Das Nibelungenlied - Höfischer vs. heroischer Code - Der Sachsenkrieg (Str. 139-264)


Seminararbeit, 2002

5 Seiten, Note: 1-


Leseprobe

Oliver Tekolf

Das Nibelungenlied - Höfischer vs. heroischer Code - Der Sachsenkrieg (Str. 139-264)[1]

Beim Sachsenkrieg sehen wir eine rechtlich in sich geschlossene, in gewissen Punkten typische, in gewissen Punkten atypische Fehde als Rechtsform des Mittelalters vor uns.[2] Es ergeht eine formelle Fehdeansage seitens der Sachsen und Dänen an Gunther, als Grund für die Fehde wird zwar nur angegeben, daß Gunther den Zorn der Könige erregt habe (vgl. 144,1), dieser fehlende Fehdegrund gibt aber noch keinen Anlaß von "unreglementierten Formen von Gewalt" zu sprechen, die nur Sîvrit als Vertreter solcher Gewalt antworten könne, wie CZERWINSKI meint.[3] Das der Fehdegrund nicht genannt wird, heißt noch nicht, daß es keinen gibt. Jedenfalls schlägt Gunther die Möglichkeit des Verhandelns, die ihm geboten wird (146,1), aus und beruft den Kriegsrat ein, der aus seinen "friwenden" besteht, also seinen "Freunden", was hier meint, seinen Vasallen und Verwandten, den Angehörigen seines Hofes, die verpflichtet sind, ihm, dem Befehdeten, beizustehen. Fehde ist immer Auseinandersetzung zwischen Sippen, zwischen Personenverbänden. Bei dieser Kriegsratsitzung ist Sîvrit noch nicht dabei, er gehört noch nicht zum Hof. Als Gunther dann mit Sîvrit spricht, sagt er ihm noch nicht gleich, was ihn bedrückt, denn "man sol stæten vriwenden klagen herzen nôt" (155,3), also nur Freunden und zwar beständigen, darf Gunther seine Sorge mitteilen. Sogleich bekräftigt Sîvrit, ohne den Grund für den Kummer des Königs zu kennen, daß er ihm stets helfen werde sein "leit" abzuwenden, und daß er stets sein "vriunt" sein wolle, und dies alles auch dann, wenn er dabei sein Leben lassen müsse. (156) Jetzt da Sîvrit sich als zu den "vriwenden" des Königs zugehörig bekennt, kann er am Heerzug teilnehmen, kann ihn sogar anführen. Zwar ist Sîvrits Beteuerung nicht gestisch dargestellt worden, somit nach mittelalterlichem Verständnis auch nicht rechtlich bindend. Dennoch kommt es einem Schwur sehr nahe, wenn er sagt sogar sein Leben für den König zu lassen, wenn es dazu käme. In der nachgeschobenen nochmaligen Bekräftigung, Gunther stets beizustehen, spricht Sîvrit von "unser bürge" (163), deren Friede zu wahren ist. In dieser Bekräftigung findet sich noch einmal ein Fehdetopos, nämlich die sichtbare, d.h. für den Fehdegegner unzweifelhafte Annahme der Fehdeansage: "daz si uns sehen sciere" (163,2). Zwar verhält sich Sîvrit im Gespräch mit dem König auf höfische Weise und gliedert sich in den Hof Gunthers ein, dennoch hebt er sich auf heroische Art wieder hervor, wenn er behauptet, er würde es selbst mit mit 30 000 feinden aufnehmen, auch wenn er nur 100 zur Verfügung hätte (160).

[...]


[1] Strophen des Nibelungenliedes werden zitiert nach: [Roswitha Wisniewski (Hrsg.)], Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch herausgegeben von Helmut de Boor, Mannheim: Brockhaus 22., rev. u. von Roswitha Wisniewski erg. Aufl. 1988. Die Zitate erfolgen nach Strophe und Zeile im fortlaufenden Text in runden Klammern.

[2] Zur Fehde und ihren rechtlichen und historischen Implikationen vgl. ADALBERT ERLER (Hrsg.), Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, Berlin: Schmidt 1971ff, Bd.1, Sp.1083ff. Hierauf stütze ich mich im folgenden.

[3] Vgl. PETER CZERWINSKI, Das Nibelungenlied. Widersprüche höfischer Gewaltreglementierung, in: Winfried Frey u.a. (Hrsg.), Einführung in die deutsche Literatur des 12. bis 16. Jahrhunderts. Bd.1: Adel und Hof - 12./13. Jahrhundert, Opladen: Westdeutscher Verlag 1979, S.49-87., hier S. 66.

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Details

Titel
Das Nibelungenlied - Höfischer vs. heroischer Code - Der Sachsenkrieg (Str. 139-264)
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institur für deutsche Philologie)
Note
1-
Autor
Jahr
2002
Seiten
5
Katalognummer
V3969
ISBN (eBook)
9783638124706
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenlied, Höfischer, Code, Sachsenkrieg
Arbeit zitieren
Oliver Tekolf (Autor), 2002, Das Nibelungenlied - Höfischer vs. heroischer Code - Der Sachsenkrieg (Str. 139-264), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3969

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