Hopfen und Malz, Gott erhalt's? Zum Wandel lokaler Brautradition in Deutschland

Die Geschichte des Bieres im Landkreis Marburg-Biedenkopf


Zwischenprüfungsarbeit, 2003

45 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Bier forschen – ein Thema? Das Bier in der Nahrungsforschung.
1.1. Populärkultur
1.2. Quellenlage
1.3. Wein und Bier

2. Bier brauen. Zur Geschichte der Bierherstellung.
2.1. Wer? Wie? Wann? Was? Die Geschichte des Bierbrauens.
2.2. Stark? Voll? Spezial? Export oder doch Lokal? Die Bierherstellung oder auch: „Der kleine Unterschied“
2.2.1. Vier Freunde sollt ihr sein: Die Zutaten laut deutschem Reinheitsgebot
2.2.2. Der Brauprozess

3. Bier trinken. Zum Wandel lokaler Brautradition.
3.1. Der Bier-Industrie geht es schlecht. Der ganzen Bier-Industrie? Nein, ein kleiner Landkreis scheint dem wirtschaftlichen Trend zu trotzen...
3.1.1. Vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit: Das Wesentliche des Marburger Brauwesens
3.1.2. Brauen in Marburg nach 1516
3.1.3. Pauperismus und Industrialisierung in Marburg
3.2. Die Marburger Spezialitäten-Brauerei
3.2.1. Regional total: Die Firmenphilosophie des Klaus Rauh.
3.2.2. Ein kleiner ökonomischer Exkurs: Die deutsche Bier-Industrie und wie sie sich heute darstellt.
3.2.2.1. Die Auslöser der deutschen Bierkrise oder auch: Was bin ich?
3.3. Das Beispiel „Licher“-Brauerei Giessen
3.4. Die Thome-Brauerei
3.5. Die Privatbrauerei Bosch

4. Stadt-Land-Fluß: Herz-Rhythmus-Störung? Fazit und Ausblick

5. Fußnoten

6. Quellenverzeichnis

1. Bier forschen – ein Thema? Das Bier in der Nahrungsforschung.

Bier forschen – ein Thema? Die Fragestellung sollte eher anders betont werden: Bier forschen – ein Thema? Denn ein Blick zurück in die Annalen der Nahrungsforschung, von Abel[i] bis Tolksdorf[ii], zeigt uns, daß dieses Thema bis heute zwar sehr wohl angeschnitten, aber in Folge wahrlich stiefmütterlich behandelt wurde. Und das Gros der deutschen Publikationen läßt es vorwiegend bei einem rein geschichtlichen Abriß bewenden, anstatt tiefer in die volkskundlichen Aspekte der Materie vorzustoßen.

Es bleiben also noch mehr Fragen offen, als bislang in Publikationen zu diesem Thema beantwortet wurden. Dies erscheint unverständlich, schaut man sich in der deutschen Alltagskulturlandschaft einmal genau um: Der Deutschen Lieblingsgetränk ist nachweislich seit Jahrhunderten der liebevoll-ironisch „Hopfenkaltschale“ oder „flüssiges Brot“ genannte vergorene Gerstensaft in all seiner Vielfalt.

1.1. Populärkultur

Dem Bier wurden sogar ganze Fachzeitschriften gewidmet, von Brauern für Brauer, aber auch für interessierte Verbraucher, wie zum Beispiel das Magazin „Brauwelt“, das sich sogar schon im Internet online darstellt. Und selbst Entertainer Harald Schmidt widmet sich in seiner allabendlichen Late-Night-Show der Verkostung von verschiedenartigsten deutschen Bieren – passend zum Thema der jeweiligen Sendung.

