Schillers Theosophie des Julius. Auseinandersetzung mit einem metaphysischen Glaubensbekenntnis.


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
27 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schillers Weg zum Dichter und Denker
2.1. Schillers Kindheit und frühe Jugend
2.2. Die Karlsschulzeit

3. Das Konzept der „Theosophie des Julius“
3.1. Die Idee der „Philosophischen Briefe“ als Rahmen der „Theosophie des Julius“
3.2. Die Entscheidung zum Briefroman

4. Schillers Ideal der Freundschaft und seine Beziehung zu Körner

5. Schillers philosophische Entwicklung im Hinblick auf seine ästhetische Erziehung

6. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel meiner Hausarbeit ist es, das Konzept von Friedrich Schillers „Theosophie des Julius“ in seinen Grundzügen darzustellen und zu beschreiben. Außerdem soll ein Rahmen, der die persönliche und philosophische Entwicklung Schillers aufgreift, um die Theosophie herum gebildet werden. Die „Theosophie des Julius“ wurde 1786 als ein Fragment der „Philosophischen Briefe“ in Schillers Zeitschrift, der „Thalia“, veröffentlicht und stellt eine Art Glaubensbekenntnis des Protagonisten Julius aus früheren Zeiten dar. Da meiner Meinung nach die Aussage der Theosophie erst dann wirklich erschlossen werden kann, wenn der Leser sie im Gesamtzusammenhang der „Philosophischen Briefe“ betrachtet, wird im Weiteren ebenfalls die Idee der „Philosophischen Briefe“ beschrieben, wobei im Besonderen auf die philosophische Entwicklung des jungen Julius und dessen Freundschaft zu Raphael eingegangen wird. Um die zentrale Rolle der Freundschaft in den „Philosophischen Briefen“ zu betonen, wird an einigen Stellen der Arbeit und insbesondere im Abschnitt „Schillers Ideal der Freundschaft und seine Beziehung zu Körner“ auf Schillers Freundschaft zu Gottfried Körner eingegangen, die ihn in seinen Arbeiten stark beeinflusst hat.

Des Weiteren soll die Frage geklärt werden, warum sich Schiller bei seiner Auseinandersetzung mit der aufklärerischen Metaphysik für die literarische Form des Briefromans entschied.

Um nicht nur Julius philosophische Entwicklung, die augenscheinlich die des jungen Schillers widerspiegelt, sondern auch Schillers philosophische Entwicklung im Allgemeinen zu beleuchten, wirft die Arbeit einen Blick auf Schillers spätes großes philosophisches Werk „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“, veröffentlicht 1795. Auf Grund des Umfangs konzentriert sich die Arbeit hinsichtlich der philosophischen Entwicklung ausschließlich auf dieses Spätwerk Schillers.

Da sowohl die philosophischen als auch die dichterischen Arbeiten des Dichters und Denkers Friedrich Schiller nur vor dem Hintergrund der geistigen Strömungen seiner Epoche vollständig zu deuten sind, wird zu Anfang der Arbeit zuerst auf Schillers Kinder- und Jugendzeit und dann insbesondere auf seine Karlsschulzeit eingegangen.

Die Arbeit konzentriert sich ausschließlich auf Schillers philosophische Arbeiten, auf Einblicke in seine dichterischen Arbeiten wurde vollkommen verzichtet.

„Aus der Art, wie das Kind spielt, kann

man erahnen, wie er als Erwachsener

seine Lebensaufgabe ergreifen wird.“

Rudolf Steiner[1]

2. Schillers Weg zum Dichter und Denker

Um den Dichter und Denker Friedrich Schiller im Ganzen zu verstehen, beginnt diese Arbeit bei seinen Wurzeln, dh., bei seiner Kindheit und Jugend. So kann ein Einblick in Schillers häusliche Erziehung und die gesellschaftlichen und geistigen Strömungen seiner Kinder- und Jugendzeit gewährleistet werden. Besonders seine Karlsschulzeit war prägend für den Autor und hatte einen starken Einfluss auf Schillers spätere dichterischen sowie philosophischen Arbeiten und seine Weltanschauung im Allgemeinen.

