Der Stadtbegriff im Mittelalter. Über die Aktualität einer Typologie und den Begriff der 'okzidentalen Stadt' nach Max Weber


Hausarbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

I Einleitung

II Begriff der Stadt nach Max Weber

III Flexibilisierung und Periodisierung des Stadtbegriffs

IV Aktualität durch Symbiose

V Resümee

Literaturverzeichnis

Das komplexe, dynamische System Stadt

kann keinen einheitlichen Stadtbegriff haben.

Klaus Wolf[1]

I Einleitung

An der reichhaltigen Rezension und Rezeption der Weberschen Werke[2] erkennt man deren Besonderheit für die historische Forschung, ist doch z.B. ein volles Beiheft der HZ nur der Frage gewidmet, wie Webers ‚okzidentale Stadt’ zumindest in Teilen der heutigen Geschichtswissenschaft Anwendung erfahren kann,[3] auch beschäftigen sich ganze Bände mit Max Weber, dem Historiker,[4] oder, um eine Aufsatz aus just jenem Band zu zitieren:

„Über den Weberschen Idealtypus haben sich Ströme von Tinte ergossen, ohne daß abzusehen wäre, wann seine Abklärung erreicht sein wird.“[5]

So soll diese Arbeit keiner reinen Wiedergabe der von Weber definierten ‚okzidentalen Stadt’ dienen, vielmehr soll sie sich mit der Fragestellung beschäftigen, ob einer generalisierenden Stadtdefinition – diskutiert am besonderen Beispiel der Typologie des Städtewesens nach Weber – in der heutigen Geschichtswissenschaft noch Bedeutung zuerkannt wird.

Ein (wenn auch nicht ganz so breiter) Raum wird einer skizzenhaften Darstellung des Stadtbegriffes nach Haase[6] eingeräumt, da diesem zugesprochen wird, „den S[tadt]begriff als von der Vielfalt geschichtl. Merkmale geprägt endgültig klären“ zu können.[7] Haases dynamisierter Stadtbegriff hält in dieser Arbeit als Vertreter einer generalisierenden Definition der Stadt Einzug, anderen Autoren, die inhaltliche Redundanzen dazu aufweisen, zur Klärung eines Stadtbegriffes jedoch einen Beitrag leisten, können, auch aufgrund des Umfanges dieser Abhandlung, nur in kurzen Streifzügen bzw. den Anmerkungen skizziert werden. Als besonders hilfreich, vor allem im Zusammenhang der Klärung der Frage nach der aktuellen Verwendbarkeit des von Max Weber postulierten Idealtypus der ‚okzidentalen Stadt’, haben sich Beiträge Dilchers erwiesen, daher wird er im vorletzten Kapitel vermehrt in den Anmerkungen zu finden sein.

Als ein Forschungsfeld der Geschichtswissenschaft, welches einen hohen Beitrag zur Klärung des Stadtbegriffs leisten kann, sei hier nur kurz die Entwicklung des Städtewesens benannt[8], da dessen Vielschichtigkeit den Umfang dieser Arbeit sprengen würde. Es wird – trotz begriffsdefinitorischer Relevanz – weiterhin auch nicht über die Entwicklung der Terminologie ‚Stadt’ (von civitas über burgus nach stat etc.) gesprochen, einerseits bleibt angesichts der Fülle der Literatur und des doch begrenzten Raumes nur der Verweis in die Literatur[9], zum zweiten soll in dieser Arbeit nicht in der Betrachtung stehen, was ‚dem Mittelalter’ selbst als Stadt zu bezeichnen genehm war, sondern eine, zumindest zeitlich näher liegende Begriffsbestimmung.

