Wie kommt es zu sozialer Exklusion im Wohlfahrtsstaat und was kann der Staat dagegen tun?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

1. Problemstellung

2. Die Bedeutung des Wohlfahrtsstaates im Zeitalter funktional differen- zierter Gesellschaften
2.1. Die historische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates
2.2. Die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft
2.3. Die Bedeutung des Wohlfahrtsstaates bezüglich Inklusionschancen und Exklusionsgefahren für die Gesellschaftsmitglieder
2.3.1. Begriffsbestimmung Inklusion/ Exklusion
2.3.2. Soziale Differenzierung und deren Auswirkung auf gesellschaft- liche Inklusionschancen/ Exklusionsgefahren
2.3.3. Der Wohlfahrtsstaat als Instanz zur Förderung von Inklusion

3. Die Gefahr der sozialen Exklusion arbeitsloser Jugendlicher - ein Fall für den Wohlfahrtsstaat
3.1. Erwerbsarbeit in modernen Gesellschaften und ihr Wechselverhältnis zum Wohlfahrtsstaat
3.2. Arbeitslosigkeit - eine mögliche Ursache sozialer Exklusion Jugendlicher
3.2.1. Ursachen von Jugendarbeitslosigkeit
3.2.2. Maßnahmen des Wohlfahrtsstaates zur Bekämpfung der Jugend-Arbeitslosigkeit

4. Kritik der wohlfahrtsstaatlichen Bemühungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Problemstellung

Bereits seit Jahrzehnten und vor allem seit Ende der 90er Jahre sind von der dramatischen Zuspitzung der Krise am Arbeitsmarkt in zunehmendem Maße die Jugendlichen unserer Gesellschaft betroffen. Trotz zahlreicher arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen scheint eine tatsächliche Verbesserung der Situation am Arbeitsmarkt auch für diese Altersgruppe derzeit nicht in Sicht zu sein. Hierbei ist die Jugendarbeitslosigkeit nicht nur ein Problem der direkt Betroffenen, sondern wird in den kommenden Jahren auch zunehmend ein Problem für die Gesamtgesellschaft werden. Viele Rufe werden laut nach sofort wirksamen Maßnahmen des Staates, da dieser doch gemeinhin bekannt die wohlfahrtsstaatlichen Geschicke des Landes lenkt und somit auch einen Ausgleich fehlender Arbeitsplätze oder zumindest eine alternative Möglichkeit finden sollte, den Jugendlichen nach Abschluss der Schule wieder Perspektiven für das weitere Leben zu bieten.

Diese Arbeit beschäftigt sich insofern mit dem Thema sozialer Inklusion und Exklusion im Wohlfahrtsstaat, dass zunächst die Hintergründe zu Entstehung und Wirkungsweise des Wohlfahrtsstaates im Allgemeinen beleuchtet werden, um einen Einblick in die Wirkungsweise wohlfahrtsstaatlicher Handlungsweisen zu geben. Anschließend wird die Frage diskutiert, ob und wie der Staat in seiner Eigenschaft grundsätzlich eine Inklusion (benachteiligter) Gesellschaftsmitglieder in Teilsysteme unserer Gesellschaft bewirkt. In diesem Sinne wird im vorletzten Kapitel der Arbeit die Situation jugendlicher Arbeitsloser eingehender betrachtet und der Frage nachgegangen, welche Rolle die Erwerbsarbeit heute überhaupt spielt und ob es dem Staat heute tatsächlich noch gelingen kann, die Vielzahl betroffener Jugendliche in das Erwerbsleben zu integrieren, wobei auf die Darstellung konkreter Programme und Maßnahmen verzichtet wird - es werden lediglich Sparten von Programme benannt, um dennoch die Fülle staatlicher Maßnahmen darzustellen.