Die Anzahl und inhaltliche Vielfalt der Internet-Seiten, die sich mit dem schon zum Kultgetränk mit eigener Philosophie avancierten Rausch- und Genußmittels beschäftigen, spricht für sich: Es gibt Bier-Bewertungen von Sorten aller Couleur und Herkunft, ausgiebige Beschäftigungen mit Etiketten oder Kronkorken als Sammelobjekte und sogar ganze Fan-Clubs, die sich der Huldigung ihrer Lieblingsmarke widmen. Aus aller Herren Länder, vorneweg aus den Vereinigten Staaten und Deutschland, stammen die Verfasser dieser Homepages. Alleine sie wären schon eine Untersuchung wert. Die Tatsache, daß erst seit der Existenz des Internet, welches ein vorzügliches Forum für Beschäftigungen dieser Art darstellt, eine unwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Bier sichtbar und quantitativ (anhand der Anzahl der Homepages) meßbar ist, heißt nicht, daß diese Beschäftigung vorher nicht existiert hat. Will heißen: Gepriesen sei das World Wide Web, da es ein hervorragendes Messinstrument für den feldforschenden Volkskundler darstellt. Es gibt kein Argument mehr, warum das Bier als Forschungsthema nicht in Betracht gezogen werden sollte, wenn sich die Menschen außerhalb der Wissenschaft so offensichtlich damit beschäftigen

Dabei ist der euphemistische Umgang, besonders auf oben beschriebenen Internet-Seiten, mit der Volksdroge Nummer eins im Biergewand, dem Alkohol, nur eine von vielen Richtungen, die man kritisch untersuchen könnte. Zusammen mit Risiken und Nebenwirkungen, zum Beispiel bezüglich des Suchtverhaltens oder Wirkungen auf den Körper, wie etwa die Förderung des Brustwachstums bei männlichen Biertrinkern durch die Phytohormone aus dem Hopfen, wurde sie aber bis jetzt eher von den Soziologen und Medizinern eingeschlagen, aber nicht speziell von den Volkskundlern bearbeitet.

1.2. Quellenlage

Auch wird man auf der Suche nach Monografien über das Thema Bier neben den Chemikern und ihren Untersuchungen über Schaumstabilisatoren noch eher bei den Geschichts- und Wirtschaftswissenschaftlern fündig. Die sind sich der - zwar mehr ökonomischen als kulturellen - Relevanz des Volksgetränkes anscheinend bewußter als die Forscher der Volkskunde. Ohne die Verfasser von vereinzelten Veröffentlichungen mit regionalem Fokus wie „Bierbrauen im Rheinland“[iii] oder „München und sein Bier“[iv] in den Schatten stellen zu wollen – es gibt einfach zu wenige und wenn dann meist sehr allgemeine und semiwissenschaftliche Abhandlungen. Standortspezifische Untersuchungen über jenseits der für ihren Bierkonsum berühmten oder auch berüchtigten Klischee-Regionen wie Ruhrgebiet, Rheinland oder das erwähnte Bayern fehlen. Aber auch hier nähert sich die Volkskunde dem Thema nur über Museumsprojekte und dazu erscheinende Begleitbücher und -hefte an. Der Ansatz zu einer Untersuchung abseits von bereits eingeschlagenen Forschungsgebieten, zum Beispiel die Erforschung der Rolle des Bieres auf traditionellen Festen wie dem Topos Kirmes, werden noch vermißt.

Auffallend ist sogar, daß sich mehr Bücher über das Thema aus dem Ende des 19.Jahrhunderts finden lassen als aktuelle. Damals scheint, den Quellen nach zu urteilen, eine verstärkte Auseinandersetzung stattgefunden zu haben mit dem, was den Menschen in seinem täglichen Leben beschäftigte und beeinflusste. Wobei man einschränken muß, daß damals auch erst die Grundsteine für die allgemeine Beschäftigung mit Alkohol, wie zum Beispiel das Aufkommen der Abstinenzlerbewegung durch den erhöhten Alkoholkonsum infolge der Industrialisierung, gelegt werden mussten. Das erklärt vielleicht die vermehrte Beschäftigung, nicht nur mit Bier. Ein Vergleich der Sichtweisen, Forschungsrichtungen und Strömungen von vor hundert Jahren und heute wäre trotzdem einmal interessant. Auch dem Widerspruch, dass in der Literatur Bierbrauen wiederholt als Frauenarbeit beschrieben wird – alleine das ist schon ein spannendes weil völlig unbekanntes Thema - auf sämtlichen Abbildungen aber immer nur Männer zu sehen sind, könnte als Forschungsgegenstand in Betracht gezogen werden.