„Wie man einen Knaben gewöhnt, so

lässt er nicht davon, wenn er alt wird.“

Sprüche Salomons 22,6[2]

2.1. Schillers Kindheit und frühe Jugend

Johann Christoph Friedrich Schiller wurde am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren. Es war das vierzehnte Jahr, in dem Herzog Carl Eugen von Württemberg regierte und das Jahr, in dem dieser sich während des Siebenjährigen Krieges gegen Preußen auf die Seite Österreichs gestellt hatte. Sein Vater, Johann Kaspar Schiller (1723-1796), der aus einem alten schwäbischen Geschlecht von Weinbauern und Handwerkern stammte, war zuerst Barbier an verschiedenen Orten, dann Feldscher bei einem bayrischen Regiment, von 1749 bis 1753 Wundarzt in Marbach und trat 1753 als Regimentsfourier in die Dienste des Herzogs Carl Eugen, wo er später den Rang des Leutnants und schließlich den des Hauptmanns erlangte. 1775 wurde er Verwalter der Herzoglichen Hofgärten auf der Solitude, dem herzoglichen Schloss. In Marbach heiratete er am 22.7.1749 Elisabeth Dorothea Kodweiß (1732-1802); das einzige Kind eines Gastwirts und Bäckermeisters.

Der Mutter Schillers werden sowohl Eigenschaften wie Phantasie, Lebhaftigkeit und Zärtlichkeit zugeschrieben[3], aber auch eine bis zur Bigotterie gehende Frömmigkeit und Strenge in der Erziehung.[4]

Der Vater soll redlich, ehrgeizig und fromm und mit praktischer Vernunft begabt gewesen sein[5], aber auch geistig interessiert und der Literatur nicht abgeneigt, so erschienen 1767-1769 bei Cotta von Johann Kaspar Friedrich fünf Hefte Betrachtungen über Landwirtschaftliche Dinge in dem Herzogtum Württemberg.[6] Elisabeth Dorothea Kodweiß soll ihren Mann 1796 allerdings als rechthaberisch, eigensinnig und gleichgültig den Seinigen gegenüber beschrieben haben. Das Ehepaar hatte neben Friedrich noch drei Töchter: Christophine, Louise und Christiane.

Friedrich Schiller besuchte zuerst die Dorfschule in Lorch, bis die Familie 1766 nach Ludwigsburg zog und Schiller 1767 in die Ludwigsburger Lateinschule eintrat. Als Kind stellte er sich vor, einmal ein Geistlicher zu werden und sein religiöser Enthusiasmus soll schon früh eine Tendenz zur Übersteigerung aufgezeigt haben.[7] Drei Väter haben Schillers Jugend mit harter Hand regiert: der leibliche Vater, der vom Sohn erwartete, was er selbst nicht hatte erreichen können, und diese Erwartungen mit heftiger, ungeduldiger Strenge durchzusetzen suchte; der mit despotischer Willkür regierende Herzog Carl Eugen und der Vater-Gott. In der Liebe und Fürsorge der Mutter, der älteren Schwester, Christophine und einigen Freundschaften fand Schiller, der als gescheites, verträgliches, gutherziges und liebevolles Kind beschrieben wird, emotionalen Halt und Kraft zur Selbstbehauptung gegen die Vaterwelt.[8] Schiller schloss 1772 die Ludwigsburger Lateinschule ab und hätte sein theologisches Berufsziel verfolgen können, wenn nicht der Herzog Carl Eugen ihn für seine neugegründete Militärakademie gefordert hätte. Trotz anfänglicher Weigerungen seines Vaters musste der junge Friedrich Schiller am 16.1.1773 die Familie verlassen.

