Betrachtungen zur klassischen Walpurgisnacht in Goethes Faust II


Seminararbeit, 2003
19 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die klassische Walpurgisnacht – Allgemeines

2. Die Wege der Figuren durch die Walpurgisnacht
2.1 Faust und die Walpurgisnacht
2.2 Mephistopheles und die Walpurgisnacht
2.3 Homunkulus und die Walpurgisnacht
2.3.1 Die friedlose Erde
2.3.2 Das Meeresfest
2.3.3 Hintergrund zur Figur des Homunkulus

3. Quellen zur Walpurgisnacht

4. Figuren der „Klassischen Walpurgisnacht“

Schlussbemerkung

Bibliografie

Einleitung

Mit der klassischen Walpurgisnacht hat Goethe ein Gegenstück zur Brockenszene in Faust I geschaffen. Sie ist eine Nacht der Erinnerung an antike Dinge überhaupt und so lässt Goethe eine Reihe von antiken Figuren auferstehen, die er jedoch so einsetzt, wie es für den Verlauf der Handlung am sinnvollsten erscheint. Um einen gewissen Überblick über diese Figurenvielfalt zu geben, habe ich am Ende meiner Arbeit ein Verzeichnis mit den vorkommenden Gestalten angehängt, das auch dem besseren Verständnis dienen sollte.

Diese Figurenvielfalt hat bei der Forschung von Beginn an für Irritation gesorgt, die sogar immer größer wurde je mehr man die Entwürfe für diese Szene heranzog. So zeigt sich nämlich, dass Goethe ursprünglich noch viel mehr Gestalten an der klassischen Walpurgisnacht teilnehmen lassen wollte. Dieser Entwurf war noch relativ stark im Sinne der „romantischen Walpurgisnacht“ konzipiert, die wichtigsten Stationen waren jedoch bereits vorhanden – von den Sphinxen über Chiron bis Manto. Für die Neukonzeption hatte sich Goethe jedoch selbst Sparsamkeit verordnet.[1]

Die noch übrig gebliebenen Figuren, lassen sich nach Dorothea Lohmeyer in zwei große Gruppen unterteilen:[2]

a.) Geister, die zur Genese des Mythos in Beziehung stehen,
b.) Geister, die an der Genese der beteiligt, wobei diese wiederum entweder dem organischen oder dem anorganischen Bereich zugeordnet sind.

Diese Einteilung bezieht sich auf die Bedeutung, die die antiken Figuren für die drei Reisenden auf ihren unterschiedlichen Wegen durch Walpurgisnacht haben. Im Folgenden werde ich die Wege, die Faust, Mephistopheles und Homunkulus gehen näher beschreiben und erläutern.

1. Die klassische Walpurgisnacht - Allgemeines

Zu Beginn des zweiten Aktes findet sich Faust in seinem alten Studierzimmer wieder. Wagner, der mittlerweile zu hohen akademischen Ehren gelangt ist, erzeugt in seinem Laboratorium ein „artig Männlein“ in einer Phiole: Homunkulus, der in der folgenden Walpurgisnacht noch eine nicht unbedeutende Rolle spielen soll. Das Experiment wird durch Mephistopheles` Hinzutreten auf nicht näher geschilderte Weise vollendet. Homunkulus, die reine Geistigkeit, die es drängt Gestalt zu werden, erkennt Fausts Sehnsucht nach dem Urbild griechischer Schönheit und wird nun, ihm und Mephisto in seiner Phiole voranschwebend, Wegweiser zur klassischen Walpurgisnacht.

In der Brockenszenen aus dem ersten Teil und in der klassischen Walpurgisnacht stehen einander sozusagen die Exzesse des von Mephisto inspirierten animalischen Triebes und die Geburt der schönen Gestalt gegenüber; also der satanische Sexus dem göttlichen Eros. Höhepunkt des Aktes und damit Gegenstück zum Hexensabbat ist die Meeresfeier, auf die schon zahlreiche Motive vorbereiten, wie beispielsweise Homunkulus` Weg vom Land ins Wasser. Die klassische Walpurgisnacht ist nicht romantisch selbstbezüglich wie die Brockenszene, sondern kosmopolitisch, es geht um die Vereinigung zweier Kulturen auf dem Boden der neubewerteten und frei assimilierten antiken Tradition. In eben dieser Vereinigung liegt das eigentlich Geisterhafte der Walpurgisnacht.[3]