Im ersten Abschnitt des zweiten Kapitels wird zur Einführung auf das Phänomen ‚Wohlfahrtsstaat’ und seine historische Entwicklung eingegangen. Im Folgenden werden die Bausteine der wohlfahrtsstaatlichen Funktionsweise dargestellt und gegeneinander aufgebaut. Es wird gezeigt, inwiefern der Wohlfahrtsstaat aufgrund der fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung, welche in Abschnitt 2.2 erläutert wird, eine immens wichtige Funktion innerhalb der Gesellschaft einnimmt. Weiterhin werden in Abschnitt 2.3 die Inklusions- und folglich auch Exklusionsphänomene moderner Gesellschaften aufgezeigt und mit den Prozessen fortschreitender gesellschaftlicher Differenzierung in Verbindung gesetzt. Den Abschluss dieses zweiten Kapitels bildet unter 2.3.3 die Vorstellung der Wirkungsweise des Wohlfahrtsstaates, welcher genau an den Punkten in der Gesellschaft versucht, Inklusionsphänomene zu erzeugen, wo entsprechende Defizite herrschen. Im Anschluss daran werden diese Inklusionsbestrebungen des Wohlfahrtsstaates anhand eines vieldiskutierten Problems der heutigen Zeit besprochen - der Jugendarbeitslosigkeit. Es wird gezeigt, welch hohen Stellenwert Erwerbstätigkeit in der heutigen Zeit für die Mitglieder moderner Gesellschaften hat und was als Ursachen bzw. Folgen von Arbeitslosigkeit für den Einzelnen benannt werden kann. In Abschnitt 3.2.2 wird anschließend stichworthaft aufgezeigt, welche Lösungsansätze der Staat zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosigkeit anbietet und inwiefern bzw. ob er in der Lage ist, dieses immense Problem mitsamt der möglichen Folgeproblematik sozialer Exklusion für die Betroffenen, zu lösen.

Aufgrund des weiten Feldes dieses Themas und des begrenzten Platzes der Arbeit, ist es leider nicht möglich, dieses Thema in aller Tiefe zu behandeln. Dennoch stellt diese Arbeit einen ersten Einblick in die differenztheoretischen Hintergründe sowie Sinn und Zweck des Phänomens Wohlfahrtsstaat dar, ohne jedoch auf die Art der Verteilung der Mittel und rechtliche Regelungen im näheren einzugehen. Sie gibt anhand des gewählten Beispiels der Jugendarbeitslosigkeit einen etwas praxisnäheren Blick in das Bestreben und die offensichtlichen Grenzen wohlfahrtsstaatlicher Aktivitäten, als die Theorie des Kapitels 2 zu vermitteln vermag.

2. Die Bedeutung des Wohlfahrtsstaates im Zeitalter funktionell differenzierter Gesellschaften

2.1. Die historische Entwicklung des Wohlfahrtsstaates

Während die großen politischen Ordnungen der europäischen Neuzeit weitgehend von politischen Theorien vorbereitet und mitgetragen wurden und man Staatsformen wie Monarchie, Demokratie oder dem Rechtsstaat jeweils entsprechende Theorieleistungen zuordnen kann,[1] ist dieser Zusammenhang zwischen politischer Theorie und politischer Staatsform im Falle des Wohlfahrtsstaats nicht gegeben. Zwar kann man den Wohlfahrtsstaat auf verschiedene Theorien zurückführen, allerdings ging daraus bisher „keine einheitliche, die Entstehung des Wohlfahrtsstaates begleitende (…) Ideologie (…) hervor.“[2] Lessenich schreibt hierzu, dass es schon fast anmutet, „als teste mit dem Wohlfahrtsstaat die politische Evolution, ob politische Gebilde auch ohne eine kompakte philosophische Anschubfinanzierung entstehen und stabilisiert werden können,“[3] denn die Entstehung des Wohlfahrtsstaates ist keiner bestimmten Weltanschauung zuzuschreiben und seine Entstehung kann nicht an einem historisch genau definierten Zeitpunkt festgemacht werden. Vielmehr hat sich der Wohlfahrtsstaat aufgrund mehrerer struktureller gesellschaftlichen Umwälzungen langsam entwickelt.