1.3. Wein und Bier

Dabei ist das Bier im Vergleich zum Wein ein sehr unelitäres Nahrungsmittel, das in allen Schichten der Bevölkerung verbreitet ist, mit einer auch historisch bedingten Gewichtung auf die Mittel- und Arbeiterklasse, denn Bier war schon immer preiswerter als Wein. Das schließt den Genuß durch die besserverdienenden „oberen 10.000“ nicht aus, es ist aber zumindest faktisch fast unmöglich, sich durch den Genuß eines bestimmten Bieres von anderen abzuheben, da es sich ein jeder leisten kann. Denn im Gegensatz zum Wein hält sich der Preis für die verschieden Biersorten und -marken nahezu auf demselben Niveau, sie dienen also nicht als Prestigesymbol. Ebenso kann man sich auch nicht durch spezielles Equipment oder durch besonderes Fach- oder Halbwissen über Bouquet oder Hanglage profilieren. Oder um die Klassifikation und Begriffe aus der Nahrungsforschung[v], wie sie Tolksdorf einteilt, zu verwenden:

Bier ist, daran ist der in ihm enthaltene Alkohol mit verantwortlich, sowohl ein Mitglied der Statusprodukte (Nahrungsmittel dienen zur soziokulturellen Identifikation, sie sollen keine soziale Führungsrolle, sondern Gruppenkonformität demonstrieren und Assimilation erleichtern) als auch der Hedonistischen Produkte (werden aus Lustgewinn konsumiert, vor allem wegen seines Geschmackes, Geruchs oder Aussehens. Man belohnt sein eigens Verhalten und demonstriert dabei Gemütsverfassung, Vergnügen und Kommunikation) und streift sogar den Symbolgehalt der Sicherheitsprodukte (Nahrungsmittel werden zur Erreichung emotionaler Sicherheit eingenommen).

Dahingegen wurde dem Wein ein vergleichsweise großer Forschungsbereich eingeräumt: „Vom Weinbau, zur Lese über das Keltern, Weinproben, Weinverkauf, Weinfeste und -gelage. Zu allen Fragen, die um den Wein kreisen, gibt es Einzelstudien und Gesamtdarstellungen.“[vi] Vielleicht liegt es daran, daß sich der Wein mit seinem auch heute noch pittoresk anmutenden Produktionsverfahren und dem mit ihm verbundenen Habitus und der Gemütlichkeit jenseits der Industriekultur bewegt und so als volkskundliches Thema folkloristischer und (nach veralteten volkskundlichen Kriterien) gefälliger wirkt(e). Dies ist aber nur eine Vermutung, da der Weinanbau die Menschen prägt und eine Region offensichtlich geomorphologisch unter anderem durch Terassenbildung verändert, mehr als es die Brauer naturbedingt konnten. Brauen war seit seiner Entstehung nicht zwingend an den Raum gebunden, aus dem seine Grundstoffe stammten, und Brauer hinterließen durch die auf das Brauhaus beschränkte Ausübung ihres Handwerkes keine spezifischen Spuren in der Landschaft.