„Anders ist der Studierplan, den sich der

Brotgelehrte, anders derjenige, den der

philosophische Kopf sich vorzeichnet.“

Schiller,

Was heißt und zu welchem Ende studiert

man Universalgeschichte?[9]

2.2. Die Karlsschulzeit

Der Tagesablauf an der Militärakademie war streng reglementiert und ein ausgeklügeltes Kontroll- und Disziplinierungssystem sorgte für Zucht und Ordnung der jungen Schüler. Zuvor wurde die Schule unter dem Namen Militär-Pflanzschule geführt, wurde aber noch im gleichen Jahr von Schillers Eintritt zur Herzoglichen Militärakademie ernannt. Gründer der Schule war Herzog Carl Eugen, der die Schule im gleichen Geist führte wie er sein Land regierte: im Stil eines absolutistischen Kleinstaatenfürsten.[10] Der Herzog führte ein strenges, autoritäres und der militärischen Disziplin abgeschautes Regiment. Urlaub und Besuche wurden nur selten gestattet. Die Schüler mussten Perücke und Uniform tragen, wurden überwacht und mussten selbst wiederum ihre Mitschüler bespitzeln.[11] Schiller soll unter den Bedingungen der Kasernierung gelitten haben, auf der anderen Seite erhielt er aber als Schüler des Instituts eine fundierte Ausbildung und kam mit den wissenschaftlichen Tendenzen, aber auch mit den geistigen, literarischen und politischen Bewegungen seiner Zeit in Kontakt.

Die Karlsschule zeigte alle charakteristischen Züge des aufgeklärten Absolutismus und damit auch der Ambivalenz der Aufklärung insgesamt. Die Inhalte der Lehre repräsentierten eine weltliche Wissenschaft, die Anregungen der Schulphilosophie, aber auch des französischen Materialismus und des englischen Empirismus aufgriff.[12]

Die Lehrer der Karlsschule waren nur wenig älter als die Schüler des Instituts und wirkten daher eher wie deren Kameraden als wie deren Vorgesetzte. Großen Einfluss auf den jungen Schiller hatte dabei dessen Philosophielehrer Jakob Friedrich Abel, der aufklärerische Positionen vertrat, aber auch den Ideen des Sturm und Drang nicht fern war.[13] Es dürfte auch Abel gewesen sein, der den Blick der Schüler auf die Erörterung der künftigen Bestimmung des Menschen richtete und der das philosophisch-anthropologische Schlagwort bei den Karlsschülern in Umlauf brachte.[14] Man kann davon ausgehen, dass sein inhaltlich und methodisch fortschrittlicher Unterricht eine große Rolle in der Entwicklung des Weltbilds des jungen Schiller spielte. Der Philosoph und Psychologe Abel hegte ein großes Interesse an den Fragen der Körperlehre, allerdings ist es nicht nur Abel, der dem jungen Schiller den Weg von der Körperheilkunde zur Psychologie wies, die Einheit von Philosophie und Medizin und die damit verbundenen Fragen nach dem Zusammenhang von Körper und Geist waren zentrale Themen bei der an der Karlsschule gelehrten Medizin.[15]

Nach einer humanistischen Ausbildung im ersten Jahr an der Karlsschule, kam Schiller Anfang 1774 nämlich gegen seinen Wunsch zuerst in die juristische und dann schließlich 1776 in die medizinische Fakultät. Mit dem Eintritt in die medizinische Fakultät begann er auch die Lektüre älterer und neuerer Literatur, wie z.B. Shakespeare, Haller, Kleist, Lessing, Wieland und Herder und beschäftigte sich mit den philosophischen Werken von Garve, Ferguson, Mendelssohn, Sulzer und anderen.[16] Durch diese Unterweisung und Lektüre wurde sein Denkvermögen auf philosophische Interessen gezogen und sein philosophisches Talent reifte viel früher als seine, in Abgeschlossenheit und gegen äußeren Druck sich entwickelnden, dichterischen Anlagen.[17]

Auf seine rhetorischen Fähigkeiten weisen allerdings die beiden Karlsschulreden, die er jeweils am 10. Januar 1779 und 1780 anlässlich des Geburtstags Franziskas von Hohenheim, der Herzogin von Württemberg hielt.

