Aus den Tiefen des Mittelalters heraus hat sich die Legende von der Frau, die als Mann verkleidet den Papstthron bestiegen haben soll, in unsere Zeit hinübergerettet, ohne etwas von ihrem Reiz und ihrer Rätselhaftigkeit eingebüßt zu haben. Die jahrhundertelange Diskussion um ihre Existenz ist heute zum Erliegen gekommen, da sowohl Theologen als auch Historiker sie zu keinerlei Ergebnis zu führen vermochten. Doch die Faszination dieser Frauengestalt ist noch wie vor ungebrochen, was einige Arbeiten zur Geschichte und Rezeption dieser Legende bezeugen.
Eine der zahlreichen literarischen Werke mit Bezug auf die Legende der Päpstin Johanna bildet der 1996 erschienene Historische Roman „Die Päpstin“ (Originaltitel: „Pope Joan“) von Donna Woolfolk Cross, der den Gegenstand dieser Arbeit darstellt. Die Autorin erzählt in diesem Roman die Biografie der Johanna von Ingelheim, des späteren Papstes Johannes Anglicus, „so wie sie gewesen sein könnte.“ Cross konnte hierfür auf eine einen Zeitraum von rund 800 Jahren umfassende Sammlung schriftlicher Quellen zurückgreifen, aus denen sie einige Elemente der Lebensgeschichte der Päpstin Johanna in den Roman übernommen hat.
In dieser Arbeit werden einige exemplarisch herausgegriffene Elemente der Handlung des behandelten historischen Romans unter der Fragestellung untersucht, wie im jeweiligen Fall historische Fakten und Überlieferungen für die Verwendung im Roman abgeändert wurden respektive ob anders geartete Auffälligkeiten vorliegen. Diese werden durch Vergleiche mit den als gültige Lehrmeinung akzeptierten historischen Daten und Ereignissen verdeutlicht. Anhand dieser Erkenntnisse werden schließlich mögliche Erklärungen für diese Auffälligkeiten und Modifikationen gesucht. Als Ansatzpunkt für solche Erklärungen fungiert eine leserorientierte Betrachtungsweise; das heißt, es wird die Frage nach der Wirkung der von der Autorin durchgeführten Abänderungen der historischen Ereignisse auf den Leser im Vordergrund stehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zusammenfassung
3. Die Romanfigur „Kaiser Lothar“
4. Der Anachronismus der Hexenprobe
5. Das vermittelte Geschichtsbild Karls des Großen
6. Die Funktion des Wikingerüberfalls auf Dorstadt
7. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht exemplarisch ausgewählte Elemente der Handlung des historischen Romans „Die Päpstin“ von Donna Woolfolk Cross unter der Fragestellung, wie historische Fakten und Überlieferungen für die Verwendung im Roman verändert oder modifiziert wurden, um eine bestimmte Wirkung beim Leser zu erzielen.
- Analyse der narrativen Techniken zur Verwendung historischer Ereignisse in Erzähltexten.
- Untersuchung der leserorientierten Inszenierung von Feindbildern im Roman.
- Vergleich von Romanhandlung mit gesicherten historischen Daten und Lehrmeinungen.
- Identifikation von Erzählmustern und deren Wirkung auf die Spannungsdramaturgie.
- Erörterung der Zusammenhänge zwischen historischer Faktizität und literarischer Fiktion.
Auszug aus dem Buch
Die Romanfigur „Kaiser Lothar“
Donna Cross räumt im Nachwort zu „Die Päpstin“ ein, die zwei in ihrem Roman geschilderten Züge des Kaisers Lothar auf Rom gegenüber den historisch belegten Zügen abgeändert zu haben: „In Wahrheit hat Lothar beim zweiten Mal seinen Sohn Ludwig entsandt, [...]“ (564).
Ludwig II. wurde bereits im Jahre 844 durch Papst Sergius II. zum König der Langobarden und 850 schließlich durch Papst Leo IV. zum Mitkaiser neben seinem Vater gekrönt, wobei sein Wirkungsbereich sich weitgehend auf Italien beschränkte, das nach Lothars Tod und den nachfolgenden Reichsteilungen Ludwigs Königreich wurde. Schon zu Lebzeiten Lothars hat Ludwig viele Angelegenheiten des Reiches, die das Papsttum und den Kirchenstaat betreffen, geregelt.
