Kindheit und medialer Wandel: Hexenbilder, Hexenvorstellung von Grundschülern als Voraussetzung für fächerverbindenden Unterricht in den Klassenstufen 3 und 4


Examensarbeit, 2004
105 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)

1 Kapitel: Kindliches Medienverhalten und das Bild der Hexe in verschiedenen Kontexten (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)
1.1 Veränderung kindlichen Medienverhaltens
1.2 Hexenbegriff und Volkserzählungen
1.3 Hexen in der Literatur
1.3.1 Hexen im Märchen
1.3.2 Hexen in der modernen Kinder- und Jugendliteratur

2 Kapitel: Die Hexenfigur im Unterrichtsgespräch und im außerschulischen Zusammenhang (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)
2.1 Innerschulischer Kontext
2.1.1 Planung und Umsetzung
2.1.2 Vorwissen der Schüler
2.1.3 Bilderwahl
2.1.4 Auswertung der Kindertexte
2.1.4.1 Klassenstufen 1 und 2 (Ellen Kammler).
2.1.4.2 Klassenstufen 3 und 4 (Silvana Lehmann)
2.1.5 Auswertung der Kinderzeichnungen (Ellen Kammler)
2.2 Außerschulischer Kontext
2.2.1 Planung und Umsetzung
2.2.2 Vorwissen der Schüler
2.2.3 Bilderwahl
2.2.4 Auswertung der Kindertexte
2.2.4.1 Klassenstufen 1 und 2 (Ellen Kammler)
2.2.4.2 Klassenstufen 3 und 4 (Silvana Lehmann)
2.2.5 Vorstellung der gestalteten Hexen

Schlussbemerkung (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)

Quellen

Anhang

Vorwort (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)

Zu Beginn werden wir uns mit dem veränderten kindlichen Medienverhalten auseinandersetzen und die Priorität des Genres „Märchen“ hervorheben. Im weiteren Verlauf der Arbeit betrachten wir die Figur der Hexe im Märchen, in den Volkserzählungen und in der modernen Kinder– und Jugendliteratur. Die Auswertung zahlreicher Texte und Bilder von Kindern stellt den wesentlichen Teil der Arbeit dar. Dies erfolgt sowohl aus dem innerschulischen, als auch aus dem außerschulischen Kontext heraus. Ellen Kammler wird in diesem Zusammenhang die ersten und zweiten Jahrgangsstufen analysieren und Silvana Lehmann die dritten und vierten Klassen. Abschließend setzen wir uns mit den gewonnenen Ergebnissen auseinander beziehungsweise reflektieren darüber und geben einen Einblick auf Möglichkeiten der fächerverbindenden Umsetzung in der Schule.

1. Kapitel: Kindliches Medienverhalten und das Bild der Hexe in verschiedenen Kontexten(Ellen Kammler und Silvana Lehmann)

1.1. Veränderung kindlichen Medienverhaltens

„Kinder wachsen heute wie selbstverständlich mit (elektronischen) Medien heran“ (FÖLLING – ALBERS 1995: 12). In vielen Haushalten gibt es Fernsehgeräte. Kinder haben häufig schon im Grundschulalter einen eigenen Fernsehapparat in ihrem Zimmer und den meisten stehen darüber hinaus moderne Medien zur Verfügung. In den letzten Jahren haben Computer und Internet in den meisten Kinderzimmern Einzug gehalten. Kinder können sich somit völlig selbstständig, unter zu Hilfenahme der Medien, schier grenzenlose Unterhaltung und Abwechslung verschaffen. Soziales Verhalten ist nicht mehr zwingend nötig, um sich bei Langeweile selbst zu beschäftigen. Freunde und Spielkameraden werden überflüssig, denn durch das vielfältige Medienangebot werden Kinder ohne eigene Spielinitiativen unterhalten und bekommen Zutritt zu Informationen, zu denen sie sonst kaum oder gar keinen Zugang hätten (vgl. FÖLLING – ALBERS 1995: 13).

FÖLLING – ALBERS vertritt hier eine sehr absolute Position, welche nicht ohne weiteres akzeptiert werden sollte, denn diese akute Medienpräsenz trifft nicht auf alle Kinder der heutigen Zeit gleichermaßen zu. Es ist immer auch ein Frage der Erziehung und inwieweit die Eltern es zulassen, dass die Medien die „Macht“ über sie erhalten. Jungen und Mädchen können auch sinnvoll mit modernen Medien, wie Computer oder Internet umgehen, und trotz alledem ein intaktes Sozialverhalten zeigen.

Wenn Kinder unter einer solchen Medienpräsenz aufwachsen, kann dann noch die Ansicht vertreten werden, „… dass Kleinkinder mit dem Vorlesen und Erzählen von Märchen1 ihre Erstbegegnung mit Kunstwelten haben und dass sie mit dem literarischen Märchen zugleich die narrativen Strukturen erfahren, die später für Erzählen und Lesen von Bedeutung sein können“ (RICHTER / RIEMANN 2000: 40)? Entsprechen diese Vorstellungen wirklich noch der Realität, oder sollten wir uns von diesen Phantasien allmählich entfernen? Denn wie eingangs beschrieben, begegnen viele Kinder „… zunächst visuellen künstlerischen Welten“ (RICHTER / RIEMANN 2000: 40) und erst dann dem Medium Buch. Selbst Kindergartenkinder kommen zunächst beispielsweise mit den „Teletubbies“2 in Berührung und erst später mit den typischen Märchenfiguren wie Dornröschen oder Hänsel und Gretel. Aber erleben sie die Märchenfiguren wirklich zuerst in literarischer Form oder begegnen ihnen die Figuren nicht schon viel eher, unter anderem in der Zeichentrickserie „SimsalaGrimm“3 (vgl. RICHTER / RIEMANN 2000: 40)? Sicher kommen viele Kinder auf diese Art und Weise mit Märchen in Berührung und lernen erst in der Schule das ursprüngliche Märchen kennen. Zudem gibt es auch Kinder, in dessen Familien nach wie vor Vorlesen und Erzählen ein wichtiger Aspekt des Zusammenlebens ist.

