexikon von 1998 von Barry Graves und Siegfried Schmidt-Joos hinzuzieht. Dort heißt es: Der Begriff Heavy Rock „wird allerdings seit langer Zeit synonym mit Heavy Metal verwendet und dürfte den meisten Fans nur wie eine ältere Variante erscheinen“ (vgl. hierzu Schäfer 2001, S. 16). Die Autoren führen dann weiter aus, dass Heavy Metal eine „Variante des Hard Rock mit pompösen, intensiv wiederholten Gitarrenriffs“ darstellt und einen „extrem verstärkten, bombastischen Rocksound“ (ebd. S.16) beinhaltet. Auch andere Sachbücher belegen, dass die oben genannten Begriffe kaum trennbar sind: So heißt es beispielsweise im „Handbuch der populären Musik“, Heavy Metal sei eine „Spielweise der Rockmusik, die musikalisch weitgehend mit dem Hard Rock früherer Jahre identisch ist, sich von diesem allenfalls durch größere Lautstärken und ein dank moderner Aufnahmetechniken schwergewichtigeres, von verzerrten E-Gitarren dominiertes Klangbild unterscheidet“ (Wicke/ Ziegenrücker 1997, S. 224). Angemerkt wird zudem, dass es nicht möglich ist, eine klare Trennlinie zwischen beiden Stilen zu ziehen, da sich viele der „heutigen Heavy-Metal-Bands durchaus in der Traditionslinie früherer Hard-Rock-Gruppen “ (ebd. S. 224) wie z.B. Deep Purple sehen.

Um dieses Dilemma der nicht eindeutigen, schwammigen Begrifflichkeiten zu umgehen, empfiehlt es sich also, die drei Begriffe synonym zu verwenden und den Hard Rock einfach als die Bezeichnung zu verstehen, die zuerst verwendet wurde, während Heavy Rock einfach als lautere Variante des Hard Rock zu verstehen ist, da es außer der höheren Lautstärke quasi keinen Unterschied gibt. Ausgehend davon bietet es sich dann an, Heavy Metal als Oberbegriff für alle Spielarten der harten Rockmusik zu verstehen (vgl. hierzu Schäfer 2001, S. 19). Dies hat sich mittlerweile auch allgemein durchgesetzt, zumal sich der Heavy Metal im Laufe der Zeit in eine Vielzahl unterschiedlicher Stile aufgesplittet hat (siehe Kapitel 4). Daneben hört man als allgemeine Bezeichnung für harte Rockmusik gelegentlich auch den Begriff Hard & Heavy, was hier aber nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden soll, da für diese Arbeit der genannte Oberbegriff Heavy Metal verwendet wird. Im übrigen sind solche Definitionsversuche meiner Meinung nach nur für Szenefremde hilfreich und zum besseren Verständnis geeignet, da ein Szene-Insider sehr genau weiß, welche Band er welcher Stilrichtung zuzuordnen hat, sei es nun der Hard Rock der ersten Stunde oder aber moderner Power-, Thrash- oder True Metal, dazu aber mehr in Kapitel 4.

Als musikalisches Charakteristikum im ursprünglichen Heavy Metal (siehe auch

Kapitel 4.2) gilt die klassische Besetzung bestehend aus Gesang, zumeist zwei Gitarren mit äußerst verzerrtem Sound, Bass und Schlagzeug. Gelegentlich werden auch Keyboards eingesetzt, die aber eher der Ausschmückung und Unterstreichung des Gesamtsounds dienen und in der klassischen Besetzung nicht als essentielles Instrument verstanden werden. Darüber hinaus findet man im Heavy Metal, wie bei vielen anderen Spielarten der Rockmusik auch, oftmals pentatonische Harmoniefolgen, die ursprünglich aus dem Blues stammen.

Dem Sänger, in der Szene auch „Shouter“ genannt, kommt im Heavy Metal eine tragende Rolle zu. Schließlich steht er zum einen als Frontmann bei Konzerten im Mittelpunkt des Interesses und ist zum anderen letztlich derjenige, der die Stücke mit seiner Stimme und Ausdruckskraft entscheidend prägt. Typisch ist in der Regel der hohe metallische Klang der Stimme sowie die „rauhe, oft kreischende Phrasierung der Sänger“ (Altrogge; Amann 1991, S. 18). Anzumerken ist hierzu, dass den „Shoutern“ alle erdenklichen Ausdrucksmittel erlaubt sind, um die Emotionen des jeweiligen Songs adäquat zu transportieren. Hierbei sind ihnen nahezu keine Grenzen gesetzt, angefangen vom kraftvollen Rockgesang über den metaltypischen Falsettgesang mit Einsatz der Kopfstimme bis hin zu Schreien aller Art, beispielsweise um Schmerz, Trauer oder Wut auszudrücken; alles ist gestattet, wenn es dem Song dient.

Unabdingbar ist in jeder traditionellen Metal- Band neben einem ausdrucksstarken Sänger ein virtuos aufspielender Sologitarrist, der sein ganzes Können oftmals in langen, zumeist technisch komplexen und anspruchsvollen Solopassagen in der Mitte eines Songs unter Beweis stellt. Ebenfalls charakteristisch ist daneben das aggressive, von einer ausgeprägten Riff-Technik gekennzeichnete Stakkatospiel der Rhythmusgitarre, stellt doch das sogenannte Gitarren-Riff das Grundgerüst und somit einen unverzichtbaren Bestandteil eines jeden Heavy Metal -Songs dar. Untermauert werden diese Gitarren-Riffs wiederum von der Rhythmus-Abteilung, bestehend aus Bass und Schlagzeug, welches zumeist mit zwei nebeneinander stehenden Bass-Trommeln, auch Double-Bass genannt, in 4/4-Akzentuierung gespielt wird.

Erwähnen möchte ich noch, dass in den letzten Jahren auch zunehmend stilfremde Instrumente wie Dudelsäcke, Flöten, Violinen oder Cellos in den einzelnen Subgenres eingesetzt werden, weshalb sich ständig neue Stile mit neuen Bezeichnungen bilden. Viele Bands bedienen sich zudem meist mehrerer Stile und lassen die unterschiedlichsten Einflüsse in ihrer Musik zu, so dass sie nicht immer eindeutig einer bestimmten Richtung zuzuordnen sind. Es lässt sich aber zweifellos sagen, dass im Heavy Metal, egal welches Subgenre man nun betrachtet, die stark verzerrten E-Gitarren als Hauptmerkmal anzusehen sind. Sie dominieren den Sound und sorgen letzten Endes auch für dieses brachial anmutende Klangbild, das diese Musikrichtung zur radikalsten der Rockmusik werden lässt.

Zum Begriff Heavy Metal ist noch anzumerken, dass nicht ganz klar ist, woher diese Wortschöpfung stammt, da diese Musik, wie bereits erwähnt, zuerst als Hard Rock bezeichnet wurde. Es gibt verschiedene Theorien, wie z. B. diejenige, die besagt, dass der Begriff aus dem 1964 erschienenen Cut-Up-Roman „Nova Express“ des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs, der u.a. auch den Roman „ The Naked Lunch“ veröffentlichte, stammt. In diesem „pornografischen Science-Fiction-Epos“ (Wehrli 2001, S. 5) kommt nämlich ein Charakter vor, dem Burroughs den Namen „The Heavy-Metal-Kid“ gab, da diese Figur ein metallenes Gesicht und Antennenarme hatte. Eine andere Theorie vermutet, der Begriff stamme aus dem Evergreen „ Born to be wild“ von Steppenwolf, in dem die Band 1966 vom „ Heavy Metal Thunder“ singt. Der Song, der nach wie vor als die Bikerhymne schlechthin gilt, beschreibt laut Steppenwolfs Songschreiber Mars Bonfire das Gefühl, „mit einem Wagen oder Motorrad über den menschenleeren Highway von Kalifornien zu brettern […..] und erschien mir als die richtige Ausdrucksweise der Schwere und des Lärms von leistungsstarken Autos und Motorrädern“ (ebd. S. 5).