Warum hat Cross diesen Herrscher mit voller Absicht ignoriert? Sie selbst begründet diese und weitere Modifikationen von historischen Fakten damit, dass sie, „um einen möglichst spannenden Unterhaltungsroman erzählen zu können, einige historische Fakten so „zurechtgerückt“ habe, dass sie in den Handlungsrahmen passen“ (564). Dies ist eine Begründung, die zwar die an dieser Stelle ebenfalls eingeräumte zeitliche Verschiebung des Normannenüberfalls hinreichend erklärt, jedoch für die Ignorierung Ludwigs keine passende und schlüssige Begründung liefert. Denn warum sollte eine Einbeziehung Ludwigs in die Handlung, wie sie beim zweiten Zug gegen Rom im Rahmen einer historischen Authentizität geboten wäre, die Spannung auch nur geringfügig verringern?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Legende der Päpstin Johanna ein, erläutert die Bedeutung des Romans von Donna Woolfolk Cross und stellt die Forschungsfrage nach den Techniken der Abänderung historischer Fakten für erzählerische Zwecke.
2. Zusammenfassung: Dieses Kapitel bietet eine chronologische Übersicht über die Lebensgeschichte der Protagonistin Johanna von ihrer Geburt im Jahr 814 bis zu ihrem Tod im Jahr 855.
3. Die Romanfigur „Kaiser Lothar“: Das Kapitel analysiert, warum die Autorin die historische Figur Ludwig II. zugunsten einer verschmolzenen Romanfigur „Kaiser Lothar“ ausspart, um ein klares Feindbild zu kreieren.
4. Der Anachronismus der Hexenprobe: Hier wird untersucht, wie die Autorin Hexenverfolgung in das frühe Mittelalter projiziert, obwohl diese historisch erst viel später stattfand, um das negative Bild des Mittelalters zu verstärken.
5. Das vermittelte Geschichtsbild Karls des Großen: Das Kapitel beleuchtet, wie durch die einseitige Darstellung Karls des Großen als brutaler Kriegsherr im Kontext von Verden ein gezieltes negatives Geschichtsbild erzeugt wird.
6. Die Funktion des Wikingerüberfalls auf Dorstadt: Es wird analysiert, wie der fiktive Überfall als dramaturgische Zäsur und entscheidender Wendepunkt in Johannas Leben genutzt wird, um ihre Flucht und ihren Neubeginn als Mann zu ermöglichen.
7. Resümee: Die Arbeit schließt mit der Definition allgemeiner Erzähltechniken zur Erzeugung von Feindbildern und zur Konstruktion historischer Romane, basierend auf den vorangegangenen Fallbeispielen.
Schlüsselwörter
Die Päpstin, Donna Woolfolk Cross, historischer Roman, Mittelalter, historische Fakten, Anachronismus, Feindbild, Erzähltechnik, Kaiser Lothar, Hexenverfolgung, Geschichtsbild, Literaturwissenschaft, Narratologie, historische Fiktion, Wirkungsästhetik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert, wie Donna Woolfolk Cross in ihrem historischen Roman „Die Päpstin“ historische Fakten verändert, um bestimmte erzählerische Effekte, insbesondere die Schaffung von Feindbildern, zu erzielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Gestaltung historischer Figuren wie Kaiser Lothar, die Verwendung von Anachronismen wie der Hexenprobe und die Konstruktion eines spezifischen Geschichtsbildes von Karl dem Großen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Erzähltechniken offenzulegen, mit denen die Autorin historische Fakten an die Bedürfnisse der Romanhandlung anpasst, um die Spannung zu erhöhen und eine bestimmte Antipathie beim Leser zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein vergleichender Ansatz gewählt, bei dem spezifische Szenen aus dem Roman den als gesichert geltenden historischen Daten gegenübergestellt werden, um die Modifikationen und deren Funktion zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier spezifische Fallanalysen: die Romanfigur Kaiser Lothar, die historisch nicht belegbare Hexenprobe, das vermittelte Bild Karls des Großen und die Funktion des Wikingerüberfalls als erzählerischer Wendepunkt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem historische Fiktion, Anachronismus, Feindbildkonstruktion, Erzähltechnik, historische Authentizität und Wirkungsästhetik.
Warum entscheidet sich Cross für eine historische Ungenauigkeit bei Kaiser Lothar?
Laut der Analyse bündelt die Autorin die historischen Persönlichkeiten Lothar und Ludwig in einer einzigen Figur, um die Rolle des „Bösewichts“ zu fokussieren und dem Leser eine eindeutige Identifikationsfigur für die Antipathie zu bieten.
Inwiefern beeinflusst der Anachronismus der Hexenprobe das Mittelalterbild der Leser?
Indem die Autorin die Hexenverfolgung in das frühe Mittelalter verlegt, bedient sie das Klischee des „finsteren Mittelalters“, wodurch die aufgeklärte und logisch denkende Protagonistin Johanna vor diesem Hintergrund kontrastreicher hervortritt.
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- Michael Treichler (Author), 2002, Analyse von Techniken der Verwendung historischer Ereignisse in dem historischen Roman "Die Päpstin", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3983