Frau RICHTER hat in ihrer Erhebung zur Lesemotivation eindeutig feststellen können, „dass das Vorlesen in der Phase des Schriftspracherwerbs Lesemotivation auslöst“ (RICHTER 2004: 10). Es ist also nicht verwunderlich, dass auch außerhalb der Familie das Vorlesen immer wichtiger geworden ist. Inzwischen existieren zwei deutschlandweite Initiativen zum Vorlesen: „Deutschland liest vor“4 und „Lesen überall“5.

Durch die zunehmende Medienpräsenz im kindlichen Umfeld wird deutlich, dass „… das literarische Märchen nicht mehr das dominierende Einstiegsmedium in künstlerische Welten ist“ (RICHTER 2001b: 49).

In Gesprächen mit Kindern der ersten Klasse lässt sich ein beginnender Wandel „… in der Begegnung mit Märchen deuten: Immer weniger Kinder erinnern sich an Vorlesesituationen in der Familie; immer mehr beschreiben ihre Eindrücke von Märchen als Erlebnisse mit dem Medium ‚Film’“ (RICHTER 2001b: 49). Untersuchungen haben deutlich gezeigt, „ …dass die Märchenkenntnis der Kinder und ihre Fähigkeit, Märchen zu erzählen, unter dem Einfluss neuer medialer Erfahrungen abnimmt“ (RICHTER 2001b: 52). Andererseits lassen andere Untersuchungen (vgl. RICHTER und WARDETZKY) deutlich erkennen, „… dass die ‚neuen Medien’ die kindliche Liebe zum Märchen nicht verdrängt haben“ (RICHTER 2001b: 53).

Aufgrund dieser veränderten Herangehensweise an das Märchen und dem damit veränderten Verhältnis der Kinder zum Märchen, muss eine andere Art der Methodik im schulischen Alltag und im Umgang mit Literatur gewählt werden. Darauf gehen wir an späterer Stelle noch einmal ausführlich ein.

1.2. Hexenbegriff und Volkserzählungen

Das Wort „Hexe“ hat seine Herkunft von dem althochdeutschen Wort „hagzissa“. Es ist eine verdunkelte Zusammensetzung aus „hag“ und „tysja“. Das Bestimmungswort „hag“ steht für Hecke oder Zaun und ist bis heute nicht sicher gedeutet. „tysja“ als Grundwort könnte mit dem norwegischen - mundartlichen Wort in Verbindung gebracht werden und in der Übersetzung bedeutet es sinngemäß zerzauste oder verkrüppelte Frau. Die Hexe ist also eine Person, die sich auf Zäunen aufhält. Sie wird als Zaunelfe bezeichnet und stellt ein dämonisches Wesen dar. Dies wird in altisländischen Sprachen bestätigt, „tunrida“ ist dort die Zaunreiterin. Das Wort hat eine symbolische Bedeutung. Früher sind die Menschen davon ausgegangen, dass die Hexe sowohl mit der geordneten und behüteten Welt in Verbindung steht, als auch mit dem Reich der Dämonen und Geister. Sie lebt im Grenzbereich der Welten. ( vgl. BORRMANN 2000)

Hexen bewirken ein breites Spektrum in der Vorstellung der Menschen. Es reicht von der Verfolgung unschuldiger Personen über die Märchen bis hin zur modernen Umsetzung der Gestalt. Zudem gibt es zur „Hexe“ mehrere Einteilungskriterien. Es können Kräuterhexen, Märchenhexen und Hexen in der Literatur, Hexen im Volksglauben, Karnevalshexen, „die neuen Hexen“ (eine moderne Frauenbewegung) oder die Hexenverfolgungen in Europa gemeint sein. Wir beschränken uns in unseren Ausführungen auf die Hexe in der Literatur, die Hexenverfolgung in Thüringen und in Volkszählungen. Auch im Thüringer Raum wurden Frauen der Hexerei beschuldigt. Es war eines der grausamsten „Massenmorde“ der Frühen Neuzeit. Im Anhang geben wir einen Einblick zur Hexenverfolgung in Thüringen. Zudem befinden sich in den Schlussbemerkungen Anregungen zur Umsetzung des Themas. „In allen Kulturen finden sich Märchen von Frauengestalten mit zauberischen Fähigkeiten.“ (Enzyklopädie des Märchens 1998/1990:963)