Ein Faktor, der bei der Forschung von Beginn an für Irritation bei der Forschung gesorgt hat, ist die Vielzahl der Figuren. Wobei diese Figuren je nach der Bedeutung, die sie für die drei Reisenden auf ihrem Weg durch die Walpurgisnacht erhalten, in unterschiedliche Gruppen unterteilt werden können. Denn in der Walpurgisnacht stehen Faust, Homunkulus und Mephistopheles für drei verschiedene Dimensionen des nordeuropäischen Menschen und so lässt sich dieser Akt auch in drei unterschiedliche Handlungsstränge einteilen[4]:

- Faust sucht Helena; er verkörpert jene schöpferische Tendenz in Nordeuropa, die nach einer Neubelebung der Vorstellung von Schönheit strebt, durch die die Sinnlichkeit rehabilitiert wird und die Konzeption einer neuen Kunst möglich wird.
- Mephistopheles bemüht sich, in dem ihm so fremden Reich antiker Gespenster Fuß zu fassen und ein ihm wesensverwandtes Gebilde zu finden. Er verkörpert jenen Geist der Epoche, der noch in der schärfsten Abkehr an die christliche Moral gebundnen ist.
- Homunkulus will „entstehen“; er erscheint als Wesen, das im alchimistischen Laboratorium des ausgehenden Mittelalters entsteht, in dem sich bereits die Wissenschaft der Neuzeit ankündigt, aber dem zur Entfaltung seiner hypertrophen Geistigkeit die formende Stofflichkeit der Natur fehlt.

2. Die Wege der Figuren durch die Walpurgisnacht

Wie bereits erwähnt teilt sich die Walpurgisnacht in drei unterschiedliche Handlungsstränge, wobei auffallend ist, dass die Faust –und die Mephistopheleshandlung trotz vieler Umschweifungen zu Fortschritten des Gesamtdramas führen. Die Homunkulushandlung dagegen führt völlig von ihm ab, um es gleichwohl im Kontrast desto stärker zu spiegeln.[5]

Im Folgenden werde ich nun auf die einzelnen Handlungsstränge näher eingehen.

2.1 Faust und die Walpurgisnacht

Faust wendet sich auf seinem Weg durch die Walpurgisnacht nur jenen Figuren und Gestalten zu, in deren Erscheinung ihm etwas auf Helena hindeutet, wie etwa das Weibliche, das er in den Mischgestalten der Sphinxe und im verführerischen Gesang der Sirenen erkennt.[6]

V. 7195: „Ihr Frauenbilder müsst mir Rede stehen: / Hat eins der Euren Helena

Gesehen?“

Doch diese Figuren können Faust bei seiner Suche nicht direkt unterstützen, da sie eine Kulturstufe repräsentieren, auf der der Mythos die menschliche Gestalt noch verrätselt und in diesem Sinne sind sie selbst keine Zeugen der Erscheinung Helenas mehr.[7] Daher verweisen sie den Suchenden auch weiter an den Kentauren Chiron:

V. 7197: „Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen, / die Letztesten hat Herkules

erschlagen. / Von Chiron könntest du` s erfragen.“

Die Sirenen dagegen wollen Faust zum Bleiben verführen und gerade weil er so in Eile ist verfälschen sie das Bild des vorübereilenden Odysseus in eines des behaglich verweilenden Austausches mit ihnen: auf diese Weise könnte auch Faust viel erfahren.

V. 7202: „Sollte dir`s doch auch nicht fehlen!.../ Wie Ulyss bei uns verweilte, /

Schmähend nicht vorübereilte, / Wusst er vieles zu erzählen; / Würden alles dir

vertrauen (...)“

Doch die Sphinxe, die auf Wahrheit halten, warnen ihn davor zu verweilen und verweisen wiederum auf Chiron:

V. 7209: „ Lass dich Edler nicht betrügen! / Statt dass Ulyss sich binden ließ, / Lass

Unsern guten Ruf dich binden; / Kannst du den hohen Chiron finden, / Erfährst du was

Ich dir verhieß.“

Und so gelangt der weitersuchende Faust an den Peneios im Tempetal. Der Flussgott Peneios scheint am Anfang dieser Szene sehr beunruhigt zu sein, doch wird zunächst nicht klar, ob es an der faustischen Unruhe liegt oder an einem Naturereignis, das jenseits der Haupthandlung in Erscheinung treten wird. Faust tritt nun an den Fluss und erlebt das Bild der Leda mit dem Schwan, wie er es bereits in seinem Traum vorweg gefühlt hat.