In der Vergangenheit haben verschiedene Autoren mit zum Teil stark differierenden Hintergründen – Philosophen, Soziologen, Historiker bis hin zu, wie wir sie zu heutiger Zeit nennen würden, Wirtschaftswissenschaftlern – versucht, eine Beschreibung der Wesenheit einer (oder ‚der’) Stadt zu liefern, genannt seien hier nur beispielhaft Voltaire (1754), der die Stadt als „Gemeinde freier Bürger“ mit eigener Stadtverfassung definierte, oder Adam Smith (1776), welcher die Hintergründe der Stadtentwicklung gegenüber dem Land in Folge eines ausgebildeten „ständigen Markt[es]“ geschützt durch den von den Landesherren gewährte besondere Rechtsordnungen und Schutzpolitik erkannte.[10]

Jedoch kann und soll hier keine weiterführende Überblicksdarstellung über verschiedene Ansätze zur Klärung des Stadtbegriffs geliefert werden, könnte sie doch keinesfalls Vollständigkeit für sich beanspruchen und bliebe damit eine oberflächliche, einem Schlaglicht entsprechende Darstellung einzelner Aspekte der Begriffsgeschichte, in Komplexität bzw. Umfang beschränkt durch dessen Maßgabe, als Hinführung zu einer bestimmten Typologie der Stadt zu dienen, welche nach Heit zumindest die „meistzitierte“[11] ist, Isenmann gar als den „erfolgreichsten Stadtbegriff“[12] bezeichnet, ihres Zeichens eine ‚Antwort’ auf das Dilemma der Errichtung einer naturwissenschaftlich-generalisierenden vs. kulturwissenschaftlich-individualisiernden Begriffsdefinition[13], die „Entwicklung eines Idealtypus’, als eines wissenschaftlichen Instruments zu Erfassung historischer und soziokultureller Phänomene“[14], kurz: die ‚okzidentale Stadt’ nach Max Weber.

II Begriff der Stadt nach Max Weber

Weber unterscheidet nach Isenmann zuerst einen „ökonomischen und einen politisch-administrativen Stadtbegriff“, wobei der „schließlich konstituierte idealtypische Stadtbegriff“ beide in sich vereinigt.[15] Er prüft in einem ersten Teil seiner Betrachtung „Definitionsmerkmale, ob sie der Begriffsbestimmung der Stadt als Gesamterscheinung zu tragen geeignet sind“[16], d.h. Weber verwendet, um mit seinen Worten zu sprechen, „übliche Vorstellung“[17] der Charakteristik einer Stadt, „die er mit historischen oder zeitgenössischen Realisationen konfrontiert und auf Stimmigkeit hin befragt.“[18] Die Bevölkerungszahl, sicherlich eine der ersten Charakteristiken, die uns zur Unterscheidung von Stadt und Land in den Sinn kommen, kann nach Weber nicht das für den Begriff der Stadt wesentliche Merkmal sein[19], d.h., um mit Callies Worten zu sprechen, auch beim „massierte Zusammenwohnen auf einem Fleck“ kann es sich seiner Meinung nach „kaum um eine ausreichende Kategorie“ des Stadtbegriffes handeln.[20] Auch eine Definition der Stadt, die sich alleinig auf die besondere Ökonomiestruktur der Stadt bezieht, gekennzeichnet durch die nicht-landwirtschaftliche Lebensgrundlage des überwiegenden Teiles der Einwohner und eine „gewisse ‚Vielseitigkeit’ der betriebenen Gewerbe“, wäre nach Weber ebenfalls „nicht zweckmäßig“, denn man könne einerseits „die ‚Gewerbedörfer’ Asiens und Rußlands“ nicht unter den Begriff der Stadt fassen, andererseits ist die angesprochene mannigfaltige handwerkliche Differenzierung auch bei Siedlungen anzutreffen, deren Einwohner sich aus einer Menge „fron- und abgabenpflichtiger Handwerker und Kleinhändler“ zusammensetzte, welche man „nicht ‚Stadt zu nennen [pflegt]“.[21] Ein bedeutendes, wenn auch wie die vorigen nicht einziges Merkmal der Stadt sieht Weber in der Ansiedelung eines Marktes, wörtlich: „das Bestehen eines nicht nur gelegentlichen, sondern regelmäßigen Güteraustausches am Ort der Siedelung als ein wesentlicher Bestandteil des Erwerbs und der Bedarfsdeckung der Siedler“.[22] Einschränkend am Beispiel der „periodischen Messen und Fern handelsmärkten (Jahrmärkte)“ merkt er an, dass nicht jeder Ort, an dem Händler „zu festen Zeiten“ zusammenkommen, als Stadt zu bezeichnen ist. Als eine Stadt „im ökonomischen Sinne“[23] will Weber nur die Siedlungen bezeichnen, „wo die ortsansässige Bevölkerung einen ökonomisch wesentlichen Teil ihre Alltagsbedarfs auf dem örtlichen Markt befriedigt“[24] und zwar, um wiederum Callies zu zitieren, „durch solche Erzeugnisse, die die Stadt und die umliegende Landbevölkerung für den Absatz auf dem Markt erworben haben.“[25]