„Auch für Europa ergibt sich ein komplexes Bild, da sich in den Erzählungen die Wirkungsbereiche der verschiedenen zauberkundigen weiblichen Jenseitigen überschneiden.“ (Enzyklopädie des Märchens 1998/1990:964) Im russischen Kulturkreis sind die Vorstellungen über dämonische Frauengestalten geprägt von der ostslawischen Mythologie. Das Wesen heißt Baba Jaga und wurde in vielen Märchen als hässliches altes Weib oder böse Hexe beschrieben. Meist wird sie als böser Gegenspieler des Helden beziehungsweise der Heldin dargestellt, darüber hinaus verkörpert sie eine Frau mit guten Eigenschaften. So hilft sie den guten und unschuldigen Menschen, wenn sie die Arbeit bei ihr erfolgreich erledigt haben. Sie stellt eine ambivalente Figur dar. Im Märchen lebt sie als Einsiedlerin im Walde und wohnt in einer seltsamen Hütte. Diese steht auf einem Hühnerbein, kann sich auf Befehl in alle Himmelsrichtungen drehen und ist von Totenköpfen eingezäunt. Im russischen Volksmärchen „Wassilissa die Schöne“ wird das Haus der Baba Jaga wie folgt beschrieben: „Das Mädchen setzte seinen Weg fort. Es wanderte Tag und Nacht. Erst als der Abend des zweiten Tages anbrach, gelangte es zu der Wiese, auf der das Häuschen der Hexe stand. Rings um die Hütte lief ein Zaun aus Menschenknochen. Auf jedem Pfahl steckte ein Totenschädel. Die Tür der Hütte war mit Menschenbeinen verriegelt, und statt der Klinke hatte sie einen offenen Kiefer“ (RAINOW 1985:9). Baba Jaga fliegt in einem Mörser mit Besen in der Hand. Den Besen benutzt sie zum Verwischen ihrer Spuren. Als weitere Beispiele im europäischen Raum gibt es Laima und Fairy. In den baltischen Märchen gibt es Laima. Sie zählt zu den Schicksalsfrauen. Im keltischen Bereich agiert Fairy als hexenähnliches Wesen, Trollfrau und Riesin. Sie wirkt als eine dämonische Frauengestalt in isländischen und norwegischen Regionen. (vgl. Enzyklopädie des Märchens)

1.3. Hexen in der Literatur

Wie taucht die Hexenfigur in unserem Kulturkreis auf? Vorwiegend treffen wir sie in Volkserzählungen und im Märchen. Unsere Betrachtungen beziehen sich auf das europäische Volksmärchen.

1.3.1. Hexen im Märchen

In den Volksmärchen lassen sich die verschiedenen Aspekte zur Hexenfigur betrachten. Unter anderem ihre Fähigkeit die Gestalt zu wandeln, ihre Boten und Gehilfen, ihre kannibalischen Gelüste, ihre Motive den Held des Märchen zu besiegen, die Hexe als Stiefmutter und Schwiegermutter, die Bestrafung der Hexe sowie die Hütte und ihre Umgebung. So kommt sie in mindestens 50 Kinder- und Hausmärchen (KHM) vor und wirkt in 20 weiteren Texten der Grimmschen Märchen als böse alte Frau mit übernatürlichen Kräften. Die Hexe spielt in vielen Märchen eine wesentliche Rolle. In einigen tritt sie nicht explizit auf, sondern ist Ursache des Zaubers und wird kurz benannt, sie kommt aber nicht als handelnde Person vor. Etwa im Märchen der Brüder Grimm „Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“. Der Leser erfährt erst in der Mitte des Märchens, dass der Frosch ein verwunschener Prinz ist, der von einer Hexe verzaubert wurde.

Auch im Grimmschen Märchen „Der Eisenofen“ verwünscht die Hexe den Prinzen. Sie wird flüchtig erwähnt, erscheint nicht mehr und erfährt für ihre Taten keine Bestrafung.

„Zur Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat, ward ein Königssohn von einer alten Hexe verwünscht, daß er im Walde in einem großen Eisenofen sitzen sollte.“ (Reclam 1997:193)

Gestaltwandel:

Die Hexe als dämonisches Wesen kann sich nicht nur von Mensch zu Mensch verwandeln, sondern auch in Tiere und Gegenstände. Die Fähigkeit Aussehen und Gestalt zu ändern, kann vielen Hexen im Märchen zugeschrieben werden. Im Märchen „Jorinde und Joringel“ verwandelt sie sich in eine Katze oder Nachteule.

„Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet.“( Reclam 1999:364)

Hütte und Umgebung:

In vielen Märchen lebt die Hexe zurückgezogen und abgeschottet von der Menschheit im tiefen Wald. In den Märchen der Brüder Grimm „Hänsel und Gretel“, „Rätselprinzessin“, „Die Gänsehirtin am Brunnen“ und Wilhelm Hauffs „Zwerg Nase“ wohnt das dämonische Wesen tief im Wald. In den meisten Märchen ist die Hütte eher klein und bescheiden. So kann es in „Hänsel und Gretel“ zum Essen, in „Wassilissa die Schöne“ als Abschreckung, in „Jorinde und Joringel“ in Form eines Schlosses aus der Rolle fallen. Die Hütte, dessen Umgebung und der Wald, in dem die Hexe wirkt, ist für den Menschen sehr gefährlich. Diesen Bereich hütet die Hexe sehr sorgsam.

Boten der Hexen:

Im Hexenwald tauchen immer wieder Boten auf, die der Hexe gute Helfer sind. Wie in der Grimmschen Fassung „Hänsel und Gretel“.