1.4. Brautraditionen im Wandel

Diese Einzelstudie soll sich mit möglichst vielen Aspekten rund um das Bier beschäftigen, die unter dem Oberthema „Beobachtung des Wandels lokaler Brautraditionen“ stehen. Dabei spielen auch die veränderten Trinkgewohnheiten der Menschen eine zentrale Rolle. Die lokale Brautradition, wie sie vor fünfzig oder hundert Jahren noch befolgt wurde, existiert als solche nur noch fragmentarisch in Deutschland. Es herrscht Erklärungsbedarf, warum sich das Bild jedoch wider Erwarten nicht einheitlich abzeichnet, wie an dem Beispiel dreier Brauereien aus Mittelhessen vollzogen werden soll. Hier soll aber als Basis die Rolle des Bieres in der Nahrungsforschung und seine allgemeine Entstehungs- und Kulturgeschichte vorausgeschickt werden, um der nachfolgenden Untersuchung ein wissenschaftliches Fundament zu geben und die komplexe Thematik durch das Bereitstellen des nötigen Grundwissens besser zu verstehen.

Bier brauen und Bier trinken sind die Leitfäden dieser Basisarbeit, sie sind der Nährboden für die Suche nach der Antwort, warum sich der jährliche Verbrauch von Bier steigert, aber immer weniger Hersteller eben dieses produzieren. Wie verhält es sich in der Welt des Bieres? Gibt es so etwas wie eine Herrschaft der Wenigen Mono-Pils Fabriken, denen von kleinen Spezialitätenbrauern erbittert Widerstand geleistet wird? Oder hält man es mit Friedrich II., ein „jeder nach seiner Façon“ und versucht, durch Schaffung „ökonomischer Nischen“ nicht miteinander zu konkurrieren ? Und wie wirken sich die Ansprüche der Konsumenten auf die Brauereien aus? Fest steht jedenfalls schon vorher, dass sich die lokale Brautradition gewandelt hat: Die Fallstudien der drei Brauereien aus dem Marburger Raum im Kapitel Bier trinken soll stellvertretend für einen Trend stehen, der eigentlich schon in der Industrialisierung im 19.Jahrhundert seinen Beginn findet und sich je nach Wirtschaftslage minimal wandelt(e). Es ist ein steter Kampf Davids gegen Goliath, bei dem manchmal Goliath gewinnt und kleinere Brauereien in großen Konzernen aufgehen, manchmal aber auch David durch clevere Marketingstrategien als Gewinner aus dem Kampf um des Volkes Gunst hervorgeht.

2. Bier brauen. Eine kleine Biergeschichte.

Blut ist bekanntlich ein ganz besonderer Saft. Bier ist es aber auch. Es hat sich kontinuierlich seit seiner Erfindung vor über 6000 Jahren in erstgenanntem und über den gesamten Erdkreis ausgebreitet und dort seine Spuren hinterlassen.

Um die Materie jedoch besser zu verstehen und die nachfolgend vorgestellten Brauereien in ihrer Besonderheit einschätzen zu können, soll hier eine kleine Einführung in die Grundlagen des Bierbrauens und seine Geschichte geleistet werden.

2.1. Wer? Wie? Wann? Was? Die Geschichte des Bierbrauens

Bis kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende waren in Deutschland fast alle Biere dunkel. Das lag an der Technik der damaligen Malzherstellung. Im Laufe der Zeit wurde es möglich, auch helle Malze für die Bierproduktion herzustellen, aus dem die heutigen hellen Biersorten hervorgingen. Die hellen Biere wurden von nun an als modern angesehen, woraufhin der alte braune Biertyp unbedeutend wurde.

Dabei gab es seit Anbeginn des Bierbrauens in der Geschichte der Menschheit verschiedenartiges Bier. Laut Definition ist sogar „jedes aus stärkehaltiger Substanz durch alkoholische Gärung gewonnene Getränk[vii]“ Bier. Den Sumerern wurde nachgewiesen, gegen Ende des 4.Jahrtausends vor Chr. schon gemälztes Getreide zu Brot verbacken und dieses in Wasser aufgelöst und vergoren lassen zu haben. Neueste Forschungen der Universität Manchester wollen belegen, daß das Bierbrauen sogar schon vor dem Brotbacken erfunden wurde. Die Archäologen datieren die Erfindung des Bieres aufgrund von Ausgrabungen auf 9000 vor Christus, also 5000 Jahre früher, als bisher angenommen[viii].

