Das Wort vom leidenden Gottesknecht im Kontext der Botschaft Deuterojesajas und in der Verkündigung des Neuen Testaments


Examensarbeit, 2003
77 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Zur Einführung: Ein umstrittener Text
1.1 Der Kontext: Deuterojesaja und die Ebed-JHWH-Lieder
1.1.1 Die Botschaft des Propheten Deuterojesaja
1.1.2 Die vier Gottesknechtslieder und die Gestalt des Ebed JHWH
1.2 Der Text: Exegese von Jes 52,13 – 53,12
1.2.1 Der Aufbau des vierten Gottesknechtsliedes
1.2.2 Jes 52,13 – 53,12 von Vers zu Vers
1.2.3 "Mein Knecht, der Gerechte, macht die Vielen gerecht, und ihre Verschuldungen – er trägt sie." (Jes 53,11) Zur Interpretation des vierten Gottesknechtsliedes
1.3 Jes 53 als Teil der Botschaft Deuterojesajas

2. Die Wirkungsgeschichte von Jes 53 im Judentum zu hellenistisch- römischer Zeit
2.1 Der Befund: Jes 53 in den Schriftzeugnissen des Judentums zu hellenistisch-römischer Zeit
2.1.1 Im alttestamentlichen Kanon: Die Bücher Sach und Dan
2.1.2 Im außerbiblischen Schrifttum: Der äthHen und die SapSal
2.1.3 In der LXX
2.2 Beurteilung des Befunds

3. Zusammenfassung: Jes 53 im Alten Testament und zu vorneutestamentlicher Zeit

4. Die neutestamentliche Rezeption des Wortes vom leidenden Gottesknecht: Der Textbefund
4.1 Die Zitate aus dem vierten Ebed-JHWH-Lied
4.2 Anklänge an die alttestamentliche Prophetie

5. Jes 53 im Neuen Testament: Analyse ausgewählter Textstellen
5.1 Das Wort vom leidenden Gottesknecht im Munde Jesu
5.1.1 Gottesknecht und Menschensohn: Mk 10,45
5.1.2 Das Kelchwort: Mk 14,23
5.1.3 Zu den Übeltätern gezählt: Lk 22,37
5.2 Jes 53 im Zeugnis der urchristlichen Gemeinde
5.2.1 Der äthiopische Hofbeamte: Apg 8,26-40
5.2.2 Ein urchristlicher Hymnus: Phil 2,6-11
5.2.3 Die Gemeindeüberlieferung von der Auferstehung: 1Kor 15,3b-5
Exkurs: Jesus der Menschensohn

6. Die Deutung der Ergebnisse: Der Einfluss von Jes 52,13 – 53,12 auf Jesu Selbstverständnis und auf die Urgemeinde
6.1 Das Selbstverständnis des Jesus von Nazareth
6.2 Jes 53 und die Anfänge der Christologie

7. Verzeichnis der Quellen und der zitierten und verwendeten Literatur

Vorwort

"Ohne Deutero- und Tritojesaja und in deren Mitte Jes 52,13 – 53,12 sind Jesu Werk und seine Passion historisch nicht zu verstehen."[1] Diese These Peter Stuhlmachers soll der Ausgangspunkt für die vorliegende Arbeit sein. Es geht um die Bedeutung eines herausragenden Teiles alttestamentlicher Prophetie für das Neue Testament. Der Umfang der neutestamentlichen Rezeption von Jes 40 – 66 erlaubt im engen Rahmen dieser Examensarbeit keine Vollständigkeit. Schon die Loci citati vel allegati im Novum Testamentum Graece weisen für Deutero- und Tritojesaja rund 360 neutestamentliche Bezugstellen aus.[2] Um die Thematik einzugrenzen, beschränken sich meine Überlegungen auf das von P. Stuhlmacher als Mitte von Jes 40 – 66 bezeichnete vierte Gottesknechtslied. Sein Auftreten im Neuen Testament und sein Einfluss auf den Inhalt des Neuen Testaments sollen untersucht werden.

Der Inhalt des Neuen Testaments ist aber ein doppelter: In seinen Schriften begegnen uns einerseits die Autoren der Briefe und Evangelien, die ersten Theologen des Christentums. Auf der anderen Seite lässt sich hinter dem, was sie erzählen, auch der irdische Jesus finden. Die Christologie des Neuen Testaments basiert auf den Erzählungen und dem Glauben der Urgemeinde. Diese wiederum haben ihren Ursprung im Leben und Wirken jenes Jesus von Nazareth. Dementsprechend müssen wir für unsere Untersuchung eine zweifache Fragestellung ableiten: Zunächst ist danach zu fragen, welchen Einfluss Jes 53 auf die Entstehung der ältesten Christologie gehabt hat. Wie haben die Schreiber des Neuen Testaments Jesu Leben, Leiden und Sterben verstanden und welche Rolle spielt das vierte Gottesknechtslied in ihrer Interpretation? Von hier aus ist dann aber weiter zu fragen nach der Quelle dieser Christologie: Inwieweit geht dieses Verständnis von Jesu Leben und Sterben auf den irdischen Jesus selbst zurück? Welcher Art ist der Einfluss von Jes 53 auf Jesu Selbstverständnis? Sind uns – immer nur auf dem Weg des Rückschlusses – Erkenntnisse darüber möglich, wie Jesus das vierte Gottesknechtslied verstanden hat und welche Bedeutung seine Interpretation dieses Textes für die so folgenreichen Entscheidungen am Ende seines irdischen Wirkens hatte?

Der Weg zur Beantwortung all dieser Fragen muss zunächst über den alttestamentlichen Zusammenhang von Jes 53 führen. Vor der Exegese jedes nachösterlich bedingten Textes gilt es, Jes 52,13 – 53,12 im Horizont der Botschaft Deuterojesajas zu verstehen. Dies hat nicht zuletzt vor dem Hintergrund des jüdisch-christlichen Dialoges seine besondere Berechtigung; Juden und Christen haben diesen Text immer unterschiedlich verstanden. Die Gegensätze in der Auslegung haben bis heute Bestand und müssen zumindest mit bedacht werden, wenn herausgearbeitet werden soll, wie die Juden Jesus und Paulus an jenen großen Text herangegangen sind. Zu berücksichtigen ist hier besonders, wie das Judentum zu hellenistisch-römischer Zeit Jes 53 aufgreift.

An die alttestamentliche Würdigung von Jes 53 schließt sich die Erforschung der neutestamentlichen Rezeption an. Die Frage nach dem Auftreten des Textes im Neuen Testament muss neben den ausgewiesenen Zitaten auch die zahlreichen, nicht immer eindeutigen Anspielungen auf Inhalte des vierten Gottesknechtsliedes berücksichtigen.