„Als es Mittag war, sehen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, daß sie stehenblieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker.“ (RECLAM 1999:104)

Darin bringt ein weißer Vogel die Kinder zum Hexenhaus. Die Boten sind durch ihre weiße Farbe erkennbar und stellen den Übergang ins Jenseits dar. Der Held vergisst alles um sich herum und wird verführt. Trifft dieser auf die Hexe und der Bote ist verschwunden. So im russischen Märchen „Wassilissa die Schöne“. Neben Tieren können unter anderem Reiter, Jäger und schöne Frauen zur Verführung stehen.

„Lange wanderte sie durch den stockfinsteren Wald. Auf einmal überkam sie Furcht. Am ganzen Leibe zitternd, blieb sie stehen. Da sprengte plötzlich ein Reiter daher, der seinem Roß die Zügel schießen ließ. Er war weiß gekleidet, und auch sein Roß war weiß. Ohne das Mädchen anzuschauen, verschwand der Reiter im Walde.“ (RAINOW 1985: 9)

„Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. (…) Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte….“(Reclam 1999:104,105)

Kannibalismus:

In vielen Texten dieses Genres tritt die Hexe als Menschenfresserin auf. Ihre kannibalischen Gelüste sind meist auf Kinder bezogen. In der Grimmschen Fassung von „Hänsel und Gretel“ möchte sie das Brüderchen fressen.

„´Das wird ein guter Bissen werden.` Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein; (…).“( Reclam 1999:105)

Das Motiv von Kannibalismus taucht in vielen Märchen auf. Vor allem jedoch in russischen Märchen zum Beispiel “Wassilisa die Schöne“, „Pilipka, das Sönchen“ und „Baba Jaga“. Da gelüstet es ihr, die gute Tochter zu fressen.

Bestrafung:

Im Märchen von Hans Christian Andersen „Das Feuerzeug“ beziehungsweise in der Grimmschen Fassung „Das blaue Licht“ wird eine böse alte Hexe durch den Helden überlistet, besiegt und letztlich für ihre bösen Taten bestraft.

„Als die Finsternis einbrach, sah er ein Licht, dem näherte er sich und kam zu einem Haus, darin wohnte eine Hexe. […] Als er oben war, sprach er zu dem Männchen: ´Nun geh hin, bind die alte Hexe und führe sie vor das Gericht`.“ (Reclam 1997: 151, 152)

„´Schnickschnack`, sagte der Soldat. ´Gleich sagst du mir, was du damit willst, sonst ziehe ich meinen Säbel und schlage dir den Kopf ab.` ´Nein`, sagte die Hexe. Da schlug ihr der Soldat den Kopf ab.“(CARLSEN 1973:64)

So wird die Hexe von ihrem Opfer getäuscht. Sie erfährt das Schicksal, welches sie eigentlich dem Opfer angedacht hatte. Im Märchen verbindet sich die Bestrafung der Hexenfigur stets mit dem Todesurteil. Dabei stehen die Formen der Hinrichtung teilweise mit historischen Strafen in Verbindung. Die Hexe wird in den Märchen „Drei Männlein im Walde“, „Die zwölf Brüder“ und „Die schwarze und die weiße Braut“ ertränkt. Eine weitere Hinrichtungsform, Tod durch das Zerreißen wilder Tiere, wird der Hexe im Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ zuteil. In den Märchen „Hänsel und Gretel“ und „Die zwölf Brüder“ wird die Hexe verbrannt. Der Tod durch das Feuer verweist auf die historischen Hexenprozesse.

„Die Hinrichtung der Hexe im Märchen lässt sich auch als Zauberhandlung, als eine Art Wiedergutmachungszauber, verstehen: Der von ihr angerichtete Schadenszauber wird erst durch ihre totale Vernichtung beseitigt.“ (Enzyklopädie des Märchens1998/1999: 966)

Stiefmutterhexe:

Die Hexe tritt in vielen traditionellen Kinder- und Hausmärchen als böse Stiefmutter beziehungsweise Schwiegermutter auf. So in den Grimmschen Fassungen „Hänsel und Gretel“, „Der liebste Roland“, „Schneewittchen“, im russischen Volksmärchen „Wassilissa die Schöne“ und im norwegischen Märchen „Östlich von der Sonne und westlich vom Mond“.

"´Ach, was hast du getan!` rief er. ´Nun hast du uns beide unglücklich gemacht. Hättest du nur das Jahr ausgehalten, wäre ich erlöst gewesen! Ich habe eine Stiefmutter, die mich verzaubert hat, dass ich bei Tag ein Bär und bei Nacht ein Mensch bin; aber jetzt ist es aus zwischen uns beiden, und ich muss zu meiner Stiefmutter zurückkehren. Sie wohnt auf einem Schlosse, das liegt östlich von der Sonne und westlich vom Mond. Dort ist eine Prinzessin mit einer drei Ellen langen Nase, die muss ich jetzt heiraten`." (www.maerchenlexikon.de)

In der Grimmschen Fassung „Brüderchen und Schwesterchen“ wird von einer hässlichen Stiefmutter erzählt, die ihre Stiefkinder loswerden möchte. So verzaubert sie alle Flüsse im Wald. Das Brüderchen wird vergiftet und in ein Reh verwandelt.

