Freiwillige vs. zwangsfinanzierte Bereitstellung öffentlicher Güter: Crowding-out intrinsischer Motivation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bisherige Aufsätze zur Problemstellung
2.1. Private Bereitstellung öffentlicher Güter
2.2. Bereitstellungskostenansatz nach Coates
2.3. Definition von „bedürftig“

3. Verwendete Theorien und Methoden
3.1. Modell
3.2. Empirische Überprüfung

4. Ergebnisse des Aufsatzes

5. Kritische Stellungnahme

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Problematik des Crowding-out im Bereich der Bereitstellung öffentlicher Güter. Die Kernfrage ist, ob eine staatliche mit Steuermitteln zwangsfinanzierte oder aber eine freiwillige private Bereitstellung vorteilhafter ist. Ferner wird untersucht, ob es zu einem Crowding-out kommt, mit anderen Worten: Führt eine Versorgung durch den öffentlichen Sektor dazu die intrinsische Motivation der Bürger zu einem eigenen Beitrag zur Bereitstellung öffentlicher Güter zu verdrängen? Hierbei wird unterstellt, dass eine intrinsische Motivation von vorn herein besteht, so dass die Handlung selbst schon Ziel ist und dem Anbieter einen direkten Nutzen stiftet, ohne dass es einer Kompensation dafür erfordert.

Ausgangspunkt ist der 2003 erschienene Aufsatz von J. Stephens Ferris und Edwin G. West mit dem Titel „Private versus Public Charity: Reassessing Crowding Out from the Supply Side“. Darin greifen die Autoren die Crowding-out-Debatte auf und untersuchen ein Modell, in dem staatliche und private Wohlfahrt vollkommene Substitute im Konsum sind, auf der Angebotsseite jedoch unterschiedliche Kosten der Bereitstellung angenommen werden. Sie zeigen, dass bei der Bereitstellung bestimmter öffentlicher Güter wie etwa der Sozialhilfe weniger als vollständiges Crowding-out beobachtet wird.

Die vorliegende Arbeit ist wie folgt aufgebaut: In Kapitel 2 erfolgt ein Überblick über frühere Untersuchungen der Crowding-out-Problematik bei öffentlichen Gütern. Schließlich liegt in Kapitel 3 der Fokus auf dem Aufsatz von Ferris und West, wobei deren Modell und die empirische Überprüfung ihrer Hypothese genauer betrachtet wird. Die Ergebnisse dieser Untersuchung folgen in Kapitel 4. Abschließend wird in Kapitel 5 kritisch überprüft, ob sich das von Ferris und West aufgestellte Modell und deren Aussagen auf den europäischen – insbesondere den deutschen – Sozialstaat übertragen lassen.

2. Bisherige Aufsätze zur Problemstellung

2.1 Private Bereitstellung öffentlicher Güter

Die Diskussion über die Bereitstellung öffentlicher Güter ist eng verknüpft mit der Frage nach dem Umfang des Eingriffs des Staates. Der amerikanische Ökonom Ostrom[1] betont, dass der Staat nur eine Hebammenfunktion leisten dürfe und dafür die Kräfte der Selbstorganisation stärken sollte. Tue er zu viel, so verdränge er die zumindest teilweise vorhandene Freiwilligkeit. Die Literatur zeigt, dass ein Eingriff des Staates bei Marktversagen notwendig ist, das bei öffentlichen Gütern, Allmende- und Mautgütern vorliegt. Petersen kritisiert die Theorie vom Marktversagen als Rechtfertigungsgrund staatlichen Eingriffs, da der Staat nicht immer in der Lage sei die Probleme besser zu lösen als der Markt und es durch die fehlende Flexibilität und geringerer Effizienz zu Staatsversagen kommen könne. Darüber hinaus sei es von Bedeutung, welche Wirkungen von der Finanzierung auf den Wirtschaftsablauf und vor allem auf das Verhalten der Wirtschaftssubjekte ausgehen[2]. Generell kann staatliche Aktivität ethisch, demokratietheoretisch als auch wohlfahrtstheoretisch begründet sein. An dieser Stelle wird jedoch nicht genauer darauf eingegangen.