Fakt ist aber lediglich, dass der US-Musikjournalist und Rockkritiker Lester Bangs diesen Begriff Anfang der 70er Jahre erstmals offiziell für die Beschreibung eines Musikstils in der Zeitschrift Creem verwendete, und zwar für die Musik von Black Sabbath, die zur damaligen Zeit ein absolutes Novum darstellte, da es bis dahin keine vergleichbar brachiale, schwerfällige und düstere Musik gab. In Deutschland blieb der Begriff noch viele Jahre unbekannt und wurde erst Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre populär.

3. Die Geschichte des Heavy Metal: Eine musikalische Revolution nimmt ihren Lauf

3.1 Die metallischen Wurzeln

Heavy Metal ist, wie alle anderen Musikbewegungen auch, nicht aus dem nichts heraus entstanden, sondern hat sich kontinuierlich zu dem entwickelt, was er heute ist. Fachleute wie Fans sind sich jedoch uneinig darüber, wann genau der Startschuss für diese Entwicklung fiel bzw. wo die Wurzeln harter Rockmusik im Allgemeinen zu suchen sind.

Reichen die Ursprünge nun zurück bis zu den martialisch anmutenden Schlachtgesängen der Wikinger, denen die Sänger mancher Metal -Bands nicht unähnlich sind, oder waren es eher klassische Komponisten wie Wagner oder Mussorgsky, die den Grundstein legten? Wagner, weil er eine für damalige Verhältnisse ungewohnte, aggressiv-dynamische Musik kreierte und deshalb von vielen Metal -Musikern wie z.B. Joey deMaio (Manowar) oder Christofer Johnsson (Therion) als ein bedeutender Einfluss genannt wird; Mussorgsky, weil er damals „unter Missachtung der steifen Hofmusik-Etikette in bester Schockrock-Manier halb Europa gegen sich aufbrachte“ (Rock Hard Nr. 174/ 2001, Record Mania Special S. 11) und somit die „Alteingesessenen“ provozierte, ähnlich wie Heavy Metal -Musik dies bis heute tut? Oder waren es einfach die Rock -Bands der ersten Stunde wie die Beatles, die Rolling Stones oder The Who, weil sie einer neuen Musikgattung, der Rockmusik, zu internationaler Anerkennung verhalfen und somit auch als Wegbereiter für deren extremste Ausprägung, den Heavy Metal, anzusehen sind?

All diese Theorien klingen interessant und durchaus plausibel, und sie alle sind sicherlich für die Entstehung mitverantwortlich, gab es doch schließlich schon immer Komponisten und Musiker, die neue Wege beschritten, neue musikalische Grenzen ausloteten und dadurch neue Musikgattungen schufen. Die für die Entstehung des Heavy Metal maßgebendste Voraussetzung ist aber, so banal es klingen mag, die Entwicklung der E-Gitarre in den 1940er Jahren, wäre doch jegliche Art von Rockmusik und somit auch Heavy Metal ohne sie undenkbar. Das dadurch entstandene, elektrisch verstärkte Klangbild und die sich daraus ergebenden neuen Klangmöglichkeiten machten die oben genannten Rock -Bands und ihre immensen Erfolge überhaupt erst möglich. Im Zuge des Triumphzuges, den diese Bands v.a. in den 1960er Jahren feierten, etablierte sich dann die „Rockkultur, verstanden als Gegenkultur zum bürgerlichen Weg der Lebensgestaltung“ (Wehrli 2001, S.13), auf breiter Ebene und die Grundlage für die Entstehung von härteren Klängen war geschaffen.

3.2 Eine neue Musikkultur entsteht

In einer Zeit, in der die junge Generation nun immer mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung aufbegehrte und sich gegen deren „verkrustete Strukturen“ (Roccor 1998, S. 17) wandte, entstand, parallel zu den oben genannten, weitaus massentauglicheren Beatles und Co., eine neue, deutlich härtere Form der Rockmusik. Man kann, genau genommen, sagen, dass der Grundstein im Jahr 1964 gelegt wurde, als die Band The Kinks ihren Hit „ You really got me“ veröffentlichte. Dieser Song beinhaltete bereits ein wichtiges Markenzeichen dessen, was später als Heavy Metal bezeichnet werden sollte: Ein wuchtiges, immer wieder gespieltes Gitarrenriff, auf dem der komplette Song aufbaut.

Im weiteren Verlauf der 60er Jahre wurden weitere, den späteren Heavy Metal prägende Lieder veröffentlicht, beispielsweise „ Born to be wild“ von Steppenwolf, „ All right now“ von Free,I feel free“ von The Cream oder das 17minütige Meisterwerk „In-A-Gadda-da-Vida“ von Iron Butterfly, der ersten Band, die das Prädikat „heavy“ (Titel des Debütalbums) für sich beanspruchte. In all diesen Liedern wurden weitere, bis dato wenig bekannte Stilmittel verwendet: Stark verzerrte Gitarren, wuchtige Bassläufe, direkt und geradeaus gespielte Schlagzeugbeats sowie Texte, die v.a. die individuelle Freiheit zum Thema hatten.

Eher indirekt beeinflusst wurde die Entwicklung des Heavy Metal durch das Auftreten einer neuen Art von Musikern, den sogenannten „Guitar Heroes“ oder „Gitarrenhelden“ (Faulstich; Schäffner 1994, S. 48), allen voran der wohl bekannteste Gitarrist aller Zeiten, Jimi Hendrix. Diese neue Generation von Musikern rückte die Gitarre allein in den Mittelpunkt des Geschehens und das Gitarrenriff bildete fortan die Grundlage eines jeden Stückes, über das exzessiv improvisiert wurde, um die solistischen Fähigkeiten des Gitarristen zu zeigen. Genau dieses Phänomen spielt bis heute im Heavy Metal eine bedeutende Rolle, wie im vorangegangenen Kapitel bereits erwähnt wurde.

3.3 Die Gründerväter

Obwohl sich bei den oben genannten Bands bei einigen Stücken bereits der Beginn einer neuen, härteren Musikrichtung abzeichnete, gelten die im folgenden näher beschriebenen Gruppen, insbesondere Led Zeppelin und Black Sabbath, als eigentliche „Urväter“ dessen, was zuerst als Hard Rock und später als Heavy Metal bezeichnet werden sollte.

3.3.1 Led Zeppelin

Ausgangspunkt all dieser harten Rockbands der ersten Generation ist das England der späten 1960er Jahre, genauer gesagt das Jahr 1968. Nach der Auflösung seiner Band The Yardbirds, in der bereits Gitarrengrößen wie Jeff Beck und Eric Clapton gespielt haben, gründete der Gitarrist Jimmy Page zusammen mit Robert Plant (Gesang), John Paul Jones (Bass) und John Bonham (Drums) die Band Led Zeppelin. Das 1969 erschienene selbstbetitelte Debütalbum fand reißenden Absatz, da die Band eine originelle Mischung aus traditionellem Bluesrock und „harten, teils mystisch angehauchten Rocksongs“ (Stratmann 1998, S. 209) spielte. Auf den folgenden Alben, die schlicht „II“ (1969), „III“ (1970) und „IV“ (1971) benannt wurden, schuf die Band unsterbliche Klassiker wie „Whole lotta love“, „Immigrant Song“ oder „Rock `n` Roll“, die sich auch heute noch großer Beliebtheit erfreuen und immer wieder von verschiedenen Musikern neu interpretiert werden. Das unumstrittene Meisterwerk stellt hierbei sicherlich ein Song vom bis dahin wohl besten und erfolgreichsten Album „IV“ dar, nämlich die achtminütige Halbballade „Stairway to heaven“, eine überragende Heavy -Hymne, „welche heute noch weltweit Gänsehäute beschert“ (Herr 1991, S.61).