„Die böse Stiefmutter aber war eine Hexe und hatte wohl gesehen, wie die beiden Kinder fortgegangen waren, war ihnen nachgeschlichen, heimlich, wie die Hexen schleichen, und hatte alle Brunnen im Walde verwünscht. […] Darauf erzählte sie dem König den Frevel, den die böse Hexe und ihre Tochter an ihr verübt hatten. Der König ließ beide vor Gericht führen, und es ward ihnen das Urteil gesprochen. Die Tochter ward in Wald geführt, wo sie wilde Tiere zerrissen, die Hexe aber ward ins Feuer gelegt und musste jammervoll verbrennen.“ (Reclam 1999:80,86)

Dabei verbindet der Leser häufig mit dem Wort Stiefmutter das Adjektiv „böse“. Im Unterschied zu anderen Märchen ist diese Stiefmutterhexe beziehungsweise Schwiegermutterhexe durch ein soziales Umfeld geprägt und nicht isoliert zu betrachten. Ihren Zauber konzentriert sie auf eine bestimmte Person. Diese stellt zugleich die Heldin oder den Held des Märchens dar und spiegelt den Gegner der Hexe wieder. Sie ist neidisch auf deren Schönheit oder Intelligenz. In Schneewittchen empfindet die Stiefmutter sie als Rivalin der Schönheit. In Frau Holle ist die Fleißige, Konkurrentin zur eigenen hässlichen und faulen Tochter. „Insgesamt spiegelt die Stiefmutterhexe des Märchens – alle psychoanalytischen und damit ideologisch weitgehend verengten Deutungsversuche zum Trotz – eine hist. Entwicklungsstufe wieder, die ihre Wurzeln in ganz bestimmten sozialen Gegebenheiten der Familien- und Sippenbildung haben dürfte.“ (Enzyklopädie des Märchens 1998/1999: 966)

Die gute dämonische Frauengestalt

In einigen Märchen taucht ein gutes schlaues altes Weib auf, die durch verschiedenste Zauberelemente, bestimmten Figuren behilflich ist. So zum Beispiel in den Fassungen der Brüder Grimm „Der süße Brei“, „Die zertanzten Schuhe“ oder „Die Gänsehirtin am Brunnen“. Auch das bekannte Märchen „Frau Holle“ lässt eine alte Frau gutes Werk tun. Sie bestraft die Faule und belohnt die Fleißige. In den europäischen Märchen werden die guten Jenseitswesen nicht als Hexen bezeichnet, sondern als gute Fee, gutes altes Mütterchen oder gutes altes Weib.

Es liegt durch Volksglauben und Volkserzählungen die Vermutung nahe, dass im europäischen Märchen zauberische schadensstiftende Frauen meist alt und hässlich sind. In den tschechischen Märchen „Töpfchen, koch!“, „Die drei goldenen Haare des Großvater Allwissend“ und „Die drei Spinnerinnen“ (vgl. ERBEN) wirkt eine gute Hexe und verhilft den Menschen zu einem besseren Leben, wie auch in der Grimmschen Fassung „Die drei Spinnerinnen“.

„Aber die drei alten Frauen lächelten ihr freundlich zu und machten mit den Händen Zeichen, sie möge das Fenster öffnen und sich nicht fürchten.“(ERBEN 1981:108)

Eine genaue Beschreibung hinsichtlich Aussehen und Charakter der Hexe lässt sich in den Märchen nicht finden. Zudem erhält die Hexe mit Ausnahme der Hexe „Baba Jaga“ keinen Namen. Dadurch kann der Hexenfigur ein wesentliches Merkmal der europäischen Volksmärchen zugeschrieben werden.

1.3.2. Hexen in der modernen Kinder– und Jugendliteratur

Im 16. und 17. Jahrhundert begann das Interesse an Büchern mit zauberhaften und magischen Inhalten und hat bis heute nicht nachgelassen. Hans Sachs, Johann Jakob Christoph von Grimmelshausen und Johan Wolfgang von Goethe verwerteten das Thema in ihren Werken. Nachdem im 19. Jahrhundert über die Ausbreitung des Hexenwahns der Frühen Neuzeit geforscht wurde, veröffentlichten viele andere Schriftsteller und Dichter Werke unter Einbezug des Themas. Dichter wie E.T.A. Hoffmann, Theodor Storm und Wilhelm Raabe schrieben dazu in ihren Werken. Im 20. Jahrhundert begeisterte das Thema nicht nur die Erwachsenenliteratur, sondern auch Kindern wurde der Zugang kindgerecht gestaltet.

In der modernen Kinder – und Jugendliteratur veröffentlichten viele Autoren Bücher zum Thema Hexen und Zauberer. „Während die Gefahren abergläubischer Vorurteile bewusst und anhand einzelner Fälle – gestützt auf oft umfangreiche Hintergründe dieses hist. Massenwahns verständlich zu machen suchen, erscheint die H. im phantastischen Kinderbuch – obwohl in vielem der Grimmschen Märchenhexe nachgebildet – nicht mehr als dämonischer Unhold mit kannibalischen Gelüsten, sondern in einem Gewand als eher harmloses, eigenwilliges, aber liebenswertes Wesen bei allerlei Nonsens-Späßen (...).“ (Enzyklopädie des Märchens 1998/1990:980) Otfried Preussler schrieb „Die kleine Hexe“. In dem beliebten Kinderbuch hext die kleine Hexe keine schlimmen Dinge und versucht niemanden zu ärgern. Sie möchte eine liebe, gute Hexe sein und den armen Menschen helfen. Dabei unterstützt sie der Rabe Abraxas. Die kleine Hexe wird dem Leser als eine sehr junge Hexe vorgestellt und kann mit einem Schulkind verglichen werden. Im Gegensatz zu den anderen Hexen im Buch, die böse und gemein sind, lernt sie ihre Hexensprüche, um Gutes zu tun.