Wenn auf diesem Wege das alt- und das neutestamentliche Textmaterial gesichtet worden sind, dann kann sich schließlich im letzten Abschnitt der Arbeit der Blick auf die beiden entscheidenden Fragen richten: Was erfahren wir anhand von Jes 53 im Neuen Testament über Jesu Selbstverständnis und welche Erkenntnisse gewinnen wir über die Christologie der Urgemeinde? Dies berührt dann auch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament.

An dieser Stelle soll noch eine Bemerkung zur Verwendung bestimmter Begrifflichkeiten gemacht werden. An all jenen Stellen, an denen auf den hebräischen Gottesnamen verwiesen wird, steht das schweigende Tetragramm JHWH. Hiervon müssen nur die Zitate anderer Autoren ausgenommen bleiben – leider! Zur Begründung sei nur kurz an den berechtigt scharfen Protest jüdischer Theologen wie Franz Rosenzweig gegen diese Abwertung des Gottesnamens erinnert.[3] Auch der christlichen Theologie sollte diese Handhabung eigentlich mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden sein, nicht nur aus Respekt vor dem älteren Bruder, sondern auch aus eigenem Antrieb heraus: Die gerade in unseren Ohren leere Bezeichnung "Jahwe" wird auch im Christentum der Inhaltsfülle des Gottesnamens nicht gerecht.

Die Bezeichnung "Spätjudentum" wird offenbar zunehmend als schwierig empfunden, da sie impliziert, dass das Judentum um die Zeitenwende an sein geistig-geistliches Ende gekommen sei.[4] Daher soll in dieser Arbeit die Wendung "Judentum zur hellenistisch-römischen Zeit" verwendet werden; gemeint ist damit der Zeitraum vom zweiten Jh. v. Chr. bis zum zweiten Jh. n. Chr.

Häufiger verwendete hebräische Wörter stehen in einer eingedeutschten Fassung, zum Beispiel "Ebed" für צֶבֶד(= Knecht).

Die Schreibweise der biblischen Eigennamen und Abkürzungen folgt den Loccumer Richtlinien.

Die Zitate aus der Bibel folgen, wenn nicht anders angegeben, der Übersetzung nach M. Luther.

1. Zur Einführung: Ein umstrittener Text

Dem unbekannten Propheten der in der exegetischen Literatur – etwas behelfsmäßig – als Deuterojesaja bezeichnet wird, verdanken wir einige der größten und berührendsten Texte des Alten Testaments. Hier finden wir Worte, in denen das Alte Testament bereits über sich selbst hinausweist. "Tröstet, tröstet mein Volk!" lautet die Zusage an Israel (Jes 40,1). An die im babylonischen Exil Gebeugten ergeht der Zuspruch "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich habe deinem Namen gerufen, du bist mein!"(Jes 43,1b). Dies ist neu in der Prophetie des Alten Testaments: "So hat Jahwe noch durch keines Propheten Mund gesprochen. Noch nie hat er sich in seinen Worten so tief zu seinem Volk herabgeneigt, hat sich so alles Schrecklichen entäußert, um keinen der Verzagten zu verscheuchen."[5]

Gleichzeitig gehören viele dieser Texte auch zu jenen, deren Verständnis sich nur mühevoll, nach und nach und oft auch nur bruchstückhaft erschließt: "Wer sich auf die Auslegung von Jes 53 einläßt, sollte zwei Dinge wissen. Erstens wird das historische wie das theologische Verständnis des großen Textes bis zum Jüngsten Tag umstritten bleiben. Zweitens wird man eine gänzlich neue historische Erklärung des Textes (wie der Gottesknechtslieder überhaupt) nur noch beibringen, wenn man sich auf das reich bestellte Feld der Absonderlichkeiten begeben will."[6]

Mit diesen nicht gerade ermutigenden Sätzen umreißt H. – J. Hermisson die Situation all derer, die sich an die Exegese des vierten Gottesknechtsliedes[7] heranwagen. In der Tat sind die offenen Fragen zu Jes 53 ebenso vielfältig wie die im Rahmen dieses Textes auftauchenden Themenkomplexe. Sind die Lieder vom Gottesknecht, insbesondere das vierte, als Teil der Botschaft Deuterojesajas anzusehen oder entstammen sie ganz anderen, eigenen Zusammenhängen? Handelt es sich bei der in den Liedern auftretenden Person des Gottesknechts um ein Individuum oder ist hier eine kollektive Deutung intendiert? Wie versteht Jes 53 so entscheidende Glaubensinhalte wie Opfer, Sühne, Stellvertretung und Repräsentation? Welche Bedeutung haben Krankheit, Tod, Schuld und Schuldlosigkeit im vierten Gottesknechtslied?

Diesen Fragen nachzugehen, ist die Aufgabe, die an eine Exegese von Jes 52,13 – 53,12 zu stellen ist. Es ist einsichtig, dass dabei keine Vollständigkeit zu erreichen ist. Trotzdem gilt es, die wesentlichen Gedanken des Textes zunächst einmal vor dem alttestamentlich-jüdischen Hintergrund zu erfassen.

1.1 Der Kontext: Deuterojesaja und die Ebed-JHWH-Lieder

Im folgenden Kapitel soll der Kontext des vierten Liedes vom Gottesknecht untersucht werden. Der Blick auf die Botschaft des Propheten Deuterojesaja kann Fragen und Gedanken aufwerfen, die für die anschließende Exegese von Jes 53 wertvoll sind, auch wenn an dieser Stelle zunächst noch offen bleiben soll, ob die Gottesknechtslieder Teil der Botschaft Deuterojesajas sind.

Die Texte aus Jes 40 – 55 sind vielschichtig. Neben dem Versuch, das Grundanliegen der Prophetie Deuterojesajas zu erfassen, soll vor allem die Gestalt des Ebed JHWH behandelt werden.

Insbesondere die Untersuchung der Gestalt des Ebed JHWH wird sich nicht ausschließlich auf die Perikope Jes 52,31 – 53,12 beschränken. Vielmehr sind hierbei auch die drei anderen Gottesknechtslieder zu berücksichtigen. G. Kittel weist darauf hin, wie aufschlussreich die Gottesknechtslieder für das Selbstzeugnis Deuterojesajas sind: "Lesen wir die herausgestellten Texte einmal für sich und in der Reihenfolge, in der sie im Jesajabuch überliefert werden, so werfen sie ein überraschendes Licht auf jene prophetische Gestalt, die sich hinter dem großen Trostbuch Jes 40 – 55 verbirgt (...)."[8]

Zudem ergibt sich aus allen vier Liedern ein Gesamtbild, dessen Züge der spätantike Mensch beim Lesen und Hören von Jes 53 gerade nicht ausgeblendet hat.

