Die Ethik des Islam im politischen System der Arabischen Republik Ägypten


Seminararbeit, 2005
18 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.1. Die Ethik des Islam
2.2. Historische Herleitung des Verhältnisses von Staat zu Religion und Gesellschaft in Ägypten
2.3. Die Muslimbruderschaft
2.4. Die Jama´a al-Islamiya
2.5. Der Islam in der Verfassung der Arabischen Republik Ägypten

3.1. Die Diskrepanz zwischen verfassungsgemäßer und dargestellter Wirklichkeit und gesellschaftlicher wie politischer Realität
3.2. Kurze Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Bibliografie

1. Einleitung

Einerseits gilt die Arabische Republik Ägypten unter den arabischen Staaten als der säkularste und demokratischste, andererseits wird die Frage nach einer echten, funktionierenden Demokratie im heutigen Ägypten in einer Vielzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen verneint.

Auch zum besseren Verständnis dieses Widerspruchs soll in dieser Arbeit die Frage nach dem Stellenwert der Ethik der Religion des Islam im heutigen politischen System Ägyptens bearbeitet werden. Dabei soll das politische System wie es sich im inneren des Landes darstellt Untersuchungsgegenstand sein – die Außenpolitik Ägyptens soll in dieser Arbeit nicht erklärt oder in Bezug zu den ethischen Inhalten des Islam gesetzt werden, sie wird dementsprechend nur insoweit beachtet, wie es zum Verständnis des innerstaatlichen Verhältnisses von Religion, Staat und Gesellschaft zueinander notwendig ist.

Zunächst wird in dieser Arbeit die Ethik des Islam im Hinblick auf Aspekte von besonderer politischer Relevanz vorgestellt. Anschließend wird die Situation in Ägypten historisch hergeleitet. Bevor die heutige ägyptische Verfassung auf Einflüsse islamischer Ethik untersucht wird, werden mit der „Muslimbruderschaft“ und der „Jama´a al-Islamiya“ beispielhaft zwei bedeutende islamische Organisationen Ägyptens vorgestellt, was nicht nur zum Verständnis des Verhältnisses von Staat und Religion in Ägypten beitragen sondern auch Erkenntnisse über den Stellenwert des Islam und dessen (politischer) Ethik bei der ägyptischen Bevölkerung bringen soll. Die Methode dieser Untersuchungen ist eine Literaturanalyse, wobei es sich mit Ausnahme der Ägyptischen Verfassung um Sekundärliteratur handelt.

Abschließend wird dann auf der Basis der gewonnen Erkenntnisse versucht ein Bild von der Diskrepanz zwischen verfassungsgemäß möglichem und nach außen oftmals dargestelltem Maß an Säkularität und gesellschaftlicher wie politischer Wirklichkeit zu zeichnen.

2.1. Die Ethik des Islam

Das Fundament der islamischen Ethik bilden die fünf Säulen des Islam; sie sind von Muslimen unterschiedlicher Strömungen (Sunniten, Schiiten, Alleviten etc.) gleichermaßen anerkannt.

Die erste der fünf Säulen ist das islamische Glaubensbekenntnis, das zu sprechen Pflicht des Muslim ist. Es lautet: „Ich bezeuge es gibt keine Gottheit außer Gott [(arab.: Allah)]; ich bezeuge, Mohammed ist der Gesandte Gottes“ (zitiert nach Antes, 2001: 17). Zweitens muss der gläubige Moslem ein festgelegtes, ritualisiertes Gebet zu bestimmten Zeiten ausüben. Die dritte Säule ist der Zakat, eine Art Almosensteuer, auf die im weiteren Verlauf der Arbeit noch etwas genauer eingegangen werden wird. Viertens ist der islamische Monat Ramadan die Fastenzeit des Islam. Der Gläubige Moslem isst und trinkt in der Fastenzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nichts, die Nahrungsaufnahme Nachts gilt jedoch als erlaubt und ist üblich. Die Hadjdj, die Wallfahrt nach Mekka, zu der jeder volljährige Muslim einmal im Leben verpflichtet ist, sofern die Umstände das erlauben, ist die fünfte Säule des Islam. (vgl.: Antes, 2001: 17ff)