Ein reines öffentliches Gut ist charakterisiert durch hohe positive externe Effekte, das Versagen des Ausschlussprinzips und durch Nichtrivalität im Konsum. Der Marktmechanismus ist jedoch nicht in der Lage einen pareto-optimalen Zustand hervorzubringen. Beim freiwilligen privaten Angebot öffentlicher Güter liegt der gesellschaftliche Wert der Grenzeinheit über den Grenzkosten der Bereitstellung. Aus der Nichtausschließenbarkeit resultiert das Trittbrettfahrer-Problem: Für jedes Individuum wäre es optimal, wenn das Gut bereitgestellt aber von anderen finanziert wird, so führt dieses strategische Verhalten im Extremfall dazu, dass das Gut überhaupt nicht bereitgestellt wird. Ansonsten kommt es bei einem Angebot des öffentlichen Gutes zu einer Unterversorgung. Dann muss der Staat eingreifen und selbst die Bereitstellung übernehmen. Neben dem Trittbrettfahrer-Problem spricht auch das „Gefangenendilemma“ aus der Spieltheorie für die Notwendigkeit eines öffentlichen Angebots, da die wahren Präferenzen der Wirtschaftssubjekte verborgen bleiben und somit die Zahlungsbereitschaft des einzelnen nicht zum Ausdruck kommt. Es ist anzumerken, dass die Offenbarung der eigenen Präferenzen umso es wahrscheinlicher ist, je altruistischer sich die Individuen verhalten.

Stiglitz[3] untermauert seine These der staatlichen Überlegenheit mit dem Argument, dass bei privater Bereitstellung öffentlicher Güter Ineffizienzen auftreten. Diese rühren einerseits daher, dass Güter nicht rationiert werden sollten, dessen Konsum durch ein anderes Individuum keine Granzkosten verursacht, und andererseits durch die unzureichende Nutzung gemessen am Effizienzkriterium bei Bepreisung des Gutes.

Ferris und West untersuchen als Sozialtransfers vorwiegend unreine öffentliche Güter, bei denen Rivalität im Konsum herrscht. Als Sozialleistungen gelten neben der Sozialhilfe bzw. finanzieller Unterstützung Bedürftiger auch soziale Dienst-leistungen, gemeinsam genutzte Einrichtungen usw. Erstere erfüllen die Kriterien privater Güter, da sie im Konsum ausschließbar sind und Rivalität herrscht. Ansonsten sind karitative Leistungen Mischgüter bzw. unreine öffentliche Güter.

Blankart postuliert, dass bei Mischgütern „maßgeschneiderte Arrangements von Fall zu Fall“[4] notwendig sind, da bei vollumfänglicher Verstaatlichung in jenen Teil-bereichen Marktkräfte nicht genutzt würden, in denen sie aber zur effizienten Ressourcenallokation genutzt werden könnten. Selbst im Fall reiner öffentlicher Güter sieht Blankart eine Aufgabenteilung zwischen Markt und Staat, die durch eine unsichtbare Hand geleitet wird, wenn der politische Prozess bei kollektiven Entscheidungen funktioniert. Erst wenn die kollektive Bereitstellung weniger Kosten verursacht als die private, komme es zu einem kollektiven Beschluss über die öffentliche Bereitstellung, ansonsten bleibe es beim privaten Angebot. Allerdings setzt dies vollständige Informationen über die Präferenzen der Individuen voraus und ein reibungsloses Funktionieren demokratischer Entscheidungsfindung.

Im Fall der öffentlichen Bereitstellung privater Güter legt Stiglitz[5] dar, dass es höchstwahrscheinlich zu einem übermäßigen Verbrauch komme, da der Nutzer keinen Preis entrichten muss. Er werde seine Nachfrage bis zu dem Punkt ausdehnen, an dem der Grenzkostenvorteil aus dem Konsum gleich Null wird, obwohl jedoch mit seiner Bereitstellung reale Grenzkosten verbunden sind. Der übermäßige Konsum hat demnach einen Wohlfahrtsverlust zur Folge. Insofern ergibt sich die Notwendigkeit von Rationalisierungsverfahren, wie beispielsweise die Standardi-sierung von Leistungen, so dass jedes Individuum unabhängig von den eigenen Wünschen und Bedürfnissen dieselbe Menge erhält, ferner die Bildung von Warte-schlangen, die jedoch mit vermeidbaren Kosten verbunden ist, oder aber die Anwendung von Preisen.