Auch bei den Babyloniern und Ägyptern spielte das Bier eine große Rolle, Abbildungen des Brauvorgangs auf Wandmalereien bestätigen dies. Meist handelte es sich bei dem erzeugten Produkt um Gerstenbier, in Afrika jedoch wurde Hirse als Stärkelieferant benutzt, analog dazu in Ostasien Reis und in Südamerika, wie auch heute noch, Mais. Die Kunst des Brauens fand ihren Weg über den Osten des Mittelmeeres nach Spanien und Gallien, bei den Römern allerdings galt das Gebräu als Getränk der Barbaren, weil es sich bei den Skythen, Thrakern und - auch damals schon – bei den Germanen äußerster Beliebtheit erfreute. Sie gaben ihm auch seinen in unserem Kulturkreis gebräuchlichen Namen Bier, der aus dem vulgärlateinischen Wort biber, welches >Trank, Getränk<, aber auch >brauen< bedeutet, abstammt.

Ursprünglich wurde Bier aus gemälztem oder ungemälztem Getreide bereitet, meistens fand dafür, wie bereits erwähnt, Hirse und Gerste Verwendung, es kamen aber auch Weizen, Hafer oder Roggen zum Einsatz, je nach Kulturkreis und Anbaugebiet. Im Gegensatz zu heute wurde lange Zeit kein Hopfen als Zusatz zur Herstellung von Bier verwendet. Für uns heute fast unvorstellbare Ingredienzien wie Pilze, Baumrinden, Eicheln oder Schlehen kamen als Geschmacksgeber zum Einsatz, als gaumenfreundlicher vorstellbar auch Honig, Himbeeren, wilder Rosmarin, Nelken, Salbei, Wermut und Wacholder. Bei der Verwendung solcher Zusätze kann man die Bezeichnung dieser Sorten als „medizinische Biere“ gut nachvollziehen. Vielleicht werden auch sie irgendwann als Marktlücke infolge der periodischen Wiederholung der Geschichte und dank den „back to the roots“- Strömungen wiederentdeckt ?

Der Anbau von Hopfen für die Herstellung von Bier ist in Deutschland erstmals 736 im bayerischen Geisenfeld nachgewiesen. Dabei gab es im Mittelalter durchaus noch beide Varianten, gehopftes und ungehopftes Bier. In Norddeutschland fand das Hopfenbier erst im 14.Jahrhundert seine Durchsetzung und verdrängte das bis dato mit dem sogenannten Porst, einem Heidekrautgewächs, bitter gemachte Weizenbier, auch Grutbier genannt. Dafür war im Norden, wie auch heute noch in Teilen Schwedens vollzogen, das Hausbrauen stärker verbreitet, das sich zum Reihebrauen der Bürger, besonders in den Städten, in Form genossenschaftlicher Einrichtungen entwickelte.

Die erste Befugnis, Bier zu Brauen und zu verkaufen, die meistens an den Besitz von Grundstücken geknüpft war, die sogenannte Brauereigerechtigkeit, wurde 1143 in Bayern dem Kloster Weihenstephan verliehen, daß auch heute noch in dieser Branche wirtschaftlich tätig ist. Besonders in Süddeutschland wurden vorwiegend die Klöster mit dem Braurecht privilegiert, gefolgt von Spitälern und dem Brauen in Herrenhäusern und Landbrauereien.

Das Braurecht gehörte zu den mittelalterlichen Bannrechten, das heißt zu den Vorrechten der Grund- oder Landesherrschaft, und bedeutete auch für die Städte eine über Jahrhunderte konstante Einnahmequelle. Größere Brauereien entwickelten sich in den Städten jedoch erst im 12. und 13. Jahrhundert, besonders in den Hansestädten erwuchsen aus den anfänglichen Genossenschafts- und Hausbrauereien leistungsfähige Handelsbrauereien. Im Gegensatz zu heute lag der Hauptanteil der Biererzeugung damals noch im Norden Deutschlands. Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg verschob sich das Schwergewicht der Biererzeugung nach Bayern, über den „Weißwurst-Äquator“ - oder besser gesagt: „Weißbier-Äquator“ - , wie die bayerische Landesgrenze auch heute noch im Volksmund bezeichnet wird.