Die Markenzeichen Led Zeppelins waren insbesondere die hohe, stellenweise hysterisch klingende Stimme von Robert Plant, das harte, eigensinnige Schlag-

zeugspiel John Bonhams sowie die unverkennbar wimmernde, virtuos gespielte Gitarre von Page. Im Laufe ihrer zwölfjährigen Karriere, die 1980 durch den Alkoholtod des Schlagzeugers Bonham abrupt beendet wurde, brach die Band sämtliche Rekorde, die die Rockwelt damals kannte, angefangen von den Besucherzahlen bei ihren Konzerten über ihre Auftrittsgagen bis hin zu den Plattenverkäufen. So sollen z.B. allein vom Album „IV“ in den ersten beiden Wochen nach dessen Erscheinen zwei Millionen Exemplare verkauft worden sein.

Jimmy Page ist bis heute als gefeierter Ausnahmekönner an seinem Instrument

aktiv, ebenso Sänger Robert Plant, der erst 2002 sein jüngstes Soloalbum „Dreamland“ veröffentlichte, wohingegen John Paul Jones sich vom aktiven Musizieren zurückgezogen hat und heute vorwiegend als Musikproduzent tätig ist.

3.3.2 Deep Purple

Ebenfalls in die Zeit um 1968 fällt die Gründung einer weiteren stilprägenden Band, die bis heute äußerst erfolgreich im Geschäft ist: Deep Purple.

Auch wenn die Band auf ihren ersten vier Alben eher einen stark an den psychedelischen Rock der Endsechziger angelehnten Musikstil bevorzugte, den man nur schwerlich als „hart“ bezeichnen kann und sich zudem „selbst nicht als Heavy Metal begriff“ (Christe 2004, S. 25), gehört sie meiner Meinung nach eindeutig in dieses Kapitel, da sie 1970 mit dem fünften Album „In Rock“ das bis dato wohl härteste Rockalbum der Musikgeschichte aufnahm. Spätestens ab jetzt prägten Deep Purple die Entwicklung des Heavy Metal entscheidend mit und ebneten damit ebenfalls den Weg für diese neue Musikrichtung.

Gegründet wurde die Band von dem legendären Gitarristen Ritchie Blackmore und dem Keyboarder John Lord. Dieses äußerst kreative Duo schuf in den Folgejahren Meisterwerke wie beispielsweise „Child in Time“, „Speed King“ oder „Highway Star“, die auch heute noch eine Klasse für sich sind. Das klassisch angehauchte, technisch versierte Gitarrenspiel von Blackmore gepaart mit dem unverkennbaren, virtuosen Keyboardspiel von Lord bildete das Rückgrat sowie das kreative Spannungsfeld von Deep Purple und ließ noch viele weitere Hard Rock -Evergreens entstehen, allen voran das weltbekannte „ Smoke on the water“, welches „das Hard Rock-Riff schlechthin“ (von Cossart 1993, S. 74) beinhaltet. Der Song stammt vom wohl erfolgreichsten Deep Puple -Album „Machine Head“ aus dem Jahr 1972, welches nicht minder heavy als sein Vorgänger ausfällt. Somit können Deep Purple zu Recht zu den anderen Pionieren dieser Musikgattung gezählt werden.

Erwähnen möchte ich der Vollständigkeit halber noch, dass die Band zwar bis heute sehr erfolgreich im Geschäft ist und immer noch überdurchschnittliche Alben produziert, aber nach dem Ausstieg von Ritchie Blackmore im Jahr 1975, der daraufhin die ebenfalls sehr erfolgreiche Formation Rainbow gründete, nie mehr an die einzigartige kompositorische Klasse früherer Werke anknüpfen konnte.

3.3.3 Black Sabbath

Die erste Band der Musikgeschichte, deren Musik überhaupt als Heavy Metal bezeichnet wurde (siehe auch Kapitel 2 dieser Arbeit) und die somit als ältester offizieller Vertreter dieses Genres gelten kann, ist die 1967 zuerst unter dem Namen Earth ins Leben gerufene und 1970 umbenannte Formation Black Sabbath (benannt nach einem italienischen Horrorfilm) , gegründet von Sänger JohnOzzy“ Osbourne, Gitarrist Tony Iommi, Bassist Geezer Butler und Schlagzeuger Bill Ward. Die Band stammte aus der Industriemetropole Birmingham, einer Gegend, die gekennzeichnet war von „Industriequalm, Fabrikschloten und Arbeitersiedlungen“ (Roccor 1998, S.19); aus entsprechend ärmlichen Verhältnissen kamen die einzelnen Musiker. Dies ist ein Umstand, der nicht unwesentlich dazu beiträgt, das von Anfang an Revolutionäre an Musik, Texten und Aussehen von Black Sabbath zu erklären: Während nahezu alle Bands dieser Zeit noch Elemente der „Love & Peace“ - Bewegung in ihrer Musik aufwiesen, suchte man diese in der Musik von Black Sabbath vergeblich. Die Musik war düster, brachial, äußerst langsam und schwerfällig und klang schlichtweg böse. Die Texte handelten von mystischen Themen, von Hass und Verzweiflung, von einer Welt voller Gewalt, Unrecht und Unterdrückung. Die Realität wurde in den Songs nicht mehr, wie in vergangenen Hippie-Tagen, romantisch verklärt sondern schonungslos so beschrieben, wie vier junge Musiker, „aufgewachsen auf der Schattenseite der englischen Gesellschaft“ (Christe 2004, S.13), sie erlebten, nämlich hart und grausam. Songs wie „War Pigs“, eine knallharte Antikriegshymne, in der Ozzy Osbourne Politikern vorwirft, sie würden arbeitslose, junge Männer in den Krieg schicken, um für sie die blutige Arbeit zu verrichten, sprechen eine deutliche, unmissverständliche Sprache. Ebenso Stücke wie „Hand of Doom“, das das Elend der Drogenabhängigkeit zum Thema hat oder „Iron Man“, das sich mit den Kriegsneurosen eines Veteranen auseinandersetzt.

Dazu kreierte die Band ein okkultes Image, trat nur in schwarzer Kleidung mit großen, silbernen Kreuzen auf, verwendete auf der Bühne schwarze Kerzen, Särge und Grabkreuze und kokettierte mit satanischen Symbolen. Die völlig „abgedrehte“ und kranke, manchmal melancholische und weinerliche, dann wieder hysterisch klingende Stimme Ozzy Osbournes, der auf der Bühne gerne den „Madman“ (= „Wahnsinnigen“) spielte, sowie die schweren und bedrohlich wirkenden Stakkatoriffs von Toni Iommi unterstrichen dieses Image perfekt – ein völlig neuer Musikstil war geboren, da es bis dato nichts Vergleichbares gegeben hatte.

So fand das Debütalbum „Black Sabbath“ (1970) auch weltweit viele Anhänger und hielt sich wochenlang in den Charts, obwohl Radio und Fachpresse die Band vollständig ignorierten und die Musik von Kritikern „zerrissen“ wurde. Doch die weltweiten Erfolge der Band sprachen für sich, der Hit „Paranoid“ vom gleichnamigen zweiten Album (1970), der lange auf Platz 1 der Charts rangierte, gilt bis heute als unsterblicher Heavy Metal -Klassiker und gehört nach wie vor zum Pflicht-Repertoire eines jeden Metal- Clubs. Die ersten fünf Alben, zu denen neben den eben genannten noch „Master of Reality“ (1971), „Volume 4“ (1972) und „Sabbath bloody Sabbath“ (1973) gehören, zählen bis heute zu den stilprägendsten des gesamten Genres.