Eine Auseinandersetzung mit den genannten Aspekten muss auch die entsprechende exegetische Literatur mit in den Blick nehmen. Die Schwierigkeit liegt hierbei darin, dass nahezu alle Exegeten – mehr oder weniger offen angekündigt, aber auf jeden Fall immer sehr deutlich – ihre eigenen Interpolationen in die Gottesknechtslieder einbringen. Nicht nur spätere Redaktoren der alttestamentlichen Zeit haben versucht, den Texten den Hinweis auf Israel als den Ebed JHWH zu entnehmen und dies durch entsprechende Eintragungen zu kennzeichnen.[9] Ebenso ist für moderne Exegeten häufig das entsetzliche Leiden des jüdischen Volkes in der Neuzeit Prämisse ihrer Interpretationen und auch ihrer textkritischen Überlegungen. Beispielsweise stellt K. Koch fest, dass es das jüdische Volk ist, das außergewöhnlich gelitten hat und fragt von daher: "Sollte sich nicht hinter der jahrhundertelangen Brutalität von Pogromen bis in unsere jüngste Vergangenheit hinein, bis zum Holocaust, das Geheimnis sich verbergen, daß Israel um der übrigen Menschheit willen leidet? Daß Juda stellvertretend die Sünde der anderen trägt? Kann ein Christ hier entschieden widersprechen?"[10] Hierauf wird im Einzelnen noch einzugehen sein; schon jetzt kann aber festgehalten werden, dass es mindestens fragwürdig ist, inwieweit ein solches Vorgehen angemessen ist.[11]

1.1.1 Die Botschaft des Propheten Deuterojesaja

Der als Deuterojesaja bezeichnete Prophet, dessen Botschaft im zweiten Teil des Jesajabuches niedergeschrieben ist, ist nur in sehr eingeschränktem Maße als Person greifbar. Erst im Rahmen der kritischen Forschung des ausgehenden 18. Jahrhunderts sind die Kapitel Jes 40 – 55 als eigenständige prophetische Botschaft erkannt worden.[12]

Allein diese Botschaft ist von der Person des Propheten erhalten geblieben. Der Mensch Deuterojesaja selbst "tritt völlig hinter seiner Botschaft zurück, und zwar so stark, daß wir weder seinen Namen noch den Ort seines Wirkens kennen (man denkt meist an Babylonien), noch sonst irgend etwas von seinen Lebensverhältnissen wissen."[13] Als gesichert darf nach G. von Rad lediglich die Zeit des babylonischen Exils als die Zeit seines Wirkens gelten: "Daß seine Verkündigung vor dem Zusammenbruch des neubabylonischen Reiches um 538 lag, wird man als sicher bezeichnen dürfen. Alle spezielleren Datierungen bleiben dagegen hypothetisch."[14] K. Koch sieht den Propheten aufgrund seiner Bekanntschaft "mit babylonischer Mantik (43,13), mit kaldäischen Jubelschiffen und Prozessionsstraßen (43,14; 40,3-5)" in einem babylonischen Deportiertendorf verortet.[15] Doch ebenso wie zu einer genauen Datierung Deuterojesajas gibt es auch zu seiner geographischen Herkunft nur Anhaltspunkte, jedoch keine sicheren Erkenntnisse.

Jes 40 – 55 lässt also nur in sehr geringem Umfang Rückschlüsse auf die Person des Propheten zu. Über den Menschen Deuterojesaja gelangen wir nicht zu den Gottesknechtsliedern oder zur Gestalt des Ebed JHWH. An dieser Stelle kann aber nach den Inhalten und Besonderheiten der Botschaft Deuterojesajas gefragt werden. Die daraus resultierenden Erkenntnisse können bei der Untersuchung der Gottesknechtslieder zu einem tieferen Verständnis der Gestalt des Gottesknechts beitragen. Sie können insbesondere ein Licht auf die alte Frage nach der individuellen oder kollektiven Deutung des Ebed JHWH werfen.

Nach G. von Rad greift der Prophet Deuterojesaja alle der "drei für die gesamte Prophetie konstitutiven Erwählungstraditionen (Exodus-, David- und Ziontradition)" auf, um seine Botschaft zu vermitteln.[16] Zu diesen drei Erwählungstraditionen kommt bei Deuterojesaja noch eine vierte Überlieferung hinzu, die es bis dahin in der alttestamentlichen Prophetie noch nicht gegeben hat: Deuterojesaja beruft sich auf die Weltschöpfung durch JHWH. Die Schöpfung erhält bei Deuterojesaja einen nachgerade soteriologischen Charakter; sie "ist ihm das erste der geschichtlichen Wunder Jahwes und ein sonderliches Zeugnis seines Heilswillens."[17]

In der Sprache des Propheten treten die herkömmlichen Redeformen der vor- und frühexilischen Prophetie zurück. An ihrer Stelle begegnen uns im wesentlichen vier andere Redeformen, die alle im Dienst der Heilsverkündigung stehen:[18] Das Heilswort, der Hymnus – besonders der Ich-Hymnus Gottes –, die prophetische Gerichtsrede und das Diskussionswort. Das Heilswort Deuterojesajas ist der Gattung des priesterlichen Heilsorakels zuzuordnen, einer kultische Redeform, "vermittels derer dem einzelnen Beter die göttliche Hilfe zugesprochen wurde."[19] Hierzu gehören beispielsweise die für Deuterojesaja so kennzeichnenden Worte wie "Fürchte dich nicht, ich bin mit dir" (Jes 41,10a), "du bist mein" (Jes 43,1b) oder "So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir." (Jes 43,5a). Das priesterliche Heilsorakel wird vom Propheten neu gestaltet: Es wird um Aussagen über JHWH als den Schöpfer der Welt und Israels ergänzt. So heißt es im Anschluss an Jes 43,1: "Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland. Ich habe Ägypten für dich als Lösegeld gegeben, Kusch und Seba an deiner statt." (Jes 43,3). Und im Anschluss an die Zusage aus Jes 43,5 lesen wir "Bring her meine Söhne von ferne und meine Töchter vom Ende der Erde, alle die mit meinem Namen genannt sind, die ich zu meiner Ehre geschaffen und zubereitet und gemacht habe." (Jes 43,6b+7). So wie Deuterojesaja mit der soteriologischen Interpretation des Schöpfungsgeschehens eine bis dahin unübliche Fundierung seiner Botschaft vornimmt, so verwendet er auch die bekannten Formen über ihren angestammten Rahmen hinausgehend: "Deuterojesaja hat also die Inhalte der alten Traditionen in eine ihnen ursprünglich fremde und beliebig gewählte Form umgegossen."[20]