Darüber Hinaus gibt es die Verpflichtung zum Dschihad, dem heiligen Krieg, der häufig auch zu den fünf Säulen gerechnet oder ihnen gleichgestellt wird. Dschihad bedeutet ursprünglich „Anstrengung“, wurde aber schon zu Lebzeiten Mohammeds auch im Sinne einer bewaffneten Auseinandersetzung verstanden. Die Teilnahme am Dschihad ist insbesondere dann Pflicht, wenn ein Muslimisches Land von Nichtmuslimen angegriffen wird. (vgl.: Antes, 2001: 20f)

Dem Koran selbst ist zu entnehmen, dass die Weisung Gottes, also auch die Ethik des Islam, das gesamte menschliche Leben erfassen soll. Dennoch mussten in die Entwicklung eines tatsächlich alle Bereiche regelnden Systems neben dem Koran und der Sunna, die für die Lebensweise des Religionsstifters Mohammed steht, weitere Quellen einfließen denn anstehende Probleme konnten mit dem Verweis auf den Koran nicht hinreichend bearbeitet werden. In diesem Prozess, den neben den vier islamisch-sunnitischen Rechtsschulen, die sich im 8. und 9. Jahrhundert nach Christus herausgebildet hatten, auch die schiitischen Führer prägten, wurde der Allgemeingültigkeit beanspruchende Verhaltenskodex der Umma, des religiös-politischen Gemeinwesens des Islam wie es schon zu Lebzeiten Mohammeds entstanden war, zu einem flexiblen, „facettenreichen System“ (Antes, 2001: 31), das sich über mehrere Jahrhunderte hinweg bewährt hat und erst in der „Auseinandersetzung [...] mit der modernen Welt zum Problem“ (Antes, 2001: 31) wurde, weiterentwickelt. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 60ff; Antes 2001: 31)

Zur Analyse des politischen Einflusses islamischer Ethik und wegen der besseren Übersichtlichkeit bietet sich eine Unterteilung der Verhaltensregeln in solche, die den Einzelnen und die Familie und solche, die die Gesellschaft betreffen an, wobei die politische Bedeutung in dieser Reihenfolge sicherlich zunehmend ist. Grundsätzlich erhebt die Ethik der islamischen Theologie den Anspruch sämtliche menschlichen Handlungen zu regeln und in eine von fünf Kategorien zwischen „gebotenen“ und „verbotenen“ Handlungen einordnen zu können. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 67ff)

In denen den Einzelnen und die Familie betreffenden Verhaltensnormen sind die Kindererziehung und das Geschlechterverhältnis zentral. Den Kindern sollen in den Familien der Monotheismus und die zentralen Werte des Islam wie „nicht zu lügen sondern stets die Wahrheit zu sagen [...], demütig [...] und nicht prahlerisch und eingebildet [...] oder hochmütig“ (Antes in Antes et al, 1991: 72) und weder geizig noch verschwenderisch im Umgang mit Geld zu sein und nur bestimmte nicht verbotene Speisen zu verwenden vermittelt werden. Der Ethik des Islam entsprechend werden die vom Kind in den Familien erworbenen Kenntnisse von den richtigen Verhaltensweisen in den Koranschulen vertieft. Die den Kindern zu vermittelnden Werte, Verhaltensweisen und –Regeln gelten auch für die erwachsenen Mitglieder der islamischen Gesellschaft, darüber hinaus spielt in der Ethik des einzelnen erwachsenen Muslims das Gerechtigkeitsideal des Islam eine bestimmende Rolle. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 69ff)

Besonders in den „Ehevorschriften, bei der Scheidung und im Erbrecht“ (Antes in Antes et al, 1991: 76) zeigt sich die Ungleichbehandlung von Mann und Frau. Obwohl das (mit bestimmten Pflichten einhergehende) Recht des Mannes bis zu vier Frauen zu heiraten und der höhere gesellschaftliche Stellenwert des Mannes direkt aus dem Koran abzuleiten sind gilt es dem hannoverschen Religionswissenschaftler Peter Antes als denkbar, dass „sich der Gleichheitsgrundsatz in Zukunft als die islamische Auslegung durchsetzen wird und alles, was dazu scheinbar im Widerspruch steht, als [...] zeitbedingt [...] angesehen wird“ (Antes in Antes et al, 1991: 75f). Besonders strenge Strafen sind im Koran bei Verstößen gegen die Vorgaben im sexuellen Bereich vorgesehen (z. B.: Unzucht: 100 Peitschenhiebe); Geschlechtsverkehr ist nur im Rahmen der Ehe erlaubt, Homosexualität, Transvestitentum, Masturbation und Sodomie gelten als verboten. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 73ff)

