Das Gefangenendilemma: Auswege aus der Rationalitätenfalle


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Umwelt als öffentliches Gut

3. Das Zusammenspiel von individueller und kollektiver Rationalität
3.1 Das Gefangenendilemma und die „Tragedy of Commons“
3.2 Wege in die Rationalitätenfalle
3.3 Wege aus der Rationalitätenfalle

4. Internationaler Klimaschutz als Spiel: Das Kyoto-Protokoll

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Güterarten

Abbildung 2 Das klassische Gefangenendilemma

Abbildung 3 Die Prämissen des klassischen Gefangenendilemmas

1. Einleitung

Umweltzerstörung und Umweltschutz sind Schlagworte, die heute in der öffentlichen Diskussion häufig fallen. Offenbar ist ein Prozess des Umdenkens und der Aufklärung im Gange; die Menschen sind sich der verschiedensten Umweltprobleme bewusst geworden. Trotzdem: So oft auch über Wald- und Artensterben berichtet wird, so viele Kampagnen auch über die Gefahren des Ozonlochs informieren, niemand kann die Zahlen und Fakten leugnen, die beweisen, dass trotz des gestiegenen Umweltbewusstseins bedrohliche Entwicklungen wie der Treibhauseffekt nicht zum Stillstand kommen.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, warum trotz des mittlerweile vorhandenen Wissens über die notwendigen Maßnahmen zu wenig unternommen wird, um die natürlichen Grundlagen der menschlichen Existenz zu erhalten.

Um diese Frage zu beantworten, wird zunächst in Kapitel 2 der Zusammenhang von öffentlichen Gütern und externen Effekten erläutert. Aus dieser Diskussion ergibt sich die Problematik der Widersprüchlichkeit von individueller und kollektiver Rationalität.

Kapitel 3 stellt Szenarien aus der Spieltheorie vor, mit deren Hilfe die Vorgänge modelliert werden können, die dazu führen, dass individuell richtiges Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gemeinschaft zu einem gesamtgesellschaftlich nicht erwünschten Ergebnis führt. Außerdem werden die Gründe für dieses Phänomen sowie Wege aufgezeigt, die aus dem Dilemma herausführen.

Im letzten Kapitel schließlich soll an dem aktuellen Beispiel des internationalen Klimaschutzes gezeigt werden, dass die erläuterten theoretischen Annahmen und Modelle tatsächlich einen bedeutenden Realitätsbezug aufweisen und zum Verständnis der realen Probleme im Umweltschutz beitragen.

2. Umwelt als öffentliches Gut

Umweltgüter spielen in den heutigen Volkswirtschaften eine wichtige Rolle. Sie werden auf unterschiedlichste Weise genutzt: „Vereinfachend können wir die Nutzung als Konsumgut und produktive Ressource einerseits und als Auffangbecken für Abfallstoffe andererseits unterscheiden“[1]. Wie aber werden sie bereitgestellt? Um diese Frage zu beantworten ist es nötig, die Umweltgüter in die in der Ökonomie übliche Kategorisierung von Güterarten einzuordnen. Die ökonomische Theorie charakterisiert die verschiedenen Güter anhand der Kriterien Ausschließbarkeit und Konsumrivalität. Ausschließbarkeit besteht bei definierten Eigentumsrechten, die es dem Eigentümer erlauben, „andere von der Nutzung seines Eigentums auszuschließen“[2]. Konsumrivalität bedeutet, dass die Wirtschaftssubjekte auf Märkten um ein Gut konkurrieren und nur der Sieger dieses Wettbewerbs das Gut konsumieren kann. Durch Kombination der beiden Merkmale ergeben sich vier Arten von Gütern (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Güterarten. Nach Stephan, Ahlheim (1996), S. 56, veränderte Darstellung