Auch andere Autoren beschäftigten sich mit Hexen und Zauberern. Michael Ende schrieb „Der Wunschpunsch“ und Roald Dahls „Hexen hexen“ erzählt von bösen Weibern, die alle Kinder Englands in Mäuse verwandeln wollen.

In Anfangslesebüchern wie „Hexe Lilli“ von Knister und „Timmi in der Hexenschule“ von Ingrid Uebe, übernimmt die Hexe die Hauptrolle. Die Hexe ist zu jeder Zeit in der Literatur mit unterschiedlich starker Ausprägung und Intensität zu finden. Gerade in der heutigen Zeit ist Magie und Zauberei wieder ein interessantes Thema geworden. Hexen gehören ebenfalls in die Welt der Magie und Zauberei. Dort – wo das Unmögliche schon fast alltäglich ist - gelten Gesetze und Regeln, die für menschliche Wesen zwar nicht nachvollziehbar, dafür aber unglaublich und interessant sind. Der Leser und Hörer erfreut sich an den übersinnlichen Fähigkeiten. Das lässt sich auch durch die Medien bestätigen. Serien wie „Bibi Blocksberg“, „Simsalabim Sabrina“ oder „Simsala Grimm“; Filme wie „Hexen hexen“, „Caspar und Wendy“ und der Kinohit „Harry Potter“ sind Medienformen, in denen die Hexenfigur eine wichtige Rolle spielt.

2. Kapitel: Die Hexenfigur im Unterrichtsgespräch und im außerschulischen Zusammenhang (Ellen Kammler und Silvana Lehmann)

Wie sieht das Bild der Hexe in den Köpfen von Kindern unseres Kulturkreises aus? Diese Frage stand als wesentliches Ziel unserer Arbeit im Mittelpunkt. Schüler im Alter von acht bis elf Jahren haben uns ihre Vorstellungen über Hexen beschrieben. Dabei erfolgte die praktische Umsetzung in zwei verschiedenen Bereichen:

- innerschulischer Kontext,
- außerschulische Veranstaltung.

2.1. Innerschulischer Kontext

2.1.1. Planung und Umsetzung

Im Schuljahr 2004 haben wir gemeinsam zahlreiche Unterrichtsversuche durchgeführt, um herauszufinden, wie Thüringer Schülerinnen und Schüler sich heutzutage Hexen vorstellen und wie sich ihr Hexenbild durch den Einfluss moderner Medien gewandelt hat. Zu diesem Zweck besuchten wir jeweils eine Grundschule in Erfurt und in Bad Salzungen, um mit Kindern verschiedener Klassenstufen Gespräche zu führen. Mit den Schülerinnen und Schülern der ersten und zweiten Klasse unternahmen wir unter anderem eine Fantasiereise, in welcher sie sich eine Hexe vorstellen konnten und diese anschließend malen sollten. So dass wir im Anschluss daran einen ersten visuellen Eindruck erhielten, wie sich die Sieben- bis Achtjährigen eine Hexe vorstellen. Wir haben über 50 verschiedene Hexendarstellungen aus unterschiedlichen Büchern und dem Internet mit in die Klassen gebracht. Diese haben wir den Schülern der ersten bis vierten Klassenstufe zugänglich gemacht, in dem wir sie an die Tafel hefteten. Dann wählte jedes Kind ein Bild aus und schrieb dazu eine Geschichte. In einigen Klassen haben wir ohne Einsatz von Bildmaterial gearbeitet. Dort begannen wir die Stunde im Gesprächskreis und die Kinder erzählten, was sie bereits über Hexen wissen. Anschließend forderten wir die Schüler dazu auf, je nach Altergruppe, eine Geschichte zu schreiben beziehungsweise ein Bild zu malen.

Unabhängig von der Herangehensweise in den einzelnen Klassen haben wir stets am Anfang oder am Ende eine Gesprächsrunde durchgeführt, in der die Kinder über ihre Erfahrungen und ihr Wissen berichten und erzählen durften. Oft nutzten wir die letzten Minuten einer Stunde, um einzelne Bilder und Geschichten von den Kindern vorstellen zu lassen.

Die Gesamtzahl von 257 Kindern gliedert sich wie folgt auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Anzahl der mitwirkenden Kinder

2.1.2. Vorwissen der Schüler

Zu Beginn einiger Unterrichtsstunden haben wir mit den Kindern im Gesprächskreis ihr Vorwissen bezüglich Hexen und Märchen erfragt. Dabei wollten wir das Nachdenken über Hexen anregen und die Kinder an das Thema heranführen, in dem sie über ihre eigenen Erfahrungen redeten. Folgende Fragen haben wir ihnen unter anderem gestellt:

„Was wisst ihr über Hexen?“

„Wie sehen Hexen aus?“

„Kennt ihr Märchen in denen Hexen vorkommen?“

„Habt ihr schon einmal etwas von der Walpurgisnacht gehört?“

„Gab es wirklich Hexen?“

„Gibt es noch richtige Hexen?“

Natürlich ergaben sich aus den Gesprächskreisen noch viel mehr Fragen, denn wir stellten sehr schnell fest, dass die Kinder eine große Fülle an Vorwissen besitzen, insbesondere auch über den geschichtlichen Hintergrund. Einige Schülerinnen und Schüler kennen eine Menge Details über die Hexenverfolgung und über die grausamen Foltermethoden welche angewandt wurden, um eine Hexe zu entlarven. Fast allen Kindern war klar, dass es niemals richtige Hexen gegeben hat sondern alle Frauen, damals wie heute, nur besonders großes Wissen über Kräuter und deren Heilkräfte hatten und haben.