Was ist nun die Mitte der Botschaft des Propheten Deuterojesaja? Nach G. von Rad ist die Verkündigung des Anbrechens einer neuen Heilszeit das zentrale Anliegen Deuterojesajas: "Jahwes Kommen steht unmittelbar bevor; aber er wird sich nicht nur Israel offenbaren, diesmal kommt es zu einer letzten Welttheophanie; vor allen Völkern wird sich seine Herrlichkeit offenbaren."[21] Der Prophet zieht hier eine scharfe Trennlinie zwischen dem "Früher" und dem "Jetzt". Das "Früher", die seinem Wirken vorausgegangene Zeit, ist die Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel von der Berufung Abrahams über den Exodus bis zum Exil. Jetzt aber beginnt eine neue Zeit, die Zeit der Königsherrschaft Gottes: "Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde." (Jes 43,18f.). Dabei sieht Deuterojesaja sich trotz der schroffen Trennung zwischen dem Alten und dem Neuem durchaus in der Nachfolge früherer Propheten: Das Drohwort, das von ihnen an Israel ergangen ist, hat sich im Exil erfüllt. Das Ende des Exils markiert das Ende der ersten Geschichte Gottes mit seinem Volk. G. von Rad weist darauf hin, dass in dieser starken Betonung des Eschaton auch eine Gefahr lag: "War es denn der eine und derselbe Jahwe, der hier wie dort am Werk war, wenn gar keine Kontinuität zwischen dem Alten und dem Neuen bestand?"[22] Es geht dem Propheten Deuterojesaja um etwas grundlegend Neues, um eine radikal neue Botschaft. Das Heil steht unmittelbar bevor – und es wird alle Völker erreichen.

Deuterojesaja bewegt sich also mit seiner Botschaft auf der Basis bekannter Inhalte und Bilder wie der Exodustradition und verwendet vertraute sprachliche Formen wie das priesterliche Orakel. Gleichzeitig kombiniert er diese Formen und Inhalte auf eine ganz neue Weise und greift zu in der Prophetie neuen Sprachformen wie dem Ich-Hymnus Gottes. Auf diesem Weg will er etwas ganz Neues aussagen, eine bislang ungehörte Heilsbotschaft. Dabei sucht er vielfältige Anknüpfungspunkte zu finden; er nimmt alle prophetischen Traditionen auf und fügt das Schöpfungsgeschehen noch hinzu. Geht es ihm darum, das Entscheidende, Neue, das er vermitteln möchte, auf jedem nur erdenklichen Wege, in jedweder Sprachform an seine Hörer weiterzugeben, um nur ja jeden einzelnen zu erreichen? Dann könnte man sein Wirken mit Recht als evangelistisch im ursprünglichen Wortsinne bezeichnen. Seine Botschaft trüge dann alle äußeren Merkmale einer Frohen Botschaft.[23]

1.2.2 Die vier Gottesknechtslieder und die Gestalt des Ebed JHWH

Von einem Knecht der in einem besonderen Verhältnis zu Gott steht, spricht das Buch Deuterojesaja an mehreren Stellen. An einigen Stellen spricht JHWH das Volk Israel als seinen Knecht an, so in Jes 41,8f.: "Du aber, Israel, mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe (...): Du sollst mein Knecht sein; ich erwähle dich und verwerfe dich nicht." In gleicher Weise bezeichnet Gott sein Volk in Jes 44,1f.+21; 45,4 u.a. als Knecht oder redet es als Knecht an. Es ist innerhalb des jeweiligen Kontextes

eindeutig, dass in all diesen Worten auch tatsächlich das Volk Israel mit dem Knecht identifiziert wird. Hier handelt es sich bei der Verknüpfung von Israel und dem Knecht Gottes um keine redaktionellen Bearbeitungen oder Interpolationen einer späteren Zeit; meist geht es darum, die Erwählung Israels in neuen Worten auszusagen und Israel Heil und Erfolg über die Anfeindungen der Fremdvölker zuzusagen.

In der Wirkungsgeschichte des Deuterojesajabuches – sowohl in vorchristlicher Zeit als auch im Urchristentum – sind jedoch andere Texte vom Gottesknecht in hohem Maße bedeutsam geworden: Die sogenannten Gottesknechtslieder. Hier werden die Aufgabe, das Werk und das Geschick des Ebed JHWH dargestellt. Hier wird ein Geschehen geschildert, in dessen Folge dem Gottesknecht ein Erfolg verheißen wird, der durchaus mit dem Begriff der Erhöhung beschrieben werden kann. Dementsprechend ist die Deutung dieser Lieder damals wie heute stark umstritten. Es ist nicht verwunderlich, dass sich hier immer wieder die Debatte an der Frage nach der Identität dieses Knechtes entzündet.

Zu den Gottesknechtsliedern werden im Allgemeinen die folgenden vier Perikopen gerechnet: Jes 42,1-4; Jes 49,1-6; Jes 50,4-9 und als das letzte und bedeutendste der Lieder Jes 52,13 – 53,12. Die Abgrenzung der Lieder ist nicht ganz unstrittig. So nimmt K. Koch noch die Perikope Jes 55,3-5 in seine Exegese der Gottesknechtslieder mit auf und erweitert die drei erstgenannten Lieder um die sich daran anschließenden Erhörungsorakel,[24] und G. Fohrer geht sogar von sechs Stücken aus, die vom Gottesknecht reden: Jes 42,1-4; Jes 42,5-7; Jes 49,1-6; Jes 50,4-9; Jes 50,10f. und Jes 52,13 – 53,12.[25] Aber die Mehrzahl der Exegeten bezeichnet die vier anfangs genannten Textstücke als Gottesknechtslieder.[26] Diese Einteilung soll auch hier übernommen werden.

Das erste Lied (Jes 42,1-4) ist als Gottesrede stilisiert. Die Sprache erinnert an höfische Formen: "So könnte ein Großkönig in feierlicher Stunde einen seiner Vasallenkönige oder einen Statthalter seinen Großen präsentiert (...) haben."[27] Der Gottesknecht ist der, den JHWH erwählt hat und an dem JHWH festhalten wird. Die Aufgabe des Gottesknechts ist die Verkündigung der Wahrheit unter den Völkern. Der zweite Vers und der zusagende Charakter von Vers 3 lassen vermuten, dass diese Verkündigung eine behutsame, stille sein wird.

Im zweiten Lied (Jes 49,1-6) spricht der Knecht selbst, wobei in den Versen 3b und 6 eine Gottesrede eingeschoben wird. Der Gottesknecht sieht sich als ein von Gott ohne sein eigenes Zutun Berufener (Jes 49,1: "berufen von Mutterleibe an"). Zur Verkündigung kommt die Sammelung des zerstreute Volkes Israel hinzu. Die Verkündigung auch unter den heidnischen Völkern wird nochmals besonders betont.