[...]


[1] Wolf, Klaus: Stadt. In: Handwörterbuch der Raumordnung. Hannover 1995, S. 871.

[2] Für die Fragestellung dieser Arbeit naturgemäß besonders interessant der später in „Wirtschaft und Gesellschaft“ aufgenommene und posthum veröffentlichte Aufsatz „Die Stadt“ und hierin „§1 Begriff und Kategorien der Stadt“; später abgedruckt in: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 34-59.

[3] Meier, Christian (Hrsg.): Die okzidentale Stadt nach Max Weber. Zum Problem der Zugehörigkeit in Antike und Mittelalter. (HZ, Beihefte, Neue Folge, Bd. 17). München 1994.

[4] Kocka, Jürgen (Hrsg.): Max Weber, der Historiker. Göttingen 1986.

[5] Schreiner, Klaus: Die mittelalterliche Stadt in Webers Analyse und die Deutung des okzidentalen Rationalismus. Typus, Legitimität, Kulturbedeutung. In: Kocka, Jürgen (Hrsg.): Max Weber, der Historiker. Göttingen 1986, S. 119; Er zitiert: von Kempski, Jürgen: Zur Logik der Ordnungsbegriffe, besonders in den Sozialwissenschaften. In: von Albert, Hans (Hrsg.): Theorie und Realität. Ausgewählte Aufsätze zur Wirtschaftslehre der Sozialwissenschaften. 2.Auflage. Tübingen 1972, S. 119.

[6] Haase, Carl: Stadtbegriff und Stadtentstehungsgeschichten in Westfalen. Überlegungen zu einer Karte der Stadtentstehungsgeschichten. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 60-94.

[7] Pitz, Ernst: Art. Stadt. Teil A. Allgemein (Forschungsbegriff und –geschichte) und B. Deutschland. In: Lexikon des Mittelalters. Bd. VII: Planudes bis Stadt (Rus’). München 1995, Sp. 2173.

[8] Einen Abriss über die Entfaltung des deutschen Städtewesens im Wandel der Zeit bietet ein Aufsatz Fritz Rörigs, in welchem sehr deutlich Linien zwischen den (dereinst auch von Max Weber skizzierten) Konsumenten- und Produzentenbeziehungen mit der Entwicklung des städtischen Lebens gezeichnet werden, beginnend mit den Römerstädten auf späterem ‚deutschen’ Boden, übergehend zu Bischofsstädten, charakterisiert durch die (auch) weltliche Übermacht dieser Konsumentengruppe, hin zur Handels- und Zunftstadt des späteren Mittelalters, deren Entscheidungsträger sich aus einem (zugegebenermaßen gesellschaftlich exponierten) nicht-klerikalen oder aristokratischen Anteil ihrer Einwohner rekrutierte (Rörig, Fritz: Die Stadt in der deutschen Geschichte. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 7-33).