Die Schülerinnen und Schüler verfügen ebenfalls über umfangreiches Märchen - Wissen, in denen Hexen vorkommen. Sie konnten viele solcher Märchen nennen, aber auch Bücher, Filme und Serien mit modernen Hexen sind den Kindern nicht fremd. Die Mädchen und Jungen haben ein sehr genaues Bild von Hexen vor Augen und konnten auf Anhieb zahlreiche Merkmale aufzählen. So nannten sie uns zu der Frage „Was wisst ihr über Hexen?“ folgendes:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.3. Bilderwahl

Bevor wir die Texte und Bilder der Kinder im Einzelnen analysieren und auswerten, möchten wir zunächst auf die Auswahl der Bilder eingehen, die sich die Schülerinnen und Schüler im Vorfeld aussuchten.

Wie eingangs erwähnt, haben wir aus verschiedenen Quellen über 50 unterschiedliche Hexendarstellungen (siehe Anhang) zusammengetragen und diese den Kindern zugänglich gemacht. Unter den Bildern befinden sich typische und weniger typische Hexendarstellungen, die den Kindern zum Teil bekannt gewesen sind. Nachfolgend werden wir die von den Kindern favorisierten und gar nicht gewählten Bilder kurz darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zum einen wird deutlich, dass Jungen und Mädchen nicht dieselben Bilder favorisieren. Keine, der von den Jungen gewählten Hexendarstellungen haben die Mädchen ebenfalls bevorzugt. Die Hexenbilder der Mädchen sind meist moderne Darstellungen von Hexen, wie sie heute oftmals in der Literatur und auch in anderen Medien verwandt werden. Unter anderem taucht hier „Die kleine Hexe“ von Otfried Preussler zweimal in unterschiedlichen Darstellungen auf, genauso wie „Bibi Blocksberg“, die den meisten Kindern als Buch, Trickfilm und Hörspielkassette bekannt ist. Die bevorzugten Bilder der Jungen sind, unserer Meinung nach, gruseligere und grausamere, als die der Mädchen. Diese sind eher „harmonischer“. Unter den ausgewählten Abbildungen befindet sich keine Hexe, die eindeutig zu einem bekannten Märchen, Buch oder Film zu zuordnen ist.

Aus diesen Ergebnissen schlussfolgern wir, dass die vorhandene Kinderliteratur und die aktuellen TV– Produktionen wahrscheinlich besonders auf die Schülerinnen abzielen und weniger auf die Schüler. Dies würde erklären, warum nur die Mädchen zu den moderneren Darstellungen gegriffen haben. Die Jungen kennen sich scheinbar nicht so gut in der modernen Medienwelt, was das Thema Hexen betrifft, aus und haben deswegen eher zu allgemeineren Darstellungen gegriffen oder sich selbst Texte dazu ausgedacht. Wohin gegen wahrscheinlich die Mädchen die Möglichkeit hatten, auf Erlebnisse, die die Hexen in den Medien machen, zurückzugreifen. Auf die Kindertexte werden wir zu einem späteren Zeitpunkt näher eingehen.

Die Schülerinnen und Schüler durften sich jeweils nur ein Bild auswählen, so dass jedes Kind ein anderes verwendet hat. Bis auf wenige Ausnahmen wurde diese Regelung auch eingehalten. Daraus gehen folgende Favoriten der jeweiligen Altersgruppen hervor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist erkennbar, dass die Schülerinnen und Schüler der ersten und vierten Klassen ähnliche Bilder favorisieren. Dies sind in unserem Fall die Bilder Nummer 6, 28, 40 und 51 (siehe Anhang). Des Weiteren wählten die zweiten und vierten Klassen Bild 24 zu ihren Favoriten. Klasse eins und drei wählten unter anderem Bild 47 aus.

Wir finden diese Zusammenhänge sehr spannend und fragen uns, warum haben ausgerechnet Schüler der Klassenstufe eins und vier so viele Übereinstimmungen? Im Vorfeld der Untersuchungen haben wir angenommen, dass Kinder der ersten und zweiten Klassen sowie Schüler der dritten und vierten Klasse eine ähnliche Wahl treffen werden.

2.1.4. Auswertung der Kindertexte

2.1.4.1. Klassenstufen 1und 2 (Ellen Kammler)

Die Auswertung beinhaltet Texte und Bilder drei erster Klassen und zwei zweiter Klassen von Kindern aus Erfurt sowie einer ersten und einer zweiten Jahrgangsstufe aus Bad Salzungen. Da wir die Schüler am Ende des Schuljahres 2004 trafen, beherrschten sie alle Buchstaben und konnten mit einigen Ausnahmen gut bis sehr gut schreiben. Die Gesamtzahl von 147 Kindern gliedert sich wie folgt auf, 70 Prozent sind Schüler aus Erfurt und 30 Prozent aus Bad Salzungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Anzahl der mitwirkenden Kinder