Erwähnt sei zum Schluss noch, dass Ozzy Osbourne Ende 1978 die Band verlassen und 1980 eine äußerst erfolgreiche Solokarriere gestartet hat, die bis heute anhält und ihn zum millionenschweren Rockstar gemacht hat. Zum Leidwesen vieler Fans, zu denen auch ich mich zähle, macht er in den letzten Jahren aber weniger durch seine Musik als durch die unsägliche MTV-Reality-Serie „ The Osbournes“ von sich reden, in der sich das einstige Aushängeschild der Metal -Szene mit seiner Familie in einer Art „fleischgewordenen Muppet Show “ (Burgwächter 2003, S. 76) rund um die Uhr von Kameras begleiten und zur von massivem Drogenmissbrauch gekennzeichneten „Witzfigur degradieren lässt“ (ebd. S.76).

Auch Black Sabbath sind immer noch aktiv und haben bis Mitte der 90er Jahre trotz einiger Besetzungswechsel z.T. hochkarätige Alben veröffentlicht. Seit 1997 kehrt Ozzy Osbourne ab und an zur Band zurück und spielt Konzerte oder ganze Tourneen, was ihm und Black Sabbath den meiner Meinung nach berechtigten Vorwurf einbrachte, dies aus rein finanziellen Beweggründen zu tun. Die Band hat nämlich schon öfters ihre Auflösung und die angeblich letzten Konzerte angekündigt, dies aber letzten Endes nie umgesetzt und darüber hinaus seit fast zehn Jahren kein neues Album mehr veröffentlicht.

Exkurs:

An dieser Stelle bietet es sich meiner Meinung nach an, einen kleinen Exkurs zu der Theorie zu machen, warum Heavy Metal, wie ihn gerade Black Sabbath spielten, ausgerechnet in der Zeit um 1970 entstanden und so populär geworden ist. Viele Autoren und Musikwissenschaftler vertreten die Auffassung, dass der Grund dafür folgender ist: „ Die Hippie-Illusion von Liebe und Brüderlichkeit und der kollektive Traum von der spirituellen Heilung der Industriegesellschaft“ (Schäfer 2001, S. 31) war gerade gestorben, die „Love & Peace“- Bewegung war gescheitert und ihre größten Ikonen wie Janis Joplin, Jimi Hendrix und Jim Morrison waren an einer Überdosis Drogen gestorben. Die resignierende, frustrierte Jugend suchte nun nach einem anderen Ventil, ihren Unmut gegen die verrohte kapitalistische Gesellschaft auszudrücken – es war Zeit für eine neue, radikalere Musikkultur, die sich ohne romantisch verklärten Blick schonungslos mit der Realität auseinandersetzte und Missstände anprangerte, wie bereits oben bei Black Sabbath beschrieben.

Heavy Metal kann also als Nachfolge-, oder besser gesagt, Gegenbewegung zur Hippiekultur gesehen werden, die als Antwort auf deren Niedergang „mitten aus diesem Scherbenhaufen jugendlicher Protestbewegungen und illusionärer Alternativentwürfe“ (Wehrli 2001, S.11) heraus entstanden ist. Dazu passte auch das andersartige, okkulte Image, dass Black Sabbath kreierten: Der Teufel wurde quasi als Sinnbild für alles Schlechte und Üble in der Welt verwendet und als eine Art Verbündeter der Unterdrückten und Unterprivilegierten betrachtet. Außerdem spielte, wie bei allen Jugendkulturen, nicht zuletzt die Rebellion gegen Elternhaus und Gesellschaft eine entscheidende Rolle, eignet sich die Verwendung okkulter Symbole doch ausgezeichnet dafür, Eltern und Umwelt zu schockieren.

3.3.4 Judas Priest

Als letzte „echte“ Heavy-Metal -Band der ersten Stunde, die bis heute mit über 20 Millionen verkaufter Tonträger zu den erfolgreichsten Bands dieses Genres zählt, sind in diesem Kapitel noch die um 1969 ebenfalls in Birmingham gegründeten Judas Priest zu nennen. Nach diversen Besetzungswechseln und einigen veröffentlichten Singlen bildete sich das erste richtige Line-Up (= „Besetzung“) mit Sänger Rob Halford, den Gitarristen K.K. Downing und Glenn Tipton, dem Bassisten Ian Hill und Drummer John Hinch erst um 1973 heraus.

Das Debütalbum „Rocka Rolla“ erschien dann 1974, erwies sich jedoch als Flop auf ganzer Linie; bei Konzerten wusste die Band allerdings zu begeistern und erfreute sich wachsender Zuhörerzahlen. Mit dem 1976 erschienenen Zweitwerk „Sad wings of destiny“ gelang es Judas Priest erstmals, diese Live-Qualitäten auch auf Platte zu verewigen: Das Album wurde ein voller Erfolg und gilt bis heute als Meilenstein der Heavy-Metal -Geschichte. Lieder wie „Victim of changes“, „The Ripper“ oder „Tyrant“ beinhalteten bereits wichtige Markenzeichen der Band, die später noch weiter ausgebaut werden sollten: düstere Gitarrenriffs, virtuose Gitarrensoli, hart gespielte Rhythmen und v.a. die extrem hohe, bisweilen metallisch schreiende Stimme von Rob Halford, durch die er in den folgenden Jahren zu dem Metal -Sänger schlechthin avancierte. Keine andere Band hatte es bis zu diesem Zeitpunkt geschafft, auch nur annähernd „an das Tempo von Glen Tipton und K.K. Downings Gitarren oder die großartige Theatralik in Rob Halfords phänomenaler Stimme“ (Christe 2004, S.32) heranzukommen. Auch Judas Priest verstanden ihre Musik als Revolution gegen das Establishment und versuchten, ähnlich wie Black Sabbath, die unschönen Seiten der Realität zu beleuchten und gegen die herrschenden Mächte zu protestieren, wie z.B. im Song „Genocide“, in welchem die ethnischen Säuberungen in Kambodscha unter dem Diktator Pol Pot thematisiert werden.

Mindestens ebenso wichtig für den Werdegang der Band war neben der Musik das revolutionäre Bühnenoutfit: Judas Priest präsentierten sich in schwerer, schwarzer Ledermontur mit blitzenden Nieten und Sänger Rob Halford fuhr mit einer knatternden Harley Davidson auf die Bühne: Das typische Metal -Image war geboren.

Musik und Image von Judas Priest führten diese spätestens im Jahr 1980, als „die Band ihr bis dato reifstes und bestes Werk“ (Herr 1989, S.74) in Form des Albums „British Steel“ veröffentlichte, an die Spitze der gerade aufkeimenden Metal -Szene. Hits der Marke „Grinder“, „Metal Gods“ und der wohl bekannteste Priest-Song aller Zeiten, „Breaking the law“, sind bis heute weit über die Szene hinaus bekannt. Der mit Abstand größte Verdienst von Judas Priest ist aber, dass die Heavy Metal -Bewegung im Zuge der immensen weltweiten Erfolge der Band zunehmend ihren Kinderschuhen entwuchs und sich als eigenständiges musikalisches Genre etablierte, dessen Anhängerschaft sich stetig vergrößerte. Daneben dürfte die Gruppe nicht zuletzt wegen ihres damals revolutionären Bühnenoutfits für viele Fans eine „der richtungsweisendsten Bands des Genres“ (Stratmann 1998, S.186) überhaupt sein.

Bis heute veröffentlichen Judas Priest regelmäßig Alben und touren rund um den Erdball, auch wenn sie zwischenzeitlich durch den Ausstieg ihres einstmaligen Aushängeschildes Rob Halford im Jahr 1992 etwas an Popularität verloren hatten, da der neue Sänger Tim „Ripper“ Owens zwar Halford stimmlich ebenbürtig, ja sogar überlegen war, aber bei weitem nicht dessen Charisma aufweisen konnte. 2003 kündigte Halford dann überraschend seine Rückkehr zur Band an, eine erfolgreiche Comeback-Tour wurde gestartet, und für Ende 2004 ist ein neues Album geplant. Ob die Klasse früherer Werke nochmals erreicht werden kann, bleibt aber abzuwarten.