Im nächsten Lied (Jes 50,4-9) – wiederum eine Rede des Gottesknechts – kündigt sich sein Schicksal an: Der Knecht ist Misshandlung, Beleidigung und Verachtung ausgesetzt. Trotzdem bleibt er seinem Auftrag treu und weicht von der Verkündigung nicht zurück. Er ist gewiss, dass Gott der Herr ihm Recht verschaffen wird.

Das letzte und längste der vier Lieder (Jes 52,13 – 53,12) ist offenbar in der Rückschau auf das Leben des Gottesknechts formuliert. Leiden und Verachtung, die der Gottesknecht von seinen Mitmenschen erfahren musste, haben sich gesteigert bis hin zu seinem möglicherweise gewaltsamen Tod. Erst nach dem Tod des Knechtes erkennen seine Mitmenschen, was sich hier vollzogen hat: Der Knecht selbst ist schuldlos gewesen und hat um der anderen willen gelitten. Diese Einsicht wird gestützt durch die Gottesrede, die den Anfang und den Schluss des vierten Liedes bildet und in der dem Gottesknecht seine Erhöhung verheißen wird.

Diese vier Lieder bilden eine inhaltliche Einheit. Sie zeigen als Abfolge das Leben des Gottesknechts und gleichzeitig die Verschärfung seiner Situation.[28] Der Gottesknecht wird als ein Prediger dargestellt, der mit zusätzlichen Charakterisierungen wie mit der Bezeichnung Auserwählter belegt ist. Seine Aufgaben sind umfassend und gehen über die prophetische Predigt deutlich hinaus. Der Gottesknecht soll das zerstreute Volk Israel sammeln, er soll das Licht der Wahrheit auch zu den heidnischen Völkern bringen und er wird auf Erden Recht schaffen.[29] Vor allem aber wird er – selbst schuldlos – die Sünde "der Vielen" tragen und ihnen so Gerechtigkeit verschaffen.

K. Koch hat mit Recht darauf hingewiesen, dass die Wiedergabe des hebräischen Ebed JHWH mit "Knecht Gottes" unzureichend ist.[30] Im Bild des Gottesknechts vereinen sich königliche Motive wie die höfische Präsentation mit prophetischen Motiven wie dem des Predigens und des Leidens. Diese unterschiedlichen Facetten werden durch unser deutsches Wort "Knecht" nicht erfasst. Unser heutiger Sprachgebrauch lässt uns bei diesem Wort allenfalls an einen rangniedrigen Bediensteten denken. K. Koch schlägt die Bezeichnung "Bevollmächtigter" vor, die allerdings angesichts des umfassenden Werkes des Gottesknechts nichtssagend und farblos erscheint.[31] Für die weiteren Überlegungen ist an dieser Stelle festzuhalten, dass dem Gottesknecht unterschiedliche, einander fast widersprechende Prädikationen zukommen.

Lassen sich die Lieder vom Gottesknecht in die Botschaft Deuterojesajas integrieren? Nachdem sie in der historisch-kritischen Forschung lange Zeit ausgegrenzt worden sind und man zum Teil sogar eine eigene Sammelung von Gottesknechtsliedern als Quelle vermutet hat, tendiert die Forschung mittlerweile dahin, nach den Beziehungen zwischen den Gottesknechtsliedern und der Botschaft Deuterojesajas zu fragen.[32] Bereits G. von Rad hat erkannt, dass der Gottesknecht in der Botschaft des Propheten "doch nicht so isoliert" dasteht, "wie es zunächst scheinen möchte," und in diesem Zusammenhang nach den Verbindungen zwischen dem Amt des Propheten, dem Menschen Deuterojesaja und dem Gottesknecht gefragt.[33] Hierauf wird in der Exegese von Jes 53 nochmals zurückzukommen sein, um die Alternative zwischen individueller und kollektiver Deutung zu untersuchen. In formaler Hinsicht fällt auf, dass sich in Jes 56 – 66 keine Gottesknechtslieder finden. Offenbar wussten die Redaktoren noch von der inhaltlichen Nähe zwischen Deuterojesaja und dem Gottesknecht.

Die Übereinstimmung zwischen den Gottesknechtsliedern und der Botschaft Deuterojesajas liegt darin, dass das Heil die zentrale Aussage und Zusage ist. Der Prophet Deuterojesaja hat Israel und den Völkern Heil zugesagt, und eben dies ist auch das entscheidende Werk des Gottesknechts: Er ist Heilsbringer. Dabei kommt das Heil für Israel, das dann ausgeweitet wird auf die Völker, durch eine Gestalt, die das Strafgericht selbst trägt. Dies findet seine Entsprechung in dem Neuen in Deuterojesajas Botschaft: Anders als in der bisherigen Exilsprophetie, in der Israel das Strafgericht zugesprochen wurde, geht es jetzt um das Kommen des Heils. Die klassische prophetische Aussagenreihe Gericht über Israel – Gericht über die Fremdvölker – Heil für Israel wird durchbrochen. Ein einzelner ist es, über den das Gericht stellvertretend ergeht.

1.2 Der Text: Exegese von Jes 52,13 – 53,12

In diesem Abschnitt der Arbeit soll zunächst der Aufbau des vierten Gottesknechtsliedes untersucht werden. In diesem Zusammenhang sollen neben den gattungsgeschichtlichen Fragestellungen auch die Untersuchungen zur Botschaft Deuterojesajas berücksichtigt werden. An diese Überlegungen wird sich eine Vers-für-Vers-Exegese von Jes 52,13 – 53,12 anschließen, die die Ergebnisse der vorangegangenen Untersuchung miteinbezieht. Die Vers-für-Vers – Exegese soll dann im nachfolgenden Abschnitt 1.2.3 auf der Basis der Auseinandersetzungen mit den formgeschichtlichen Überlegungen in eine Interpretation von Jes 52,13 – 53,12 münden.

