Deutsche Sprachwissenschaft und ausgefallene Pullizeit!? Zur problematischen Attribuierung von Substantivkomposita


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorbemerkung

1. Der Normalfall: Substantivkompositum mit Adjektivattribut – Sprachwissenschaftler und Grammatiken sind sich einig

2. Abgrenzung durch Analyse der hierarchischen Struktur von 3-gliedrigen Verbindungen
2.1 Analysemethoden: Auflösbarkeitsprobe; Kompatibilitätsprobe; Paraphrasierbarkeitsprobe
2.2 Analyseergebnisse

3. Die Theorie der Fehlattribution
3.1 Ursachen der Fehlattribution
3.2 Tendenzen der Fehlattribution

4. Kritik an der Analyse der hierarchischen Struktur und an der Theorie der Fehlattribution

5. Bezug der Adjektivattribute ausschließlich auf das Kompositum insgesamt

6. Zusammenfassung der Ergebnisse und Stellungnahme

7. Bibliographie

0. Vorbemerkung

In der Vergangenheit haben sich zahlreiche Sprachwissenschaftler immer wieder mit der adjektivischen Attribuierung von Determinativkomposita, und hier speziell mit der Attribuierung von Substantivkomposita befasst. Sie gelangten zu zum Teil sehr differenten Einschätzungen und Ergebnissen. Es fiel den Wissenschaftlern nicht leicht zu entscheiden und zu begründen, ob die korrekte Bezeichnung keltisches Fürstengrab oder keltisches Grab eines Fürsten ist. Ist die Rede von einer verregneten Feriengefahr grammatikalisch genauso akzeptabel wie die von der deutschen Sprachwissenschaft ? Gibt es, und wenn ja, was ist eine ausgefallene Pullizeit ? Woran kann der Sprachteilnehmer erkennen, welche Form von Attribuierung korrekt ist? Kann man eine so klare Entscheidung überhaupt treffen?

Die vorliegende Arbeit möchte versuchen einen Überblick über einige der bisher vorgenommenen Analysen zu geben. Insgesamt lassen sich drei zentrale Ansätze individualisieren, denen sich die verschiedenen Sprachwissenschaftler grundsätzlich zuordnen lassen: Da ist zunächst die Analyse auf der Grundlage einer angenommenen hierarchischen Struktur der Verbindung zwischen Adjektivattribut und substantivischem Determinativkompositum. Des weiteren die auf der Prämisse der Existenz einer sogenannten „Fehlattribution“ basierende Analyse, und schließlich eine Analyse, in der lediglich ein Bezug des Adjektivattributes auf das Kompositum in seiner Gesamtheit als korrekt anerkannt wird. Im Rahmen der Darstellung soll zunächst auf die Prämissen und Analysemethoden der jeweiligen Theorie eingegangen werden. Im Anschluss daran werden die Untersuchungsergebnisse präsentiert und an einigen Beispielen verdeutlicht. Der so gewonnene Einblick soll letztendlich zu einer begründeten Präferenz einer der Analyse- und Verständnismöglichkeiten führen und diese Entscheidung nachfolgend argumentativ begründet werden.

1. Der Normalfall: Substantivkompositum mit Adjektivattribut – Sprachwissenschaftler und Grammatiken sind sich einig

In einem Determinativkompositum wird der zweite Bestandteil, das Grundwort, durch den ersten, dem Bestimmungswort, semantisch determiniert und somit in seiner Extension eingeschränkt.

(1) der Hut: allgemeine Bezeichnung für eine Kopfbedeckung
(2) der Sonnenhut: Kopfbedeckung, die zum Schutz vor starkem Sonnenlicht aufgesetzt wird (eine bestimmte Art von Hut mit spezifischen Eigenschaften)