3.4 Die „New Wave of British Heavy Metal” (NWoBHM)

Um das Jahr 1978 entstand im britischen Königreich eine Musikbewegung, die für die meisten Fans der härteren Klänge „den Kern, das Herzstück und die Blaupause für alle traditionellen Metal-Spielarten“ (Rock Hard Nr. 174/ 2001, Record Mania Special S.18) bildet: Die sogenannte „New Wave of British Heavy

Metal“ (NWoBHM). Diese Bewegung umfasste eine Zeitspanne von ca. fünf Jahren und brachte unzählige Bands und Klassiker hervor, die ihre Spuren in der gesamten Welt hinterließen und die Metal -Szene in ihrer heutigen Vielfalt begründet haben. Die NWoBHM wird von Fachleuten als der Punkt in der Geschichte der Rockmusik bezeichnet, an dem sich der traditionelle Hard Rock der 70er in den typischen Metal der 80er Jahre verwandelte. Erwähnt werden muss noch, dass Bands wie Judas Priest oder Motörhead zwar die NWoBHM entscheidend mitprägten und erst im Zuge dieser Bewegung richtig erfolgreich wurden, aber trotzdem nicht dazu gezählt werden, da sie schon Jahre vorher aktiv waren.

Nachdem es in England Mitte der 70er Jahre zu einer wahren Punk -Explosion gekommen war und Bands wie die Ramones oder Sex Pistols immense Erfolge feierten, ebbte diese Welle nach wenigen Jahren wieder ab und die meisten Bands dieser Gattung verschwanden in der Versenkung. Für die Entwicklung des Heavy Metal war Punk aber deshalb bedeutend, weil er „das englische Verständnis der eigenen musikalischen Identität erneuerte“ (Christe 2004, S.41) und dadurch frischen Wind in die Szene brachte, was eine Vielzahl von neuen Bandgründungen (siehe weiter unten) und somit einen weiteren Popularitätsschub für den Heavy Metal zur Folge hatte. Speziell bei der Band Motörhead, die sich im Jahre 1975 gründete und 1977 ihr selbstbetiteltes Debüt veröffentlichte, treten diese Punkwurzeln deutlich hervor, weshalb man sie durchaus als Bindeglied zwischen Punk und Heavy Metal betrachten kann, obwohl Fans die Band sicherlich eindeutig der Metal -Szene zuordnen werden. „Heavy Metal schluckte den Punkrock und drängte weiter voran“ (ebd. S.42).

Der genaue Startschuss für die NWoBHM fiel dann in etwa Ende 1978, als eine Band namens Iron Maiden ihre erste selbstfinanzierte Single mit dem Titel „The Soundhouse Tapes“ veröffentlichte, deren limitierte Auflage von 5000 Exemplaren binnen kürzester Zeit vergriffen war, was eindeutig belegte, dass es eine hungrige Zielgruppe für diese Art von Musik gab. Grund für die große Nachfrage war, dass vielen Teenagern der damaligen Zeit der konventionelle Hard Rock zu langweilig geworden und der oben erwähnte Punk Rock zu unmusikalisch war, weshalb viele ihre eigenen Bands gründeten, um die eigenen musikalischen Vorstellungen verwirklichen zu können. Damit war der Grundstein für die NWoBHM gelegt, die nach und nach die ganze Welt erfasste.

Genau solche Teenager waren es auch, aus denen sich in der Folgezeit Bands

wie Def Leppard („On through the night“,1980), Diamond Head (“Lightning to the nations“, 1980), Saxon („Wheels of steel“, 1980) oder Angel Witch („Angel Witch“, 1981) zusammensetzten, die heute als Klassiker in der Szene gelten und z.T. immer noch äußerst erfolgreich sind, wie die Beispiele Iron Maiden und Saxon belegen.

Diese Bands waren Vorreiter einer ganzen Armee von zumeist originellen Nacheiferern, wie z.B. Tygers of Pan Tang, Raven, Jaguar, u.a., die ihre ersten Gehversuche oft mit selbstfinanzierten Singles unternahmen. Diese „jungen Wilden“ nutzten jede Gelegenheit, um in ihren Proberäumen immer neue Sounds mit noch mehr Verzerrung und höheren Lautstärken auszuprobieren. Darüber hinaus wurde unermüdlich geprobt, da die „Nachwuchsmetaller großen Wert auf ein möglichst fehlerfreies Zusammenspiel und durchstrukturierte Songs“ (Roccor 1998, S.45) legten. Diese neue Generation von Musikern war nicht von großen Konzernen und Plattenfirmen abhängig, die sich um die Vermarktung der Musik kümmerten, da es damals vor allem in London ein auf die Punk -Welle zurückgehendes, gut ausgerüstetes Untergrund-Netzwerk mit zahlreich vorhandenen Tonstudios, unabhängigen Plattenfirmen (sogenannten „Independent-Labels“), kleinen Vertrieben und Live-Clubs gab, in denen bevorzugt Musik der härteren Gangart zu hören war. Somit hatten die Nachwuchsbands die Möglichkeit, oft vor Publikum aufzutreten und konnten außerdem ihre selbst finanzierten Platten bei diesen Gelegenheiten direkt an die Fans verkaufen. Niemand machte ihnen Vorschriften, wie die Songs zu klingen hatten und die Bands konnten fernab des Mainstreams ihre Lieder so aufnehmen, wie sie ihnen gefielen. Dieses allgemeine „Do-it-yourself-Ethos“ (Christe 2004, S.45) sorgte dafür, dass in den folgenden Jahren eine Vielzahl an Platten in Umlauf kam und die Bands sich im Untergrund kontinuierlich einen Ruf aufbauen konnten. Nur so war es möglich, dass sich eine neuartige, lebendige Musikszene fernab von aktuellen Trends entwickeln konnte.

Hinzu kam, dass die Fans dieser Musik auch begannen, sich optisch von anderen Musikstilen abzugrenzen: Die Haare wurden immer länger und die Kleidung bestand überwiegend aus Jeans, schwarzen Lederjacken, mit Nieten besetzten Armbändern und Gürteln sowie Jeanswesten („Kutten“), auf denen Aufnäher der jeweiligen Lieblingsband zu sehen waren. Somit war das typische Heavy Metal- Outfit geboren, dass auch heute noch zur Standard-Kleidung bei vielen Fans gehört.

Natürlich dauerte es nicht lange, bis die britischen Medien auf das Phänomen Heavy Metal aufmerksam wurden und darauf reagierten: Das damals führende englische Musikblatt „Sounds“ veröffentlichte 1981 unter dem Titel „Kerrang!“ ein Hochglanz-Sonderheft, das als einmaliges Special über die neu entstandene Metal- Szene gedacht war. Der Erfolg war jedoch so groß, dass daraus schnell ein monatlich erscheinendes Magazin wurde, das heute sogar wöchentlich erscheint. Damit war eine weitere Lücke in der Metal -Infrastruktur geschlossen und die erste Szenezeitschrift entstanden.

Auch die großen, etablierten Plattenfirmen begannen nun, die bekanntesten Bands unter Vertrag zu nehmen, um den stetig steigenden Bedarf an dieser Musik decken zu können. So konnten Iron Maiden einen Vertrag bei EMI ergattern, Def Leppard bei Phonogram und Saxon bei Carrere, was dazu führte, dass diese Bands ihre Musik nun weltweit veröffentlichen und durch aller Herren Länder touren konnten. Dies hatte in den 80er Jahren einen Heavy Metal -Boom sondergleichen zur Folge, der besagte Bands an die Spitzen der internationalen Charts katapultierte und weltweit, v.a. jedoch in den USA und Europa (siehe Kapitel 3.5 bzw. 3.6), zahlreiche namhafte Nacheiferer fand, von denen die meisten ebenfalls äußerst erfolgreich bis in die heutige Zeit aktiv sind.