„Der entscheidende Punkt ist, daß Umweltressourcen unterschiedlichen Nutzungsarten zugeführt werden können und diese Nutzungsformen miteinander konkurrieren (sog. Allmendegüter)“[5] – Umweltgüter sind also in der Terminologie der obigen Tabelle als Common Pools zu charakterisieren[6]. Common Pools haben mit den öffentlichen Gütern gemeinsam, dass keine Eigentumsrechte bestehen und somit niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann. Aber es herrscht Rivalität im Konsum, das Gut ist also qualitativ und/oder quantitativ begrenzt. Somit wird es bei gleichzeitiger Nutzung durch mehrere Personen übernutzt und langfristig auch zerstört[7] – auch die unterschiedlichen Nutzungsmöglichkeiten als Konsum- und Produktionsgut sowie als Deponie wirken einander entgegengesetzt. Ein Nutzer wird also durch andere behindert, kann diese aber nicht ausschließen und auch keine Entschädigungen verlangen. „Mit anderen Worten: Common Pools sind dadurch gekennzeichnet, dass es bei mehreren Nutzern zu externen Effekten kommt“[8] – in der Regel zu negativen externen Effekten, also Beeinträchtigungen. Externe Effekte sind durch zwei Phänomene gekennzeichnet: Zum einen „ist der Nutzen, den ein Individuum erzielen kann, nicht mehr unabhängig von den Aktivitäten anderer“[9], und zwar in einem Maß, das über die normalen Interdependenzen auf Märkten hinausgeht[10]. Zum zweiten sind externe Effekte „Auswirkungen, die mit einem (positiven oder) negativen Vorzeichen in die Nutzen- oder Produktionsfunktion Dritter eingehen, und für die es keine Marktpreise gibt“[11]. Der Verursacher eines externen Effektes bezieht dieses also nicht in sein Kosten-Nutzen-Kalkül mit ein. Darüber hinaus wird der Wert solcher Allmendegüter aufgrund fehlender Marktpreise verfälscht, gerade bei Umweltgütern wird durch die kostenlose Nutzung das Problem der Knappheit oder begrenzten Verfügbarkeit verschleiert[12].

In der Ökonomie ist traditionell der Staat mit der Aufgabe der Bereitstellung von öffentlichen und damit auch Allmendegütern betraut. Aber: „Denkbar ist auch, dass sich die Privaten freiwillig auf die Finanzierung einigen (kooperatives Verhalten). Die Bürger könnten sich zusammentun und freiwillig ein für alle optimales Arrangement treffen“[13]. Dennoch ist zu beobachten, dass kooperatives Verhalten gerade bei Umweltgütern nicht erreicht wird. Prominente Beispiele sind der Verbrauch nicht erneuerbarer Ressourcen wie Öl oder das durch die Freisetzung von FCKW entstandene Ozonloch. Weshalb also beteiligen sich die Menschen nicht an umwelterhaltenden Maßnahmen? Oder anders: Warum kommt es nicht zu einer freiwilligen Internalisierung externer Effekte?

Die Antwort auf diese Frage liegt in den besonderen Merkmalen der Common Pools: „They elicit patterns of behaviour that, from the individual agent’s viewpoint, are quite rational. Yet from a collective viewpoint – such as that of a local community, a nation or humanity as a whole – the result is suboptimal and can be disastrous”[14]. Individuelle und kollektive Rationalität sind also nicht identisch, mehr noch: sie stehen in einer gegensätzlichen Beziehung.

Wie kann dieser Konflikt erklärt werden? Und ist es möglich, ihn aufzulösen?

3. Das Zusammenspiel von individueller und kollektiver Rationalität

3.1 Das Gefangenendilemma und die „Tragedy of Commons“

Sucht man nach einer Erklärung für die Ursachen der festgestellten Gegensätzlichkeit von individueller und kollektiver Rationalität, so wird man in der Spieltheorie fündig. Entstanden ist diese „Mathematik der Interessenkonflikte“[15] aus der Beobachtung von Gesellschaftsspielen, „allerdings nicht so sehr Würfeln und Roulette als vielmehr Poker und Schach, wo die Entscheidungen der Gegenspieler ins Kalkül zu ziehen sind“[16]: Die Spieltheorie beschäftigt sich mit sozialen Situationen, in denen das Ergebnis für den einzelnen Spielers sowohl von den eigenen Entscheidungen als auch von dem Verhalten anderer abhängt[17]. Genau eine solche Abhängigkeit liegt auch in Situationen vor, in denen externe Effekte auftreten. Dargestellt wird sie am anschaulichsten durch das Gefangenendilemma, das sich mit „einer der wichtigsten Fragestellungen der Sozialwissenschaft, nämlich dem Zusammenspiel von Individuum und Gemeinschaft“[18] befasst. Folgende fiktive Situation liegt diesem Modell zu Grunde:

Zwei Gangster begehen einen bewaffneten Raubüberfall und werden anschließend gefasst, nachgewiesen werden kann ihnen aber nur unerlaubter Waffenbesitz. Sie werden in getrennte Zellen gesperrt und bekommen von der Gefängnisleitung folgendes Angebot: Leugnen beide den Raub, können sie nur wegen unerlaubtem Waffenbesitz zu jeweils einem Jahr Gefängnis verurteilt werden, gestehen beide, erhalten beide vier Jahre. Gesteht jedoch nur einer, so kommt er als Kronzeuge frei, während der andere mit fünf Jahren bestraft wird[19]. Der Nutzen, der den beiden Gefangenen aus den verschiedenen Handlungsalternativen entsteht, lässt sich in einer Auszahlungsmatrix darstellen, wobei der Nutzen gleich der erreichten Haftminderung ist (siehe Abbildung 2).

Das Verhalten der Gefangenen lässt sich anhand einfacher Überlegungen erklären: Ziel beider wird sein, möglichst wenig Zeit im Gefängnis zu verbringen. Gefangener 1 stellt also folgendes Kalkül auf, wobei er sein Verhalten vom dem seines Mitgefangenen abhängig macht: Gesteht der andere, so ist es am besten für mich, wenn ich auch gestehe, denn so werde ich nur zu vier statt zu fünf Jahren verurteilt. Leugnet der andere,

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das klassische Gefangenendilemma. Nach Rieck (1993), S. 37. Veränderte Darstellung.

[...]


[1] Cansier (1996), S. 13

[2] Stephan, Ahlheim (1996), S. 56

[3] Es ist offensichtlich, dass es nur wenige reine öffentliche Güter gibt: seine Inhaber können andere nicht vom Mitkonsum ausschließen, aber gleichzeitig ergeben sich daraus keine Probleme. Stephan und Ahlheim nennen Sonnenschein als ein solches Gut.

[4] Als Beispiel für ein Clubgut nennen Stephan und Ahlheim kodierte Fernsehsendungen (Pay-TV). Hier ist ein Ausschluss vom Konsum möglich, aber unter denen, die zur Teilhabe berechtigt sind, besteht keine Rivalität.

[5] Cansier (1996), S. 20.

[6] Die Begriffe „Allmendegüter“ und „Common Pools“ sind synonym zu verwenden.

[7] Vgl. Stephan, Ahlheim (1996), S. 57

[8] Stephan, Ahlheim (1996), S. 58

[9] Stephan, Ahlheim (1996), S. 59

[10] [10] Weimann (1995) betont, dass Kosten und Nutzen eines auf Märkten agierenden Wirtschaftssubjekts niemals unabhängig von den Aktivitäten anderer sind, dies aber sogar ein Vorteil ist, solange die gegenseitige Beeinflussung über den Preismechanismus ausgeglichen wird.

[11] Cansier (1996), S. 24

[12] Vgl. Cansier (1996), S. 25

[13] Cansier (1996), S. 21. Als Beispiele nennt der Autor u.a. Gewerkschaften, Kirchen und Vereine.

[14] Kaul, Grundberg, Stern (1999), S. 6

[15] Sigmund (1995), S. 244

[16] ebenda

[17] Vgl. Rieck (1993), S. 16. Eine solche soziale Interaktion bezeichnet die Spieltheorie als „Spiel“, die beteiligten Akteure als „Spieler“. Im Unterschied zur Spieltheorie beschäftigt sich die klassische Entscheidungstheorie mit Situationen, in denen gegen die Natur bzw. unbeeinflussbare Umweltzustände gespielt wird.

[18] Rieck (1993), S.36

[19] Vgl. Axelrod (1991), S. 7f, Cansier (1996), S. 22, Rieck (1993), S. 36, Jost (2001), S. 20

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Gefangenendilemma: Auswege aus der Rationalitätenfalle
Hochschule
Universität Stuttgart
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V39844
ISBN (eBook)
9783638385152
ISBN (Buch)
9783638790550
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gefangenendilemma, Auswege, Rationalitätenfalle
Arbeit zitieren
Monika Schraft (Autor), 2004, Das Gefangenendilemma: Auswege aus der Rationalitätenfalle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39844

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