Zwischen dem 16. und 20. Jahrhundert gab es vor allem im mitteleuropäischen Raum nach Überwindung des Absolutismus große wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche, welche über mehrere Entwicklungsschritte sukzessive hin zum Sozialstaatsgedanken während der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert führten. In diesen Zeiten - der sogenannten „Frühindustrialisierungszeit, die […] bis etwa 1850 andauerte,“[4] ging es vor allem um die soziale Sicherung der Arbeiterschaft, da die Missstände der Arbeiterfamilien immer mehr in das Bewusstsein auch der übrigen Bevölkerungskreise gelangten. Dieses neu entstandene gegenseitige Verantwortungsgefühl innerhalb der Gesellschaft führte bereits damals zu entsprechenden Aktivitäten von staatlicher Seite aus, welche sich in arbeitsschutz-, erziehungs-, umwelt-, gewerkschafts- und beschäftigungspolitische sowie äußerten.[5] Die eigentliche Entwicklung zum Wohlfahrtsstaat dauerte allerdings bis weit ins 20. Jahrhundert, wobei es im Wohlfahrtsstaat nun vor allem um den Einbezug aller Staatsbürger in die Gesellschaft ging, d.h. die sozialen Leistungen sollten im Folgenden allen Gesellschaftsmitgliedern zugänglich gemacht werden.[6] - „Man denkt von ‚Hilfe’ um auf ‚Anspruch’.“[7]

Während im vormodernen Zeitalter die Menschen durch ihre soziale Einbindung lebenslänglich von der Gemeinschaft abhängig waren und sich ihr mehr oder weniger absolut unterwerfen mussten,[8] wurde es dem Einzelnen „nach Anbruch und im Verlauf des Industriezeitalters […] möglich, sein Leben aktiv und eigenverantwortlich zu gestalten.“[9] Allerdings folgte auf die nun möglich werdende Individualisierung auch der Abbau gerade der Gemeinschaften, welche ehemals gegenseitige Hilfe bedeuteten. Zwar wurden nun Freiheit und Selbstverwirklichung prinzipiell für jeden Einzelnen möglich, bedeuteten jedoch auch viele Unsicherheiten und die vermehrte Entstehung von sozialen Risiken innerhalb der Gesellschaft.[10] Da im Laufe des letzten Jahrhunderts, vor allem nach den verheerenden Auswirkungen der beiden Weltkriege, die Bedeutung der sozialen Sicherheit stark anwuchs, stieg „seit den 60er und 70er Jahren […] der Wohlfahrtsstaat zu einem dominanten Strukturmerkmal neben dem Industriekapitalismus und der repräsentativen Massendemokratie in allen westlichen Industriegesellschaften auf,“[11] wobei es allerdings bis heute kein länderübergreifend einheitliches Konzept des Wohlfahrtsstaates gibt, da die jeweiligen Ausprägungen auf unterschiedlichen Wert- und Ordnungsvorstellungen beruhen.[12] Allerdings steht allem voran der Gedanke der sozialen Sicherung des Individuums, wonach Butterwegge den Begriff ‚Wohlfahrtsstaat’ als „einen Satz politischer Reaktionen auf gesellschaftliche Strukturwandlungen im Rahmen der Modernisierung, der aus staatlichen Interventionen in die gesellschaftliche Verteilung von Lebenschancen in den Dimensionen Einkommen, Gesundheit und Wohnen besteht, die auf die Förderung der Sicherheit und Gleichheit der Bürger abzielen“[13] definiert.

Demnach sind sich die soziologischen Klassiker zumindest in dem einen Punkt einig, dass es in einer Gesellschaft „neben […] Differenzierungs- und Marktprozessen […] gleichzeitig institutionelle Mechanismen der Erzeugung und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Integration geben“[14] muss. Durch das Wirken des Wohlfahrtsstaates sollen demnach Benachteiligungen kompensiert werden, welche aufgrund bestimmter Lebensumstände einzelne Mitglieder der Gesellschaft treffen können, wobei der Wohlfahrtsstaat nicht als getrennt von der Gesellschaft zu verstehen ist, sondern eines ihrer Teilsysteme darstellt, was im folgenden Abschnitt näher zu erläutern ist.[15]

2.2. Die funktionale Differenzierung der modernen Gesellschaft

Die funktionale Differenzierung, wie sie in dieser Arbeit thematisiert wird, ist lediglich als eine unter mehreren möglichen Formen der gesellschaftlichen Differenzierung zu betrachten.