Das in (1) aufgeführte Substantiv bildet den morphosyntaktischen und semantischen Kopf des Kompositums in (2). Als solcher vererbt das Grundwort seine syntaktische Kategorie Substantiv und einige weitere Eigenschaften, wie z.B. das Genus Maskulinum und den Numerus Singular an die Zusammensetzung als Ganze. Kennzeichen des Bestimmungswortes Sonne ist dagegen, „dass es semantisch wie ein Attribut des Kopfes zu deuten ist und dementsprechend auch keinen Einfluss hat auf die valenzunabhängige morphologische und semantische Subklassenzugehörigkeit des Kompositums.“ (Fabricius-Hansen 1993: 235) Das differente Genus des Bestimmungswortes spielt für das Genus des Gesamtkompositums keine Rolle, die semantische Bedeutung des Bestimmungswortes aber wird in die Gesamtbedeutung mit eingebracht, insofern dieses stets in einer bestimmten Relation zu dem Grundwort steht. Das Kompositum besteht somit aus einer Kombination der vererbten Eigenschaften des Grundwortes und der aus dem Kontext erkennbaren, grammatisch nicht gekennzeichneten Relation zwischen Grund- und Bestimmungswort.[1] Bis hierhin sind sich die Grammatiken einig. Tritt nun ein Adjektivattribut zu dem Kompositum hinzu, bezieht es sich laut Duden (Duden 2002) und anderen Grammatiken semantisch auf die gesamte Zusammensetzung. Formal jedoch liegt ein eindeutiger Bezug auf das Grundwort des Kompositums, auf seinen Kopf vor, denn dieser bestimmt die Deklination des beigefügten Adjektivs.[2] In Übereinstimmung mit den von den Grammatikern aufgestellten Regeln muss sich das Adjektivattribut eines Kompositums, um als semantisch korrekt empfunden zu werden, auf das Kompositum als Ganzes beziehen lassen, oder aber zumindest mit dem Grundwort des Kompositums semantisch kompatibel sein. Ein solcher Gesamtbezug ist nach Meinung von z.B. Catherine Fabricius-Hansen „bei vollständiger Idiomatisierung des Kompositums zu erwarten“. Diese Art von Attribuierung wird in vielen Grammatiken und sprachwissenschaftlichen Studien als Normalfall eingestuft (vgl. Fabricius-Hansen 1993: 194). Im Gegensatz hierzu stehen Fälle, in denen ein eindeutiger Bezug des Adjektivattributs auf das Bestimmungswort des Kompositums sowie ein Bezug des Attributs auf die beiden einzelnen Teile des Kompositums vorzuliegen scheinen. Abweichungen von dem Normalfall, bzw. der aufgestellten Regel gelten aber im Allgemeinen als nicht akzeptabel. So bezeichnen einige Grammatiken wie z.B. der Duden einen inhaltlichen Bezug des Adjektivs auf das Bestimmungswort schlichtweg als nicht korrekt, selbst wenn eingeräumt wird, dass „bestimmte Fügungen dieser Art [...] sich jedoch durchgesetzt [haben] und [...] sprachüblich geworden [sind]“ (Duden 1995: 261). Diese zu tolerierende und von einigen Sprachwissenschaftlern gar als „korrekt“ angesehene Gruppe bleibt jedoch laut Duden beschränkt auf „Fälle, in denen das Adjektiv inhaltlich zwar eigentlich zum ersten Bestandteil der Zusammensetzung gehört, jedoch auch zum zusammengesetzten Wort passt, das nur noch als geschlossene Einheit empfunden wird“ (Duden 2002: 400).[3] Im folgenden ist nun interessant, auf welche Weise die Sprachwissenschaft auf grammatikalischer Basis zu bestimmen versucht, welche Bildungs- und Kombinationsweisen als richtig einzustufen sind, und welche als falsch oder zumindest als unüblich. Denn es ist nicht zu bestreiten, dass in Kommunikationsakten immer wieder Konstruktionen auftauchen, in denen sich das Adjektivattribut auf das Bestimmungswort eines Kompositums zu beziehen scheint. Im Laufe der Zeit sind zu diesem Thema verschiedene theoretische Ansätze entwickelt worden.