Das lag vor allen Dingen an der richtungsweisenden Erfindung des „untergärigen“ Brauverfahrens im Gegensatz zu den norddeutschen „obergärigen“ Bieren ( siehe unter 2.2. Bierherstellung ). Das Geheimnis des bajuwarischen Biererfolges lag aber auch in der Einhaltung des 1516 vom bayerischen Landtag aufgestellten Reinheitsgebotes, welches alle anderen Zusatzstoffe außer Hopfen, Malz und Wasser aus der Bierzubereitung verbannte und für mehr Qualität sorgte. Auch heute noch wird diese Einhaltung des nun „deutschen“ Reinheitsgebots als Qualitätsmerkmal im Unterschied zu den mit Konservierungsmitteln versetzten und auf unterschiedlichste Arten erzeugten Bieren aus dem Ausland von der Bierindustrie hochgehalten.

Seit dem Ende des 14. Jahrhunderts gab es erste Zusammenschlüsse der Brauer zu Innungen, Gilden und Zünften, die, ab Ende des 16.Jahrhunderts belegt, Gambrinus als ihren Schutzpatron auserwählten. Ein sich auf das gesamte deutsche Reich erstreckender Aufschwung des Brauereiwesens fand erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts statt, als die Bannrechte und Brau-Monopole, die Brauzwänge und Brauordnungen im Zuge der aufkommenden Gewerbefreiheit schrittweise abgeschafft wurden und 1883 mit dem Inkrafttreten der Reichsgewerbeordnung gänzlich wegfielen. Bis dahin war es sogar möglich, durch den oben genannten Brauzwang den Konsumenten zu zwingen, das Bier ausschließlich von der brauereiberechtigten Braugemeinde oder Braugenossenschaft zu beziehen oder anderen den Betrieb einer Brauerei zu untersagen.

Heute regelt die freie Marktwirtschaft, wer von wem sein Bier kaufen kann und wer wem sein Bier verkaufen darf (s. Kapitel 3. Bier trinken ).

Der Boom des Bieres begründete sich aber auch besonders in den technischen Errungenschaften der Industrialisierung. Die Einführung des Flaschenbiers förderte den Distributionsradius der Brauereien und machte gleichzeitig eine Steigerung des Heimkonsums möglich. Neuartige Kühlsysteme verlängerten die Lagerzeit und Qualität des Bieres, letztendlich wurde Bier besser und billiger als jemals zuvor.

Gleichzeitig setzten die ersten Kinderkrankheiten der Industrialisierung ein: Aufgrund des großen Konkurrenzdruckes konnten kleinere Brauereien den Standard, den die besser maschinisierten Hersteller vorgaben, nicht halten und gaben auf. Als letzte Rettung kam auch die Fusion von mehreren kleineren Brauerei zu einer größeren Aktien-Brauerei in Frage, um den Betrieb nicht völlig einzustellen. Eine Praxis, wie sie auch hundert Jahre später noch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gang und gäbe und gerade jetzt sehr aktuell ist.

Trotzdem die folgende Agrar- und Transportrevolution vieles möglich machte, wurde es auch vielen Gaststätten unmöglich, gegen die „Heimbar“, also den Bierkonsum in den eigenen vier Wänden durch überall erhältliches Flaschenbier, anzukommen. Zusammen mit dem Zurückgang kleiner Brauereien verloren auch die Gaststätten an Bedeutung, sie traten als Hauptvertriebsquelle des Bieres in den Hintergrund.