Schiller schloss sein Medizinstudium, nachdem seine Dissertation „Die Philosophie der Physiologie“ 1779 abgelehnt wurde, nach seiner zweiten Studie “Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“ 1780 ab. Beide Abhandlungen zeigen, dass Schillers Interesse nur dem philosophisch-psychologischem Aspekt der Medizin galt. Schiller behandelte ein anthropologisches Problem, das ihn sein Leben lang begleitete: den Dualismus von Körper und Geist, von Freiheit und Notwendigkeit und der Frage, wie dieser Widerstreit aufzuheben sei[18].

Die Militärakademie hatte großen Einfluss auf die persönliche und intellektuelle Entwicklung Schillers und zu den persönlichen Erfahrungen, die sich besonders stark bei dem jungen Schiller eingeprägt hatten, gehörten Freundschaft und Unfreiheit. Zu den frühesten überlieferten Briefen des damals sechszehnjährigen Schillers gehören zwei an zwei seiner Schulkameraden, in denen eine leidenschaftliche Auseinandersetzung über deren Freundschaft geführt wird. Die freundschaftliche Beziehung zu anderen Menschen soll einem tief empfundenen Bedürfnis Schillers entsprochen haben, dem Bedürfnis nach uneingeschränkt vertrauensvoller Kommunikation, nach Austausch nicht nur von Gefühlen, sondern vielmehr von Ideen, Gedanken, Plänen und Entwürfen.[19]

[...]


[1] Puntsch, Eberhard: Das neue Zitatenhandbuch. Eine besondere Auswahl aus drei Jahrtausenden, Bd. 2, Augsburg 1997, S. 153.

[2] Ebenda, S.296.

[3] Hinderer, Walter: Von der Idee des Menschen. Über Friedrich Schiller, Würzburg 1998, S.11.

[4] Hofmann, Michael: Schiller. Epoche-Werk-Wirkung, München 2003, S.15.

[5] Ebenda.

[6] Hinderer, S 11.

[7] Ebenda.

[8] Gellhaus, Axel/Oellers, Norbert (Hrsg.): Schiller. Bilder und Texte zu seinem Leben, Köln 1999, S.18ff.

[9] Puntsch, Zitatenhandbuch, S.290.

[10] Gellhaus/Oellers, S 25ff.

[11] Hinderer, S.12.

[12] Hofmann, S.15ff.

[13] Hofmann, S.16.

[14] Riedel,Wolfgang: Die Anthropologie des jungen Schiller. Zur Ideengeschichte der medizinischen Schriften und der „Philosophischen Briefen“ (Epistemata: Reihe Literaturwissenschaft; Bd. 17), Würzburg 1985, S.173.

[15] Ebendal, S. 18ff.

[16] Hinderer, S.12.

[17] Viehoff, Heinrich (Hrsg.), Karl Hoffmeister: Schillers Leben für den weiten Kreis seiner Leser, 1. Teil, 3. Kap., in: http:// www.kuehnle-online.de/ literatur/schiller/bio/hoffmeister.htm/ (21.08.2004).

[18] Gellhaus/Oellers, S. 30ff.

[19] Gellhaus/Oellers, S. 32ff.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Schillers Theosophie des Julius. Auseinandersetzung mit einem metaphysischen Glaubensbekenntnis.
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Natur als Kommunikationsstruktur in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
27
Katalognummer
V39692
ISBN (eBook)
9783638384063
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schillers, Theosophie, Julius, Auseinandersetzung, Glaubensbekenntnis, Natur, Kommunikationsstruktur, Literatur
Arbeit zitieren
Katrin Gehmlich (Autor), 2004, Schillers Theosophie des Julius. Auseinandersetzung mit einem metaphysischen Glaubensbekenntnis., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39692

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