2.2 Bereitstellungskostenansatz nach Coates

In seinem Aufsatz über den Einfluss unterschiedlicher Produktionskosten auf das Crowding-out der Bereitstellung öffentlicher Güter stellt Coates[6] fest, dass privat und staatlich angebotene öffentliche Güter weder auf der Nachfrage- noch auf der Angebotsseite vollkommene Substitute sind. Damit stellt er die Neutralitätsannahme in Frage, das heißt die bis dahin allgemein anerkannte Annahme des vollkommenen Crowding-out. Coates’ Argumentation stützt sich auf das Eingeständnis von Bergstorm, Blume und Varian, das Ergebnis deren Analyse über die Neutralität müsse modifiziert werden, da diese gewisse Kosten ausblendet. Jene Kosten umfassen die Ineffizienzen in der staatlichen Verwaltung, unvollständige Informationen in der demokratischen Entscheidungsfindung, sowie die Zusatzlast der Besteuerung, den excess burden. Bergstorm, Blume und Varian räumen ein, dass in gewissen Fällen wegen dieser Kosten die private Bereitstellung öffentlicher Güter effizienter sein kann als die staatliche. In ihrem Aufsatz greifen Ferris und West[7] die Schwachstellen der Analyse von Bergstorm, Blume und Varian auf: Zum einen sei allgemein bekannt, dass die Verwaltungskosten im öffentlichen Sektor höher seien, da innerhalb nicht-privater Bürokratien Marktformen vernachlässigt werden. Zweitens seien die Kosten der Informationsbeschaffung über die individuelle Nachfrage im öffentlichen Sektor ebenfalls höher, weil umständliche Wahlregelungen eine feinere Analyse verhindern. Den Punkt Zusatzlast der Besteuerung betreffend gäbe es dazu kein Gegenstück im privaten Sektor, was einen weiteren Minuspunkt für die öffentliche Bereitstellung darstellt.

Coates beruft sich auf das 1975 dokumentierte „leaky bucket“-Experiment von Okun. Der sogenannte „leaky bucket“-Effekt bezeichnet den Effizienzverlust bei umverteilenden Transfers durch den Staat, die mehr Gleichheit schaffen sollen. Im Fall der sozialen Fürsorge des Staates würden nach Coates von Steuern in Höhe von T $ lediglich (1- d) T $ bei den Bedürftigen ankommen. Dabei gilt: d liegt im Intervall [0, 1]. Wird die soziale Unterstützung hingegen vom privaten Sektor gewährt, so entstehen auch dort Verluste durch Kosten für das Einwerben von Spendengeldern, so dass die Bedürftigen (1- b) T $ erhalten. Auch hier gilt: b Î[0, 1]. Nur wenn die Verluste in beiden Sektoren gleich hoch sind, wenn also b = d ist, liegt perfektes Crowding-out vor. Allerdings ist es nach Coates plausibler, dass die Verluste unterschiedlich hoch sind. Sind zwischen den beiden Anbietern keine Qualitätsunterschiede vorhanden, so sollte nach Effizienzgesichtspunkten derjenige Sektor die Bereitstellung öffentlicher Güter übernehmen, dessen Bereitstellungs-kosten geringer sind. Zu bestimmen, ob d oder b nun kleiner ist, sei Aufgabe der empirischen Forschung.

Coates sieht die Notwendigkeit eines besseren empirischen Maßes für den Grenz-Zusatzverlust zwischen öffentlichen und privaten Anbietern. Ferris und West schlagen vor mit dem deadweight cost of tax collection zu arbeiten. Nach ihren Recherchen liegen die Grenzkosten der Erhebung eines zusätzlichen Dollars an Steuern zwischen 0,17 $ und 0,56 $, bei Miteinbeziehung des Wohlfahrtsverlustes durch Steuerhinterziehung bei etwa 1,60 $[8]. Sie halten es für unwahrscheinlich, dass diese Kosten durch alle anfallenden Kosten im privaten Sektor bei der Bereitstellung öffentlicher Güter diese Produktionskosten übertroffen werden. Des weiteren machen sie bei der Verteilung der Güter einen weiteren Kostenfaktor aus, den sie bureaucratic slippage nennen, bürokratiebedingte Schlupfverluste.

[...]


[1] vgl. Ostrom (1990)

[2] siehe Petersen (1993), S. 38 f.

[3] vgl. Stiglitz/Schönfelder (1989), S. 119 ff.

[4] siehe Blankart (2001), S. 76

[5] siehe Stiglitz/Schönfelder (1989), S. 123 ff.

[6] vgl. Coates (1998)

[7] vgl. Ferris/West (2003), S. 401

[8] vgl. Ferris/West (2003), S. 402

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Freiwillige vs. zwangsfinanzierte Bereitstellung öffentlicher Güter: Crowding-out intrinsischer Motivation
Hochschule
Universität zu Köln  (WiSo-Fakultät: Seminar für Finanzwissenschaft )
Veranstaltung
Hauptseminar am Seminar für Finanzwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V39646
ISBN (eBook)
9783638383653
ISBN (Buch)
9783640203413
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hauptseminararbeit wurde als mit Abstand beste im Kurs benotet, der Durchschnitt lag im 3er- und 4er-Bereich. Die Arbeit wurde in einem Block-Intensiv-Seminar vorgetragen und diskutiert.
Schlagworte
Freiwillige, Bereitstellung, Güter, Crowding-out, Motivation, Hauptseminar, Seminar, Finanzwissenschaft
Arbeit zitieren
Beate Piedo (Autor), 2004, Freiwillige vs. zwangsfinanzierte Bereitstellung öffentlicher Güter: Crowding-out intrinsischer Motivation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39646

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