Den Stundenverlauf strukturierten wir entsprechend des Alters und der Klassenstufen unterschiedlich. So setzten Silvana Lehmann und ich verschiedene Methoden ein und ermöglichten dennoch eine gemeinsame Auswertungsgrundlage. Die Klassen 1a, 1b und 2b der Erfurter Schule erhielten den Auftrag einen Text zum Thema „Hexen“ zu schreiben. Dabei konnten sie Bilder einer Hexenausstellung zu Hilfe nehmen. Nachdem sich jeder Schüler eine Darstellung ausgesucht hatte, begannen alle zu schreiben. Eine andere erste und eine zweite Klasse führten wir mit einer Fantasiereise in das Thema ein. Anschließend malten die Kinder ihre eigene Hexe. Schüler, die schnell mit dem Zeichnen fertig waren, schrieben noch einen Text oder formulierten Stichpunkte. Im Anschluss stellte jedes Kind Bild und Text vor. In den Bad Salzunger Klassen begannen die Stunden mit einer Gesprächsrunde im Sitzkreis. So konnten sich alle Beteiligten erste Gedanken zum Thema machen und Vorwissen einbringen. Dann malten sie ihre Hexen und schrieben einen Text dazu, beides stellten einige Schüler vor.

Von insgesamt 147 Schülern haben 14 keinen Text geschrieben. Gründe könnten unter anderem ungenügende Schreibfähigkeit, Probleme im Verständnis der Aufgabenstellungen, Demotivation oder keine Ideenfindung sein. In der Auswertung wurden Schriften berücksichtigt, die lesbar waren. Texte und Bilder sind nach verschiedenen Kriterien ausgewertet. Priorität habe ich dabei auf Namen, Eigenschaften, Aussehen, Wohnraum und Tiere der Hexe gelegt. Auf die Kinderzeichnungen, Textsorten und besondere Schriften gehe ich zusätzlich ein.

Name der Hexenfigur

Die Namensgebung war in den ersten und zweiten Klassen das auffälligste Kriterium, deshalb werte ich es zuerst aus. Dabei ist die Entscheidung, ob die Hexe einen Namen bekommt und welchen, sehr unterschiedlich ausgefallen. Von 133 Grundschülern vergaben 62 Kinder ihrer Hexenfigur keinen Namen. Auffällig ist, dass mehr als die Hälfte Jungen waren. Da die Figur ein weibliches Wesen darstellt, können sich Mädchen leichter mit ihr identifizieren. Ihr auch schneller einen Namen verleihen.

In vielen Märchen taucht ein Wesen auf, dass zwar als altes Weib, Mütterchen, Fee oder Hexe bezeichnet wird, aber keinen präzisen Namen hat, mit Ausnahme der Hexe Baba Jaga. Die meisten Figuren im Märchen sind von Flächenhaftigkeit geprägt. Sie sind Gestalten ohne Körperlichkeit, Innenwelt und Umwelt. Es ist zu vermuten, dass die 62 Kinder dem typischen Märchenmerkmal Flächenhaftigkeit unbewusst folgen, da sie sicher von diesem konkret wissenschaftlichen Merkmal, in den ersten beiden Jahren der Grundschule, wenig erfahren. Dies lässt sich aber nicht konkret nachweisen.

Über die Hälfte der Schüler gaben ihrer Hexe einen Namen. Dies scheint für die Kinder eine „rituelle Bedeutung“ (WARDETZKY 1992:84) zu haben. „Wenn sich z.B. im Verlauf der Handlung eine Freundschaft oder eine Liebesbeziehung entwickelt, dann ist der gegenseitige Austausch des Namens eine Art Gelöbnis- oder Verlöbnisritual. Der Name macht immer Nähe kenntlich. Dem anderen seinen Namen zu offenbaren, erinnert beinahe an das biblische ´Und sie erkannten einander`.“ (WARDETZKY 1992:84) Es wirkt, wie eine Einführung in die Geschichte und ist eine Verbindung zwischen Schreiber, Text und Figur. Dadurch kann sich das Kind in den Text versetzen. „In den meisten Fällen gelten die ersten Sätze, die die Kinder niederschreiben, deren Individualisierung: Es wird ihr ein Name verliehen. Diese ´Taufe` ist für die Kinder ein prometheischer Akt der Verlebendigung, der Beseelung. Mit dem Namen tritt der Held aus der Anonymität heraus, erhält Gestalt und Handlungsfähigkeit.“ (WARDESTZKY 1992:84) Von 71 Namen sind 40 von Mädchen und 31 von Jungen vergeben wurden.

Welche Bezeichnung bekommen die Hexen in den Texten der Kinder?

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Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Kindheit und medialer Wandel: Hexenbilder, Hexenvorstellung von Grundschülern als Voraussetzung für fächerverbindenden Unterricht in den Klassenstufen 3 und 4
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,3
Autoren
Jahr
2004
Seiten
105
Katalognummer
V39979
ISBN (eBook)
9783638386142
ISBN (Buch)
9783638706131
Dateigröße
1713 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kindheit, Wandel, Hexenbilder, Hexenvorstellung, Grundschülern, Voraussetzung, Unterricht, Klassenstufen, fächerverbindend
Arbeit zitieren
Silvana Lehmann (Autor)Ellen Kammler (Autor), 2004, Kindheit und medialer Wandel: Hexenbilder, Hexenvorstellung von Grundschülern als Voraussetzung für fächerverbindenden Unterricht in den Klassenstufen 3 und 4, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/39979

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