Auch wenn er durch die Menge der badenden Frauen gereizt wird, ist es für ihn noch nicht Zeit zu verweilen. Als jedoch schließlich Chiron erscheint und ihm die Bitte erfüllt, auf seinem Rücken Platz nehmen zu dürfen, scheint er an seinem Ziel angelangt zu sein.

Beim Forttraben überschüttet Faust Chiron mit immer neuen Schmeicheleien, die diese jedoch zunehmend ablehnt:

V. 7357: „Du scheinst mir geschickt zu heucheln, / Dem Fürsten wie dem Volk zu

schmeicheln.“

Daraufhin ändert Faust seine Diplomatie und lenkt das Gespräch geschickt über Fragen zu nach verschiedenen Helden in Richtung Helena:

V.7397: „Vom schönsten Mann hast du gesprochen, / Nun sprich auch von der

schönsten Frau.“

Und tatsächlich kommt Chiron, der nichts von starrer Frauenschönheit wissen will, auf Helena zu sprechen:

V. 7399: „Was...Frauenschönheit will nichts heißen, / Ist gar zu oft ein starres Bild; /

Nur solch ein Wesen kann ich preisen, / Das froh und lebenslustig quillt. / Die Schöne

bleibt sich selber selig; / Die Anmut macht unwiderstehlich, / Wie Helena, da ich sie

trug.“

Faust ist nun ganz verwirrt von dem Wonnegefühl, auf dem gleichen Pferderücken sitzen zu dürfen wie einst Helena, der Expertin der Liebe. Für Faust, den nordischen Abenteurer, ist es überaus reizvoll hinter den antiken Dioskuren zu rangieren. Als er jedoch hört, dass Helena beim Dioskurenabenteuer erst sieben Jahre alt war, melden sich seine Phantasielosigkeit und sein Rationalismus, und so muss Chiron ihn einen kleinen Vortrag über die Engstirnigkeit der Philologen im Mythologischen halten[8]:

V. 7427: „Ich seh, die Philologen / Sie haben dich so wie sich selbst betrogen. / Ganz

eigen ist` s mit mythologischer Frau; / Der Dichter bringt sie, wie er` s braucht zur

Schau: / Nie mündig wird sie, wird nicht alt, / Stets appetitlicher Gestalt, / Wird jung

entführt, im Alter noch umfreit; / G´ nug, den Poeten bindet keine Zeit.“

[...]


[1] Vgl. Andreas Angelt: Der reflektierte Mythos in Goethes „Klassischer Walpurgisnacht“, S. 131.

[2] Vgl. ebda, S. 134

[3] Vgl. Andreas Anglet: Mythos in Goethes klassischer Walpurgisnacht, S. 155

[4] Vgl. ebda, S. 134

[5] Vgl. Wilhelm Böhm: Goethes Faust in neuer Deutung. Ein Kommentar für unsere Zeit. Köln: Seemann 1949, S. 174

[6] Vgl. Andreas Anglet: Mythos in Goethes „Klassischer Walpurgisnacht”, S. 135.

[7] Vgl. ebda

[8] vgl. Wilhelm Böhm: Goethes Faust in neuer Deutung, S. 167.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Betrachtungen zur klassischen Walpurgisnacht in Goethes Faust II
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Veranstaltung
Proseminar
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V39796
ISBN (eBook)
9783638384803
ISBN (Buch)
9783638902175
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Betrachtungen, Walpurgisnacht, Goethes, Faust, Proseminar
Arbeit zitieren
Christine Jeremias (Autor), 2003, Betrachtungen zur klassischen Walpurgisnacht in Goethes Faust II, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39796

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