2. Abgrenzung durch Analyse der hierarchischen Struktur von 3-gliedrigen Verbindungen

Der erste der darzustellenden Ansätze geht davon aus, dass die Verbindung zwischen Adjektivattribut, Bestimmungs- und Grundwort als zweistufig und somit als hierarchisch angesehen werden kann. Das Attribut tritt demnach in eine engere Verbindung zu einem der Bestandteile des Kompositums und ist mit diesem zusammen zu dem anderen Bestandteil in semantischer Hinsicht hierarchisch angeordnet. Anhand dieser Struktur lässt sich dann eine sinnvolle Unterscheidung der grammatikalisch richtigen von der falschen Attribuierung vornehmen, indem die verschiedenen Beziehungen zwischen Adjektivattribut und Substantivkompositum deutlich gemacht werden können. Hierzu werden die in Frage kommenden Verbindungen zunächst mit Hilfe der Auflösbarkeits-, der Kompatibilitäts- und der Paraphrasierbarkeitsprobe untersucht um die hierarchische Struktur deutlich zu machen und an ihr zu zeigen, ob eine gegebene Verbindung zwischen einem Adjektivattribut und einem Substantivkompositum grammatikalisch richtig und somit zulässig ist. In einem zweiten Schritt wird dann eine Einteilung der Untersuchungsergebnisse in drei Gruppen vorgenommen. Die Vorgehensweise bei der Prüfung der Verbindungen sowie die Einteilung nach den oben genannten Kriterien, wie sie unter anderem von Rolf Bergmann (1980) und – mit Einschränkungen – auch von Boris Abramov vertreten werden (1992), sollen im folgenden genauer beleuchtet werden.

2.1 Analysemethoden: Auflösbarkeitsprobe; Kompatibilitätsprobe; Paraphrasierbarkeitsprobe

Die zur Analyse verwendeten Methoden beruhen auf der Prämisse, das nur eine voll motivierte Attribuierung für die Einschätzung der Korrektheit relevant ist. Vom Korpus ausgenommen werden somit von vornherein Bildungen mit Präfixoiden wie Grund-, und Haupt-, und solche mit Suffixoiden wie -material, -wesen, -werk, -gut und -er. Es wird davon ausgegangen, dass diese nicht sinnvoll auf die Beziehung des Adjektivs zu den einzelnen Bestandteilen des Substantivs befragt werden können, da sich das Adjektiv ausschließlich auf das Kompositum als Ganzes beziehen lässt. Auch eine Paraphrase ist bei diesen Komposita nicht möglich. Inwieweit eine solche Ausgrenzung Sinn macht wird an anderer Stelle noch zu diskutieren sein. Ebenfalls außer Acht gelassen werden lexikalisierte Zusammensetzungen, die nur noch unter diachronem Aspekt als motivierte Komposita erkennbar werden. Genannt werden hier Beispiele wie: große Sintflut, gestriger Donnerstag, hoher Stellenwert oder gültige Tatsache. (Bergmann 1980: 240) Die übriggebliebenen Verbindungen werden also zunächst in Bezug auf ihre Auflösbarkeit untersucht. Unter einer Auflösbarkeitsprobe versteht Bergmann die Fähigkeit eines kompetenten Sprachteilnehmers, einzelne Bestandteile einer Verbindung als Wortbestandteile zu erkennen und zu isolieren. So ist bei den folgenden Verbindungen klar erkennbar, aus welchen Bestandteilen sie auf welche Weise gebildet wurden:

(1) die große Papierkugel – die große Kugel aus Papier
(2) der rote Flickenteppich – der rote Teppich aus Flicken

Für einen kompetenten Sprecher der deutschen Sprache ist in Beispiel (1) ohne große Überlegungen eindeutig erkennbar, dass es sich bei dem Bestimmungswort um das Substantiv Papier handelt, das angibt, aus welchem Material die im substantivischen Grundwort beschriebene Kugel ist, und dass das Adjektivattribut die räumliche Ausdehnung eben jener Kugel näher definiert. Ebenso kann man in Beispiel (2) problemlos erkennen, dass das substantivische Grundwort der Teppich durch das ebenfalls substantivische Bestimmungswort Flicken hinsichtlich seiner Konsistenz, und durch das Attribut in Bezug auf seine Farbe näher beschrieben wird. Bei vielen Verbindungen ist eine so einfache Bestimmung der Komponenten nicht mehr möglich. In diesen Bereich fallen unter anderem die zuvor aufgeführten lexikalisierten Zusammensetzungen. Es geht also um die Erkennbarkeit der einzelnen Bestandteile, um die Transparenz und um die Motiviertheit der Komposita und um eine noch nicht lexikalisierte Bedeutung der Komposita. Von der Auflösbarkeitsprobe kaum zu trennen ist die in einem weiteren Schritt vorgenommen Überprüfung der Paraphrasierbarkeit von Zusammensetzungen. Bei dieser Probe geht es um eine Umformulierung der Verbindung durch ihre Bestandteile. Es soll gezeigt werden, auf welchen Teil eines Kompositums sich das Adjektivattribut rein semantisch primär bezieht. So werden zum Beispiel folgende Umformulierungen vorgenommen:

(1) neuer Stadtteil - neuer Teil der Stadt
(2) linke Bankreihe - linke Reihe von Bänken
(3) eisige Schneestürme - eisige Stürme mit Schnee/ Stürme mit

eisigem Schnee

Der zu erwartende „Normalfall“ ist, wie in den einschlägigen Grammatiken beschrieben, in erster Linie ein inhaltlicher Bezug auf das Grundwort des Kompositums. Demnach müsste sich in (1) das Attribut neuer auf das Substantiv Teil beziehen, in (2) müsste ein semantischer Bezug zwischen linke und Reihe vorliegen, und in (3) analog dazu zwischen eisige und Schnee. In den ersten beiden der hier aufgeführten Fälle kommt es durch diese Art von Probe auch nicht zu einem Problem. In (3) lässt sich laut dieser Theorie jedoch nicht eindeutig entscheiden, ob der zentrale Aspekt nun der Sturm oder der Schnee ist, und man gelangt zu zwei möglichen Paraphrasen. Aufgrund der in der Analysephase vorgenommenen Paraphrasierungen werden im Folgenden diejenigen Verbindungen, die mehr als eine sinnvolle Lösung zulassen, mit denjenigen, in denen sich das Attribut auf das Bestimmungswort bezieht zusammengefasst. Ausgenommen werden solche Fälle, in denen „trotz Motiviertheit des Kompositums die Paraphrasenprobe nicht durchführbar ist, da das Adjektiv nur sinnvoll mit dem Kompositum, nicht aber mit einem seiner Bestandteile verbunden werden kann“ (Bergmann 1980: 243). Übrig bleiben nach den ersten beiden Proben nur die von der Theorie eingangs geforderten voll motivierten, nicht lexikalisierten Verbindungen.[4] Drittes Kriterium der Analyse der hierarchischen Struktur einer dreigliedrigen Verbindung aus Adjektivattribut, Bestimmungs- und Grundwort ist jenes der Kompatibilität. Die Kompatibilitätsprobe soll abschließend zeigen, ob jeder einzelne Bestandteil des Kompositums mit dem ihm vorangestellten Attribut semantisch verträglich ist. Hierzu werden Grund- bzw. Bestimmungswort des Kompositums jeweils in Verbindung mit dem Attribut losgelöst von ihrem spezifischen Kontext betrachtet und die Sinnhaftigkeit des entstehenden Ausdrucks überprüft. Beispielhaft sei kurz die von Bergmann durchgeführte Probe anhand der Verbindungen ethnographische Forschungsreise und verregnete Feriengefahr dargestellt:

[...]


[1] Für eine umfassende Definition von Begriff, Inhalt und Leistung von Determinativkomposita siehe Pavlov 1972: 40ff, oder Olsen 2000: 897-916.

[2] Eine systematische Klassifikation des deutschen Adjektivwortschatzes in sieben Untergruppen findet sich bei Eisenberg. Er versucht auf diese Weise zu bestimmen, was das adjektivische Attribut zur Bedeutung einer Nominalgruppe aus Adjektivattribut und Substantivkompositum beiträgt (Eisenberg 1999: 235ff).

[3] Eine andere Möglichkeit von den Grammatiken als richtig eingestufte Möglichkeit, auf die in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht näher eingegangen wird, ist die Zusammenschreibung von Verbindungen oder die Setzung von Bindestrichen (vgl. hierzu Duden 1995: 261).

[4] J. E. Schmidt wendet die Überlegungen Bergmanns und Sandbergs übergreifend auf ad-hoc Komposita an, von denen er zunächst eine Definition gibt und sie anschließend in Bezug auf Motiviertheit und Lexikalisierung den lexikalisierten Komposita gegenüberstellt. (Schmidt 1993: 235ff.)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Deutsche Sprachwissenschaft und ausgefallene Pullizeit!? Zur problematischen Attribuierung von Substantivkomposita
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Wortarten
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V39632
ISBN (eBook)
9783638383530
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutsche, Sprachwissenschaft, Pullizeit, Attribuierung, Substantivkomposita, Wortarten
Arbeit zitieren
M.A. Ilka Lütkemeier (Autor), 2003, Deutsche Sprachwissenschaft und ausgefallene Pullizeit!? Zur problematischen Attribuierung von Substantivkomposita, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39632

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