Zu erwähnen ist noch, dass die NWoBHM keine politische Botschaft im Sinne von „No Future“ oder „Love and Peace“ vermitteln wollte; die Revolution war rein musikalischer Natur und richtete sich gegen die kommerzielle Ausschlachtung und Zähmung der Rockmusik sowie gegen die immer banaler und billiger zu werden drohende Unterhaltungsindustrie. Somit hatte sie primär musikalische und künstlerische Freiheit zum Ziel. Auch wenn Heavy Metal natürlich, wie alle anderen Musikstile, heutzutage kommerziell vermarktet wird, ist er trotzdem noch von diesem rebellischen musikalischen Geist der NWoBHM durchdrungen und behauptet im weiten Spektrum der Rockmusik „noch eisern seine rebellische Nische“ (Wehrli 2001, S.14). Die Szene wehrt sich in weiten Teilen, besonders natürlich in ihren musikalisch extremeren Ausprägungen, vehement gegen eine Vereinnahmung durch den Mainstream ist damit die vielleicht letzte wirklich innovative Musikrichtung im Rockbereich.

3.5 Die US-Metal-Bewegung

Inspiriert von den Bands der NWoBHM entwickelte sich auch in den USA eine lebendige neue Musikszene, die ihre Blütezeit in den Jahren 1982-1988 hatte und etliche, das komplette Genre prägende Meilensteine hervorbrachte: Der sogenannte US-Metal. Anzumerken ist hierzu, dass dieser Begriff zumindest bis in die 90er Jahre auf keine spezielle Metal -Spielart, sondern auf alle US-Bands und Stilrichtungen, die in diese Zeit fallen, angewandt wurde, was auch in diesem Kapitel der Fall sein soll.

Während in England, wie bereits erwähnt, die neu entstandene Metal -Szene schon in den 70er Jahren viele Anhänger fand, waren die USA zu dieser Zeit „nahezu ein weißer Fleck auf der metallischen Landkarte“ (Mader; Jeske; Hofmann 1996, S.32). Zwar gab es dort auch einige Bands wie Kiss, Van Halen, Aerosmith oder Alice Cooper, die sich auch harten Rocksounds verschrieben hatten, doch von einer richtigen Metal -Bewegung im Untergrund mit ähnlichen Auswirkungen wie in England konnte keine Rede sein. Dies änderte sich erst, als die englischen Bands die Möglichkeit hatten, ihre Platten weltweit und somit auch in den USA zu veröffentlichen, was zur Folge hatte, dass sich dort ebenso schnell unzählige Fans für diese Musik fanden wie einige Jahre zuvor in England.

Einer dieser Fans war ein junger Mann namens Brian Slagel, der zu dieser Zeit in einem Plattenladen in Los Angeles arbeitete und gute Kontakte nach Europa pflegte. Dadurch blieb ihm die NWoBHM nicht lange verborgen und er sorgte dafür, dass viele der in England angesagten Platten über Importe den Weg in das Geschäft fanden, in dem er arbeitete. Binnen kürzester Zeit war bekannt, dass dieser Plattenladen über ein ganz spezielles Angebot verfügte, das auf seinem Gebiet einzigartig war, weshalb die importierten Platten reißenden Absatz fanden. Inspiriert von diesem Erfolg und von dem in Kapitel 3.4 erwähnten „Do-it-yourself-Prinzip“ der englischen Bands gründete Slagel 1981 seine erste eigene Plattenfirma, die im Laufe der Jahre zu einer der größten auf ihrem Gebiet heranwachsen sollte: Metal Blade Records. Die ersten beiden Alben, die Slagel veröffentlichte und „ Metal Massacre 1 und 2“ betitelte, enthielten zahlreiche Stücke von amerikanischen Nachwuchsbands (u.a. Ratt, Metallica und Armored Saint) und ließen bereits erkennen, dass auch in den USA großes Potential vorhanden war, welches nur darauf wartete, einem größeren Publikum präsentiert zu werden. In den Folgejahren führte Slagel die „Metal-Massacre“ -Reihe weiter fort und erwies sich dabei als „regelrechter Talentfilter für neue, aufstrebende Metalacts“ (von Cossart 1993, S.112). Er entdeckte dabei, um nur einige zu nennen, Perlen wie Fates Warning, Metal Church, Sacred Reich und auch Slayer, die heute aus der Szene nicht mehr wegzudenken sind. Für alle in diesem Abschnitt genannten Bands bedeutete ihr jeweiliger Beitrag auf Slagels Alben einen entscheidenden Karriereschub, stellte er doch für die meisten oftmals die erste offizielle Veröffentlichung auf Platte dar.

Ein neben Brian Slagel weiterer, für die Geschichte des US-Metal bedeutender Name ist Mike Varney, der mit seiner Plattenfirma Shrapnel Records schon im Jahr 1980, also gut ein Jahr vor Slagel, aktiv war. Varney verfolgte aber eine gänzlich andere Strategie: Sein Focus lag nämlich weniger auf „echten“, von der NWoBHM beeinflussten Metal- Bands, sondern vielmehr auf den sogenannten „Gitarren-Heroen“ (Mader; Jeske; Hofmann 1996, S.18). Wichtig war ihm also nicht die Band als Ganzes, sondern in erster Linie ein einzelner, seiner Meinung nach begabter Gitarrist, den er als Ausnahmekönner vermarkten konnte, was auch in Zukunft der Schwerpunkt seiner Plattenfirma bleiben sollte. Auch Varney brachte, ähnlich wie Slagel, eine eigene Reihe von Alben mit unbekannten Künstlern heraus, der er den bezeichnenden Namen „US-Metal“ gab. Zwar erschien die erste Ausgabe, „US-Metal Vol.1“, noch vor Slagels „Metal Massacre“, enthielt aber, entgegen ihres Namens, so gut wie keine Metal -Band, sondern lediglich diverse Gitarrenprojekte, die für die weitere Entwicklung des Heavy Metal irrelevant waren und somit hinter Slagels Albumreihe zurückstehen müssen. Dies ist neben der oben genannten anderen Firmenstrategie Varneys auch der Grund, warum ich ihn bewusst erst an zweiter Stelle genannt habe, obwohl er derjenige der beiden war, der zuerst aktiv wurde. Richtig interessant für die Etablierung der US-Metal -Szene wurde Varney nämlich erst mit seinem 1982 erschienenen „US-Metal Vol.2“, auf dem er Bands wie Exciter, deren komplettes Debüt er 1983 auf Shrapnel veröffentlichte (vgl. Mader; Jeske; Hofmann 1999, S.70), und Virgin Steele mit jeweils einem Song eine Plattform bot, um ihr Können unter Beweis zu stellen. 1983 und 1984 veröffentlichte Varney noch Vol. 2 und Vol. 3 dieser Reihe, welche Bands wie Vicious Rumors, Manilla Road oder Hawaii, der Band des späteren Megadeth -Gitarristen Marty Friedman, den Weg ebneten. Sicherlich hat er aus den oben genannten Gründen im direkten Vergleich zu Brian Slagel weitaus weniger reine Metal -Bands unterstützt, ist aber trotzdem nicht minder bedeutend, da er ebenfalls wichtigen Genre-Vertretern zu ersten Erfolgen verhalf.