Da die Ethik des Islam die Gültigkeit für sämtliche menschlichen Handlungen beansprucht wird auch die islamische Gesellschaftsordnung in wesentlichen Punkten wie dem Regierungssystem, dem Strafrecht, der Wirtschaftsordnung, der Sozialpolitik und anderem von der islamischen Rechtslehre, die sich in wesentlichen Fragen auf den Koran beruft, bestimmt. (vgl.Antes, 1982: 67ff; Antes in Antes et al, 1991: 79ff)

Auch in der Beurteilung heutiger Muslime wird die Demokratie (oftmals) abgelehnt oder mindestens kritisch beurteilt, da auch die Mehrheit des Volkes entsprechend der theonomen Ordnung nichts beschließen kann, was der Gesetzgebung Gottes entgegen steht. Die Herrschaftsform „des Alleinherrschers, der mild und entschlossen“ (Antes in Antes et al, 1991: 87) nach den wesentlichen Grundsetzen der islamischen Rechts-Ethik handelt, gilt als die historisch gesehen „klassisch-islamische“ (Antes in Antes et al, 1991: 87). Islamische Reformer und Theologen erdachten im 19. und 20. Jahrhundert, beeinflusst von den Demokratien Europas, die Konsultation (sura), eine aus Koran und Sunna abgeleitete Beratung des Herrschers mit höher gestellten Persönlichkeiten. Umstritten ist, ob die Konsultation dem Herrscher nach islamischer Ethik eine Pflicht oder lediglich nahegelegt ist. Der Sura kommt weder eine kontrollierende noch eine gesetzgebende Funktion zu, zudem fehlte es an einem festen Aufgabenkatalog - somit scheint sie tatsächlich mit demokratischen Parlamenten nicht vergleichbar. Noch vielen heutigen islamischen Theoretikern gilt die Theokratie der Umma, wie sie zu Lebzeiten Mohammeds bestand als Idealstaat. (vgl. Antes, 1982: 69ff; Antes in Antes et al, 1991: 86ff)

Wie die von Peter Antes 1991 zitierte „allgemeine islamische Menschenrechtserklärung“ des Internationalen Islamrat aus dem Jahr 1981 belegt ist auch das islamische Menschenrechtsverständnis eng an Koran und Sunna gebunden. Während die Gleichheit vor dem Gesetz, das Recht auf Eigentum und die Rechte von Kindern so wie alten und behinderten Menschen in diesem Bild der Menschenrechte positiv aufgenommen werden findet es in Bezug auf Religionsfreiheit offensichtliche Grenzen: den „koranischen Vorgaben“ (Antes, 1982: 84) entsprechend haben Heiden (im Unterschied zu Christen und Juden) kein Existenzrecht innerhalb der Umma. Christen und Juden haben entsprechend der islamischen Ethik (innerhalb der Umma) einen anderen Rechtsstatus als Muslime: während sie entsprechend ihren Bräuchen und Religionen etwa Wein trinken dürfen bleiben ihnen Führungspositionen in Staat und Gesellschaft verwehrt. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 83ff)

In der islamischen Wirtschaftsethik sind die Grundsätze der Gerechtigkeit und sozialen Gleichheit von zentraler Bedeutung; sie kann als wohlfahrtsorientiert angesehen werden. Bereicherung nicht durch eigene Arbeit sondern auf Kosten Anderer gilt als verboten. Besonderheiten in den ethisch-wirtschaftlichen Grundsätzen des Islam sind der Zakat, eine Abgabe der Wohlhabenden an die Bedürftigen, die auch staatlich institutionalisiert wird oder werden kann, und das Zins- bzw. Wucherverbot. (vgl. Antes in Antes et al, 1991: 80ff ; Wippel, 1997: 8ff)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Ethik des Islam im politischen System der Arabischen Republik Ägypten
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Zum Verhältnis von Politik und Ethik
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V39596
ISBN (eBook)
9783638383257
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Enthält unter anderem eine Darstellung der Ethik des Islam, eine historische Herleitung des Verhältnis von Staat zu Islam und Gesellschaft in Ägypten und eine Untersuchung der Ägyptischen Verfassung auf islamische Einflüsse.
Schlagworte
Ethik, Islam, System, Arabischen, Republik, Proseminar, Verhältnis, Politik
Arbeit zitieren
Nikolaus Pellnitz (Autor), 2005, Die Ethik des Islam im politischen System der Arabischen Republik Ägypten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39596

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