[9] Siehe hierzu insbesondere: Ennen, Edith: Die Forschungsproblematik Bürger und Stadt – von der Terminologie her gesehen. In: Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Hrsg.): Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1975-1977. Göttingen 1980, S. 9-26; Dilcher, Gerhard: Zum Bürgerbegriff im späteren Mittelalter. Versuch einer Typologie am Beispiel von Frankfurt am Main. In: Fleckenstein, Josef und Stackmann, Karl (Hrsg.): Über Bürger, Stadt und städtische Literatur im Spätmittelalter. Bericht über Kolloquien der Kommission zur Erforschung der Kultur des Spätmittelalters 1975-1977. Göttingen 1980, S. 59-105; Köbler, Gerhard: civitas und vicus, burg, stat, dorf und wik. In: Jahnkuhn, Herbert; Schlesinger, Walter und Steuer, Heiko (Hrsg.): Vor- und Frühformen der europäischen Stadt im Mittelalter. Bericht über ein Symposium in Reinhausen bei Göttingen in der Zeit vom 18. bis 24. April 1972. Teil 1. 2. Auflage. Göttingen 1975, S. 13-32.

[10] Pitz, Stadt, Spalte 2169f.

[11] Heit, Alfred: Vielfalt der Erscheinung – Einheit des Begriffs? Die Stadtdefinition in der deutschsprachigen Stadtgeschichtsforschung seit dem 18. Jahrhundert. In: Johanek, Peter und Post, Franz-Josef (Hrsg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff. Köln 2004, S. 7.

[12] Isenmann, Eberhard: Die deutsche Stadt im Spätmittelalter. 1250 – 1500. Stuttgart 1988, S. 24.

[13] Zur Problematik der Kombination naturwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher (Arbeit-)Definitionen in der Darlegung Heinrich Rickerts (1863-1936) siehe: Heit, Vielfalt, S. 1f.

[14] Heit, Vielfalt, S. 2.

[15] Isenmann, Stadt, S. 24.

[16] Heit, Vielfalt, S. 7.

[17] Weber, Max: Die Stadt. Begriff und Kategorien. In: Haase, Carl (Hrsg.): Die Stadt des Mittelalters. Bd.1. Begriff, Entstehung und Ausbreitung. Darmstadt 1975, S. 34.

[18] Heit, Vielfalt, S. 8.

[19] Weber, Stadt, S. 34f.

[20] Callies, Horst: Der Stadtbegriff bei Max Weber. In: Jahnkuhn, Herbert; Schlesinger, Walter und Steuer, Heiko (Hrsg.): Vor- und Frühformen der europäischen Stadt im Mittelalter. Bericht über ein Symposium in Reinhausen bei Göttingen in der Zeit vom 18. bis 24. April 1972. Teil 1. 2. Auflage. Göttingen 1975, S. 58.

[21] Weber, Stadt, S. 35.

[22] Weber, Stadt, S. 36.

[23] Callies, Stadtbegriff, S. 58.

[24] Weber, Stadt, S. 36.

[25] Callies, Stadtbegriff, S. 58.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Stadtbegriff im Mittelalter. Über die Aktualität einer Typologie und den Begriff der 'okzidentalen Stadt' nach Max Weber
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V39908
ISBN (eBook)
9783638385619
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fragestellung: Bedeutung einer generalisierenden Stadtdefinition für die heutige Geschichtswissenschaft, Beschrieben werden Definitionen der Stadt nach Max Weber, Carl Haase und Karlheinz Blaschke, Ergebnisszusammenfassung: Ein generalisierender Stadtbegriff kann auch der aktuellen Geschichtswissenschaft als Maßstab dienen, an dem sich Misch- und Minderformen der Stadt erkennen lassen.
Schlagworte
Begriff, Begriffsgeschichte, Stadt, Mittelalter, Aktualität, Typologie, Berücksichtigung, Weber
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Karsten Rohr (Autor), 2005, Der Stadtbegriff im Mittelalter. Über die Aktualität einer Typologie und den Begriff der 'okzidentalen Stadt' nach Max Weber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39908

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