Die Wirtschaftskrisen und kriegsbedingten Agrarsanktionen des letzten Jahrhunderts förderten wiederum die Konzentration der Anzahl der deutschen Brauereien. Im Gegensatz dazu regeln heute Angebot und Nachfrage, wer sich in der Wirtschaft an der Spitze oder überhaupt am Leben erhalten kann. Mittelständische Brauereien müssen heute schon großen Einfallsreichtum beweisen, um zumindest in der regionalen Oberliga mitzuspielen.

2.2. Stark? Voll? Spezial? Export oder doch Lokal? Die Bierherstellung oder auch: „Der kleine Unterschied“

2.2.1. Vier Freunde sollt ihr sein: Die Zutaten laut deutschem Reinheitsgebot

Das Wasser

„Es gibt keine zwei Biere auf der Welt, die gleich schmecken, selbst wenn die völlig gleichen Malze, Hopfen und Hefen verwendet würden“[ix]. Verantwortlich für diese aus wirtschaftlicher Sicht optimale Diversität ist das Brauwasser, der wichtigste Rohstoff bei der Bierherstellung. „Wasser ist der Körper des Bieres“[x], je weicher es ist, desto besser eignet es sich zum Brauen, aber die Qualität und Zusammensetzung, die seinen Eigengeschmack und letztlich den des Bieres ausmachen, unterscheiden sich von einem Ort zum anderen. Nach dem deutschen Reinheitsgebot gehören außer Wasser nur noch Malz und Hopfen in ein Bier. Die sich in der Luft befindliche Hefe zur Erzeugung der alkoholischen Gärung wurde erst später als notwendiger Zusatzstoff erkannt und dem Reinheitsgebot hinzugefügt.

[...]


[i] u.

[ii] s. Quellenverzeichnis

[iii] Fischer, Gert, Gansohr, Heidi, Heizmann, Berthold, Herborn, Wolfgang, Schultze-Berndt, Hans Günter: Bierbrauen im Rheinland, in: Führer und Schriften des Rheinischen Freilichtmuseums und Landesmuseums für Volkskunde in Kommern, Rheinland-Verlag GmbH, Köln 1985

[iv] Heckhorn, Evelyn, Wiehr, Hartmut: „München und sein Bier“, Heinrich Hugendubel Verlag, München, 1989

[v] nach Tolksdorf, Ulrich, Nahrungsforschung, in: Rolf W. Brednich (Hg.), Grundriss der Volkskunde, Einführung in die Forschungsfelder der Europäische Ethnologie, Dietrich Reimer Verlag, Berlin, 1988

[vi] Bimmer, Andreas C., Das Volkskundliche am Alkohol, in: Alkohol im Volksleben, Zeitschrift für Volkskunde, Marburg, 1987

[vii] Brockhaus Enzyklopädie in Zwanzig Bänden, Siebzehnte völlig neu bearbeitete Auflage des Großen Brockhaus, Zweiter Band, Wiesbaden, 1967, S.707

[viii] „Unser Bier“, Zeitschrift der Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Brauwirtschaft e.V., 10. Jahrgang, Winter 2002, S.2, Bonn 2002

[ix] http://www.brauerei-bosch.de/brauerei-bosch/rohstoffe.html

[x] http://www.brauerei-bosch.de/brauerei-bosch/rohstoffe.html

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Hopfen und Malz, Gott erhalt's? Zum Wandel lokaler Brautradition in Deutschland
Untertitel
Die Geschichte des Bieres im Landkreis Marburg-Biedenkopf
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut fuer Volkskunde/Kulturgeschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
45
Katalognummer
V39624
ISBN (eBook)
9783638383462
ISBN (Buch)
9783638734790
Dateigröße
836 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Magisterzwischenpruefungsarbeit im ersten Hauptfach Volkskunde
Schlagworte
Hopfen, Malz, Gott, Wandel, Brautradition, Geschichte, Bieres, Landkreis, Marburg-Biedenkopf
Arbeit zitieren
Nadine Beck (Autor), 2003, Hopfen und Malz, Gott erhalt's? Zum Wandel lokaler Brautradition in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39624

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