Zur Verdeutlichung: die traditionelle Integration der Menschen in die Gesellschaft erfolgte durch die Einbeziehung jeweils des ganzen Menschen in einen bestimmten gesellschaftlichen Zusammenhang, wie es bei der segmentären und stratifikatorischen Differenzierungsform vormoderner Kulturen der Fall war. Die segmentäre Differenzierung war durch relativ gleichartige und gleichrangige Familien, Clans oder Stämme gekennzeichnet, die stratifikatorische Differenzierung durch Stände, Schichten und Klassen.[16]

Demgegenüber gehören die Menschen in der heutigen Gesellschaft „keinem sozialen Funktionskontext, keinem sozialen Stand und keiner sozialen Klasse mehr von Geburt an selbstverständlich, umfassend und dauerhaft an.“[17] Moderne Gesellschaften sind vielmehr als differenzierte Einheiten zu verstehen, in denen es keine einheitliche Ordnung für die verschiedenen Teilsysteme mehr gibt. Es handelt sich vielmehr um eine Gesellschaft „ohne Zentrum und ohne Spitze.“[18] Die Einheiten dieser Gesellschaft sind selbständig operierende Funktionssysteme, welche in der Theorie funktionaler Differenzierung als „autopoietisch organisierte funktionale Teilsysteme“[19] verstanden werden.

Sie stellen „gesellschaftsweit institutionalisierte, funktionsspezifische Handlungszusammenhänge“[20] dar und bilden jeweils eigenständige geschlossene Einheiten. Allerdings sind die Funktionssysteme dennoch aufeinander bezogen, aneinander gekoppelt und auch aufeinander angewiesen, sodass sie keineswegs als völlig voneinander getrennt existierende Gebilde gesehen werden können,[21] und die Gesellschaftsmitglieder haben prinzipiell Zugang zu jeder funktionellen Einheit. Es kann folglich keinem Menschen mehr automatisch eine bestimmte Position in der Gesellschaft zugewiesen werden. Vielmehr kann jeder nach eigenem Wunsch und eigenen Möglichkeit an den einzelnen Funktionssystemen (Wirtschaft, Kirche, Bildungseinrichtungen, Arbeitsstätten, Familien, Organisationen etc.) teilnehmen, solange die entsprechenden Zugangsvoraussetzungen erfüllt werden. Die Zugangsvoraussetzungen und Teilnahmebedingungen werden wiederum von den jeweiligen Funktionssystemen gesetzt.[22] Dieses Prinzip der freien Entscheidung zur Teilnahme an gesellschaftlichen Teilsystemen bewirkt eine regelrechte Multiinklusion der Gesellschaftsmitglieder in die verschiedenen Funktionssysteme, welche sich stark von der eindeutigen Integration der Menschen innerhalb der traditionellen Sozialformen der vormodernen Gesellschaften unterscheidet.[23]

[...]


[1] vgl. Lessenich, S. 2003, S. 41

[2] ebd., S. 44

[3] ebd., S. 42

[4] Harbusch, P. 1977, S. 21

[5] vgl. ebd., S. 21, 27, 29

[6] vgl. Luhmann, N. 1981, S. 12-15

[7] ebd., S. 15

[8] vgl. Harbusch, P. 1977, S. 15

[9] ebd.

[10] vgl. ebd., S. 16/17

[11] Rieger, E. 1992, S. 23

[12] vgl. ebd.

[13] Butterwegge, Chr. 2001, S. 14

[14] Rieger, E. 1992, S. 23

[15] vgl. Luhmann, N. 1981, S. 8 u. 19

[16] vgl. Schimanck, U. 1999, S. 6

[17] Bommes u.a. 2000, S. 70-71

[18] Nassehi, A. 2003, S. 335

[19] Nassehi, A. 1997, S. 113

[20] Mayntz, R. 1988, S. 18

[21] vgl. Nassehi, A. 2003, S. 335-336

[22] vgl. Bommes, M. 2000, S. 71

[23] vgl. Luhmann, N. 1980, S. 30

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Wie kommt es zu sozialer Exklusion im Wohlfahrtsstaat und was kann der Staat dagegen tun?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie des Wohlfahrtsstaates
Note
2,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V39931
ISBN (eBook)
9783638385794
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exklusion, Wohlfahrtsstaat, Staat, Soziologie, Wohlfahrtsstaates
Arbeit zitieren
Tanja Lorenz (Autor), 2005, Wie kommt es zu sozialer Exklusion im Wohlfahrtsstaat und was kann der Staat dagegen tun?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39931

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