1.2.1 Der Aufbau des vierten Gottesknechtsliedes

Das vierte Lied vom Gottesknecht weist eine sehr klare und kunstvolle Gliederung auf. In Jes 52,13-15 liegt eine Gottesrede vor; daran schließt sich in Jes 53,1-11a die Rede der Menschen an. Die Perikope endet wiederum mit einer Gottesrede: Jes 53,11b+12. Die Gottesrede über den Knecht umrahmt also die Rede der Menschen über den Knecht. Dabei handelt die Gottesrede jeweils von der Zukunft des Knechtes, während die Menschen im Mittelteil von der vollendeten Vergangenheit des Gottesknechts sprechen. Hier äußert sich eine Gruppe von Mitmenschen des Gottesknechts, wobei ab Vers 7 möglicherweise nur noch ein einzelner spricht. Die Rede dieser "Wir-Gruppe" – es wird noch zu untersuchen sein, wer die Redenden sind – hat den Charakter eines Nachrufes. Neben den bloßen Fakten über das Leben des Gottesknechts beinhaltet sie auch das Urteil der Sprechenden über ihn. In diesem Urteil hat sich offenbar eine Wandlung vollzogen. Während in den Versen Jes 53,2-4 die aus der Krankheit des Gottesknechts resultierende Verachtung der Sprechergruppe betont wird, deutet sich in Jes 53,5a ein Perspektivwechsel an: "Aber er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen." Dieser Perspektivwechsel mündet in die Erkenntnis, dass die Sache des Gottesknechts letztlich doch gelingen wird – sogar nach seinem Tod (Jes 53,10+11a). Woher rührt diese Änderung in der Sicht der Mitmenschen des Gottesknechts? Wie kommt die "Wir-Gruppe" nach dem Tod des Gottesknechts zu einem so entscheidend anderen Urteil über den Knecht?

Die Ursache hierfür muss in den Rahmenstücken des Textes gesucht werden. In der Gottesrede sagt JHWH seinem Knecht Gelingen und Erfolg zu. Nur hier kann der Grund für den erstaunlichen Perspektivwechsel gefunden werden.

Bereits diese erste Beobachtung aus der Gliederung zeigt, dass die drei Teile der Perikope integrative Bestandteile sind. Die Erkenntnis der Sprechergruppe wird nur durch das umrahmende Handeln Gottes möglich. Die Gottesrede darf also nicht scharf von der Rede der Menschen abgesetzt werden.[34]

Der Text lässt sich über die genannte Dreiteilung hinausgehend noch weiter strukturieren:[35] Die erste Gottesrede wird mit einer Ankündigung der Erhöhung des Knechtes eingeleitet (Jes 52,13). Daran schließt sich eine Gegenüberstellung an. Früher haben sich viele über den Knecht entsetzt (Jes 52,14), jetzt aber staunen die Könige und Völker über ihn (Jes 52,15). In ähnlicher Weise ist die Rede der Menschen aufgebaut. Jes 53,1 steht dem Bericht als Einleitung voran. Danach folgt wiederum in einer Zweiteilung der Bericht. In Entsprechung zum "Früher" von Jes 52,14 erzählt Jes 53,2-9 vom Leiden des Knechtes, und Jes 53,10+11a knüpft an das "Jetzt" von Jes 52,15 an und berichtet vom Erfolg des Knechtes. Im abschließenden Gottesspruch (Jes 53,11b+12) erhält das Geschehen nochmals seine göttliche Interpretation und seine göttliche Legitimierung.

Die Zuordnung des vierten Gottesknechtsliedes zu einer bestimmten Gattung ist mit großen Schwierigkeiten verbunden: "Man fand hier ein Danklied, aber auch ein Leichenlied, ein Klagelied wie eine prophetische Liturgie, schließlich ein Lied 'eigener Art'."[36] Aber um Lieder handelt es sich bei den vier Gottesknechtsliedern gar nicht, "da die Texte weder formkritisch einheitlich noch ihre Kennzeichnung als 'Lieder' in sich klar sind."[37]

Radikal versagt L. Ruppert dem vierten Gottesknechtslied die Zugehörigkeit zu jedweder Gattung. Auf der Basis einer sehr kleinschrittig ausgeführten Gliederung kommt er zu folgender Erkenntnis: "Der Form nach ist die als ganze wie in ihrem Mittelteil konzentrisch strukturierte Einheit nicht nur in den GKL'ern ohne Parallele. Eine entsprechende Gattung und damit ein 'Sitz im Leben' ist nicht auszumachen."[38] Es ist sicher richtig, dass das vierte Gottesknechtslied auch unter gattungsgeschichtlicher Betrachtung einzigartig und daher keiner Gattung voll und ganz zuzuordnen ist. Aber das Lied deswegen auf einen "Sitz in der Literatur" einzuschränken, wie L. Ruppert es tut, kann doch kaum angehen.[39] Die Verortung aller Gottesknechtslieder im liturgischen Bereich, vielleicht in Volksklagegottesdiensten, bleibt immerhin bedenkenswert.[40] Möglicherweise hat es auch zum vierten Gottesknechtslied Vorstufen gegeben, die gottesdienstlichen Liedformen zuzuweisen sind.

Nach B. M. Zapff schildert Jes 53,1-11a "in einer Art Biographie das gesamte Leben des GKs von der Jugend bis zu Tod und Begräbnis sowie der – unerwarteten – Rehabilitation durch Jahwe."[41] Dagegen stellt H. – J. Kraus fest: "Nun wird man gewiß nicht erklären können, beginnend mit 2 werde die Lebensgeschichte des Ebed erzählt."[42] Sicher ist, dass sich das vierte Lied vom Ebed JHWH an zwei Psalmgattungen anlehnt: "Seine Gliederung weist in den beiden Hauptteilen (V. 2-9 und V. 10-11a) auf den Dankpsalm (berichtender Lobpsalm) des Einzelnen (so Begrich), in dessen Mitte die gleichen Teile Bericht von der Not – Bericht von der Errettung stehen," schreibt C. Westermann.[43] Und B. M. Zapff weist auf "die Übernahme von Elementen aus dem Klagelied des einzelnen" hin.[44] C. Westermann führt jedoch weiter aus, dass die Gattung des Dankpsalms des Einzelnen in mehrfacher Hinsicht abgewandelt wird.[45] Und die Übernahme einiger Elemente, die B. M. Zapff zudem nur traditionsgeschichtlich bedingt sieht, reicht nicht aus, um das vierte Gottesknechtslied eindeutig dieser Form zuzuordnen.

Liegt in diesem Lied "insgesamt ein Prozeßbericht vor, wegen der Gottesreden wohl sogar ein himmlischer Prozeß," wie dies H. D. Preuß vermutet? Dagegen sprechen trotz einiger Vokabeln aus der Gerichtssprache mehrere formale Merkmale. Es gibt keine Hinweise darauf, dass sich das Geschehen in Gottes unnahbarer Wirklichkeit abspielt. Und geschildert wird im Mittelteil des vierten Gottesknechtslieds nicht so sehr der objektiv wahrnehmbare Verlauf einer Handlung, sondern vielmehr die Bedeutung des Geschehens für die Sprechergruppe. Der Begriff des Berichtes und erst recht der des Prozessberichtes erfasst diese Komponente nicht.