Im weiteren Verlauf der 80er Jahre explodierte die amerikanische Szene dann förmlich und entwickelte sich in viele verschiedene Richtungen, von denen jede später auch etliche international erfolgreiche Bands hervorbringen sollte. Neue Maßstäbe in Sachen Härte, Schnelligkeit und Aggressivität setzten Bands wie die oben genannten Exciter mit ihrem 1983 erschienenen Werk „Heavy Metal Maniac“, dem wahrscheinlich ersten Speed-Metal -Album überhaupt, wenige Monate später gefolgt von Metallicas Meilenstein „Kill `em all“ und Slayers „Show no mercy“, die an Brachialität seinerzeit nicht zu überbieten waren und heute zu Recht als Urväter aller extremeren Spielarten des Heavy Metal gelten. Daneben sind eine Vielzahl hochkarätiger Alben von Bands jeglicher Metal- Stilrichtung erschienen, von denen ich neben den bereits genannten stellvertretend „Hail to England“ (1984) von Manowar, „Delirious Nomad“ (1985) von Armored Saint, „Bonded by blood“ (1985) von Exodus, „Feel the fire“ (1985) von Overkill, „Remnants of War“ (1986) von Helstar und „Digital Dictator“(1988) von Vicious Rumors nennen möchte. Es gäbe noch unzählige andere, deren Aufzählung den zeitlichen Rahmen dieser Arbeit jedoch sprengen würde. Alle der in diesem Kapitel genannten Bands sind heute noch bzw. wieder aktiv und veröffentlichen in regelmäßigen Abständen Alben, auch wenn sie v.a. in den 90er Jahren viele Durststrecken zu überwinden hatten (vgl. Kapitel 3.7); Bands wie Metallica, Slayer und Manowar zählen dabei zu den Topverdienern der Szene.

3.6 Die Vorgänge in Europa

Auch in Europa bzw. Deutschland waren härtere Rockklänge keinesfalls ein Novum, sondern dank Bands wie den Scorpions, die bereits seit 1972 regelmäßig Platten veröffentlichen und für viele die erste deutsche Hard Rock -Band darstellen, durchaus bekannt. Auch die Solinger Band Accept, die wenige Jahre später zum Aushängeschild in Sachen „Heavy Metal made in Germany“ und darüber hinaus zu den international erfolgreichsten deutschen Metal -Bands überhaupt aufsteigen sollte, veröffentlichte 1979 („Accept“) und 1980 („I`m a rebel“) bereits ihre ersten Alben - von einer revolutionären Musikbewegung wie der NWoBHM konnte aber, genau wie anfangs in den USA, keine Rede sein. Zu wenig war diese neuartige Musikrichtung bei den meisten Leuten noch bekannt. Es sollte auch noch bis Mitte der 80er Jahre dauern, bis sich die NWoBHM, „die in England bereits längst wieder ein alter Hut war“ (Mader; Jeske; Hofmann 1998, S. 8), auch hierzulande voll etabliert hatte.

Als Vorreiter für die Entwicklung des Heavy Metal in Europa können die oben genannten Accept gelten, die zwar mit ihren ersten beiden Alben ihren Stil noch nicht gefunden hatten, aber mit dem Drittwerk „Breaker“ von 1981 und der anschließenden Tour im Vorprogramm von Judas Priest europaweit auf sich aufmerksam machen konnten und fortan als Geheimtipp gehandelt wurden. Die unverwechselbare „Reibeisenstimme“ von Sänger Udo Dirkschneider, der stets im Kampfanzug posierte, sowie die beiden Gitarristen Wolf Hoffmann und Jörg Fischer, die beide mit weißen, V-förmigen Gitarren (sogenannten „Flying Vs“) auf die Bühne gingen, wurden schnell zum Markenzeichen der Band. Das 1982 erschienene „Restless and Wild“- Album (Cover siehe Anhang 5) sowie „Balls to the wall“ von 1983 wurden Verkaufsschlager und verhalfen der Band endgültig zu internationalem Ruhm. Zwar ließ „die sprichwörtliche Explosion der heimischen Heavy-Metal-Szene noch ein wenig auf sich warten" (ebd., S. 8), ist aber neben dem Einfluss der NWoBHM zu einem großen Teil auf den Erfolg und die Vorreiterrolle von Accept zurückzuführen. Weitere bahnbrechende Alben, die die Entwicklung in Europa dann weiter vorantrieben, waren die 1984 erschienenen „Gates to purgatory“ der Hamburger Band Running Wild sowie „Heavy Metal Breakdown“ der Gladbecker Grave Digger. Auch die bis heute wohl erfolgreichste hart rockende Frau der Szene, die Düsseldorferin Doro Pesch, veröffentlichte 1984 ihr Debütalbum mit ihrer damaligen Band Warlock und zeigte drauf eindrucksvoll, dass Heavy Metal keinesfalls reine Männersache sein muss.

Als sich in diesen Jahren dann die NWoBHM endgültig auch hierzulande durchgesetzt hatte, ging die Entwicklung rasend schnell vonstatten und viele Klassiker wurden veröffentlicht. Neben Bands wie Destruction, Kreator, Sodom und Tankard, die äußerst aggressiven und brachialen Thrash-Metal (siehe Kapitel 4.5) spielten, konnte sich eine ganze Reihe von Bands etablieren, die die Art von Heavy Metal „erfanden“, die künftig als „typisch europäisch“ (vgl. Kapitel 4.2) bzw. „teutonisch“ bezeichnet werden sollte und europaweit bis in die heutige Zeit viele Nachahmer findet.

Als Initialzündung dieser Art von Metal gelten die Alben „Keeper of the seven keys“ (1987, Cover siehe Anhang 5) der Hamburger Helloween sowie „Future World“ (1987) der dänischen Pretty Maids, die in den Folgejahren „den Stein so richtig ins Rollen brachten“ (Rock Hard Nr. 175/ 2001, Record Mania Special S.34). Charakteristisch für diese Musik sind der sehr hohe, melodische Gesang, Gitarrenmelodien mit hohem Wiedererkennungswert und eingängige Refrains, schnelle, von Double-Bass -Trommeln (siehe Kapitel 2) dominierte Schlagzeugrhythmen und ein generell hohes Tempo der Lieder sowie virtuose, teils zweistimmige Gitarrensoli. Gerade diese Art von Metal erfreut sich seither, mit einem kurzen Einbruch in den 90er Jahren, weltweit großer Beliebtheit und ist wegen der Eingängigkeit und insgesamt äußerst melodischen Ausrichtung der Stücke sicherlich der Stil, der mit die meisten Anhänger hat, auch außerhalb der Szene.

Im Jahr 1997 erlebte dieser Stil durch das Debütalbum der Schweden Hammerfall einen erneuten Boom, der insbesondere in Skandinavien und Italien viele Nacheiferer hervorbrachte und bis heute unverändert anhält (ausführlich beschrieben im nächsten Kapitel).

3.7 Metal auf dem Weg ins neue Jahrtausend: Die 90er Jahre

3.7.1 Ist der Metal tot?

Wie aus den vorangegangenen Kapiteln hervorgeht, lag die Blütezeit des Heavy Metal mit all seinen unterschiedlichen Stilrichtungen in den 80er Jahren. Zwar war und ist diese Musik-Szene nach wie vor sehr lebendig, hat jedoch v.a. in der ersten Hälfte der 90er Jahre einige Einbrüche hinnehmen müssen und war primär nur im Untergrund und für den Ottonormalhörer offiziell gar nicht vorhanden. Mit wenigen Ausnahmen wie beispielsweise des schlicht „ Metallica“ genannten Albums der gleichnamigen Band von 1991 oder des 1992er Manowar -Werkes „The triumph of steel“ waren nur wenigen traditionellen Metal -Bands in dieser Zeit größere kommerzielle Erfolge beschert.