Dagegen findet C. Westermann für diese Fokussierung auf die Bedeutung des Geschehens eine sehr treffende Bezeichnung: "Der Bericht ist gleichzeitig ein Bekenntnis der Geretteten."[46]

Es geht im mittleren Stück des vierten Gottesknechtsliedes und ebenso im ganzen Lied nicht einfach um einen Bericht, der in die Sprache bestimmter Psalmgattungen gefasst wird. Es geht nicht bloß um Klage, Errettung, Lob und Dank eines Einzelnen, sondern es geht darum, welche Bedeutung das an diesem Einzelnen vollzogene Schicksal für die Sprechenden, also für andere als den eigentlichen Akteur, hat. Jes 53,1-11a formuliert ein Bekenntnis, ein "Für uns!", das durch die rahmende Gottesrede erst ermöglicht und gleichzeitig legitimiert wird.

1.2.2 Jesaja 52,13 – 53,12 von Vers zu Vers

Für die Exegese der einzelnen Verse aus Jes 53 werden die folgenden Übersetzungen herangezogen: Zürcher Bibel, Einheitsübersetzung, Übersetzung nach M. Luther, nach H. – J. Kraus[47] und nach C. Westermann.[48] Um der Übersichtlichkeit willen wird dort, wo auf einzelne Übersetzungen verwiesen wird, auf eine Literaturangabe verzichtet. Mit einer Literaturangabe sind hier nur Zitate und exegetische Erläuterungen versehen.

- 52,13-15:

Vers 13 kündigt in unmissverständlichen Worten die Erhöhung des Gottesknechts an. Je nach Übersetzung wird das "Hoch-Sein" des Knechtes auf zwei- oder sogar dreifache Weise ausgesagt. Die Erhöhung des Knechtes wird überwiegend als passivischer Vorgang oder als Zustandsbeschreibung formuliert. Nur die Zürcher Bibel übersetzt "er wird emporsteigen, wird hochragend und erhaben sein," verbindet also den aktiven Vorgang mit dem sich daran anschließenden Zustand. Vorausblickend kann hier schon formuliert werden, dass die Erhöhung zwar ein von Gott gewirktes Geschehen ist, das aber offenbar eine Eigenbeteiligung des Erhöhten miteinschließt. Dies wird für Jes 53,4 noch bedeutsam werden.

Die Übersetzung der beiden folgenden Verse ist unsicher. Die in Vers 14b formulierte Hässlichkeit des Knechtes kann zwar als Erklärung für das Entsetzen der Vielen dienen, aber dann fehlt die Entsprechung zu Vers 14b in Vers 15. C. Westermann fügt Vers 14b deshalb hinter Jes 53,2 ein. Damit erhält das "wie" aus Vers 14a seine Entsprechung im "so" in Vers 15. Vers 15 übersetzt die Lutherbibel noch mit "er wird viele Heiden besprengen," aber ein kultisches Denken – man hat zum Beispiel an das Besprengen mit Blut im Opferritus gedacht – liegt hier nicht vor. Das erste Verb aus Vers 15 ist nicht mehr übersetzbar, aber aufgrund des Parallelismus membrorum muss hier ein Wort des Staunens oder der Verwunderung gestanden haben.[49] Vers 15b kündigt ein unerhörtes, also ein einmaliges Geschehen an.

- 53,1:

Mit diesem Vers setzt die Rede der "Wir-Gruppe" ein. Der Übergang von der Gottesrede zur Gruppenerzählung ist kaum zu spüren. Formal findet zwar ein Sprecherwechsel statt, inhaltlich schließt sich aber der noch staunende Unglaube der Sprechergruppe direkt an das Unerhörte aus Jes 52,15 an. Das Bild vom "Arm des HErrn" begründet nach C. Westermann "andeutend das Unerhörte des Geschehens: daß die Kraft Gottes sich in dieser Schwachheit offenbart hat."[50] In diesem Vers formuliert die Sprechergruppe ihre Situation als eine Situation des Staunens und des Unglaubens: Der Arm des JHWH hat sich den Sprechenden noch nicht offenbart. Ihnen ist keine Offenbarung zuteil geworden, sie sind noch Unglaubende. Dies spricht gegen die Übersetzung von H. – J. Kraus, der eine Verkündigung annimmt, die von der Sprechergruppe ausgeht: "Die erzählende Gruppe ist überzeugt, daß das Außergewöhnliche nicht "geglaubt" wird."[51]

[...]


[1] P. Stuhlmacher, Einführung, in: Wolff 1984, Jesaja 53, S. 9.

[2] NT Graece, S. 460-462.

[3] Ausführlich dargestellt bei Kittel 1993, Name I, S.37f.

[4] So zum Beispiel http://www.uni-leipzig.de/~nt/asp/blaetter/judaism.htm, http://www.buber.de/cj/chrjud7.htm, http://www.sonntagsblatt.de/artikel/1998/4/4-s10.htm.

[5] von Rad 1967, Botschaft, S. 213.

[6] Hermisson 1996, 4GKL, S. 1.

[7] In der alttestamentlichen Forschung herrscht weitgehend Einigkeit über die Abgrenzung der Gottesknechtslieder. Danach gilt die Perikope Jes 52,13 – 53,12 als das vierte der Lieder. Zu den wenigen abweichenden Meinungen (z. B. Fohrer) siehe Abschnitt 1.1.2.

[8] Kittel 1999, Todesüberwindung, S. 58.

[9] So wird das Wort "Israel" in Jes 49,3 von fast allen Exegeten für einen nachträglichen Zusatz gehalten. In der LXX findet sich auch in Jes 42,1 der Zusatz "Israhl".

[10] Koch 1980, Profeten, S. 151. Doppeltes Reflexivpronomen "sich" im Original.

[11] Der fragende Einwurf an dieser Stelle kann selbstverständlich kein Plädoyer für eine "neutrale", unberührte Exegese sein. Dies ist Merkmal dessen, was Theologie treibt: Der Exeget steht seinem Text nie vollkommen neutral gegenüber, der Text geht auch mit dem Exegeten um und berührt ihn. Das ist grundsätzlich in Ordnung, muss aber als parteiliche Exegese ausgewiesen werden und darf dabei textkritische Ergebnisse nicht völlig übersehen. Siehe dazu auch das Kapitel 3.

[12] Vgl. Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 14f.; von Rad 1967, Botschaft, S. 202 u.a.

[13] von Rad 1967, Botschaft, S. 202.

[14] von Rad 1967, Botschaft, S. 202. Auch Fohrer und Koch stimmen dieser Datierung zu, vgl. Fohrer 1975, Propheten 4, S. 79; Koch 1980, Profeten, S. 124.

[15] Koch 1980, Profeten, S. 124. Koch schränkt seine Aussage an dieser Stelle selbst dahingehend ein, dass dies nur der bestmögliche aller Erklärungsversuche ist. Fohrer geht ebenfalls davon aus, dass der Prophet sein Leben unter den Deportierten in Babylonien verbracht hat und dort auch gestorben ist. Allerdings gesteht auch er zu, dass gesicherte Erkenntnisse über die Person des Propheten fehlen. Vgl. Fohrer 1975, Propheten 4, S. 79f.

[16] von Rad 1967, Botschaft, S. 203. Dabei kommt der Exodustradition ein so hoher Stellenwert zu, "daß sich dieser Prophet auch das kommende Heilsgeschehen nur als einen Exodus vorstellen kann."

[17] von Rad 1967, Botschaft, S. 204.

[18] Vgl. Fohrer 1975, Propheten 4, S. 80. H. D. Preuß weist darauf hin, dass das Gerichtwort an Israel bei Deuterojesaja nicht mehr vorkommt. Vgl. Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 21.

[19] von Rad 1967, Botschaft, S. 205.

[20] von Rad 1967, Botschaft, S. 205.

[21] von Rad 1967, Botschaft, S. 207. Vgl. hierzu und zum Folgenden auch von Rad 1967, Botschaft, S. 209-211. Ähnlich erklärt H. D. Preuß: "Das durch Dtjes verkündigte Heil ist aber nun nicht nur ein zukünftiges, sondern es bricht bereits jetzt an." Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 26.

[22] von Rad 1967, Botschaft, S. 211. Von Rad führt daran anschließend weiter aus, dass diese Schwierigkeit für den Propheten nicht bestand, da er auch das Neue als etwas von alters her Geweissagtes verstand.

[23] H. – J. Kraus betitelt sein Buch über Jes 40-66 "Das Evangelium der unbekannten Propheten" und weist im Vorwort darauf hin, dass der zweite und der dritte Teil des Jesaja-Buches eine Heilsbotschaft enthalten, in der der Begriff "Evangelium" seine eigene Prägung im biblischen Sinne erfährt. Vgl. Kraus 1990, Evangelium, S. VIII

[24] Vgl. Koch 1980, Profeten, S. 140-147.

[25] Vgl. Fohrer 1975, Propheten 4, S. 144-152.

[26] Vgl. von Rad 1967, Botschaft; Westermann 1970, Jesaja; Preuß 1976, Deuterojesaja; Kraus 1990, Evangelium; Zapff 2001, Echter Bibel u.a.

[27] von Rad 1967, Botschaft, S. 214.

[28] H. D. Preuß: "Die Texte durchschreiten den Geschehnisbogen von Einsetzung bis Tod des Knechtes." Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 96.

[29] K. Koch sieht im Gottesknecht nach Jes 49,6 den "Garant einer internationalen Friedensordnung (...); denn Licht ist hebräisch zugleich Metafer für Leben und Frieden." Koch 1980, Profeten, S. 142.

[30] Vgl. Koch 1980, Profeten, S. 140.

[31] In Ermangelung einer Alternative soll in dieser Arbeit das vertraute Wort "Gottesknecht" beziehungsweise "Ebed JHWH" beibehalten werden.

[32] Vgl. Zapff 2001, Echter Bibel, S. 323.

[33] von Rad 1967, Botschaft, S. 235f.

[34] gegen B. M. Zapff, der die Rahmenverse als nachträglich eingefügt ansieht (vgl. Zapff 2001, Echter Bibel, S. 323). Jes 53,1-11a ist für sich allein nicht denkbar. Es bliebe dann vollkommen uneinsichtig, woher der Erkenntniswandel der Sprechenden rührt.

[35] Vgl. Westermann1970, Jes 40 – 66, S. 206f.

[36] Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 99.

[37] Preuß 1976, Deuterojesaja, S. 94. Trotzdem soll die Bezeichnung "Lied" hier als Arbeitsbegriff beibehalten werden.

[38] Ruppert 1996, Universales Heil, S. 6.

[39] Ruppert 1996, Universales Heil, S. 6.

[40] Vgl. von Rad 1967, Botschaft, S. 206 und Koch 1980, Profeten, S. 150.

[41] Zapff 2001, Echter Bibel, S. 324.

[42] Kraus 1990, Evangelium, S. 148f.

[43] Westermann 1970, Jes 40 – 66, S. 207.

[44] Zapff 2001, Echter Bibel, S. 323.

[45] Vgl. Westermann 1970, Jes 40 – 66, S. 207f. C. Westermann nennt folgende Abweichungen: Der Errettete berichtet nicht selbst. Stattdessen wird über ihn erzählt, und zwar von Menschen, denen das erzählte Geschehen selbst zur Rettung wird. Außerdem ist das Leiden des Gottesknechts nicht begrenzt, sondern umfasst sein gesamtes Dasein bis in den Tod hinein.

[46] Westermann 1970, Jes 40 – 66, S. 207.

[47] Kraus 1990, Evangelium, S. 145-147.

[48] Westermann 1970, Jes 40 – 66, S. 204-206.

[49] Hermisson 1996, 4GKL, S. 9: "Gegen die Deutung des masoretischen Textes auf einen Sühneritus des Gottesknechts spricht nicht nur der Sprachgebrauch und der Parallelismus, sondern der Duktus des ganzen Textes."

[50] Westermann 1970, Jes 40 – 66, S. 210.

[51] Kraus 1990, Evangelium, S. 148.

Ende der Leseprobe aus 77 Seiten

Details

Titel
Das Wort vom leidenden Gottesknecht im Kontext der Botschaft Deuterojesajas und in der Verkündigung des Neuen Testaments
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
77
Katalognummer
V39965
ISBN (eBook)
9783638386036
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des Gottesknechtslied Jes 53 hinsichtlich seines Kontextes und seiner Wirkungsgeschichte. An die Exegese von Jes 53 schließt sich die Frage nach der Rezeption im Judentum zu hellenistisch-römischer Zeit an. Danach werden die Rezeption und die Deutung im Neuen Testament untersucht, aufbauend auf den Ergebnissen der Arbeit wird die Deutung von Jes 53 für das Selbstverständnis Jesu - Verbindung der Titel Menschensohn und Gottesknecht - und für die Anfänge der Christologie dargestellt.
Schlagworte
Wort, Gottesknecht, Kontext, Botschaft, Deuterojesajas, Verkündigung, Neuen, Testaments
Arbeit zitieren
Marcus Weber (Autor), 2003, Das Wort vom leidenden Gottesknecht im Kontext der Botschaft Deuterojesajas und in der Verkündigung des Neuen Testaments, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39965

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