Da der Heavy Metal nun also seine erste große Krise durchlief, wurde er von der Mainstream-Presse gerne für tot erklärt und dessen Fans nicht zuletzt dank der damals äußerst erfolgreichen MTV-Zeichentrickserie „Beavis & Butthead“ als „ kichernde Trottel auf der Suche nach billigen Kicks“ (Christe 2004, S. 231) dargestellt. Dass diese Einschätzung kaum der Realität entsprach, belegt z.B. der damals immer populärer werdende Death Metal (siehe Kapitel 4.7), der seine Hochphase genau in diesem Zeitraum hatte und etliche interessante Werke hervorbrachte, ebenso wie die immer stärker werdende Black Metal -Szene (Kapitel 4.6). Auch eine Band wie Pantera feierte zu dieser Zeit ihre größten Erfolge, da sie ihren alten Stil über Bord warf, um ihren Sound durch mehr Härte, Aggression und eine bis dato unerreicht druckvolle Produktion moderner zu gestalten. Da dies in der Folgezeit viele Nachahmer fand und sowohl spielerisch als auch klangtechnisch neue Maßstäbe setzte, kann man vielleicht sogar sagen, dass dies der Punkt in der Metal -Geschichte war, an dem die traditionellen Klänge der 80er Jahre in ein neues Zeitalter geführt und modernisiert wurden, was ohne Zweifel auf die Vorreiterrolle Panteras zurückzuführen ist. Trotz dieser Innovationen und vereinzelten Erfolge war nicht von der Hand zu weisen, dass die Heavy Metal- Bewegung als Ganzes deutlich an Popularität verloren hatte und in einer tiefen Krise steckte.

3.7.2 Grunge-Bewegung und Metal-Renaissance

Grund für diese Krise war zum einen, dass Rockmusik allgemein Anfang der 90er Jahre an Bedeutung verloren hatte; die großen Bands durchliefen kreative Tiefs, „glattpolierter Mainstream-Hip-Hop und mieser Country-Pop“ (Rock Hard Nr. 176/ 2002, Record Mania Special S.54) dominierten die Charts. Der wichtigere, und für die Metal -Szene damals weitaus fatalere Grund war aber das Auftreten einer neuen, wenn auch kurzlebigen Musikbewegung, die sich „Grunge“ nannte und „als eine Art Hippie-Revival“ (Ferchhoff; Sander; Vollbrecht 1995, S.14) gepaart mit Elementen des Punk bezeichnet werden kann, was sich in teils melancholischen, teils aggressiven Songs widerspiegelte. Als Auslöser dieser Bewegung gilt das 1991 von der Seattler Band Nirvana veröffentlichte Album „Nevermind“. In der Folgezeit eroberten Nirvana gefolgt von Pearl Jam, Soundgarden und Alice in Chains die Charts in aller Herren Länder und avancierten binnen kürzester Zeit weltweit zu Superstars. Plötzlich galt Heavy Metal als veraltet und überholt, die „Generation X“ mit ihrer „No Future“ -Haltung war, wie schon bei der Punk -Welle in den 70er Jahren, wieder gefragt, ebenso das dazugehörige Erscheinungsbild mit ungepflegten Haaren, löchrigen Jeans, billigen Turnschuhen und Kleidung vom Flohmarkt; genauso minimalistisch war auch die Musik gehalten. Heavy Metal mit seinen oftmals technisch versierten Musikern galt als überholt und bei vielen sogar als Schimpfwort; Bands, die weiterhin diese Musik spielten, wurden, mit Ausnahme der eingefleischten Fans, mit allgemeiner Nichtbeachtung bestraft. Im Nachhinein betrachtet, führte dies jedoch zu einer weiteren Abgrenzung der Szene von anderen Musikrichtungen, die sie letzten Endes auch enger zusammengeschweißt hat und somit auch eine positive Seite hatte.

So schnell, wie die Grunge -Bewegung gekommen war, verschwand sie auch wieder. Den Anfang vom Ende bildete der Selbstmord des Nirvana -Sängers Kurt Cobain, der mit dem immensen Erfolg seiner Band nicht zurechtkam und zunehmend Alkohol und Drogen verfiel, was am 8. April 1994 schließlich zum Suizid Cobains und Ende von Nirvana führte. Nachdem der Grunge seine Galionsfigur verloren hatte, Soundgarden und Pearl Jam ihre Musik zunehmend veränderten und an Bedeutung verloren, verschwand der Grunge aus den Charts und die Bewegung war wenig später bereits wieder Geschichte. Zwar feierte sie Anfang des neuen Jahrtausends mit Bands wie Nickelback oder Staind in Form des „Neo-Grunge“ ein kurzes Revival, ist aber mittlerweile bereits wieder auf dem absteigenden Ast, da man aufgrund fehlender Originalität und musikalischer Limitiertheit nicht dauerhaft an die Erfolge oben genannter Bands anknüpfen konnte.

Nach dieser langen Durststrecke führte, wie bereits im vorangegangenen Kapitel erwähnt, in Europa das 1997 erschiene Debütalbum „Glory to the brave“ der Schweden Hammerfall zu einem Wiedererstarken des Heavy Metal auf breiter Basis. Quasi von Null auf Hundert startete die Band durch und bekannte sich zu alten Helden wie Helloween und Pretty Maids, wodurch auch diese Bands einen erneuten Popularitätsschub erfuhren. Dieser erneute Boom hält bis heute an und hat dafür gesorgt, dass zahlreiche neue Bands v.a. aus Skandinavien, Deutschland und Italien die Szene beleben und ihr Weiterbestehen sichern. Allen voran äußerst innovative und technisch versierte Bands wie die deutschen Edguy oder die Finnen Nightwish, die unlängst mit ihren 2004 erschienenen Album „Hellfire Club“ bzw. „Once“ bis auf die vorderen Ränge der Charts vorstießen und sogar in vom Pop -Mainstream dominierten Fernsehsendungen wie „Top of the Pops“ (RTL) oder der „Mc Donald`s Chart-Show“ (PRO 7) auftreten konnten. Meiner Meinung nach besonders innovativ und erwähnenswert sind hierbei Nightwish, da bei ihnen seit ihrem 1997er Debütalbum „Angels fall first“ nicht der traditionelle Metal- Gesang, sondern die klassisch ausgebildete Opernstimme von Sängerin Tarja Turunen die Songs dominiert, was damals ein absolutes Novum in der Szene darstellte und seither etliche, zumeist aber qualitativ deutlich schlechtere Nachahmer hervorbrachte. In eine ähnliche Kategorie fallen die Italiener Rhapsody, deren studierte Klassik-Musiker mit ganzen Orchestern arbeiten und bombastischen, von klassischer Musik (u.a. von Werken Antonio Vivaldis) beeinflussten Heavy Metal spielen, der nicht selten an den Soundtrack eines Monumentalfilms aus Hollywood erinnert.

All diese Beispiele belegen, dass die Szene nach wie vor sehr lebendig ist, sich kontinuierlich weiterentwickelt, sich auch gegen aktuelle Trends behaupten und diese überdauern, ja sogar wieder neue kreative Kraft aus solch schwierigen Zeiten wie der Grunge -Bewegung schöpfen kann.

3.7.3 Neue Deutsche Härte und Nu-Metal

Am Ende dieses letzten Kapitels über die lange Geschichte des Heavy Metal möchte ich noch kurz auf die neueren Entwicklungen in Deutschland und den USA eingehen, die sich die letzten Jahre größerer Popularität erfreuten: Zum einen die sogenannte „ Neu Deutsche Härte“, die v.a. hierzulande eine große Rolle spielte, und zum anderen die „ Neo- oder Nu- (=Neu) Metal“ -Bewegung aus den USA. Prinzipiell könnte dieses Thema auch im nächsten Kapitel über die Subgenres stehen, was ich aber bewusst unterlassen habe, da diese Richtungen meiner Meinung nach nicht zu den traditionellen Spielarten des Heavy Metal gehören, sondern eher von der Plattenindustrie konstruierte Phänomene darstellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 149 Seiten

Details

Titel
Die Heavy Metal-Bewegung: Einblicke in eine etwas andere Szenekultur - Eine Bestandaufnahme
Hochschule
Fachhochschule Mannheim, Hochschule für Sozialwesen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
149
Katalognummer
V39577
ISBN (eBook)
9783638383103
Dateigröße
2527 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heavy, Metal-Bewegung, Einblicke, Szenekultur, Eine, Bestandaufnahme
Arbeit zitieren
Daniel Morsch (Autor), 2004, Die Heavy Metal-Bewegung: Einblicke in eine etwas andere Szenekultur - Eine Bestandaufnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39577

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